Die Brück’ am Tay

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Historische Abbildung der ersten Firth-of-Tay-Brücke
Die eingestürzte Brücke

Theodor Fontanes Ballade Die Brück’ am Tay handelt vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, der mit einem Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. Die Brücke war 1871–1878 unter enormem Aufwand erbaut worden und bereits eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung im Sturm zusammengebrochen. Fontane, der Schottland bereist hatte, umrahmt die Darstellung des Unglücks mit dem Motiv der Hexen aus Shakespeares Macbeth und macht seine Ballade so zu einer Mahnung vor technikgläubiger Hybris. Sein Fazit legt er einer der Hexen in den Mund:

Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand.

Werkgeschichte[Bearbeiten]

Brücke am Tay

Fontane schrieb die Ballade „in den ersten Tagen des Januar unter dem Eindruck des furchtbaren Eisenbahn-Unglücks in Schottland“,[1] so dass sie bereits am 10. Januar 1880 in Heft 2 der Zeitschrift Gegenwart erscheinen konnte. Am 15. Januar 1880 schrieb er in einem Brief an seine vertraute Briefpartnerin Mathilde von Rohr:

Letzte Woche hab ich in No. 2 der ‚Gegenwart‘ ein Gedicht publicirt: ‚Die Brück’ am Tay‘, in dem ich den furchtbaren Eisenbahnunfall bei Dundee balladesk behandelt habe. […] Es hat hier eine Art Sensation gemacht, vielleicht mehr als irgend ’was, was ich geschrieben habe. Sonntag über 14 Tage wird es Kahle in einem Singakademie-Concert vortragen.[2]

Fontanes Quelle war ein ausführlicher Bericht „Das Eisenbahnunglück auf der Taybrücke“ in der Vossischen Zeitung vom 30. Dezember 1879.[3]

Inhalt[Bearbeiten]

Drei Hexen verabreden sich, um die Brücke mit dem darüber fahrenden Zug einstürzen zu lassen. Das eigentliche Unglück wird aus der Perspektive der „Brücknersleute“ und des Lokführers geschildert. Die Hexen verabreden das nächste Treffen und sind mit ihrem Vernichtungswerk zufrieden.

Die drei Hexen aus Macbeth

Die Ballade beginnt mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth:[4]

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“

„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“

„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“

„Und der Zug, der in die Brücke tritt

Um die siebente Stund?“

„Ei, der muß mit“

„Muß mit.“

„Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!“

Das vorangestellte Motto aus Macbeth: When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain? stellt den Bezug zu diesem Drama her, dessen erste Szene in der ersten Strophe der Ballade variiert wird. Die Hexen sollen wie bei Shakespeare als personifizierte Naturgewalten im Sinne der Erinyen verstanden werden, die ein weiteres Mal ihre Pläne verfolgen, die des Menschen Werk zunichtemachen.

Das Brückenwärterehepaar erwartet ängstlich den Zug aus Edinburgh und seinen Sohn Johnie, den Lokführer, der sie heute, drei Tage nach Weihnachten, besuchen will.

Und die Brücknersleut, ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und Warten, ob nicht ein Licht,
Übers Wasser hin „Ich komme“ spricht,
„Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.“

Diesen dem Zug und damit der modernen der Technik zugeschriebenen Glauben, alles meistern zu können, teilt auch Johnie:

Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf,
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter: das Element.

Voll Stolz auf die Leistung seiner modernen Lokomotive denkt er an die Umständlichkeiten der Zeit vor der Errichtung der Brücke:

Und unser Stolz ist unsre Brück;
Ich lache, denk ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;

Doch Johnies Eltern müssen mit ansehen, wie der Zug letztlich ins Meer stürzt:

Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel‘,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

Damit endet die Schilderung des Unglücks. Viel mehr konnte Fontane bei der Abfassung des Gedichts Anfang Januar auch noch nicht bekannt sein. Selbst die Hexen, die nun noch einmal zu Wort kommen, werden sich erst bei ihrem nächsten Treffen Details wie Zahl und Namen der Opfer und ihre Schicksale mitteilen können.

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“

„Um Mitternacht, am Bergeskamm.“
„Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.“
„Ich komme.“
„Ich mit“
„Ich nenn’ euch die Zahl.“
„Und ich die Namen.“
„Und ich die Qual.“

„Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.“

„Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!“

Gestaltung des Gedichts[Bearbeiten]

Die Ballade besteht aus sieben Strophen, die mittleren fünf davon zu je acht Knittelversen. Die beiden Rahmenstrophen fallen auch optisch auf, weil – dem Wortwechsel des Hexendialogs folgend – ein Vers in zwei oder in der letzten Strophe sogar über drei Zeilen aufgespalten ist. Die erste Strophe besteht aus elf, die letzte, eine verkürzte Variation der ersten, aus neun Versen, wobei die erste und letzte Zeile der Strophen jeweils identisch sind.

