Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit

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Titelblatt des Erstdruckes
Goethe im Jahre 1828

Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit ist eine zwischen 1808 und 1831 entstandene Autobiographie, in der Johann Wolfgang von Goethe seine Erlebnisse aus den Jahren 1749 bis 1775 liebevoll darstellt. Nach Richard Friedenthal ist diese mannigfaltig vorschreitende Lebensgeschichte[1] einer der großen deutschen Romane – ein Hausbuch[2].

Legende: Zahlen zwischen 1749 und 1775 bezeichnen jeweils das Jahr, über das Goethe aus seinem Leben schreibt.
Ein Zahlenpaar in runden Klammern bezeichnet eines der zwanzig Bücher der Autobiographie in der Form (Teil, Buch).
Mit Wolfgang ist der junge Goethe gemeint, über den der 59- bis 82-jährige Dichter erzählt.

Entstehung[Bearbeiten]

Am 11. Oktober 1809 begann Goethe mit der Konzeption der Autobiographie (Tagebücher: „Schema einer Biographie“). In den letzten Tagen des Januars 1811 setzte die Ausarbeitung ein. Am 17. Juni 1811 gab er das erste Buch von Band I in Druck, am 25. Juli das zweite und dritte. Am 4. Oktober 1812 wurde der Schluss von Band II in Druck gegeben. Band III erschien 4 Wochen vor Ostern 1814 (Tag- und Jahreshefte). Spätestens am 8. April 1813 fasste Goethe den Entschluss, die Arbeit an seiner Biographie ruhen zu lassen (nicht gedruckte Vorrede zu Band III), um lebende Personen nicht zu verärgern (Brief an Eichstädt vom 29. Januar 1815; Gespräch mit Boisseree am 3. Oktober 1815). Nachrichten über die Fortführung von Band IV finden sich aus den Jahren 1816, 1817, 1821, 1824 und 1825. Die endgültige Redaktion Goethes von Band IV setzte erst am 9. November 1830 ein. Band IV ( = Vierter Theil, Buch sechzehn bis zwanzig, 195 Seiten) erschien 1833 nach Goethes Tod in «Goethe's Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand».

Schauplätze[Bearbeiten]

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

  • ab 1749 (1,1)

Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich… beginnt Goethe und erzählt vom Vaterhaus am Hirschgraben. Wolfgangs Vater hat eine Vorliebe für die italienische Sprache. Die gute Großmutter schenkt dem kleinen Wolfgang und seiner Schwester Cornelia, die nur ein Jahr weniger zählt, zu Weihnachten ein Puppenspiel. Nachdem die Großmutter verstorben ist, lässt der Vater das Haus gründlich umbauen. Hatte der Vater seine beiden Kinder bisher selber unterrichtet, muss er sie des Umbaus wegen – ungern nur – in eine öffentliche Schule schicken.

  • 1755

Nach den umfangreichen Umbauten räumt der Vater als erstes seine Bibliothek auf. Lateinische Dichter und italienische Schriftsteller, besonders Tasso, dominieren neben der Literatur zur eleganteren Jurisprudenz. Der Vater hatte in Leipzig Rechtswissenschaft studiert und in Gießen promoviert. Beizeiten erkennt er die Geistesgaben des Sohnes und würde nicht so liederlich damit gewirtschaftet haben. Wolfgangs Schwester erhält vom Vater Italienisch-Unterricht. Wolfgang fällt das Italienische als eine lustige Abweichung des Lateinischen auf, und er lernt heimlich mit. Der Vater ist für Leipzig als Studienort und hat etwas gegen Göttingen. Der kleine Wolfgang nimmt auch Privatstunden gemeinsam mit Nachbarskindern und konsumiert an Buchweisheit, was er haben kann: Man hatte zu der Zeit noch keine Bibliotheken für Kinder veranstaltet. Die Alten hatten selbst noch kindliche Gesinnungen, und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nachkommenschaft mitzuteilen. Wolfgang bekommt die Pocken, Masern und Windblattern. Er muss mitansehen, wie Geschwister nicht lange am Leben bleiben. Goethe bezeichnet den Religionsunterricht im kirchlichen Protestantismus als nur eine Art von trockner Moral.

  • 1756 (1,2) Der neue Paris. Knabenmärchen

Am Zwinger hin, dort zwischen Nußbäumen, steinerner Tafel mit verzierter Einfassung und Brunnen, an der Schlimmen Mauer, tritt Wolfgang durch eine Pforte und trifft in einem mit Partisanen bewehrten Zaubergarten auf die Königin der Amazonen. Heerführer Wolfgang und die Königin lassen zwei Heere gegeneinander kämpfen. Winzige Soldaten feuern wohlpolierte Achatkugeln aus Geschütz aufeinander ab. Es sind nicht einfach flache Bleisoldaten, sondern runde und körperliche, ganz ohne ein Fußbrettchen. Wolfgang siegt und erhält von der Gegnerin eine Ohrfeige. Wolfgang fasst sie bei den Ohren und küsst sie zu wiederholten Malen. Der Boden unter Wolfgang fängt an zu beben und zu rasseln. Die Partisanen zerschlitzen ihm schon die Kleider. Er erholt sich von seinem Schrecken am Fuß einer Linde. Da ist noch ein Alter, der Wolfgang durch den Zaubergarten begleitet und trotzig fragt: Wer bist denn du? Wolfgang erwidert: Ein Liebling der Götter.

Das Märchen findet unter Wolfgangs Gespielen großen Beifall. Die Gespielen überzeugen sich jeder für sich von der Entfernung der Nussbäume, der Tafel und des Brunnens voneinander. Die Eindrücke variieren. Und so gaben die Gespielen Wolfgang ein frühes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu erörternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten können.

Der Knabe Wolfgang übt sich im Stoizismus; in den Duldungen körperlicher Leiden. Mißwollende Knaben peitschen Wolfgangs Beine und Waden auf das grausamste. Wolfgang, immer noch Stoiker, rührt sich nicht, doch dann greift er an; stößt seine Peiniger wiederholt mit den Köpfen zusammen. Stoisch reagiert Wolfgang, als böse Buben seine Vorfahren in Misskredit bringen: Das Leben ist so hübsch, daß man völlig für gleichgültig achten kann, wem man es zu verdanken hat.

