Die Brück’ am Tay
Theodor Fontanes Ballade Die Brück' am Tay handelt vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, der mit einem Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. Die Brücke war 1871–1878 unter enormem Aufwand erbaut worden und bereits eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung im Sturm zusammengebrochen. Fontane, der Schottland bereist hatte, umrahmt die Darstellung des Unglücks mit dem Motiv der Hexen aus Shakespeares Macbeth und macht seine Ballade so zu einer Mahnung vor technikgläubiger Hybris. Sein Fazit legt er einer der Hexen in den Mund:
- "Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand."
Ähnliche Reaktionen löste 32 Jahre später der Untergang der angeblich unsinkbaren Titanic aus.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Werkgeschichte
Fontane schrieb die Ballade "in den ersten Tagen des Januar unter dem Eindruck des furchtbaren Eisenbahn-Unglücks in Schottland",[1] so dass sie bereits am 10. Januar 1880 in Heft 2 der Zeitschrift "Gegenwart" erscheinen konnte. Am 15. Januar 1880 schrieb er in einem Brief an seine vertraute Briefpartnerin Mathilde von Rohr:
- Letzte Woche hab ich in No. 2 der ‚Gegenwart‘ ein Gedicht publicirt: ‚Die Brück' am Tay‘, in dem ich den furchtbaren Eisenbahnunfall bei Dundee balladesk behandelt habe. […] Es hat hier eine Art Sensation gemacht, vielleicht mehr als irgend 'was, was ich geschrieben habe. Sonntag über 14 Tage wird es Kahle in einem Singakademie-Concert vortragen.[2]
Fontanes Quelle war ein ausführlicher Bericht "Das Eisenbahnunglück auf der Taybrücke" in der Vossischen Zeitung vom 30. Dezember 1878.[3]
[Bearbeiten] Inhalt
Drei Hexen verabreden sich, um die Brücke mit dem darüber fahrenden Zug einstürzen zu lassen. Das eigentliche Unglück wird aus der Perspektive der "Brücknersleute" und des Zugführers geschildert. Die Hexen verabreden ein weiteres Treffen und sind mit ihrem Vernichtungswerk zufrieden.
Die Ballade beginnt mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth:[4]
„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
- „Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
- „Am Mittelpfeiler.“
- „Ich lösche die Flamm.“
- „Ich mit“
- „Ich komme vom Norden her.“
- „Und ich vom Süden.“
- „Und ich vom Meer.“
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“Um die siebente Stund?“
- „Und der Zug, der in die Brücke tritt
„Muß mit.“
- „Ei, der muß mit“
Die vorangestellte Motto aus Macbeth: When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?, stellt den Bezug zu diesem Drama her, dessen erste Szene in der ersten Strophe der Ballade variiert wird. Die Hexen sollen wie bei Shakespeare als personifizierte Naturgewalten im Sinne der Erinyen verstanden werden, die ein weiteres Mal ihre Pläne verfolgen, die des Menschen Werk zunichte machen.
Das Brückenwärterehepaar erwartet "in Bangen" den Zug aus Edinburgh und seinen Sohn Johnie, den Lokführer, der sie heute, drei Tage nach Weihnachten, besuchen will.
Und die Brücknersleut, ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und Warten, ob nicht ein Licht,
Übers Wasser hin „Ich komme“ spricht,
„Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.“
Diesen dem Zug und damit der modernen der Technik zugeschriebenen Glauben , alles meistern zu können, teilt auch Johnie:
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf,
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter: das Element.
Voll Stolz auf die Leistung seiner modernen Lokomotive denkt er an "Jammer" und "Not" der alten Zeit vor der Errichtung der Brücke:
Und unser Stolz ist unsre Brück;
Ich lache, denk ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Doch Johnies Eltern müssen mit ansehen, wie der Zug letztlich ins Meer stürzt:
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel‘,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.
Damit endet die Schilderung des Unglücks. Viel mehr konnte Fontane bei der Abfassung des Gedichts "in den ersten Tagen des Januar" darüber auch noch nicht bekannt sein. Selbst die Hexen, die nun noch einmal zu Wort kommen, werden sich erst bei ihrem nächsten Treffen gegenseitig weiteres, die Zahl der Opfer, ihre Namen, ihre Qual mitteilen können.
[Bearbeiten] Gestaltung des Gedichts
Die Ballade besteht aus sieben Strophen, die mittleren fünf davon zu je acht Versen. Die beiden Rahmenstrophen fallen auch optisch auf, weil - dem Wortwechsel des Hexendialogs folgend - ein Vers in zwei oder in der letzten Strophe sogar über drei Zeilen aufgespalten ist. Die erste Strophe besteht aus elf, die letzte, eine verkürzte Variation der ersten, aus neun Versen, wobei die erste und letzte Zeile der Strophen jeweils identisch sind. Versmaß und Reim zeigen, dass es sich um einen Knittelvers handelt. Von den sich gegen das Versmaß stellenden Versen „Hei! und „Tand, Tand der letzten Strophe abgesehen, haben die Verse jeweils vier Hebungen mit freien Senkungsfüllungen. Das bedeutet, dass es einheitlich pro Vers vier betonte Silben gibt und der Raum dazwischen sowie vor der ersten Hebung mit ein bis zwei unbetonten Silben in freier Verteilung gefüllt ist. Im ersten Vers wird hinter „drei“ die Senkung durch eine Synkope unterdrückt, sodass zwei betonte Silben direkt aufeinander treffen. Der vorletzte Vers der 1. Strophe „Muß mit" „Tand, Tand besteht sogar nur aus Hebungen aufgrund einer Durchsynkopisierung. Dem Knittelvers gemäß ist der Endreim ein Paarreim. Die lockere Form des Knittelverses eignet sich besonders gut für Erzählgedichte und ist daher seit dem Mittelalter gängig, besonders für volkstümliche Gedichte oder Gedichte, die den volkstümlichen Tonfall nachahmen. Im Gegensatz zu der Lockerheit des Versmaßes steht die Strenge der Kadenzbildung. Jeder Vers endet männlich, das heißt mit einer betonten Silbe. Dadurch wird etwa die Hälfte der deutschen Wörter für die Gestaltung des Versendes ausgeschlossen. Fontane bringt den Vers hinsichtlich Versmaß und Kadenz in eine Balance von Lockerheit und Strenge. Diese ist charakteristisch für die Kunstballade und unterscheidet sie von der Volksballade, die Strenge in der formalen Gestaltung nicht kennt.
