Heinrich von Treitschke

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Heinrich von Treitschke

Heinrich Gotthardt von Treitschke (* 15. September 1834 in Dresden; † 28. April 1896 in Berlin) war ein deutscher Historiker, politischer Publizist und Mitglied des Reichstags von 1871 bis 1884, zunächst als nationalliberaler Abgeordneter, seit 1878 ohne Parteizugehörigkeit. Er war einer der zu seiner Zeit bekanntesten und meistgelesenen Historiker und politischen Publizisten in Deutschland.

Mit einem 1879 veröffentlichen Aufsatz löste Treitschke den Berliner Antisemitismusstreit aus. Dieser Aufsatz enthält u. a. den Satz „Die Juden sind unser Unglück“, der später zum Schlagwort des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer wurde.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]

Heinrich von Treitschke stammte aus einer sächsischen Beamten- und Offiziersfamilie und war evangelischer Konfession. Die Vorfahren stammten aus Böhmen und wanderten wegen ihrer evangelischen Konfession im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht am Weißen Berg nach Sachsen ein. Sein Vater war der sächsische Generalleutnant Eduard Heinrich von Treitschke, sein Onkel der Jurist Georg Carl Treitschke und sein Vetter der General Heinrich Leo von Treitschke. Er studierte 1851 bis 1853 Geschichte und Bonn, wo er im Wintersemester 1851/52 der Burschenschaft Frankonia beitrat und wo er durch den Historiker Friedrich Christoph Dahlmann beeinflusst wurde, und danach auf Drängen seines Vaters vor allem Staats- und Kameralwissenschaften an der Leipzig. Schon als Student litt er an zunehmender Schwerhörigkeit, was auch den Besuch von Vorlesungen behinderte. Wegen der besseren Bibliothek ging er für seine Promotion in Nationalökonomie an die Eberhard Karls Universität Tübingen zu Wilhelm Roscher und vollendete seine Dissertation zum Dr. iur. (Titel: Quibusnam operis vera conficiantur bona, Über die Produktivität der Arbeit) während eines zweimonatigen Aufenthalts in Freiburg im Breisgau. Eingereicht wurde sie in Leipzig. Danach ging er nach Heidelberg, wo er wegen eines Pistolenduells einige Zeit im Karzer sass und wandte sich dann nach Dresden und wegen der besseren Bibliothek nach Göttingen, wo er in eineinhalb Jahren seine Habilitation schrieb, die er 1858 in Leipzig bei Roscher einreichte („Die Gesellschaftswissenschaft. Ein kritischer Versuch“). Er schwankte in dieser Zeit Dichter oder Journalist zu werden, versuchte sich an Gedichten und einem Drama. Auf Einladung von Rudolf Haym wurde er 1858 Mitarbeiter der neu gegründeten Preußischen Jahrbücher und fand durch seinen Aufsatz Über die Grundlagen der englischen Freiheit, in dem er die Vorteile des politischen und Rechts-Systems in England gegenüber der staatlichen Willkür deutscher Verhältnisse pries, bei Liberalen Aufmerksamkeit. 1858 veröffentlichte er seinen Streitschrift Die Gesellschaftswissenschaften, in der er diese von Robert Mohl und Wilhelm Heinrich Riehl vertretene Denkrichtung kritisierte (die Untersuchung der Gesellschaft konnte nach Treitschke nicht unabhängig von der des Staates erfolgen), und er veröffentlichte einen Essay über Heinrich von Kleist, in der noch seine zuvor aufgegebenen literarischen Neigungen nachwirkten und denen später weitere Essays und Skizzen von Literaten folgten. 1859 wurde er Privatdozent in Leipzig und lehrte dort außerdem ab 1862 Nationalökonomie an der Landwirtschaftlichen Akademie in Plagwitz, wandte sich aber zunehmend von der Nationalökonomie ab. Seine Vorlesungen in Leipzig zum Beispiel über preußische Geschichte (was an einer sächsischen Universität ungewöhnlich war), europäische und deutsche Geschichte fanden schon 1861 über 200 Hörer. Gleichzeitig kam es zu einem Zerwürfnis mit seinem Vater dem General, der für ihn eine andere Karriere geplant hatte und von ihm verlangte, nichts der sächsischen Regierung gegenüber Kritisches zu sagen, dem Treitschke nicht nachkommen wollte. Als seine Mutter Marie von Oppen (1810-1861) starb, teilte ihm die Familie das so spät mit, dass er nicht an der Beerdigung teilnehmen konnte. Da er in Leipzig wenig Aussicht auf Beförderung sah, trotz seines Erfolgs als Hochschullehrer, verbrachte er viel Zeit zum Beispiel in München. 1863 wurde er zum außerordentlichen Professor für Staatswissenschaften in Freiburg im Breisgau ernannt. 1866 übernahm er eine ordentliche Professur für Geschichte und Politik an der Universität Kiel, wobei es Widerstände in der Fakultät gab wegen seiner offensiven Art und politischen Auffassung der Geschichtswissenschaft, und 1867 an der Universität Heidelberg. 1873 wurde er als Nachfolger auf den Lehrstuhl Leopold von Rankes an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität berufen, nachdem Jacob Burckhardt den Ruf im Jahr zuvor abgelehnt hatte. Johann Gustav Droysen war gegen seine Berufung, die aber unter anderem von Hermann von Helmholtz betrieben wurde, der mit Treitschke befreundet war.