Der Vater erzieht Wolfgangs Schwester Cornelia musisch und sucht Wolfgangs Gabe etwas zu fassen und zu kombinieren, auf juristische Gegenstände zu lenken.

  • 1757

Klopstocks Messias findet keinen Platz unter den Quart-Bänden in des Vaters sortierter Bibliothek. Aber die Mutter bekommt den Messias von einem Hausfreund zugesteckt, und so gelangt das Buch heimlich in die Hände von Wolfgang und Cornelia. Diese so natürlich ausgedrückten und doch so schön veredelten frommen Gefühle, diese gefällige Sprache machen sich die Geschwister bald zu eigen. Als dann Cornelia lauthals Klopstock deklamiert – O wie bin ich zermalmt! – gießt der Barbier vor Schreck dem Vater das Seifenbecken in die Brust.

  • ab 1759 (1,3)

Wolfgangs Vater, preußisch gesinnt, muss fremde militärische Bewohner in sein kaum vollendetes Haus aufnehmen; sieht sich nun von Franzosen in seinen Zimmern belagert. Der Königslieutenant Graf Thoranc (* 1719; † 1794) von Grasse aus der Provence quartiert sich monatelang ein. Der Graf wird von Marschall de Broglie besucht. Wolfgangs Mutter lernt extra Französisch. Der Graf ist geschmeichelt. Er hat ein Faible für Malerei und lässt mehrere deutsche Maler nach Maß Gemälde für sein Schloss in Grasse malen. Goethes Kommentar: Man solle Künstler beschäftigen, aber nicht zu Tapetenmalern erniedrigen. Wolfgangs Mutter, welche alles, nur nicht die Sorge ertragen kann, äußert dem Grafen gegenüber ihre Furcht vor den bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen und wird abgefertigt. Als die Franzosen dann am Karfreitag über die Preußen siegen und der Graf triumphiert, rutscht dem Vater heraus: Ich wollte, sie hätten euch zum Teufel gejagt. Das hat für den Vater ein Nachspiel, doch er kommt mit einem blauen Auge davon.

Auf Frankfurts Bühnen kommen französische Autoren. Wolfgang studiert Corneille, Racine und Molière.

(1,4) Wolfgang fühlt seit seinen frühsten Zeiten einen Untersuchungstrieb gegen natürliche Dinge. Kein Wunder – ist doch Kindern dieses nicht zu verdenken, da ja selbst Naturforscher öfter durch Trennen und Sondern als durch Vereinigen und Verknüpfen, mehr durch Töten als durch Beleben sich zu unterrichten glauben. Der Vater legt Wert auf Englischkenntnisse. Wolfgang werden die Grammatiken dieser oder jener Sprache immer lästiger. Der Geplagte kommt auf den Gedanken, das Sprachenproblem alles mit einmal abzutun und erfindet einen Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die, voneinander entfernt und in der Welt zerstreut, sich wechselseitig Nachricht von ihren Zuständen und Empfindungen mitteilen.

Wolfgang möchte Hebräisch lernen. Der Vater, der nicht gern etwas halb tut, engagiert den Rektor Albrecht (* 1694; † 1770), eine der originalsten Figuren der Welt, als Lehrer. Wolfgang versenkt sich in die ersten Bücher Mosis und erhält durch seine eigenwilligen Studien der heiligen Schriften eine lebhaftere Vorstellung von jenem schönen und viel gepriesenen Lande. Albrecht begleitet den Unterricht mit seinem baucherschütterden Lachen und ruft: Er närrischer Junge!

Gern sucht Wolfgang den Maler Juncker in seinem Atelier auf: Gelegentlich hatte ich auch wohl einmal eine Maus gefangen, die ich ihm brachte, und die er als ein gar so zierliches Tier nachzubilden Lust hatte, auch sie wirklich aufs genauste vorstellte, wie sie am Fuße des Blumentopfes eine Kornähre benascht.

  • 1763 (1,4)

Wolfgang möchte Poet werden: Was mich betrifft, so hatte ich auch wohl im Sinne, etwas Außerordentliches hervorzubringen; worin es aber bestehen könne, wollte mir nicht deutlich werden… so leugne ich nicht, daß, wenn ich an ein wünschenswertes Glück dachte, dieses mir am reizendsten in der Gestalt des Lorbeerkranzes erschien, der den Dichter zu zieren geflochten ist.

(1,5) Wolfgangs natürliche Gutmütigkeit begünstigt einen schweren Fehler. Er gerät in schlechte Gesellschaft junger Leute – gewöhnliche Menschen, wird als poetischer Sekretär zum Verfassen verhängnisvoller Schriftstücke ermuntert und bittet seinen Großvater, die Bewerbung seines Klienten im Amte wohlwollend zu erwägen. Der Großvater schlägt die Bitte nicht ab. Doch, so stellt sich heraus, der Empfohlene war einer der Schlimmsten, und bewarb sich um jenes Amt hauptsächlich, um gewisse Bubenstücke unternehmen oder bedecken zu können. Der Coup fliegt auf. Dabei war Wolfgang doch gewarnt. Und zwar von seiner ersten Liebe – Gretchen sagt zu Wolfgang: Ich habe widerstanden und den ersten Brief nicht abgeschrieben, wie man von mir verlangte. Wolfgang wird bestraft – Gretchen wird der Stadt verwiesen. Obwohl das Wolfgang wurmt, findet er sich damit ab, denn Gretchen wurde in dem Fall Wolfgang vernommen und gab zu den Akten: Ich kann es nicht leugnen, daß ich ihn oft und gern gesehen habe; aber ich habe ihn immer als ein Kind betrachtet. Wolfgang findet es schrecklich, daß er um eines Mädchens willen Schlaf und Ruhe und Gesundheit aufgeopfert hatte, die sich darin gefiel, ihn als einen Säugling zu betrachten und sich höchst ammenhaft weise gegen ihn zu dünken.

