Dezime (Literatur)

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Als Dezime (span: Décima) bezeichnet man in der Literatur eine zehnzeilige Strophenform.

Spanische Literatur[Bearbeiten]

Die Dezime wurde besonders in der spanischen Literatur gepflegt. Von den drei Formen der spanischen Dezime ist die décima espinela die erfolgreichste - diese wurde von Lope de Vega nach Vicente Espinel so benannt. Die zehn Verse aus jeweils acht Silben der spanischen Dezime verteilen sich auf zwei Quartette, welche durch zwei Brückenverse in der Mitte verbunden sind.

Ihr Reimschema lautet abba ac cddc. Damit die beiden Quartette nicht in zwei Fünfzeiler auseinanderfallen, ist es möglich, die Brückenverse in umgekehrter Reihenfolge zu reimen - um das Gebilde besser zu verschränken (Reimschema abba ca cddc). Cervantes schrieb auch Dezimen der Form abab ac cddc.

Beispiel 1: (Pedro Calderón de la Barca)

Esa seda que rebaja
tus procederes cristianos
obra fue de los gusanos
que labraron tu mortaja.
También en la región baja
la tuya han de devorar.
¿De qué te puedes jactar,
ni en qué tus glorias consisten
si unos gusanos te visten
y otros te han de desnudar?

Beispiel 2: (Rumba-Text, Kuba)

Hace tiempo que quisiera
una décima cantar
en la rumba y gozar
su cadencia placentera
que proviene de la era
de Calderón de la Barca
y que luego se embarca
al gran mundo pan hispano
donde se hable el castellano
la espinela es monarca
Refrain:
Que la vida es sueño, y los sueños sueños son.

Herkunft:

Achtsilben-Verse wurden im Spanischen schon seit dem sechsten Jahrhundert nach Christus verwendet. Arabische Dichter in Spanien pflegten diese fort - und im 15. Jahrhundert war der Kurzvers auch in der kastilischen Trobador-Lyrik üblich. Die achtsilbigen Vierzeiler gab es vor der Décima schon in Romanzen (Reimschema: abcb) oder in Redondillas (Reimschema: abba). Die spanische Dezime hat sich wohl daraus entwickelt: Sie kann gesehen werden als 2 Redondillas, welche durch ein "Brücken-Verspaar" verbunden sind. Das Brücken-Verspaar benutzt dabei den letzten Reim der ersten Redondilla und den ersten Reim aus der zweiten (Reimschema: abba a/a abba).

Im Gegensatz zu anderen Formen der Lyrik lebt die Décima bis heute in Spanien und besonders in Lateinamerika fort - vor allem als Bestandteil der Musik (etwa im kubanischen Son) oder in der bäuerlichen Dichtung.

Viele moderne Dichter Lateinamerikas haben ihre ersten Übungen mit Décimas gemacht, die mitunter auch extemporiert werden - so ähnlich wie beim süddeutschen Gstanzl oder beim irischen Limerick. Dichter der spanischen Generación del 27 (Generation von 1927) wie Jorge Guillén oder Gerardo Diego hatten eine besondere Vorliebe für sie.

Deutsche Literatur[Bearbeiten]

In der deutschen Literatur wurde die Dezime vor allem als Strophenform der Glosse in der Romantik verwendet, etwa von Ludwig Tieck und Joseph von Eichendorff (Nachtfeier, Dichterfrühling).

Diese geht von einem meist von fremder Quelle entlehnten Vierzeiler aus, dessen Einzelverse dann nacheinander immer den Schlussvers aller vier Strophen bilden. Dabei wurden jedoch die rhythmisch eigentlich sehr abwechslungsreichen Achtsilbler im Deutschen auf ein starres Versschema von 4 Trochäen übertragen.

Beispiel:

Blumen, ihr seid stille Zeichen
die aus grünem Boden sprießen,
Duft in ihre Kreise gießen
und uns Menschen wohl erweichen.
Schmerzen aber zu versöhnen
mögt ihr dennoch nicht erreichen,
dass Verletzte nicht mehr stöhnen
und erlöst sind alle Kranken.
Glöckchen, die im Winde schwanken
seid ihr, ohne doch zu tönen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Dieter Gelfert: Einführung in die Verslehre. Reclam 1998, S. 118 ff.
  • Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule. Francke Verlag 1982, S. 59 ff.

Weblinks[Bearbeiten]