Die Abenteuer des Werner Holt

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Dieter Noll (rechts) bei einer Lesung der Werner-Holt-Romane

Die Abenteuer des Werner Holt ist ein zweibändiger, in den Jahren 1960 und 1963 erschienener Entwicklungsroman des DDR-Schriftstellers Dieter Noll. Die Popularität des ersten Bandes „Roman einer Jugend“ zog eine Fortsetzung mit dem Titel „Roman einer Heimkehr“ nach sich. Basierend auf dem ersten Teil entstand 1965 der 165-minütige Schwarzweiß-Film Die Abenteuer des Werner Holt mit Klaus-Peter Thiele in der Hauptrolle. In der Polytechnischen Oberschule in der DDR gehörte der erste Band dieses Buches zum Lehrplan.

Die Abenteuer des Werner Holt – Roman einer Jugend[Bearbeiten]

Der erste Band erzählt mit dem Untertitel Roman einer Jugend die Geschichte des Gymnasiasten Werner Holt und seiner Klassenkameraden Gilbert Wolzow, Sepp Gomulka, Christian Vetter und Peter Wiese, die kurz vor ihrem Abitur und mit Ausnahme von Wiese freiwillig und voller Begeisterung als Flakhelfer in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Wiese, mehr von klassischer Musik angetan und eigentlich untauglich für den Wehrdienst, ist der einzige unter ihnen, der kein Interesse am Krieg zeigt und sich lediglich dem Druck seiner Eltern beugt. Ihre Erlebnisse, vor allem das Grauen, das sie erleben, und die innere Verrohung, werden realistisch beschrieben. Die Beschreibung eines Luftangriffs auf Wattenscheid gehört zu den eindrucksvollsten Schilderungen des Bombenkrieges in der deutschen Literatur.

Werner Holt erlebt verschiedentlich Situationen, die in ihm Zweifel wecken könnten. Sein Vater, Arzt und Wissenschaftler, verliert seine Arbeit, weil er nicht bereit ist, seine Forschung in den Dienst der Nationalsozialisten zu stellen und sich weigert Giftgas für die Tötung von „Großsäugern“ (Zyklon B) zu entwickeln. Der Vater seiner Bekannten Uta Barnim, ein Oberst der Armee, der in aussichtsloser Lage seine Truppen zur Kapitulation brachte, selber aber nicht rechtzeitig fliehen kann, wird als Verräter hingerichtet, die Familie kommt in Sippenhaft. Der HJ-Führer des Ortes, der kurz vor seiner Aufnahme in die SS steht, ist verantwortlich für den Tod eines Mädchens und denunziert ihren Vater, um ihn zum Schweigen zu bringen. Holt beschließt aus seiner teilweise romantisch geprägten Weltsicht heraus, das Mädchen zu rächen. Es gelingt ihm, Wolzow zum Mitmachen zu überreden. Gemeinsam locken sie den ahnungslosen HJ-Führer Meissner in einen Hinterhalt, bedrohen ihn mit Pistolen und zwingen ihn, ein Schuldanerkenntnis zu unterschreiben. Wolzow schlägt im Anschluss daran Meissner zusammen. Holt jedoch ignoriert in seiner Begeisterung für die Abenteuer, die ihm diese Zeit bietet, die vielen Hinweise auf den menschenverachtenden Charakter des von ihm gelebten Nationalsozialismus. Holt glaubt fest an das Schicksal, dem er sich beugen muss, so wie die Propaganda es ihm eintrichtert.

Während Wolzow, Sohn eines Obersten, den Sinn eines Krieges nie hinterfragt und ihn nur als Karrierechance ansieht, erleben Holt und Gomulka zunehmend den verbrecherischen Charakter des Krieges und des NS-Systems. Erste Zweifel kommen Holt, als er während seines Dienstes als Flakhelfer zum ersten Male realen „Untermenschen“ begegnet und erkennt, dass ihr tierischer Anblick nur ihrem ausgemergelten Zustand zuzuschreiben ist. Diese Sowjetsoldaten werden schwer misshandelt und sind fast am Verhungern. Als Holts Vater, den er über Weihnachten besucht, ihm die Wahrheit letztlich ins Gesicht schleudert, da will Holt sie nicht annehmen. Er kann sich noch immer nicht vorstellen, dass er selber Verbrechern dient und stellt seine soldatische Pflicht über jedes andere Gesetz.

Zusätzlichen Anstoß erhält er während eines Urlaubes, als er das Mädchen Gundula (Gundel) Thieß kennenlernt, die als Tochter eines Kommunisten von den anderen Jugendlichen als „Volksverräterin“ isoliert wird und im Haus eines SS-Angehörigen als Hausmädchen arbeiten muss.

