Dicuil

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Dicuil (in älteren Schriften auch Dikuil; lat. Dicuilus[1]) war ein iro-schottischer Mönch und Gelehrter, der in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts geboren wurde und in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts für die Nachwelt wichtige naturwissenschaftlichen Schriften verfasste. Sein Todesdatum ist unbekannt.

Betätigung[Bearbeiten]

Dicuil gehörte wahrscheinlich zu einem der zahlreichen iro-schottischen Klöster des Frankenreiches[2] und war durch eigene Erfahrung mit der Inselwelt im Norden Britanniens vertraut.

Wissenschaftlich betätigte Dicuil sich zum einen als Astronom und schrieb zwischen 814 und 816 ein astronomisches Buch. Dieses vierbändige astronomische Werk ist eine Art von Computus, d.h. ein System zur Ermittlung des Osterdatums. Nur eine Handschrift ist hiervon erhalten, ursprünglich im Besitz der Bibliothek des Amandusklosters in Elno, befindet sie sich heute in Valenciennes[3]. Aufgrund einer indirekten Ortsangabe in diesem Werk wird die karolingische Hofschule in Aachen als Wirkungsort Dicuils erwogen[4].

Zum anderen wirkte er auch als Geograph und verfasste 825 ein geographisches Werk mit dem lateinischen Titel 'De mensura Orbis terrae'. Dieses Buch enthält den frühesten bekannten Bericht über die Besiedelung Islands. Auch wird von ihm eine bis dahin unbekannten Inselgruppe im Nordatlantik erwähnt, bei der es sich wohl um die Inselgruppe der Färöer handelt[5]. Weiterhin liefert er darin den klarsten westlichen Bericht über den Kanal, der einmal den Nil mit dem Roten Meer verband.

De mensura Orbis terrae[Bearbeiten]

'De mensura Orbis terrae' ist eine Zusammenfassung der Erdkunde, die präzise Auskünfte über verschiedene Länder enthält. Das Werk beruht auf der 'Mensuratio orbis', die 435 im Auftrag Theodosius II. erstellt worden war, und von der ein Exemplar seinen Weg an den karolingischen Hof gefunden hatte. Godescalc hatte bereits 781-783 von dieser Handschrift Gebrauch gemacht, als er sein berühmtes 'Evangelistarium' geschrieben hatte. Als Quellen dienten Dicuil auch Plinius der Ältere, Paulus Orosius, Isidor von Sevilla und andere Autoren, sowie seine eigenen Untersuchungen.

In neun Abschnitten behandelt er nacheinander Europa, Asien, Afrika, Ägypten, Äthiopien, das Ausmaß der Erdoberfläche, die fünf großen Flüsse, bestimmte Inseln, die Länge und Breite des Tyrrhenischen Meeres, und die sechs (höchsten) Berge.

Obgleich das Werk hauptsächlich eine Zusammenfassung darstellt, so ist es doch nicht ohne Wert. Dicuil ist unsere einzige Quelle, die Einzelheiten über die unter Theodosius II. vorgenommenen Landvermessungen enthält. Seine im Allgemeinen exakten Zitate sind nützlich zur Textkritik der erwähnten Autoren. Von großem Interesse sind auch die wenigen Berichte, die er von Reisenden seiner Zeit erhalten hat - so etwa von dem Mönch Fidelis, der (im Jahre 762?) den damals noch existierenden Kanal zwischen dem Nil und dem Roten Meer entlangreiste, und von Geistlichen, die sechs Monate in Island gelebt hatten. Die Handschrift war den Welsern, Isaac Vossius, Salmasius, Hardouin, und Schöpflin bekannt. Im Druck erschien das Werk zuerst unter dem Titel 'Dicuili Liber de mensura orbis terrae ex duobus codd. mss. bibliothecae imperialis nunc primum in lucem editus a Car. Athan. Walckenaer' (Paris, 1807). Neuere Ausgaben sind die von G. Parthey (Berlin, 1870), und von J.J. Tierney, 'Dicuil: Liber de mensura orbis terrae', 6. Band der Reihe Scriptores Latini Hiberniae (Dublin 1967).

Quellenhinweis[Bearbeiten]

Dieser Artikel enthält Text aus der Catholic Encyclopedia.