Die fünf Binnenstrophen, die die Minuten vor dem Unglück aus verschiedenen Perspektiven erzählen, bestehen abermals aus einem Rahmen um die mittleren drei Strophen, die weitgehend in wörtlicher Rede die Beobachtungen und Gedanken des Zugführers und seiner wartenden Eltern im Brückenhaus wiedergeben. Die erste Hälfte der 2. und 6. Strophe, die den Binnenrahmen bilden, ist im Wortlaut identisch, die zweite Hälfte mit den Signalwörtern Sturm und Nacht variiert und gesteigert. Auch sonst werden viele Motive wieder aufgenommen und variiert (Licht, Christfest, Wasser). Dieses Variationsprinzip korrespondiert mit der oben erwähnten metrischen Balance.
Die Ballade enthält normalerweise Merkmale der drei literarischen Gattungen, was auch hier der Fall ist. Als Erzählgedicht bedient es sich der Gestaltungsmerkmale von Lyrik (Verse, Versmaß, Reim) und Epik (Handlungsverlauf darstellen). Wörtliche Rede ist das entscheidende Merkmal der Dramatik. Sie dominiert mit einem Anteil von mehr als zwei Dritteln das Gedicht.
Balladen erzählen von Begebenheiten, in denen Außergewöhnliches, Unheimliches oder Grauenvolles geschieht. Dem schon hinreichend spektakulären Unglück gibt Fontane eine zusätzlich unheimliche, grauenvolle Komponente durch den Hexendialog in den Rahmenstrophen, die einen Eingriff von rational nicht zu fassenden Mächten suggerieren, der die Rationalität der menschlichen Ingenieurskunst zunichte macht. Die Hexen schaffen "gleich zu Beginn eine Atmosphäre des Unheimlichen, Gespenstischen, verstärkt durch den Kunstgriff des Dichters, die Hexen zu entpersönlichen und damit auf eine Zuordnung der Aussage zu der jeweiligen Hexe zu verzichten. Dadurch entsteht ein Gewirr von Stimmen, aus verschiedenen Richtungen kommend, vom Norden, vom Süden und vom Meer. Es sind die „Stürme“, die gemeinsam die Brücke attackieren wollen, sich zu einem „Ringelreihn“ der Zerstörung am „Brückendamm“ und am „Mittelpfeiler"treffen wollen. Die Katastrophe ist unvermeidlich, nicht vom Menschen zu beeinflussen."[5] Das Macbeth-Zitat ist ein besonders raffinierter Kunstgriff: Fontane verweist damit auf ein anderes literarisches Werk (Intertextualität), nutzt dessen Implikationen (die Hexen sind Ausdruck von Macbeths Gewissensbissen und des psychischen Drucks) und variiert sie (die Hybris der Brückenbauer verlangt nach einem Korrektiv). So kleidet der 60-jährige Dichter seine aus konservativer Skepsis erwachsene Kritik an technischem Fortschritt in feinsinnige und beziehungsreiche Poesie.
[Bearbeiten] Text
- Theodor Fontane: Die Brück am Tay. (28. Dezember 1879). In: Ders.: Gedichte I. 2. durchges. u. erw. Aufl. 1995 (Grosse Brandenburger Ausg.), S. 153-155.
[Bearbeiten] Literatur
- Karl Hotz (Hrsg.): Gedichte aus sieben Jahrhunderten - Interpretationen. 1. Auflage. Buchner, Bamberg 1987, ISBN 3-7661-4311-5.
- Edgar Neis: (Hrsg.): Interpretationen von 66 Balladen, Moritaten und Chansons. Analysen und Kommentare. 1. Auflage. Bange, Hollfeld 1978, ISBN 3-8044-0590-8.
- Wolfhard Keiser: (Hrsg.): Deutsche Balladen interpretieren. 2. Auflage. Bange, Hollfeld 2006, ISBN 3-8044-1477-X.
[Bearbeiten] Medien
- Gerd Bessler (Dirigent), Oakmusic Ensemble (Orchester), Otto Sander (Hrsg.): Ritter und Raben. Balladen. Patmos, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-491-91238-0 (Audio-CD).
[Bearbeiten] Weblinks
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Tagebuch 1880. In: Fontane, Theodor. Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Sechster Band. Herausgegeben von Helmuth Nürnberger. ISBN 3-446-11456-4. S. 1128 books.google.de
- ↑ Aus meinem bunten Leben: ein biographisches Lesebuch von Theodor Fontane, Walter Hettche. Carl Hanser Verlag 1998. S. 173 books.google.de
- ↑ Fontane, Theodor. Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Sechster Band. Herausgegeben von Helmuth Nürnberger. ISBN 3-446-11456-4. S. 1065 ff. books.google.de
- ↑ Zeno.org
- ↑ Wolfhard Keiser: Deutsche Balladen interpretieren, Königs Erläuterungen, 2. Auflage 2006, S. 44
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