  • 1765 (2,6)

Wolfgang überlegt ernsthaft, was er nun eigentlich studieren soll. Philosophie wohl nicht. Denn da in der Poesie ein gewisser Glaube an das Unmögliche, in der Religion ein ebensolcher Glaube an das Unergründliche stattfinden muß, so schienen mir die Philosophen in einer sehr üblen Lage zu sein, die auf ihrem Felde beides beweisen und erklären wollten. Des Vaters einsames Leben zwischen seinen Brandmauern ist auch nicht sein Fall. Wolfgang ersinnt einen ganz anderen Lebensplan als den vorgeschriebenen. Er wirft in Gedanken die juristischen Studien weg und will sich den Sprachen, den Altertümern, der Geschichte widmen. Nach Göttingen will er gehen, darf aber nicht. Der Abschied von Frankfurt fällt Wolfgang nicht schwer. Ihm missfallen die Verfassung der Stadt und die heimlichen Gebrechen einer solchen Republik. Der Abschied von der Schwester Cornelia fällt Wolfgang sehr schwer.

Leipzig[Bearbeiten]

  • ab 1765 (2,6)
Christian Fürchtegott Gellert (* 1715; † 1769)

Zu Michaelis reist Wolfgang über Hanau, Gelnhausen und Auerstedt nach Leipzig. Bei Auerstedt bleibt der Wagen stecken. Wolfgang strengt sich mit Eifer an und dehnt dadurch die Bänder der Brust übermäßig aus. Er empfindet bald nachher einen Schmerz, der ihn erst nach vielen Jahren völlig verlässt. In Leipzig bezieht Wolfgang Quartier bei einer alten Wirtin. Sein Stubennachbar ist ein armer Theologe. Wolfgang besucht die Leipziger Herbstmesse mit ihren Buden und mustert die Bewohner der östlichen Gegenden in ihren seltsamen Kleidern. Er möchte die schönen Wissenschaften studieren. Das macht er seinem künftigen Lehrer in dessen Wohnung beim Antrittsbesuch klar. Der Professor hält aus dem Stegreif eine gewaltige Strafpredigt. Wolfgang geht später noch einmal zur Gattin des Professors. Die bringt ihn unter vier Augen zur Vernunft. Beide finden einen Kompromiss. Die Professorsgattin redet dem Professor ein: Gellerts Literaturgeschichte darf Wolfgang hören und sein Praktikum frequentieren. Wolfgang verehrt Gellert.

Die Leipziger Damen tadeln, dass Wolfgang wie aus einer fremden Welt hereingeschneit aussehe. Goethe gibt freimütig zu: Ich war vom Hause freilich etwas wunderlich equipiert auf die Akademie gelangt.

In Jena und Halle ist die Roheit aufs höchste gestiegen, körperliche Stärke, Fechtergewandtheit, die wildeste Selbsthülfe ist dort an der Tagesordnung. Dagegen kann in Leipzig ein Student kaum anders als galant sein.

Vor Gellerts Augen findet Wolfgangs Prose wenig Gnade. Gellert sieht Wolfgangs Werke genau durch und korrigiert mit roter Tinte. Die Blätter sind leider endlich auch im Laufe der Jahre aus Goethes Papieren verschwunden. Über das traurige Schicksal seiner anderen frühen Manuskripte berichtet Goethe:
Nach manchem Kampfe warf ich eine so große Verachtung auf meine begonnenen und geendigten Arbeiten, daß ich eines Tags Poesie und Prose, Plane, Skizzen und Entwürfe sämtlich zugleich auf dem Küchenherd verbrannte, und durch den das ganze Haus erfüllenden Rauchqualm unsre gute alte Wirtin in nicht geringe Furcht und Angst versetzte.

(2,7) Goethe bietet dem Leser so etwas wie eine Kleine Literaturgeschichte – er spricht von kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur: Der Deutsche begab sich bei den Franzosen in die Schule, um lebensartig zu werden, und bei den Römern, um sich würdig auszudrücken. Mit Gottscheds, Breitingers und Bodmers Schriften zur Literaturkritik wird hart ins Gericht gegangen: In welche Verwirrung junge Geister durch solche ausgerenkte Maximen, halb verstandene Gesetze und zersplitterte Lehren sich versetzt fühlten, läßt sich wohl denken. Talentierte tote Poeten werden besprochen – Johann Christian Günther, Johann Ulrich von König und auch ein anno 1765 Lebender – Wolfgangs Freund und späterer Schwager Johann Georg Schlosser. Goethe schildert einen Besuch bei Gottsched: Der große, breite, riesenhafte Mann, kam in einem gründamastnen, mit rotem Taft gefütterten Schlafrock zur Türe herein; aber sein ungeheures Haupt war kahl. Der Bediente sprang mit einer großen Allongeperücke auf der Hand zu einer Seitentüre herein und reichte den Hauptschmuck seinem Herrn mit erschrockner Gebärde. Gottsched, ohne den mindesten Verdruß zu äußern, hob mit der linken Hand die Perücke von dem Arme des Dieners, und indem er sie sehr geschickt auf den Kopf schwang, gab er mit seiner rechten Tatze dem armen Menschen eine Ohrfeige, so daß dieser, wie es im Lustspiel zu geschehen pflegt, sich zur Türe hinaus wirbelte. Wolfgang findet Klopstocks Messias in Leipzig nun mittlerweile nicht mehr so lobenswert wie in Frankfurt, sondern eher ungenießbar.

In seiner Kleinen Literaturgeschichte vereinnahmt Goethe den Menschenverstand, der sich in deutschen Landen regt, für die Länder innerhalb des protestantischen Teils von Deutschland und der Schweiz. Kleists Gedichte werden erwähnt, Gleim und Ramler werden gelobt. Lessing, der die persönliche Würde gern wegwarf, kommt bei Goethe immer gut weg – hier die Minna von Barnhelm. Gellert taucht immer wieder auf, kommt auf seinem zahmen Schimmel, den ihm der Kurfürst geschenkt, einhergeritten. Gellerts Vorlesung hat ungeheuern Zulauf: Das philosophische Auditorium war in solchen Stunden gedrängt voll, und die schöne Seele, der reine Wille, die Teilnahme des edlen Mannes an unserem Wohl, seine Ermahnungen, Warnungen und Bitten, in einem etwas hohlen und traurigen Tone vorgebracht, machten wohl einen augenblicklichen Eindruck; allein er hielt nicht lange nach, um so weniger, als sich doch manche Spötter fanden, welche diese weiche und, wie sie glaubten, entnervende Manier uns verdächtig zu machen wußten.