Literatur[Bearbeiten]

  • Liber de mensura orbis terrae, Dicuilus. Bieler, Ludwig [Bearb.]. Tierney, James J. [Hrsg.]. In der Reihe: Scriptores latini Hiberniae / 6 - Dublin (1967) opac.regesta-imperii.de
  • The Text tradition of Dicuil’s Liber de mensura orbis terrae. Bieler, Ludwig. In Proceedings of the Royal Irish Academy Volume 64 (1965-1966), Section C, 1-31. (1, March 1965)

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Name Dicuil geht zurück auf einen irischen Heiligen des 6. Jahrhunderts namens Dichuil, lat. auch Deicolus. Bekannt ist weiterhin noch ein irischer Abt Dichuil von Cluain Mór Dicholla. Der karolingische Dicuil nennt bei der Widmung des Werkes an Kaiser Ludwig in fol. 73 des astronom. Werkes seinen eigenen Namen: "Successor Caroli, felix Hlodvice, valeto, Dicuil haec ego que feci argumenta videto."
  2. Alkuin, einer der führenden Gelehrten an der Aachener Hofschule, soll angeblich einen Studienaufenthalt in Irland bei Coelchu (auch Colga, Colchu, Colcu bzw. Colgu, lateinisch: Colcus; gest. 794/796), seines Zeichens Abt des Klosters Clonmacnoise, verbracht haben. Jedoch ist eine Verbindung zu dem Abt des irischen Klosters nur durch Briefe Alkuins gesichert. Wegen dieser Verbindung wird auch für Dicuil zuweilen Clonmacnoise als Herkunftsort vermutet. Siehe hier. Ausgeschlossen wird aber auch nicht das Kloster Tallaght. Im Jahr 803 hatte Alkuin gegenüber Kaiser Karl auf den zunehmenden Einfluss ("the daily increasing influence of the Irish at the school of the Palace.") der irischen Mönche in der Aachener Palastschule hingewiesen.
  3. Codex Valentianensis, N. 4. 43 (No. 386 catalogi Mangearti), olim antiquae bibliothecae coenobii S. Amandi, N. 247, e membranaceus, litteris minusculis, saeculo nono exeunte, scriptus, 118 foliis constat.
  4. Im ersten Buch (Libellus) dieses Werkes gibt er einen indirekten Hinweis auf seinen Aufenthaltsort, indem er in einem Widmungsgedicht an Kaiser Ludwig erklärt, dass er dessen Ankunft zur Geschenkübergabe Mitte Mai 814 freudig erwartet habe (Siehe hier). Zu Beginn der Sommerfeldzüge wurde dem fränkischen Herrscher üblicherweise mit der Überreichung eines Geschenkes durch die führenden Köpfe des Reiches gehuldigt und gleichzeitig damit die Treue demonstriert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Geschenkübergabe, so kurz nach dem Tod Kaiser Karls, wohl in Aachen stattfand, der damaligen Hauptstadt des fränkischen Reiches.
  5. Wegen der zentralen Bedeutung des Textes über die unbekannten Inselgruppe, hier der lateinische Textstelle: 3. Sunt aliae insulae multae in Septentrionali Britanniae Oceano, quae a septentrionalibus Britanniae insulis duorum dierum ac noctium recta navigatione, plenis velis, assiduo feliciter adiri queunt. Aliquis presbyter religiosus mihi retulit quod, in duobus aestivis diebus, et una intercedente nocte, navigans in duorum navicula transtrorum, in unam illarum intrivit. Illae insulae sunt aliae parvulae; fere cunctae simul angustis distantes fretis, in quibus in centum ferme annis heremitae ex nostra Scotia navigantes habitaverunt, sed, sicut a principio mundi, desertae semper fuerunt; ita, nunc causa latronum Normannorum, vacuae anachoritis, plenae innumerabilibus ovibus, ac diversis generibus multis nimis marinarum avium. Nunquam eas insulas in libris auctorum memoratas invenimus. Insbesondere die Beschreibung der schmalen Sunde zwischen den Inseln in dem Satz Illae insulae sunt aliae parvulae; fere cunctae simul angustis distantes fretis,... lässt auf die Färöer schließen, da die schmalen Sunde charakteristisch für diese Inseln sind.