Die Brüder Karamasow

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Die Brüder Karamasow (Begriffsklärung) aufgeführt.
Titelseite der ersten Ausgabe des Romans Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski, November 1880
Portrait des Schriftstellers Fjodor Dostojewski, Öl auf Leinwand (1872) von Wassili Grigorjewitsch Perow, Tretjakow-Galerie, Moskau

Die Brüder Karamasow, in manchen Ausgaben auch Karamasoff, russisch Братья Карамазовы (Brat’ja Karamazovy), ist der letzte Roman des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski, geschrieben in den Jahren 1878–1880.

Inhalt[Bearbeiten]

Handlung[Bearbeiten]

Die Handlung gleicht oberflächlich einem Kriminalroman: Es geschieht ein Mord, und am Ende kommt heraus, wer der Täter war. Es geht um drei Brüder, die zwar äußerlich sehr verschieden, aber alle von tiefer Leidenschaft ergriffen sind. Dmitri, der älteste, ist Soldat. Iwan, der die Universität besucht hat, verkörpert den atheistischen Intellektuellen. Alexej („Aljoscha“) schließlich, im Vorwort vom Erzähler zum Protagonisten erklärt, den der Leser die meiste Zeit über begleitet, ist Novize. Sie alle stehen im Konflikt mit ihrem moralisch verkommenen Vater Fjodor. Ein vierter Bruder ist Smerdjakow,[1] illegitimer Sohn von Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der ihn mit der geistesgestörten Lisaweta Smerdjastschaja, der „Stinkenden“, gezeugt hat und nun als Diener beschäftigt.

Dmitri gerät in Streit mit dem Vater, der ihm angeblich Geld schuldet und der um dieselbe Frau, Agrafena Alexandrowna (genannt Gruschenka), wirbt. Dmitri schwört, den Vater töten zu wollen, und greift ihn tätlich an. Als der Vater wirklich umgebracht wird, fällt der Verdacht sofort auf den ältesten Sohn, zumal dieser am Tatort war und später scheinbar die 3000 Rubel ausgegeben hat, die sein Vater aufbewahrt hatte, um sie der Geliebten zu schenken. Dmitri wird schließlich zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Anfänglich akzeptiert er dies als gerechte Strafe für seinen Hass und seine Mordgedanken, willigt dann aber doch in die Fluchtpläne seines Bruders Iwan ein. Er wird sich nämlich zusammen mit seinem Bruder Alexej darüber bewusst, dass die Strafe, zumal er unschuldig ist, für ihn zu schwer wäre und er daran zu Grunde gehen würde. Der wirkliche Täter ist Smerdjakow, der sich am Tag vor dem Prozessbeginn erhängt. Er hat geglaubt, durch die Tat einer unausgesprochenen Aufforderung Iwans nachzukommen.

Mit diesem Hauptstrang der Handlung verweben sich weitere, so die Geschichte des Starzen Sosima, eines hochangesehenen Mönchs aus einem Kloster nahe der Stadt, in dem Aljoscha eine Zeit lang gelebt hat; die Geschichte des Hauptmannes Snegirjow, der von Dmitri beleidigt und geschlagen wurde, und seines Sohnes Iljuscha, der diese Beleidigung nicht überwinden kann, schließlich krank wird und stirbt.

Der Roman entfaltet eine Fülle tiefer Gedanken über die christliche Religion und die in ihr aufgehobenen menschlichen Grundfragen nach Schuld und Sühne, Leid und Mitleid, Liebe und Versöhnung. Dabei vermittelt Dostojewski durch die Figur des Starzen einen spezifischen Gottesglauben. Iwan steht für den intellektuellen, westlich denkenden Zweifler an Gott und allen Werten, der sozusagen an der Aufklärung erkrankt ist, zugleich aber von tiefer Menschenliebe ergriffen ist. Seine Zweifel treiben ihn in den Wahnsinn, bis er sich von einem sehr mittelmäßigen Teufel verspottet glaubt. Er muss erkennen, dass er Smerdjakow den Anlass zu dem Mord gegeben hat und in Wirklichkeit dessen Gebieter war. Doch vor Gericht will ihm niemand Glauben schenken, da er in einer Art Fieberwahn spricht und weil die anwesenden Ärzte von seinen Visionen wissen. Vielmehr wird seine Aussage von der Anklage nur als Ausdruck seines Edelmuts gedeutet, da man ihm unterstellt zu lügen, um den Bruder zu entlasten.