1886 wurde er nach dem Tod von Ranke offizieller Historiograph des Preußischen Staates.

Wirken in Preußen[Bearbeiten]

Treitschke im Hörsaal, Zeichnung um 1879

Seit 1858 war Treitschke Redakteur der Zeitschrift Preußische Jahrbücher. Dabei vertrat er anfänglich eine liberale Einstellung und brach sogar 1863 mit den Preußischen Jahrbüchern, für die er ein eifriger Autor gewesen war, da diese sich im Verfassungskonflikt auf Bismarcks Seite stellten. Nach der Reichsgründung 1871 schloss er sich aber den Nationalliberalen an und unterstützte die preußische Staatsidee und Reichskanzler Otto von Bismarck, den er anfangs als Liberaler noch bekämpft hatte. Dabei sah er vor allem Sozialdemokraten und Juden, aber auch liberale Befürworter der Parlamentarisierung des Reiches sowie Vertreter der freigeistigen Bewegung als Gegner. Treitschke wurde später aus der Redaktion der Preußischen Jahrbücher verdrängt. Sein langjähriger Mitherausgeber Hans Delbrück, der nach Treitschkes Tod auch dessen Lehrstuhl übernehmen sollte, führte die Jahrbücher weiter.

Von 1871 bis 1884 war Treitschke zudem Mitglied des Reichstages, bis 1878 als Angehöriger der nationalliberalen Partei, später parteilos.

1886 wurde Treitschke offizieller Hofhistoriograph des preußischen Staates. Objektivität in der Geschichtsschreibung lehnte er ab und er galt in der späteren Wahrnehmung als Inbegriff des politisierenden Historikers (nach einer Wortschöpfung von Thomas Nipperdey als Treitschke redivivus bezeichnet)[1][2]. Treitschke stellte seine historische Arbeit in den Dienst politischer Ziele. Sein Hauptwerk, die fünfbändige Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert (1879–1894), das mit der Schilderung der Vorboten der Revolutionen 1848/1849 in Frankreich, Italien und der Schweiz eher abbricht als schließt, legitimiert die Politik Preußens und seine herausragende Stellung. Gleichzeitig versuchte er die eigenstaatliche Existenz der süddeutschen Monarchien, insbesondere Bayerns, zu delegitimieren, indem er deren Souveränität als Ergebnis ausschließlich der französischen Politik bewertete. Von den Reformen Montgelas nahm Treitschke nur insoweit Kenntnis, als er dessen Defizite betonte. In seiner Geschichtsschreibung tritt allenthalben die Idee einer deutsch-französischen Erbfeindschaft entgegen. Auf die zeitgenössischen Leser wirkten vor allem die vielen biographischen Skizzen, nicht nur von Staatsmännern, sondern auch von Literaten und anderen Persönlichkeiten. Seine Deutsche Geschichte erlebte viele Auflagen und fand im gebildeten Bürgertum weite Verbreitung und die Tantiemen machten ihn finanziell unabhängig.