Am Ende seiner Leipziger Zeit rückt bei Wolfgang der Zeitpunkt heran, wo er an allen Autoritäten zweifelt und verzweifelt. Die Possen und Albernheiten des Freundes Ernst Wolfgang Behrisch werden erwähnt. Goethe streift kurz seine Neigung zu Annetten, dann zu Ännchen – aber vorsichtig, denn da war doch noch der Reinfall mit Gretchen daheim in Frankfurt.

(2,8) In dem alten Schlosse Pleißenburg nimmt Wolfgang Zeichenunterricht beim Direktor der Zeichenakademie Oeser. Im breitkopfischen Hause trifft Wolfgang nicht nur erneut auf Gottsched, sondern natürlich auch auf den Hausherren Bernhard Christoph Breitkopf, dessen Sohn Johann Gottlieb Immanuel und den Nürnberger Kupferstecher Johann Michael Stock.

Am Ende seiner Leipziger Zeit gesteht Goethe einen gewissen hypochondrischen Zug ein, der sich durch sein weitgehend sitzendes Leben noch verstärkt habe. Hinzu kommt der Schmerz auf der Brust seit dem Auerstedter Unfall. Das schwere Merseburger Bier verdüstert sein Gehirn. Nachts wacht Wolfgang mit einem heftigen Blutsturz auf und schwankt mehrere Tage zwischen Leben und Tod. Bei jener Eruption bildet sich zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses.

Als „Schiffbrüchiger“ zurück nach Frankfurt[Bearbeiten]

  • 1768 (2,8)

Im September verlässt Wolfgang nach seinen akademischen Großtaten Leipzig und kehrt, gleichsam als ein Schiffbrüchiger, heim. Der Vater verhehlt seinen Verdruß nicht. Erwartete er doch einen rüstigen Promovenden der Rechte und findet einen Kränkling. Die Frauen des Hauses nehmen Wolfgang besorgt auf. Fräulein Susanne von Klettenberg, in den Bekenntnissen einer schönen Seele verewigt, sorgt sich ebenfalls um den allmählich Genesenden. Wolfgang sieht jene Briefe durch, die er aus Leipzig geschrieben hat und muss belustigt konstatieren – das bei Gellert Gelernte hat er sogleich zur „Erziehung“ der Schwester gewendet. Der Vater hat die Briefe sogar mit Aufmerksamkeit korrigiert und sowohl Schreib- als Sprachfehler verbessert. Die nächste größere Manuskript-Verbrennung findet statt. Lediglich Die Laune des Verliebten und Die Mitschuldigen bleiben vor den Flammen verschont. Wolfgangs dramaturgisches Vorbild ist Lessing. Gottfried Arnolds ,Kirchen- und Ketzergeschichte‘ wird Lektüre.

Straßburg[Bearbeiten]

  • 1769 (2,9)
Johann Gottfried Herder
(* 1744; † 1803)

Wolfgang soll endlich promovieren. Im Frühjahr nähert er sich dem Münster in dem schönen Elsaß, steigt im Wirtshaus ,Zum Geist‘ ab und bezieht schließlich ein kleines, aber wohlgelegenes und anmutiges Quartier an der Sommerseite des Fischmarkts. Zwar beredet sich Wolfgang mit Doktor Salzmann über die Rechtswissenschaft und die Promotion. Sein ganzer Erwerb aus Leipzig ist nur ein allgemeiner enzyklopädischer Überblick. Die Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien geht in Straßburg munter weiter. Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich, bringt auf ihrem Wege nach Paris den Straßburger Studienbetrieb durcheinander. Wolfgang gewinnt Franz Lerse (* 1749; † 1800), dem er im Götz von Berlichingen ein Denkmal gesetzt hat, zum Freund.

(2,10) Bei der Beschreibung seiner Straßburger Zeit setzt Goethe seine kleine Literaturgeschichte fort: Die deutschen Dichter hatten weder Halt, Stand noch Ansehn. Lebensgewandte Edelleute, wie Hagedorn, stattliche Bürger, wie Brockes, entschiedene Gelehrte, wie Haller, erschienen unter den Ersten der Nation. Zur Abwechslung wird Klopstock nun wieder gelobt. Alles traf in Klopstock zusammen. Er war, von der sinnlichen wie von der sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jüngling. Ernst und gründlich erzogen, legt er, von Jugend an, einen großen Wert auf sich selbst und auf alles, was er tut, und indem er die Schritte seines Lebens bedächtig vorausmißt, wendet er sich, im Vorgefühl der ganzen Kraft seines Innern, gegen den höchsten denkbaren Gegenstand. Nun tritt Goethe selber auf: Die Tätigkeit jener Männer stand in ihrer schönsten Blüte, als wir jungen Leute uns auch in unserem Kreise zu regen anfingen. Der gutmütige Polterer Herder, der sich in Straßburg tapfer mehreren Operationen am Auge unterzieht, macht dem jungen Dichter mit seinem Widerspruchsgeiste das Leben schwer. Herder, mehr geneigt zu prüfen und anzuregen, als zu führen und zu leiten, zieht Wolfgang, der die Zeit in hunderterlei Tätigkeiten zersplittert, immer mal auf. Wolfgang wird vorsichtig. Geschickt verbirgt er vor Herder gewisse poetische Gestalten wie den Götz und auch den Faust. Herder, der bloß Gehalt und Form beachtet und auf Wolfgang eine magische Gewalt ausübt, zieht Jung-Stilling den anderen jungen Poeten vor. Aber Wolfgang lässt sich durch Herders Invektiven [Schmähreden] keineswegs irre machen.