In der von Iwan verfassten Legende vom Großinquisitor, die er Aljoscha als Ausdruck seiner tiefsten Überzeugungen erzählt, formuliert Dostojewski das Theodizee-Problem, wie auch durch die Frage Fjodors an seine beiden Söhne: „Ist Gott tot?“ Fjodor kennt nur den Zweifel. Iwan kann und will einen Gott, der unschuldiges Leiden zulässt, nicht akzeptieren: „Ich leugne gar nicht, daß es einen Gott gibt, aber diese von ihm geschaffene Welt lehne ich ab. Ich gebe ihm meine Eintrittsbillett in diese Welt zurück.“ Aljoscha verweist demgegenüber auf die Mitleidstat Gottes in Christus.

Idee[Bearbeiten]

Grabmal Dostojewskis in Sankt Petersburg, mit dem Bibelwort Joh, 12, 24, das auch das Motto der Brüder Karamasow ist.

Die Brüder Karamasow sind als „Roman einer Idee“ stark konstruiert: Drei Brüder, die für verschiedene Prinzipien stehen (Ivan für das Denken, Dmitri für die Leidenschaft, Aljoscha für schöpferischen Willen) und die jeweils eine weibliche Figur an ihrer Seite haben, stehen zwei Vaterfiguren gegenüber: ihrem leiblichen Vater, der für Zeugung und Tod steht, und dem Starzen Sosima als Verkörperung von Opfer und Auferstehung. Die Brüder sind durch ihren Hass auf den alten Karamasow in Schuld verstrickt und leben in Zerrissenheit (russisch: nadryv). Aus dieser Verstrickung können sie nur befreit werden, indem sie ihre Schuld und die dafür auferlegte Sühne annehmen (auch wenn sie im juristschen Sinne unschuldig sind) und statt egoistisch-egozentrisch nur um sich selbst zu kreisen, ihr Leben der „werktätigen Liebe“ widmen.[2] Auf diesen Lebenssinn durch Sühne, Opfer und Nächstenliebe weist auch das Motto des Romans hin: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12,24 LUT)

Einflüsse[Bearbeiten]

Die Geschichte des Starez Sosima ist geprägt von Dostojewskis Aufenthalt im Optina-Kloster, wo der Autor sich im Juni 1878 aufhielt und wo er auf den Starez Amvrosij traf.[3] Kapitel 5 des ersten Buchs lehnt sich in der Darstellung des Starzentums stark an Kliment Zedergolms wenige Jahre zuvor verfasste Hagiographie des Starez Leonid an.[4] Weitere Anregungen erhielt Dostojewski durch seine Freundschaft mit dem Religionsphilosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjow und aus den philosophischen Schriften Nikolai Fjodorowitsch Fjodorows.[5]

Rezeption[Bearbeiten]

Die Rezeption des Werks war, sowohl im Negativen als auch im Positiven, von außergewöhnlicher Intensität. Die russischen Philosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Wassili Wassiljewitsch Rosanow und Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew sowie der Schriftsteller Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski nahmen verehrend Bezug auf die von Dostojewski entwickelten religiösen Ideen. Sehr kritisch sahen Dostojewski und insbesondere Die Brüder Karamasow Henry James, D. H. Lawrence, Vladimir Nabokov und Milan Kundera, welche unter anderem die morbide und depressive Grundstimmung des Romans bemängelten.[6] Nabokov hob den Mangel an äußerem Realismus hervor: Anders als Tolstoi charakterisiere Dostojewski seine Personen nicht durch Details in Kleidung, Wohnung oder Umgebung, sondern durch ihre psychologische Reaktionen und ethische Situationen, wie es in Theaterstücken üblich sei:

