Die Fleckenbühler

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Hof Fleckenbühl in Cölbe

Der gemeinnützige Verein die Fleckenbühler e.V. ist eine Lebensgemeinschaft von Menschen mit Suchtproblemen, die ohne Drogen, Alkohol, Tabak und Gewalt leben wollen. Regelmäßig leben und arbeiten über 200 süchtige Männer, Frauen und deren Kinder an drei Standorten in Hessen zusammen: Auf dem Hof Fleckenbühl im Cölber Ortsteil Schönstadt bei Marburg, in Frankfurt am Main und in der Jugendhilfe Haus Leimbach in der Gemeinde Willingshausen. Hilfe suchende Menschen kommen aus ganz Deutschland.

Arbeitsweise[Bearbeiten]

Selbsthilfe[Bearbeiten]

Die Fleckenbühler arbeiten ohne angestelltes Fachpersonal, insbesondere gibt es keine Therapeuten, Psychologen oder Sozialarbeiter. Als anerkannt gemeinnützige Selbsthilfe-Gemeinschaft wird die Organisation und Verwaltung vollständig selbst durch die Betroffenen geleistet. Die Fleckenbühler sind überzeugt davon, dass sich in einer Gemeinschaft, in der einer den anderen stützt, jeder Einzelne besonders gut entwickeln kann. Schlüssel dieser Entwicklung zur Nüchternheit und zurück zur Selbstbestimmtheit ist die durch die Gemeinschaft aktivierte Selbsthilfe des Einzelnen.

Bereits länger in der Gemeinschaft lebende Menschen helfen auf der Grundlage eigener Erfahrungen und durch Vorbildfunktion den Neuankömmlingen zur Abkehr von ihrer Sucht, zu Gemeinschaftsfähigkeit, zu Stabilität, sozialer und beruflicher Kompetenz und somit zu Selbstständigkeit.

Dieser Ansatz der Selbsthilfe von Menschen mit Suchtproblemen geht davon aus, dass die Betroffenen selbstverantwortlich und im Stande sind, sich die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, um ein nüchternes und zufriedenes Leben zu führen. Das heißt, dass Suchtprobleme eher als Lern- bzw. Kompetenzdefizite oder Fehlanpassungen aufgefasst werden. Deswegen ist die aktive freiwillige Teilnahme der Betroffenen an der Lösung ihrer Probleme Voraussetzung des Lebens in der Gemeinschaft.

Aufnahmekriterien[Bearbeiten]

Eine Aufnahme in die Gemeinschaft kann sofort und jederzeit erfolgen (Ausnahmen bei BtM-süchtigen Verurteilten, s.u.). In einem persönlichen Gespräch wird geklärt, ob Fleckenbühl der richtige Platz ist. Eine Anmeldung oder eine Kostenzusage werden nicht benötigt und auch eine Warteliste ist nicht vorhanden. Die Aufenthaltsdauer ist grundsätzlich unbeschränkt – man kann so lange bleiben, wie man es selbst für richtig hält. Jährlich kommen etwa 600 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zu den Fleckenbühlern. Süchtige Eltern können ihre Kinder mitbringen. In einem eigenen Kindergarten in der Nähe von Hof Fleckenbühl werden die Kinder ganztägig betreut. Es ist die einzige staatlich anerkannte Kindertagesstätte in Deutschland, die von einer Suchthilfeeinrichtung betrieben wird.[1]

Es gelten für alle Bewohner drei verbindliche Regeln:

  1. Keine Drogen, Alkohol oder andere Suchtmittel
  2. Keine Gewalt oder deren Androhung
  3. Kein Tabak, alle sind Nichtraucher

Ein Verstoß gegen eine dieser Grundregeln bedeutet den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ein Wiederkommen nach 24 Stunden ist möglich. In den ersten sechs Monaten ist eine Kontaktpause einzuhalten, damit sich die Neuankömmlinge in ihrem neuen Lebensumfeld einleben können und sie beugt Rückfällen vor. Nach drei Monaten kann man mit Angehörigen zunächst schriftlich in Kontakt treten. Verwandte können sich jederzeit nach dem Befinden erkundigen und erhalten Auskunft, wenn der Betroffene damit einverstanden ist.