Sesenheim[Bearbeiten]

  • April 1770 (2,10)

Auf seinen Ausritten zusammen mit Freund Friedrich Leopold Weyland von Straßburg ins Elsass trifft Wolfgang in Sessenheim (von ihm „Sesenheim“ geschrieben) die Pfarrerstochter Friederike und schwärmt: da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. […] Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie. Das Verlangen, sie wieder zu sehen, schien unüberwindlich. Ich trug ein Märchen vor, das ich hernach unter dem Titel 'Die neue Melusine' aufgeschrieben habe.

(3,11) Früh beizeiten geht Wolfgang mit Friederike spazieren: Ich genoß an der Seite des lieben Mädchens der herrlichen Sonntagsfrühe auf dem Lande. Friederikes Wesen, ihre Gestalt trat niemals reizender hervor, als wenn sie sich auf einem erhöhten Fußpfad hinbewegte. Ich […] kannte keinen Schmerz noch Verdruß in ihrer Nähe. […] Ich war grenzenlos glücklich an Friedrikens Seite; gesprächig, lustig, geistreich, vorlaut, und doch durch Gefühl, Achtung und Anhänglichkeit gemäßigt. Unter diesen Umgebungen trat unversehens die Lust zu dichten, die ich lange nicht gefühlt hatte, wieder hervor. Ich legte für Friedriken manche Lieder bekannten Melodien unter[3].

Straßburg[Bearbeiten]

  • 1771 (3,11)

Nebenbei promoviert Wolfgang. Der Vater verlangt ein ordentliches Werk. Das schreibt Wolfgang zusammen. Der Dekan lehnt es ab. Wolfgang schafft das Ziel im zweiten Anlauf am 6. August leicht. Tags darauf stirbt der Historiker Johann Daniel Schöpflin. Goethe würdigt das Werk des Straßburger Professors.

Darmstadt[Bearbeiten]

  • ab 1772 (3,12)

Wolfgang begegnet Johann Heinrich Merck: Dieser eigne Mann, der auf mein Leben den größten Einfluß gehabt, war von Geburt ein Darmstädter… Nach vollendeten Studien führte er einen Jüngling nach der Schweiz, wo er eine Zeitlang blieb, und beweibt zurückkam. Als ich ihn kennen lernte, war er Kriegszahlmeister in Darmstadt. Mit Verstand und Geist geboren, hatte er sich sehr schöne Kenntnisse, besonders der neueren Literaturen, erworben, und sich in der Welt- und Menschengeschichte nach allen Zeiten und Gegenden umgesehn. Treffend und scharf zu urteilen war ihm gegeben. Man schätzte ihn als einen wackern entschlossenen Geschäftsmann. Mit Leichtigkeit trat er überall ein, als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte. Er war lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin und wider ging, etwas Tigerartiges; von Natur ein braver, edler, zuverlässiger Mann, hatte er sich gegen die Welt erbittert, und ließ diesen grillenkranken Zug dergestalt in sich walten, daß er eine unüberwindliche Neigung fühlte, vorsätzlich ein Schalk, ja ein Schelm zu sein. Merck schreibt mit verletzender Kraft, geht verneinend und zerstörend zu Werke. Das ist zwar auch ihm selbst unangenehm, doch ist Merck mit Notwendigkeit Zweifler und Eklektiker.

Im Darmstädter Kreis begegnet Wolfgang außer Merck noch Herders spätere Gattin, die Elsässerin Caroline Flachsland. Goethe schreibt über diese Zeit: ,Faust‘ war schon vorgeruckt, ,Götz von Berlichingen‘ baute sich nach und nach so in meinem Geiste zusammen. Herder unterließ sein Necken und Schelten nicht. Meine Lust am Hervorbringen war grenzenlos. Von Friederike trennt er sich brieflich und gesteht: Gretchen hatte man mir genommen, Annette mich verlassen, hier war ich zum erstenmal schuldig. Er flüchtet in die freie Natur, singt Wanderers Sturmlied, diesen Halbunsinn, leidenschaftlich und sucht nach seiner alten Art abermals Hülfe bei der Dichtkunst. Die Marie im Clavigo sei Ergebnis solcher reuigen Betrachtungen gewesen, erinnert sich Goethe.

Wetzlar[Bearbeiten]

  • 1772 (3,12)

Vom 25. Mai bis zum 11. September ist Wolfgang Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Goethe schreibt: Jener Vorsatz, meine innere Natur nach ihren Eigenheiten gewähren, und die äußere nach ihren Eigenschaften auf mich einfließen zu lassen, trieb mich an das wunderliche Element, in welchem „Werther“ ersonnen ist. Die Geschichte Werthers wird erzählt. Von Lotte ist die Rede und von Jerusalem.

Mit dort tätigen jungen und gebildeten Juristen traf er sich regelmäßig im Gasthof Zum Kronprinzen zu einer Rittertafel, einer Vereinigung ähnlich den Freimaurern. Alle Teilnehmer verwendeten Pseudonyme‚ Wolfgang trat als ,Götz der Redliche‘ in Erscheinung. Ebenfalls zu dem Kreis gehörte der Hofrat Johann Christian Kestner, der Verlobte Lottes.

Gotter vermittelt Wolfgang die Bekanntschaft mit Autoren des Göttinger Musenalmanachs, darunter Bürger, Voß, Hölty und die Gebrüder Stolberg (Christian und Friedrich Leopold). Wolfgang dichtet Der Wanderer.

Zusammen mit Merck, dem Todfeind aller akademischen Bürger, sucht Wolfgang am 18. August Ludwig Julius Friedrich Höpfner, Professor der Rechte, in Gießen auf und wird später dessen Freund.

Im November desselben Jahres, nach dem tragischen Tod seines Freundes Karl Wilhelm Jerusalem, kehrt er nochmals nach Wetzlar zurück, um Einzelheiten und Hintergründe über die Geschehnisse um Jerusalem aufzunehmen.

Koblenz[Bearbeiten]

  • 1772 (3,13)

Vom 14. bis 19. September besucht Wolfgang zusammen mit Merck in Thal-Ehrenbreitstein die Frau Sophie von La Roche.

