Dichotomie

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Illustration einer Dichotomie mit zwei separaten Kreisen.

Dichotomie (griechisch dichótomos „halbgeteilt, entzweigeschnitten“ aus dícha „entzwei, getrennt“ und témnein „schneiden“;[1] manchmal auch fälschlich Dychotomie), zu deutsch Zweiteilung oder Zweigliederung, benennt eine zweiteilige Bezeichnung.

Als „Dichotomie“ wird

a) ein komplementäres Begriffspaar und in der Folge
b) die Einteilung oder Zergliederung eines Gegenstandsbereiches in zwei einander komplementäre Bereiche bzw. Begriffe bezeichnet.

Von einer dichotomischen Methode spricht man, wenn die Methode auf einer dichotomischen – oder auch dichotomen – Einteilung des Gegenstandsbereichs beruht. Entscheidend ist bei einem dichotomen Begriffspaar, einer dichotomen Einteilung oder Methode, dass

  • alle Elemente des Gegenstandsbereichs entweder dem einen oder dem anderen Begriff (Untermenge, Unterbegriff) zuzuordnen sind.
  • kein Element beiden Begriffen (beiden Untermengen) zugleich zuzuordnen ist, diese also keine gemeinsame Schnittmenge haben – die Begriffe also disjunkt sind.

Die Illustration auf dieser Seite oben rechts darf daher nicht mengentheoretisch so gelesen werden, dass es noch Elemente gibt, die weder in A oder B sind. Das Diagramm ist so zu lesen, dass der Hintergrundbereich leer ist, also alle Elemente entweder zu A oder zu B gehören. Eine falsche Dichotomie ist ein absichtlicher oder unabsichtlicher Fehlschluss, der eine Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten als Notwendigkeit darstellt, obwohl weitere Entscheidungsmöglichkeiten existieren.

Beispiele[Bearbeiten]

Beispiele aus verschiedenen Disziplinen und Wissensgebieten sind:

  • die Einteilung der reellen Zahlen in rationale und irrationale Zahlen, wobei hier die rationalen Zahlen sich wiederum aus der Dichotomie von ganzen Zahlen und echten Brüchen zusammensetzen,
  • die Einteilung von wahr und falsch im Sinne eines unüberwindbaren Gegensatzes,
  • im übertragenen Sinne die „Schwarz-Weiß-Malerei“.

Bei einer dichotomen Einteilung ist der Fehler der unangemessenen Einteilung ausgeschlossen. Es wird gefordert, dass zwei einander komplementäre Begriffe den Umfang oder die Bedeutung des ursprünglichen Begriffes vollständig umfassen. Eine unvollständige Einteilung oder eine sich überschneidende Einteilung ist somit nicht möglich. Die Vereinigung der dichotomen Begriffe führt wieder zum Ursprungsbegriff.

Beispiel 1

Der Schüler ist ein Lebewesen; Lebewesen können sich bewegen oder ruhig verhalten, hieraus folgt mit Notwendigkeit, dass der Schüler sich entweder ruhig verhalten kann oder sich bewegt; aber es ist nicht notwendig, dass er sich ruhig verhält.
Auf der ersten, philosophischen Ebene handelt es sich hierbei um eine klassische, (wenn auch geringfügig abgewandelt) von Platon stammende Dichotomie, auf der zweiten, sophistischen Ebene natürlich um einen Scherz.

Der Mangel einer dichotomen Einteilung ist allerdings offensichtlich. Der plakative Gebrauch führt zu einer Verkürzung. So sind Unterteilungen in alt und jung, Stadt und Land, Schwarz und Weiß (im Sinne der Hautfarbe) dazu geeignet, mögliche Gemeinsamkeiten über den Unterschieden vergessen zu lassen – oder nicht zu erkennen. Die Natur des ungeteilten Begriffs bleibt prinzipiell ungewiss. Für konkrete Fragestellungen ist dieser Mangel jedoch zu vernachlässigen.

Beispiel 2

Untersucht werden sollte, ob die Stadt-Land-Dichotomie noch eine erkenntnisleitende Funktion haben kann, nämlich ob sie für die Lebenssituation von älteren Menschen in Stadt und Land Erkenntnisse erbringen kann, die dann zu unterschiedlichen Konsequenzen und Ansätzen innerhalb der Altenhilfeplanung führen können oder gar müssen.
(Ein Arbeitsziel als Zitat aus: Dieter Rohloff: Eine kritische Überprüfung der Stadt-Land-Dichotomie – Analyse der Lebenssituation älterer Menschen in schottischen, ländlichen Regionen, im Landkreis Wittmund (SG Holtriem) und in Emden-Barenburg anhand ausgewählter Kriterien.).

Dichotomie in der Astronomie[Bearbeiten]

In der Astronomie wird die Phase, während der ein nicht selbst leuchtendes Gestirn – also meist ein Planet oder Mond im Gegensatz zu einem Stern – von einem Betrachter als zur Hälfte beleuchtet gesehen wird, als Dichotomie bezeichnet. In der visuellen Astronomie bedeutet Dichotomie daher auch „Halbphase“: Ein Planet oder Mond ist genau von der Seite beleuchtet (d. h. im Phasenwinkel 90°), sodass er als Halbkreisfläche erscheint. Bekanntestes Beispiel ist die Phase des Halbmondes, aus der zum Beispiel Aristarch von Samos die Entfernung des Mondes abschätzen konnte. Von der Erde aus können Halbphasen außer beim Mond nur bei den unteren Planeten Merkur und Venus beobachtet werden.