Während des Arbeitsdienstes in der Slowakei kommt für Holt und Gomulka der Wendepunkt: In einem Sägewerk entdecken sie die Überreste eines von SS-Männern grausam verstümmelten und ermordeten mutmaßlichen Partisanen. Beide beginnen, an der Gerechtigkeit ihrer Sache zu zweifeln. Gomulka, der von seinem intellektuellen Vater schon vorher über verschiedene Dinge aufgeklärt wurde sagt: „Jetzt glaube ich alles!“ und entschließt sich kurz vor Ende der Handlung zur Desertion. Er lässt sich von der anrückenden Roten Armee gefangen nehmen. Holt dagegen folgt zunächst noch seinem Freund Wolzow, selbst als Wiese von einem SS-Mann erschossen wird, nachdem er diesen wegen der Ermordung eines KZ-Häftlings während eines Todesmarsches tätlich angegriffen hatte. Holt weiß, dass die Sache, für die er kämpft, falsch ist, aber er fühlt sich einerseits seinem Soldateneid noch verpflichtet, andererseits will er nicht als Verräter dastehen, der Deutschland in seiner schwersten Stunde verrät. Erst an der Westfront kommt es zum Bruch zwischen Holt und Wolzow. Wolzow übernimmt nach der Flucht des Kommandanten das Kommando über eine Einheit der Wehrmacht. In einem sinnlosen Gefecht hält er den US-Angriff auf eine Kleinstadt auf und begeht dabei Kriegsverbrechen wie die Erschießung sich ergebender US-Soldaten. Auch ein 16-jähriger deutscher Soldat, der in einer chaotischen Situation die Nerven verliert und geflüchtet war, wird von ihm erschossen. Wolzow steht eisern zu seinem Soldateneid und ist bereit bis in den Tod zu kämpfen. Er plant, die Überreste der Einheit in einem letzten Gefecht mit der US Army aufzureiben. Holt fragt sich, was die Soldaten für Wolzow sind und erkennt, dass sie nur Figuren sind, welche er gleich den Strategiespielchen in der Ausbildung im Sandkasten hin und her schiebt. Als Holt sich die Frage stellt, was Wolzow für die Soldaten ist, erkennt er endlich die Wahrheit. Wolzow ist das Schicksal für die Soldaten! Wolzow schickt sie in den Tod, keine Vorsehung, kein Schicksal. Der Mensch Wolzow ist verantwortlich. „Mein Schicksal heißt Wolzow.“ Holt entwaffnet Wolzow, stellt den Soldaten der Einheit frei sich zurückzuziehen oder den Amerikanern zu ergeben, und flieht. Als er kurze Zeit später davon erfährt, dass Wolzow von einem SS-Trupp gehängt werden soll, dessen Anführer der ehemalige HJ-Führer Meissner ist, kehrt er zurück und tötet eine Reihe SS-Männer mit einem Maschinengewehr, nachdem diese Wolzow erhängt hatten. Holt wird von amerikanischen Soldaten gefangengenommen und erlebt die Entbehrungen der Kriegsgefangenschaft in verschiedenen Lagern. Erheblich geschwächt und krank wird er entlassen und macht sich auf die Suche nach Gundel, die inzwischen, entsprechend dem Versprechen, das Holt Gundel während seines letzten Urlaubes gegeben hat, bei seinem Vater wohnen soll. Holt reist mit schwindenden Kräften quer durch Deutschland in die sowjetische Besatzungszone, findet dort Gundel und seinen Vater, der inzwischen von den Sowjets zu einem leitenden Chemiker in einem Chemiebetrieb gemacht wurde, und bricht dann wegen völliger Erschöpfung zusammen. Der erste Band endet damit, dass Holt sich an der Seite von Gundel wieder erholen wird.

Die Abenteuer des Werner Holt – Roman einer Heimkehr[Bearbeiten]

Buchdeckel des zweiten Teils

Der zweite Band mit dem Untertitel „Roman einer Heimkehr“ enthält die Odyssee des völlig desillusionierten, mitunter zynischen Werner Holt durch das Nachkriegsdeutschland. Weder bei seinem Vater, der leitender Chemiker einer Chemiefabrik in der Sowjetischen Besatzungszone geworden ist, noch bei seiner Mutter, die ihn in Industriellenkreise in den Westzonen einführen will, findet er ein Zuhause oder eine Perspektive für sein weiteres Leben. Werner Holts Skepsis gegenüber jeder Zukunftsvision privater oder politischer Natur ist die Folge seines enttäuschten Glaubens an die nationalsozialistische Ideologie; er lehnt jetzt jegliche Weltanschauung ab und misstraut allen Menschen seiner Elterngeneration, die er für die Fehler der Vergangenheit verantwortlich macht. Aber auch seine eigene Generation verachtet er. Den jungen Kommunisten Schneidereit aus dem Betrieb seines Vaters kann er nur als politisch naiven Aktivisten und Rivalen im Kampf um seine Jugendfreundin Gundel Thieß sehen; die Jugendlichen aus den mit seiner Mutter befreundeten Hamburger Bürgerfamilien verachtet er in ihrer Bereitschaft, die nazistische Vergangenheit ihrer Väter zu glorifizieren und in ihre Fußstapfen zu treten. Den ehemaligen Widerstandskämpfer und KZ-Häftling Müller in der Chemiefabrik respektiert Holt zwar, aber er empfindet ihm gegenüber auch Scham, die Distanz schafft; Müller ist der einzige, der erkennt, dass Holt viel Geduld braucht, um sich entwickeln zu können.