„Der Roman Die Brüder Karamasow machte auf mich immer den Eindruck eines ausufendern Stückes, mit gerade so viel Möbeln und Gerät, wie die verschiedenen Schauspieler brauchten: ein Tisch mit einer feuchten, runden Stelle, wo ein Glas stand, ein gelb angestrichenes Fenster, damit es so aussehen sollte, als ob draußen die Sonne schiene, oder ein Gebüsch, das ein Bühnenarbeiter rasch noch besorgt und irgendwo hingestellt hat.“[7]

Sigmund Freud bezeichnete Die Brüder Karamasow als einen der gewaltigsten Romane der Weltliteratur. Im Essay Dostojewski und die Vatertötung aus dem Jahr 1928 analysierte er das Werk psychoanalytisch und arbeitete dessen ödipale Thematik heraus.[8]

Hermann Hesse sah im Jahr 1920 die Brüder Karamasow nicht als sprachliches Kunstwerk, sondern als Prophezeiung eines „Unterganges Europas“, der ihm bevorzustehen schien. Statt der wertgebundenen Ethik Europas predige Dostojewski hier „ein uraltes asiatisch-okkultes Ideal, […] ein Allesverstehen, Allesgeltenlassen, eine neue, gefährliche grausige Heiligkeit“, die Hesse mit der Oktoberrevolution assoziierte:

„Schon ist […] der halbe Osten Europas auf dem Weg zum Chaos, fährt betrunken in heiligem Wahn am Abgrund entlang, und singt dazu, singt betrunken und hymnisch wie Dmitri Karamasoff sang.“[9]

Für den französischen Existenzialisten Albert Camus galt, niemand habe in gleicher Weise wie Dostojewski „der absurden Welt so eindringliche und so quälende Reize zu geben vermocht“.[10]

Die Übersetzerin Swetlana Geier urteilt, Brat’ja Karamazovy weise „in sublimater Form“ Züge von Dostojewskis innerer Biographie auf. Damit habe er Gedanken seiner früheren Romane, in denen er bis zu letzten Konsequenz nachverfolgte, was mit einem Menschen ohne Gott geschehe, „korrigiert und vollendet“.[11]

Übersetzungen ins Deutsche[Bearbeiten]

  • unbekannter Übersetzer (Übers. 1884, Leipzig: Grunow): Die Brüder Karamasow
  • E. K. Rahsin (Übers. 1906 München: Piper): Die Brüder Karamasoff, ISBN 3-492-04000-3 (formal falsche ISBN)
  • Karl Nötzel (Übers. 1919 Leipzig: Insel): Die Brüder Karamasoff
  • Friedrich Scharfenberg (Übers. 1922 Minden (Westf.): J.C.C. Bruns’ Verlag): Die Brüder Karamasoff
  • Johannes Gerber (Übers. 1923 Leipzig: Hesse und Becker) Die Brüder Karamasow
  • Hermann Röhl (Übers. 1924 Leipzig: Reclam jun.): Die Brüder Karamasow, ISBN 3-458-32674-X
  • Bodo von Loßberg (Übers. 1928 Berlin: Th. Knaur Nachf.): Die Brüder Karamasow
  • Reinhold von Walter (Übers. 1930 Berlin: Büchergilde Gutenberg): Die Brüder Karamasow
  • Valeria Lesowsky (Übers. 1930 Wien: Gutenberg-Verlag): Die Brüder Karamasow
  • Hans Ruoff (Übers. 1958 München: Winkler): Die Brüder Karamasow
  • Werner Creutziger (Übers. 1981 Berlin: Aufbau): Die Brüder Karamasow, ISBN 3-351-02311-1
  • Swetlana Geier (Übers. 2003 Zürich: Ammann): Die Brüder Karamasow, ISBN 3-250-10259-8 ; ISBN 3-250-10260-1