In der Planetologie steht der Begriff für die unter den festen Himmelskörpern verbreitete Erscheinung von zwei auffallend unterschiedlich gestalteten Halbkugeln. Die bekanntesten Beispiele sind neben der Erde und dem Erdmond der Planet Mars und der Saturnmond Iapetus:

  • bei der Erde der auffällige Unterschied zwischen Land- und Wasserhemisphäre – eine Folge der Bildung des Pazifik,
  • beim Mond die vielen Mare der Vorderseite, die auf der Mondrückseite weitgehend fehlen – eine Folge des „Großen Bombardements“ durch Asteroiden vor etwa vier Milliarden Jahren,
  • beim Mars eine ähnliche „Zweiteilung“ zwischen Nord- und Südhemisphäre: im Norden hauptsächlich Tiefebenen, im Süden gewaltige Hochländer. (Der mittlere Großkreis, der diese topografischen Hemisphären voneinander trennt, ist dabei 40° gegen den Äquator geneigt. Die unsymmetrische Massenverteilung bewirkt, dass der Schwerpunkt des Mars gegenüber dem geometrischen Mittelpunkt um drei Kilometer in Richtung der nördlichen Tiefebenen versetzt ist.)

Beim Begriff „Venus-Dichotomie“ wird der Begriff nicht korrekt verwendet, weil er nicht die Halbphase, sondern die zeitweilige Sichelgestalt des Abend- bzw. Morgensterns betrifft. Die „Hörner“ der Venussichel stehen einander nicht um 180° gegenüber, sondern greifen über, eine Folge der dichten Venusatmosphäre. Diese „Dichotomie“ der Venussichel wurde schon im 17. Jahrhundert bemerkt, ist auch bei Tagbeobachtungen festzustellen und war vor der Epoche der Raumfahrt eine Möglichkeit, die Dichte der Atmosphäre abzuschätzen. Weil sie sich als erstaunlich dicht erwies, kam seit Hieronymus Schröter die Vermutung auf, es könnte Venusianer geben.

Dichotomie in anderen Gebieten[Bearbeiten]

In der Botanik spricht man von Dichotomie oder einer dichotomen Teilung, wenn sich die ursprüngliche Sprossachse in zwei annähernd gleiche Teile verzweigt. Im Fach Anatomie bezieht sich der Begriff beispielsweise auf die Luftröhre, die in zwei Hauptbronchien mündet.

In der Linguistik sind – zumeist unter dem Einfluss der strukturalistischen Sprachwissenschaft – viele Dichotomien grundlegend:[2]

  • die Dichotomie von Langue und Parole,
  • die Dichotomie von Synchronie und Diachronie,
  • die Dichotomie von Signifikant und Signifikat,
  • die Dichotomie in sprach-interne und sprach-externe Merkmale von Sprache. Sprach-interne Merkmale sind Morphik, Lexik, Grammatik, Semantik, etc. Von sprach-externen Merkmalen spricht man im Falle von metasprachlichen Erscheinungen (Proximie, Intonation u. Ä.), oder auch in Bezug auf kommunikative Belange (Gesprächsteilnehmer, Situation, etc.).

In der Optimierung versteht man unter einem dichotomen Verfahren eine Methode der lokalen nichtlinearen Optimierung ohne Nebenbedingung. Ein solches Verfahren, das mit gleich großen Halbierungen von Intervallen arbeitet ist die Intervallhalbierungsmethode.

In der Statistik versteht man unter einer dichotomen oder binären Variablen eine Variable, die zwei Ausprägungen hat, zum Beispiel die Variable „Geschlecht“ mit den beiden Ausprägungen „weiblich“ und „männlich“.

In der Testtheorie bezeichnet man ein Antwortformat als dichotom, wenn lediglich zwei Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind, zum Beispiel „Ja“ und „Nein“. Im Gegensatz dazu werden auch mehrfach gestufte Antwortformate verwendet, zum Beispiel „nie“, „selten“, „manchmal“, „oft“ und „immer“.

In der Volkswirtschaftslehre wird die Trennung von Variablen in nominale und reale Größen als (neo)klassische Dichotomie bezeichnet.

Im deutschen Strafrecht bezeichnet man die Einteilung der Delikte in Verbrechen und Vergehen gemäß § 12 StGB als „Dichotomie des Strafrechts“, die mit der Reform von 1974 und 1975 an die Stelle der zuvor auch in Deutschland nach französischem Vorbild existierenden Trichotomie (Dreiteilung) getreten ist.

Die Sein-Sollen-Dichotomie ist ein metaethisches Prinzip, wonach eine dichotomische Einteilung in deskriptive und normative Aussagen in der Ethik besteht. Deshalb kann nicht von einem Sein auf ein Sollen geschlossen werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Dichotomie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. Auflage. Nikol Verlag, Hamburg 2005, S. 206
  2. Vgl. Helmut Rehbock: Dichotomie. In: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4. Auflage. Metzler, Stuttgart 2010.