Diana E. H. Russell

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Diana E. H. Russell (* 6. November 1938 in Kapstadt, Südafrika) ist eine in den USA lebende Soziologin, feministische Autorin und Aktivistin, die zahlreiche Bücher und Artikel über sexuelle Gewalt gegen Frauen geschrieben hat. Sie behandelt in ihren Texten Themen wie Vergewaltigung, Morde an Frauen, Inzest und Pornographie. Für ihr Buch The Secret Trauma wurde ihr 1986 der C. Wright Mills-Preis verliehen. 2001 erhielt sie den Humanist Heroine Award der Amerikanischen Humanistischen Union. Sie war 1976 Mit-Organisatorin des ersten Internationalen Tribunals zu Gewalt gegen Frauen in Brüssel.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend in Südafrika[Bearbeiten]

Russell wuchs in Kapstadt auf. Ihr Vater war Südafrikaner, die Mutter kam aus Großbritannien und lebte seit ihrer Hochzeit in Südafrika. Russel wuchs zwischen sechs Geschwistern auf und hatte einen Zwillingsbruder. Nach ihrem Bachelor-Abschluss an der Universität von Kapstadt zog sie im Alter von 19 Jahren nach Großbritannien.[1]

Akademische Ausbildung in Großbritannien und den USA[Bearbeiten]

In London studierte Russell Sozialwissenschaften und Verwaltung an der London School of Economics. Ursprünglich hatte sie das Ziel, Sozialarbeiterin zu werden. 1961 bestand sie das Diplom mit Auszeichnung und bekam als beste Studentin des Studiengangs einen Preis verliehen. 1963 zog sie in die USA, um an einem interdisziplinären Doktorandenprogramm der Harvard Universität teilzunehmen. Ihre Schwerpunkte waren Soziologie und Studien über Revolutionen.

Kampf gegen die Apartheid in Südafrika[Bearbeiten]

Russell war aktiv in der Bewegung gegen die Apartheid in Südafrika. 1963 wurde sie Mitglied der Liberalen Partei in Südafrika, die von Alan Paton, dem Autor von Cry the Beloved Country gegründet worden war. Bei einem friedlichen Protest in Kapstadt wurden Russell und anderen Mitglieder ihrer Partei verhaftet. Russell und andere Parteimitglieder kamen zu dem Schluss, gewaltfreie Maßnahmen gegen die Brutalität und Repressionen des Staates seien zwecklos. Russell trat der African Resistance Movement (ARM) bei, einer revolutionären Untergrundbewegung gegen die Apartheid. Die Gruppe verfolgte die Strategie, Regierungseigentum zu sprengen und zu sabotieren. Russell gehörte der Gruppe nur vorübergehend an, sie riskierte damit eine mögliche zehnjährige Haftstrafe.[2]

Lehrtätigkeit[Bearbeiten]

Russel heiratete 1968 einen amerikanischen Psychologen, der an der University of San Francisco in Kalifornien lehrte. Sie wurde 1969 Assitstenz-Professorin für Soziologie am Mills College. Als eine der ersten Lehrenden der USA bot sie ein Women`s Studies-Seminar an. In den 22 Jahren, in denen sie am Mills College arbeitete, führte sie viele weitere Feminismus-Seminare durch und prägte so den Lehrplan.

Forschung[Bearbeiten]

Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt und Ausbeutung gegenüber Frauen standen im Fokus von Russells Forschungstätigkeiten und Veröffentlichungen. In ihrem Buch The Politics of Rape legte sie 1975 nahe, Vergewaltigung als Demonstration sozial festgeschriebener Maskulinität und nicht als abweichendes soziales Verhalten zu betrachten. Sie schrieb auch über Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Misshandlung von Kindern und sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz. 1986 veröffentlichte Russell eine der ersten wissenschaftlichen Studien über inzestuöse Misshandlungen von Kindern und die damit verbundenen Traumata. Für ihr Buch The Secret Trauma: Incest in the Lives of Girls and Women wurde ihr 1986 der C. Wright Mills Award verliehen.

1993 gab Russell eine Anthologie zum Thema Pornografie mit dem Titel Making Violence Sexy: Feminist Views on Pornography heraus. In ihrem 1994 erschienenen Buch Against Pornography: The Evidence of Harm stellte sie die These auf, Pornografie ermutige Männer zur Vergewaltigung und ließe die Fallzahlen steigen.

Internationales Tribunal zu Gewalt gegen Frauen[Bearbeiten]

Nach zweijähriger Vernetzungsarbeit mit anderen Feministinnen organisierte Russell 1976 in Brüssel, Belgien, das erste Internationale Tribunal über Verbrechen gegen Frauen. Während der viertägigen Konferenz berichteten Frauen aus vielen Ländern von ihren persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Gewalt und Unterdrückung wegen ihres Geschlechts. 1.500 Teilnehmerinnen aus 33 Ländern nahmen an dem Tribunal teil. Die „Anklagen“ der Frauen umfassten alle gesellschaftlichen Bereiche.[3] In ihrer Eröffnungsrede sagte Simone de Beauvoir: „Ich begrüße das Internationale Tribunal als ersten Schritt zur radikalen De-Kolonialisierung der Frauen.“ Die belgische Feministin Nicole van de Ven und Russell veröffentlichten 1976 eine Dokumentation der Konferenz mit dem Titel Crimes Against Women: The Proceedings of the International Tribunal.

Neubestimmung des Begriffs Femizid[Bearbeiten]

Russel definierte 1976 den Begriff Femizid als „von Männern begangene Tötung von Frauen, weil sie weiblich sind.“ Beim Internationalen Tribunal berichtete sie von zahlreichen Fällen von Gewaltverbrechen mit Todesfolge, die an Mädchen und Frauen aus verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt begangen werden. Russell versuchte, den Begriff Femizid politisch zu nutzen. So wollte sie auf die Frauenfeindlichkeit aufmerksam machen, die ihrer Ansicht nach diesen Gewalttaten zu Grunde liegt. Im Zusammenhang mit solchen Taten seien gender-neutrale Begriffe wie Mord nicht sinnvoll. Um extremen Verbrechen gegen Frauen gerecht zu werden, müsse man sich verdeutlichen, dass sie ähnlich wie rassistisch motivierte Morde „Hassverbrechen“ seien. Femizide seien „tödlich wirkende Hassverbrechen, eine extreme Manifestation von männlicher Dominanz und Sexismus“. In den USA etablierte sich der Begriff nur teilweise, während er in südamerikanischen Ländern wie Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Chile, und El Salvador unter Feministinnen eher gebräuchlich ist.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

Essays[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diana Russells Biografie auf ihrer Internetseite, abgerufen am 9. April 2014
  2. Chronologie politischer Aktivitäten Diana Russells, abgerufen am 9. April 2014
  3. Neue Welle im Westen?, Bundeszentrale für Politische Bildung, abgerufen am 9. April 2014

Weblinks[Bearbeiten]