Fleckenbühl ist nach dem Betäubungsmittelgesetz (§§ 35/36) als Drogentherapieeinrichtung anerkannt. Es besteht die Möglichkeit, anstatt eine Strafe im Gefängnis abzubüßen, zu den Fleckenbühlern zu gehen und ein nüchternes Leben zu erlernen. Für Bewerber aus der Haft gelten Bedingungen. Eine schriftliche Bewerbung ist zu übersenden und von der Drogenberatung oder vom Sozialdienst im Gefängnis eine Stellungnahme vorzulegen, die den Aufenthalt bei den Fleckenbühlern befürwortet. Erst dann gibt es einen verbindlichen Aufnahmetermin.

Lebensschule[Bearbeiten]

In der Anfangsphase befinden sich die Neuankömmlinge in einer Grundausbildung, die zwei Monate andauert. Während dieser internen Ausbildung arbeiten sie in der Hauswirtschaft, lernen die Organisation von Fleckenbühl kennen, absolvieren Praktika in Arbeitsbereichen und üben eine Tagesstruktur ein. Danach steht der Wechsel in einen der Zweckbetriebe (Landwirtschaftlicher Demeter-Betrieb mit Bäckerei, Käserei, Metzgerei, Buffetservice, Verkaufsläden sowie Umzugsunternehmen und Töpferei) oder Arbeitsbereiche im Haus (Wäscherei, Küche, Haustechnik, Verwaltung) an.

In nahezu allen Betrieben und Arbeitsfeldern können Qualifizierungen (auch mit IHK-Abschluss etc.) und Fortbildungen gemacht werden. So wird den Menschen eine sinnvolle, realitätsbezogene Arbeit nahegebracht, die es ermöglicht, später außerhalb der Gemeinschaft wieder eine Beschäftigung zu finden.

Neben Ausbildung und Qualifizierung ist das Gruppengespräch ein wichtiges Standbein der Suchtselbsthilfe, um ein dauerhaft abstinentes Leben zu führen. Da die Konstellation durch das Zusammenleben und -arbeiten bei den Fleckenbühlern eine besondere ist, wurde auch für das Gruppengespräch eine besondere Situation geschaffen. Das „Spiel“ bietet für jeden Bewohner nicht nur die Möglichkeit, Probleme über sich anzusprechen, sondern auch Kritik an anderen zu äußern und anzunehmen, sowie Lösungen zu finden. Langjährige Bewohner bieten dabei die notwendige Erfahrung und Kompetenz.

Finanzierung[Bearbeiten]

Fleckenbühl finanziert sich zu zirka 50 % aus den Einnahmen der Zweckbetriebe, außerdem durch Spenden (Sach- und Geldspenden) und Geldauflagen (Urteile), durch ALG II und Zuwendungen (Land Hessen, Aktion Mensch, Frankfurter Allgemeine Zeitung u.a.).

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der Fleckenbühler geht auf die Synanon-Organisation zurück. Die Gründer von Fleckenbühl waren Gründungsmitglieder und langjährige Mitglieder von Synanon. Fleckenbühl steht in der langjährigen Tradition der Selbsthilfe, angefangen bei den Anonymen Alkoholikern, Synanon USA und den Therapeutischen Gemeinschaften, wie sie im gleichnamigen Buch von Lewis Yablonsky beschrieben wurden.

Hof Fleckenbühl wurde 1984 von der Selbsthilfe Synanon in Berlin übernommen, 1995 trennte sich Hof Fleckenbühl wieder von Synanon, um sich als Suchthilfe Fleckenbühl e.V. selbstständig zu machen. Seit 2009 tritt Fleckenbühl mit einem neuen Namen und einem neuen Erscheinungsbild auf. Aus der „Suchthilfe Fleckenbühl“ wurden „die Fleckenbühler“.