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

  • 1773 (3,13)

Wolfgang, der etwas auf seine Mitschuldigen hält, fand schon für diese keinen Verleger. Nun strengt er mit Merck den Druck des Götz an. Merck muss nach Sankt Petersburg. Als er zurückkehrt, legt ihm Wolfgang den Werther vor. Nun ja, es ist ganz hübsch! meint Merck. Wolfgang denkt an Manuskriptverbrennung, will zumindest umarbeiten. Merck redet Wolfgang die Umarbeitung aus. Wolfgang schickt das Manuskript schließlich ab. Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf. Wolfgang gefällt es, als ein literarisches Meteor angestaunt zu werden.

Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern bezeichnet Goethe als Epigramm-Sammlung.

Rhein[Bearbeiten]

  • 1774 (3,14)

Lenz porträtiert er so: Er hatte nämlich einen entschiedenen Hang zur Intrige, und zwar zur Intrige an sich […]. Auf diese Weise war er zeitlebens ein Schelm in der Einbildung, seine Liebe wie sein Haß waren imaginär, […] und so hat er niemanden, den er liebte, jemals genützt, niemanden, den er haßte, jemals geschadet. Dennoch sei sein Talent aus wahrhafter Tiefe, aus unerschöpflicher Produktivität hervorgegangen. Man konnte in seinen Arbeiten große Züge nicht verkennen; eine liebliche Zärtlichkeit schleicht sich durch zwischen den albernsten und barockesten Fratzen, die man selbst einem so gründlichen und anspruchlosen Humor, einer wahrhaft komischen Gabe kaum verzeihen kann. Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte. Er lebte meistens mit Offizieren der Garnison, wobei ihm die wundersamen Anschauungen, die er später in dem Lustspiel „Die Soldaten“ aufstellte, mögen geworden sein. […] Die Poesie, die er in das Gemeinste zu legen wußte, setzte mich oft in Erstaunen.

Goethe schreibt über seinen Freund Klinger. Mit Basedow reist Wolfgang zu Lavater nach Ems. Die gemeinsame Fahrt verläuft vom 15. bis 21. Juli die Lahn hinab in den Rhein nach Köln zu Georg und Fritz Jacobi. Wolfgang rezitiert seine neusten und liebsten Balladen ,Der König von Thule‘ und ,Es war ein Buhle frech genung‘. Weiter geht es mit Basedow und Lavater über Düsseldorf, Pempelfort nach Elberfeld.

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

  • 1774 (3,15)

Zurückgekehrt zu seiner edlen Freundin von Klettenberg dichtet Wolfgang

Sieh in diesem Zauberspiegel
Einen Traum, wie lieb und gut,
Unter ihres Gottes Flügel,
Unsre Freundin leidend ruht.

Die Fabel des Prometheus wird in Wolfgang lebendig. Der junge Dichter trifft am 11. Dezember von Knebel. Dieser, in Weimar angestellt, berichtet, daß Wieland dort in vorzüglicher Gunst stehe, und macht Wolfgang mit dem durchreisenden Weimarer Erbprinzen Carl August bekannt. Dem Vater, der reichsbürgerlich gesinnt ist und sich deshalb von den Großen entfernt hält, gefällt die noble Bekanntschaft nicht. Wolfgang macht sich nichts daraus und reist den Herrschaften nach Mainz nach. In einem Gespräch in Mainz erweisen sich Wolfgangs Befürchtungen wegen seiner mit spitzer Feder geschriebenen Satire Götter, Helden und Wieland als unbegründet. Denn der Weimarer Hof nimmt die Posse heiter und lustig.

Merck, der Wolfgangs Clavigo in die Hände bekommt, urteilt: Solch einen Quark mußt du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die andern auch.

  • 1775 (4,16)

Goethe beklagt sich über den Raubdrucker Christian Friedrich Himburg (* 1733; † 1801).

(4,17) Darauf erzählt er die Geschichte seines Verhältnisses zu Lili und gibt seinem Gefühl Ausdruck in den Versen:

Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?

Demoiselle Delph (* 1728; † 1808) hat seit vielen Jahren das Vertrauen von Lilis Mutter. Überdies kennt und liebt sie Lili von Jugend auf. Wolfgang führt die Demoiselle bei seinen Eltern ein. Die Delph leitet die Verbindung von Lili und Wolfgang in die Wege. Auf einmal Bräutigam, findet Wolfgang: War die Geliebte mir bisher schön, anmutig, anziehend vorgekommen, so erschien sie mir nun als würdig und bedeutend.

Schweiz[Bearbeiten]

Johann Jacob Bodmer, Porträt von Anton Graff, 1781–82
  • 1775 (4,18)

Wolfgang will mit den beiden Grafen Stolberg, Christian und Friedrich Leopold, und mit Graf Haugwitz (* 1752; † 1832) in die Schweiz reisen. Daß du mit diesen Burschen ziehst, ist ein dummer Streich schimpft Freund Merck, weil er findet, Grafen seien nicht die richtige Gesellschaft für Wolfgang, denn, so sagt er ihm: Dein Bestreben, deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative, zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes Zeug.

Auf dem Wege in die Schweiz begegnet Wolfgang in Karlsruhe wiederum den jungen Herzog von Sachsen-Weimar. Der Herzog und seine edle Braut hoffen Wolfgang bald in Weimar zu sehen. Wolfgang reist weiter nach Emmendingen zu seiner mittlerweile verheirateten Schwester. Cornelia, nach Goethes Ansicht für die Ehe überhaupt nicht geschaffen, rät dem Bruder zur Trennung von Lili. Am Rheinfall bei Schaffhausen vorbei reist Wolfgang nach Zürich zu Lavater. In Zürich trifft Wolfgang seinen jungen Freund Jacob Ludwig Passavant (* 1751; † 1827). Der alte Bodmer, am rechten Ufer der Limmat lebend, wird aufgesucht. Auf dem Zürichsee, im Angesicht der Herrlichkeit ringsum, dichtet Wolfgang

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug' ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf…
Andermatt um 1900
[…]
Aug' mein Aug',was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
hier auch Lieb' und Leben ist.
Joseph Mallord William Turner, The Devil's Bridge, St Gothard, um 1803
[…]
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne;
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne,
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht

Wolfgang landet in Richterswil beim Mediziner Dr. Hotz und wallfahrtet durchs Tal von Schindeleggi nach Maria Einsiedeln. Am 16. Juni liegt Schnee auf dem Pfad zum Fuß des Berges Schwyzer Haggen. Wolfgang verlässt die wilde Bergwelt und steigt ab nach Schwyz. Am 17. Juni besteigt er den Rigi und am 18. Juni zeichnet er dort die Kapelle. Am 19. Juni geht es nach Vitznau und von da zum Wasser nach Gersau. Das Rütli wird erklommen auf dem Weg nach Altdorf über Flüelen. Am 20. Juni erreicht Wolfgang Amsteg und betrachtet die schäumende Reuß. Auf dem Wege hinauf nach Andermatt besichtigt Wolfgang am 21. Juni den Teufelsstein, die Teufelsbrücke (s. Abbildung) und das Urserner Loch. Schließlich tritt Wolfgang am 22. Juni hinter dem Gotthard ins steinichte Liviner Tal ein und kehrt um.