Literatur[Bearbeiten]

  •  Hrsg.: René Fülöp-Miller, Friedrich Eckstein: Die Urgestalt der Brüder Karamasoff, Dostojewskis Quellen, Entwürfe und Fragmente, erläutert von W. Komarowitsch mit einer einleitenden Studie von Prof. Dr. Sigm. Freud. R. Piper & Co., München 1928.
  •  Alexander L. Wolynski: Das Reich der Karamasoff. R. Piper & Co., München 1920.
  •  Hrsg.: Horst-Jürgen Gerigk: Die Brüder Karamasow – Dostojewskijs letzter Roman in heutiger Sicht, Elf Vorträge. Dresden University Press, 1997.
  • Hermann Hesse: Die Brüder Karamasow oder Der Untergang Europas, Neue Rundschau (1920 online bei archive.org beziehungsweise ein neuerer Abdruck in:  Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Die Welt im Buch III. Rezensionen und Aufsätze aus den Jahren 1917–1925. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN ohne, S. 125–140.)
  • Peter Dettmering: Essay zu Karamasow (online auf Google books)
  • Sigmund Freud: Dostojewski und die Vatertötung. Freud-Studienausgabe. Frankfurt am Main 1969f., Bd. 10 (online auf Textlog)
  • Martin Steinbeck: Das Schuldproblem in dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von F. M. Dostojewskij. R. G. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-89406-831-0.
  •  Robin Feuer Miller: The Brothers Karamazov: Worlds of the Novel. Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 978-0-300-15172-5.

Adaptionen[Bearbeiten]

Verfilmungen

Oper

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Swetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 3, S. 1616.
  2. Swetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 3, S. 1616.
  3. Dirk Uffelmann: Der erniedrigte Christus. Metaphern und Metonymien in der russischen Kultur und Literatur. Böhlau, Wien 2010, S. 514
  4. Leonard J. Stanton: Zedergol’m’s Life of Elder Leonid of Optina As a Source of Dostoevsky’s The Brothers Karamazov, in: Russian Review 49, 4 (Oktober 1990), S. 443–455.
  5. Swetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 3, S. 1616.
  6.  Robin Feuer Miller: The Brothers Karamazov: Worlds of the Novel. Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 978-0-300-15172-5, S. 7, 8.
  7. „The novel The Brothers Karamazov has always seemed to me a straggling play, with just that amount of furniture and other implements needed for the various actors: a round table with the wet, round trace of a glass, a window painted yellow to make it look as if there were sunlight outside, or a shrub hastily brought in and plumped down by a stagehand.“ Vladimir Nabokov: Lectures on Russian Literature. Hrsg. v. Fredson Bowers. New York 1981, S. 71.
  8.  Josef Rattner, Danzer: Psychoanalyse heute: zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 978-3-8260-3386-5, S. 42.
  9. Hermann Hesse: Die Brüder Karamasoff oder der Untergang Europas. Einfälle bei der Lektüre Dostojewskis. In: Neue Rundschau (1920), S. 376–388 (online, Zugriff am 16. November 2013).
  10. Zit. nach Swetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 3, S. 1616.
  11. Swetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 3, S. 1616.
  12. Die Brüder Karamasow (Russland 1915) in der Internet Movie Database (englisch)
  13. Die Brüder Karamasow (USA 1958) in der Internet Movie Database (englisch)
  14. Die Brüder Karamasow (Sowjetunion 1969) in der Internet Movie Database (englisch)
  15. Karamasow (Tschechische Republik 2008) in der Internet Movie Database (englisch)
  16. Die Brüder Karamasow (Russland 2009) in der Internet Movie Database (englisch)
  17. Karadağlar [1] (Türkei 2010)