Von den sich gegen das Versmaß stellenden Versen „Hei!“ und „Tand, Tand...“ der letzten Strophe abgesehen, haben die Verse jeweils vier Hebungen mit freier Füllung durch unbetonte Silben. Im ersten Vers wird hinter „drei“ die Senkung durch eine Synkope unterdrückt, so dass zwei betonte Silben direkt aufeinandertreffen. Der vorletzte Vers der 1. Strophe „Muß mit… Tand, Tand“ besteht sogar nur aus Hebungen aufgrund einer Durchsynkopisierung. Dem Knittelvers gemäß ist der Endreim ein Paarreim. Die lockere Form des Knittelverses eignet sich besonders gut für Erzählgedichte und ist daher seit dem Mittelalter gängig, besonders für volkstümliche Gedichte oder Gedichte, die den volkstümlichen Tonfall nachahmen. Im Gegensatz zu der Lockerheit des Versmaßes steht die Strenge der Kadenzbildung. Jeder Vers endet männlich, das heißt mit einer betonten Silbe. Dadurch wird etwa die Hälfte der deutschen Wörter für die Gestaltung des Versendes ausgeschlossen. Fontane bringt den Vers hinsichtlich Versmaß und Kadenz in eine Balance von Lockerheit und Strenge. Diese ist charakteristisch für die Kunstballade und unterscheidet sie von der Volksballade, die Strenge in der formalen Gestaltung nicht kennt.

Die fünf Binnenstrophen, die die Minuten vor dem Unglück aus verschiedenen Perspektiven erzählen, bestehen abermals aus einem Rahmen um die mittleren drei Strophen, die weitgehend in wörtlicher Rede die Beobachtungen und Gedanken des Lokführers und seiner wartenden Eltern im Brückenhaus wiedergeben. Die erste Hälfte der 2. und 6. Strophe, die den Binnenrahmen bilden, ist im Wortlaut identisch, die zweite Hälfte mit den Signalwörtern Sturm und Nacht variiert und gesteigert. Auch sonst werden viele Motive wiederaufgenommen und variiert (Licht, Christfest, Wasser). Dieses Variationsprinzip korrespondiert mit der oben erwähnten metrischen Balance.

Eine Ballade enthält normalerweise Merkmale der drei literarischen Gattungen, was auch hier der Fall ist. Als Erzählgedicht bedient es sich der Gestaltungsmerkmale von Lyrik (Verse, Versmaß, Reim) und Epik (Handlungsverlauf darstellen). Wörtliche Rede ist das entscheidende Merkmal der Dramatik. Sie dominiert mit einem Anteil von mehr als zwei Dritteln das Gedicht.

Dem schon hinreichend spektakulären Unglück gibt Fontane eine zusätzlich unheimliche Komponente durch den Hexendialog in den Rahmenstrophen: Durch Verzicht auf Zuordnung der Einzelsätze zu den Beteiligten suggeriert er ein Stimmengewirr rational nicht fassbarer Mächte, die die Rationalität der menschlichen Ingenieurskunst zunichtemachen.[5] Das intertextuelle Macbeth-Zitat nutzt dessen Implikationen (die Hexen sind Ausdruck von Macbeths Gewissensbissen und des psychischen Drucks) zur konservativ-skeptischen Botschaft des sechzigjährigen Dichters: Die Hybris der technischen Welt verlangt nach einem Korrektiv.

Text[Bearbeiten]

 Wikisource: Die Brück’ am Tay – Quellen und Volltexte
  • Theodor Fontane: Die Brück am Tay. (28. Dezember 1879). In: Ders.: Gedichte I. 2. durchges. u. erw. Aufl. 1995 (Grosse Brandenburger Ausg.), S. 153–155.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Karl Hotz (Hrsg.): Gedichte aus sieben Jahrhunderten – Interpretationen. 1. Auflage. Buchner, Bamberg 1987, ISBN 3-7661-4311-5.
  •  Edgar Neis: (Hrsg.): Interpretationen von 66 Balladen, Moritaten und Chansons. Analysen und Kommentare. 1. Auflage. Bange, Hollfeld 1978, ISBN 3-8044-0590-8.
  •  Wolfhard Keiser: (Hrsg.): Deutsche Balladen interpretieren. 2. Auflage. Bange, Hollfeld 2006, ISBN 3-8044-1477-X.

Medien[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tagebuch 1880. in: Fontane, Theodor. Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Sechster Band. Helmuth Nürnberger (Hrsg). ISBN 3-446-11456-4, S. 1128 books.google.de
  2. Aus meinem bunten Leben: ein biographisches Lesebuch von Theodor Fontane, Walter Hettche. Carl Hanser Verlag 1998. S. 173 books.google.de
  3. Theodor Fontane, Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Sechster Band. Helmuth Nürnberger (Hrsg). ISBN 3-446-11456-4, S. 1065 ff. books.google.de
  4. Zeno.org
  5. Wolfhard Keiser: Deutsche Balladen interpretieren, Königs Erläuterungen, 2. Auflage 2006, S. 44