(4,19) Über Küßnacht, Zug und die Bergkette Albis kehrt er zurück nach Zürich, wo er Lavater wiederfindet. Goethe bespricht Lavaters Lust, sich ins Unendliche auszudehnen, wozu uns der gestirnte Himmel sogar sinnlich einlädt. Doch Goethes abschließendes Urteil fällt nicht besonders schmeichelhaft für den Freund aus: Er war weder Denker noch Dichter, ja nicht einmal Redner. Goethe philosophiert über Geniereise und Geniestreich.

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

Goethe in einer Zeichnung von Georg Melchior Kraus, 1776
  • 1775 (4,19) Wieder in Frankfurt, wohl empfangen von jedermann, wird Wolfgang erneut mit der Verlobten Lili konfrontiert. Ich war unterrichtet, man habe sie in meiner Abwesenheit völlig überzeugt, sie müsse sich von mir trennen. Einige Monate gingen hin in dieser unseligsten aller Lagen. […] Beide Liebende, sich ihres Zustandes bewußt, vermieden, sich allein zu begegnen. Goethe, der Dichter, drückt dieses Unglück in Versen aus:
Ihr verblühet, süße Rosen,
Meine Liebe trug euch nicht;
Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen,
Dem der Gram die Seele bricht!

In dem Zusammenhang erwähnt er sein Singspiel Erwin und Elmire aus jener traurigen Zeit. Egmont wird angegangen, und zwar ganz anders als Götz von Berlichingen. Gleich zu Anfang nimmt sich Wolfgang die Hauptszenen vor.

(4,20) Die Maler Georg Melchior Kraus (* 1737; † 1806) und Philipp Hackert helfen Wolfgang über manche böse Stunden hinweg. Goethe gesteht: es fehlte mir die eigentliche plastische Kraft. Er bringt die Sprache über Bertuch als Zögling Wielands wieder auf den Weimarer Hof, an dem junge Männer wie Wolfgang gefragt sind: Man blickte nach Persönlichkeiten umher, die in dem aufstrebenden Deutschland so mannigfaches Gute zu fördern berufen sein könnten, und so zeigte sich durchaus eine frische Aussicht, wie eine kräftige und lebhafte Jugend sie nur wünschen konnte. Es kommt, wie es kommen muss. Goethe nimmt vor der Verlobten Reißaus: Ich entschloß mich daher abermals zur Flucht, und es konnte mir deshalb nichts erwünschter sein, als daß das junge herzoglich weimarische Paar von Karlsruhe nach Frankfurt kommen und ich, früheren und späteren Einladungen gemäß, ihnen nach Weimar folgen sollte.

Wahrheit und Dichtung[Bearbeiten]

Die Biographie enthält – über das oben Skizzierte hinaus – eine schier unübersehbare Fülle von Einzelheiten zu Personen und Ereignissen:

Frankfurt am Main[Bearbeiten]

Das Erdbeben von Lissabon
  • 1749 (1,1)

Die schwere Geburt Wolfgangs ist Anlass für seinen Großvater, den Schultheiß Johann Wolfgang Textor, in Frankfurt den Hebammenunterricht zu reformieren.

  • 1755 (1,1)

Das Erdbeben von Lissabon am 1. November mit seinen zahlreichen Menschenopfern führt den kleinen Wolfgang vor Augen, wie sich Gott keineswegs väterlich beweist.

  • 1756 (1,2)

Wolfgangs Vater ist Kaiserlicher Rat. Die Ernennung erfolgte vor Wolfgangs Geburt durch Karl VII.

  • 1757 (1,2)

Der alte Fritz spaltet im Siebenjährigen Krieg die Frankfurter in zwei Lager.

Johann Michael von Loen (* 1694; † 1776), Ehegatte der Schwester von Wolfgangs Großmutter Anna Margaretha Textor (* 1711; † 1783), entzweit mit seinem Buch Die einzige wahre Religion Lutheraner und Calvinisten und streitet über das Buchthema mit dem Theologen Dr. Benner aus Gießen.

Die drei Söhne Senckenbergs nennt Goethe Sonderlinge.

Der kleine Wolfgang findet im väterlichen Bücherschrank Friedrich Rudolf Ludwig von Canitz, Hagedorn, Karl Friedrich Drollinger, Gellert, Creuz, Haller, Benjamin Neukirch und Koppen [Johann Friedrich Kopp] vor.

  • 1759 (1,3)

Goethe glossiert von den Malern aus Frankfurt und Umgebung: Friedrich Wilhelm Hirt (* 1721; † 1772), Christian Georg Schütz, Johann Georg Trautmann, Johann Andreas Benjamin Nothnagel (* 1729; † 1804), Justus Juncker (* 1703; † 1767), Johann Conrad Seekatz und Philipp Hieronymus Brinckmann.

Am Karfreitag, dem 13. April findet die Schlacht von Bergen statt.

  • 1763 (1,4)

Der Hubertusburger Frieden beschert Wolfgang für etliche Jahre ein glückliches Leben.

  • 1764 (1,5)

Erzherzog Joseph wird am 3. April zum Römischen König gekrönt. In Frankfurt sind Exponenten des Reichs zu bestaunen. Wolfgang ist beeindruckt vom Baron von Erthal, dem Krönungsbotschafter Fürst Esterházy und dem Kurfürsten von Mainz. Goethes Kommentar als Augenzeuge des Krönungszuges am Rathaus: Der junge König hingegen schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte. Sogar Lavater kommt vorbei.