Dem Kommunisten Schneidereit, dem Holt letztlich im Buhlen um Gundels Gunst unterliegt, schleudert er seine Erkenntnisse ins Gesicht. Er, Schneidereit, habe die Hölle auf Erden erlebt, im Gefängnis und im KZ gesessen, aber er wusste wenigstens warum und dass er auf der richtigen Seite stand. Er, Holt, hat die Hölle auf Erden erlebt, sah wie Freunde fielen, wusste am Ende, dass alles falsch war und er Verbrechern diente, aber ihm sagte keiner, was der richtige Weg ist. Um ihn herum brach seine Welt und sein Glauben zusammen, es starben Menschen und es wurden Verbrechen begangen, aber es war keiner da, der ihm auf dem Weg zu Wahrheit half. Er musste das alles allein erkennen.

Am Ende dieser Reise durch Ost und West, durch Lebenslügen und Weltanschauungen entschließt sich Werner Holt, sein Abitur dort nachzuholen, wo sein Vater lebt: in der sowjetischen Besatzungszone. Eine der wenigen positiven Figuren aus seiner Zeit als Luftwaffenhelfer ist Gottesknecht, der ihn als Lehrer an der Schule unterstützt, aber auch herausfordert und kritisiert. Die Erfolge beim Lernen, aber auch der immer wiederkehrende Zwang, in entscheidenden Situationen Stellung zu nehmen, bilden die Grundlage für ein sich allmählich änderndes Lebensgefühl des Protagonisten. So stellt er sich gegen einen Kameraden aus der Luftwaffenhelferzeit, der zunächst ein Schwarzmarkthändler, dann ein Krimineller und schließlich ein in allen Besatzungszonen gesuchter Mörder wird. Auch die Verantwortung, die er mit einer Liebesbeziehung zu einem jüngeren Mädchen übernommen hat, bringt ihn letztlich dazu, seinen Zynismus aufzugeben und seine Gefühlswelt neu zu entdecken. Aus dem durch den Krieg viel zu früh gereiften Holt mit seiner Landsknechtsmentalität wird am Ende des Romans ein junger Mann, der aus eigener Entscheidung heraus Verantwortung übernimmt, der beginnt, seine Umwelt mitzugestalten, ohne dabei seine kritische und kompromisslose Haltung aufzugeben. Das „Heim“, in das er einkehren will, wurde im Krieg zerstört. Ein neues kann nur unter seiner Mitwirkung geschaffen werden: „Ich komme aus einer Welt, die mich in einen einzigen Irrtum geführt hat, und ich will aus diesem Irrtum heraus in die Freiheit“, sagt er am Ende des Romans.

Kippenberg[Bearbeiten]

Dieter Noll bei einer Signaturstunde zu seinem Roman "Kippenberg"

Ein ursprünglich geplanter dritter Band von Die Abenteuer des Werner Holt, der die weitere Entwicklung des Protagonisten aus den ersten beiden Bänden in der DDR zum Thema haben sollte, wurde nie geschrieben. In gewisser Weise kann der Roman Kippenberg als Fortsetzung der Figur des Werner Holt verstanden werden: Ein überaus erfolgreicher Chemiker durchlebt in den siebziger Jahren eine Lebenskrise, die ihn mit eigenen Fehlentscheidungen und Lebenslügen, aber auch, ausgelöst durch den Kontakt mit einer jungen Frau, die aus den ihr vorgezeichneten Lebensbahnen ausschert, mit in Vergessenheit geratenen Zielen aus der Aufbauzeit der DDR konfrontiert. Im Mittelpunkt des Romans steht allerdings eine kritische Auseinandersetzung mit der Realität von Entscheidungsfunktionen und -strukturen der DDR, insbesondere im Kräftedreieck Wissenschaft/Partei/Industrie, mit saturierten Entscheidungsträgern, die sich, wie die Titelfigur auch für sich selbst erkennen muss, entfernt haben von den ursprünglichen Zielen einer sozialistischen Gesellschaft. Wie schon im Werner Holt vermeidet der Autor auch in Kippenberg die Zeichnung einer Heldenfigur. Der Chemiker Kippenberg wirft mehr Fragen auf, als er beantworten kann, findet Wege, die, aus Widersprüchen entstanden, neue Widersprüche produzieren. Unterschiedliche und oftmals inkompatible fachliche und gesellschaftliche Standpunkte der Protagonisten werden in ihrer biografischen Bedingtheit nachvollziehbar. Dieter Noll erhielt 1979 für Kippenberg den Nationalpreis der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Noll: Die Abenteuer des Werner Holt. Roman einer Jugend. 8. Auflage. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-7466-1043-5
  • Dieter Noll: Die Abenteuer des Werner Holt. Roman einer Heimkehr. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1964