Hof Fleckenbühl[Bearbeiten]

Der Hof Fleckenbühl bei Cölbe ist ein ehemaliger Gutshof der Stadt Kassel. Die Wohnhäuser wurden ausgebaut und erweitert, so dass hier im Jahr 2000 schon 140 Erwachsene und 20 Kinder lebten. Im Jahr 2001 richteten die Fleckenbühler im Nachbarort Ginseldorf einen Kindergarten ein, 2005 wurde der dortige städtische Kindergarten integriert. Der dem Demeter Verband angeschlossene Hof bewirtschaftet über 250 ha nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Die Produkte werden in einer eigenen Bäckerei, Metzgerei und Käserei verarbeitet und selbst vermarktet. Der Hof ist Mitglied im Netzwerk der Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau.[2]

Haus Frankfurt[Bearbeiten]

Das Haus in Frankfurt wurde – mit Unterstützung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Willi-Robert-Pitzer-Stiftung, der Software-AG-Stiftung, der Aktion Mensch und der Hessischen Landesregierung – 2003 erworben und bezogen. Es befindet sich im Stadtteil Niederrad.

Jugendhilfe Haus Leimbach[Bearbeiten]

Die Jugendhilfe Haus Leimbach im hessischen Schwalm-Eder-Kreis wurde 2004 eröffnet – ein bundesweit einmaliges Konzept aus Selbsthilfe und Pädagogik, speziell ausgerichtet für die Bedürfnisse männlicher Jugendlicher. Die Aufnahmeindikation reicht von Dissozialität, Devianz bis hin zur Sucht und Suchtgefährdung. Außerdem führt die Fleckenbühler Jugendhilfe Untersuchungshaftverkürzungs- und Untersuchungshaftvermeidungsmaßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) durch.

Literatur/Quellen[Bearbeiten]

  • Brigitte Roth: Fleckenbühl. Eine Lehre im geschützten Raum der Drogenhilfe (Version vom 20. April 2008 im Internet Archive). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. März 2008, abgerufen am 5. August 2009
  • Fünfteilige Reihe: Suchthilfe Fleckenbühl. In: ZDF, Volle Kanne - Service täglich. 11.–15. Juni 2007
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl. Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007, aufgerufen am 5. August 2009
  • Jennifer Katharina Reents: Clean werden, clean leben, clean bleiben: Leben in einer therapeutischen Gemeinschaft am Beispiel der Suchthilfe Hof Fleckenbühl. Marburg 2005
  • Suchthilfe Fleckenbühl (Hrsg.): Willkommen im Leben: (2004)20 Jahre Suchthilfe Fleckenbühl. 2004
  • Christian Lang: Suchthilfe ohne Kompromisse und der Kompromiss als Suchthilfe am Beispiel des Selbsthilfeprojekts "Hof Fleckenbühl": eine Studie zur Identitätsentwicklung und biographischen Selbstdeutung abstinent lebender Süchtiger anhand narrativer Interviews. Frankfurt 2004
  • Sebastian Stranz: Lebensreform heute. Frankfurt am Main 2009. ISBN 3837034674, ISBN 9783837034677
  • Suchthilfe auf dem Hof Fleckenbühl. In: Nachrichten Parität, (2003) 2 , S. 2, ISSN 0011-510X
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl – Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007
  • Suchthilfe Hof Fleckenbühl (Hrsg.): Neuer Platz für Nüchterne Tage: 1984-1998; ansteckende Gesundheit. Cölbe 1998
  • Franz Josef Hanke: Hilf dir selbst!: Wie es andere machen: z.B. Fleckenbühl. In: Suchtreport, Nr. 4/1997, S. 46–49
  • S. Dauth: Selbständig: Suchthilfe auf Fleckenbühl. In: Deutsches Ärzteblatt; VOL: 93 (40); p. A-2522 /19961004/, ISSN 0012-1207

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Gesa Coordes: Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.giessener-anzeiger.deFester Ablauf vermittelt Ruhe und Verlässlichkeit. In: Gießener Anzeiger, 8. September 2004, abgerufen am 5. August 2009
  2. Das Betriebsportrait der Fleckenbühler als Demobetrieb

Weblinks[Bearbeiten]