Leipzig[Bearbeiten]

Straßburg[Bearbeiten]

  • 1769 (2,9) Goethe erzählt über den königlich-französischen Statthalter Klinglin in Straßburg.

Zitate[Bearbeiten]

  • (1,4) Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat.[4]
  • (2,1) Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.
  • (2,6) Über einen Philosophen: Er hätte mir nur sagen dürfen, daß es im Leben bloß aufs Tun ankomme, das Genießen und Leiden finde sich von selbst.
  • (2,6) Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.
  • (2,7) Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst.
  • (2,8) Der Gelehrte Ernst Theodor Langer (* 1743; † 1820), vorzüglicher Bücherkenner, prägt in Leipzig Wolfgangs Haltung zur Heiligen Schrift und zur christlichen Religion: Bibelfest wie ich war, kam es bloß auf den Glauben an, das, was ich menschlicherweise zeither geschätzt, nunmehr für göttlich zu erklären, welches mir um so leichter fiel, da ich die erste Bekanntschaft mit diesem Buche als einem göttlichen gemacht hatte.
  • (2,8) Die Zeit ist unendlich lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen läßt, wenn man es wirklich ausfüllen will.
  • (2,9) Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.
  • (3,11) Friedrikens Betragen: Die reinste Freude, die man an einer geliebten Person finden kann, ist die, zu sehen, daß sie andere erfreut.
  • (3,11) Wie Kirschen und Beeren schmecken, muß man Kinder und Sperlinge fragen!
  • (3,13) Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen, uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor uns entwickelt daliegen.
  • (3,15) Das gemeine Menschenschicksal, an welchem wir alle zu tragen haben, muß denjenigen am schwersten aufliegen, deren Geisteskräfte sich früher und breiter entwickeln.
  • (4,17) Ein rühriger Geist faßt überall Fuß.
  • (4,17) Jedes Verlangen nach Ruhm ist ehrbar, aller Kampf um das Tüchtige lobenswürdig.

Rezeption[Bearbeiten]

  • Nach Friedenthal will Goethe weniger ein Zeitgemälde präsentieren als vielmehr sein Leben als das „größte Kunstwerk“ hinstellen. Und Goethe meine, sein Aufstieg sei beispielhaft und sollte pädagogisch wirksam dargeboten werden. Also bleibt die Historie möglichst draußen – darf nur ins Buch, wenn es gar nicht anders geht. Warum endet der Roman bereits 1775? fragt sich Friedenthal. Antwort: Goethe möchte keinen Ärger, möchte den noch Lebenden nicht zu nahe treten. Friedenthal gibt zu – das Buch ist Dichtung. Goethe haut nicht auf die Pauke, sondern erzählt heiter und gelassen. Schattenseiten werden nicht weiter ausgeleuchtet. Der Lebensweg verlief glücklich. Goethes Rechnung ging nach Friedenthal voll auf. Die Leserschar nahm die simple Lebenserinnerung an, und in ihrer Einfachheit liegt die Größe von Dichtung und Wahrheit.
  • Brude-Firnau betrachtet den Leser dieser Biographie und den jungen Bibel-Leser Goethe, der sich allmählich – lesend – bildete.
  • Nach Wilpert setzte sich Dichtung und Wahrheit als Titel für dieses lebendige Zeitgemälde durch. Es gehe um nicht weniger als um den Sinn eines Lebens. Der sei nicht durch sequentielles Erinnern, sondern durch Reflexion erschließbar. Sobald Goethe reflektiert, muss der Leser mitunter die Zeitebenen auseinanderhalten. Zum Beispiel spricht Goethe, wenn er den Kölner Sulpiz Boisserée[5] lobend erwähnt, die Zeit nach 1775 an.
  • Der um Objektivität bemühte große Goethe-Biograph Conrady lehnt Dichtung und Wahrheit als Apotheose ab.

Selbstzeugnisse[Bearbeiten]

„Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall mit den ausführlichen Bänden von Wahrheit und Dichtung abschließt. Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse als etwas dabei herauskommt.“

– Goethe am 27. Januar 1824 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann

„Ich bin meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen als in der Zeit jener Liebe zu Lili. Die Hindernisse, die uns auseinanderhielten, waren im Grunde nicht unübersteiglich – und doch ging sie mir verloren!“

– Goethe am 5. März 1830 im Gespräch mit Frédéric Jacob Soret (Genfer Naturwissenschaftler, Prinzenerzieher (* 1795; † 1865))

„Es sind lauter Resultate meines Lebens… Ich dächte, es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch Wahrheit und Dichtung, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt.“

– Goethe am 30. März 1831 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann

Literatur[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Geordnet nach dem Erscheinungsjahr

  • Richard Friedenthal: Goethe – sein Leben und seine Zeit. R. Piper Verlag, München 1963, S. 568–571.
  • Gisela Brude-Firnau In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.), James E. McLeod (Hrsg.): Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Stuttgart 1985, ISBN 3-15-008081-9, S. 319–343.
  • Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon. Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 217–220.
  • Karl Otto Conrady: Goethe – Leben und Werk. Düsseldorf und Zürich 1999, ISBN 3-538-06638-8, S. 859–861.

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiversity: Die essayistischen Einschaltungen in Goethes «Dichtung und Wahrheit» – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
 Wikiversity: Titelblatt und zeitgenössische Einbände der Erstausgabe – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke, Band 8. Phaidon Verlag, Essen 1999, ISBN 3-89350-448-6, S. 430.
  2. Richard Friedenthal: Goethe – sein Leben und seine Zeit. R. Piper Verlag, München 1963, S. 569 u.
  3. Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke, Band 8. Phaidon Verlag, Essen 1999, ISBN 3-89350-448-6, S. 301, Sesenheimer Lieder: Mailied, Willkommen und Abschied, Mit einem gemalten Band
  4. Mephistopheles in Faust I: «Du bleibst doch immer, was du bist.»
  5. Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke, Band 8. Phaidon Verlag, Essen 1999, ISBN 3-89350-448-6, S. 250.