Das Buch fand aber auch heftige Kritiker unter Historikerkollegen, insbesondere von seinem ehemaligen Freund Hermann Baumgarten ab 1883, der ihm zu große Parteinahme für Preußen und Vernachlässigung wissenschaftlicher Sorgfalt vorwarf[3] was zu einer breiten Kontroverse führte (siehe Treitschke-Baumgarten-Kontroverse). Ein Motiv des politisch liberalen Baumgarten war auch seinen Enttäuschung der politischen Kehrtwendung eines früher liberalen Weggenossen. Treitschke wurde aber auch von Historikern wie Bernhard Erdmannsdörffer, Gottlob Egelhaaf und Heinrich von Sybel verteidigt, und ein Gutachten von Sybel führte dazu, dass Treitschke für die ersten beiden Bände der Deutschen Geschichte 1884 den Verdun Preis erhielt. Treitschke war durch die Kritik enttäuscht, fühlte sich aber durch den publizistischen Erfolg ermutigt und erweiterte das Werk über das ursprünglich Geplante hinaus auf fünf jeweils rund 800 Seiten starke Bände.

Treitschke übte großen Einfluss auf jene Generation von Studenten aus, die in der Endphase des Kaiserreiches und auch noch in der Weimarer Republik die Regierung und Verwaltung Deutschlands prägten. Der schwerhörige Treitschke, der seine Vorlesungen leidenschaftlich und laut vortrug (und aufgrund seiner fast völligen Taubheit keine Seminare abhielt und auch keine Schule bildete)[4], erfreute sich insbesondere bei Corpsstudenten größter Beliebtheit. Seine lebendig und mit rhetorischem Geschick vorgetragenen Vorlesungen waren häufig überfüllt und zogen auch Hörer außerhalb der Universität an und waren gesellschaftliche Ereignisse. Zu seinen Hörern und Studenten zählten auch viele prominente Persönlichkeiten und spätere Vertreter imperialistischer Strömungen im Deutschen Reich wie Alfred von Tirpitz, Friedrich von Bernhardi, Carl Peters und Heinrich Claß. Zu seinen Hörern gehörten auch Friedrich Meinecke, Erich Marcks, Gustav Beckmann, Karl Liebknecht, W. E. B. Du Bois, Georg Simmel. Frauen liess er zu seinen Vorlesungen nicht zu.[5]

Treitschke war in Deutschland ein Befürworter des Monarchismus, den er als historisch gewachsen empfand, und der Reichseinigung unter preußischer Führung. Nach Thomas Gerhards[6] vertrat er zwar kein imperialistisches Gedankengut, wurde aber zu Beginn des Ersten Weltkriegs insbesondere von englischen Historikern als einer von dessen herausragenden Vertretern herausgestellt, wobei vor allem die Mitschriften seiner Vorlesungen herangezogen wurden (insbesondere sein Buch Politik). Die Engländer, denen Treitschke in einem häufig zitierten Ausspruch[7] vorhielt, Seife mit Zivilisation zu verwechseln, sahen ihn Anfang des Ersten Weltkriegs als Kronzeugen einer tiefliegenden militaristischen Gesinnung der Deutschen in einer Reihe mit Friedrich von Bernhardi und Friedrich Nietzsche.[8] Der Historiker Gordon A. Craig sieht ihn mit der Forderung nach „Zerschlagung der britischen Seemacht“[9] und seiner emotionsgeladenen „wilden“ Sprache ebenfalls noch in der Reihe der Vordenker eines Großmachtstrebens, das zum Ersten Weltkrieg führte. Seine ursprünglich positive Haltung zu England (er war ein guter Kenner der englischen Verhältnisse und der englischen Literatur, der unter anderem einen Essay über John Milton geschrieben hatte) war nach deren Einflussnahme im Krieg 1864 gegen Dänemark und 1870/71 gegen Frankreich jeweils im Sinn einer Bremsung des preußischen Vordringens abgekühlt und in Erbitterung umgeschlagen, was ein Aufenthalt in England 1895 (seine erste Reise dorthin) verstärkte.[10] Er sah auch Konflikte mit England bei einem weiteren von ihm befürworteten Kolonialstreben Deutschlands vorher, war aber aufgrund der bedrohlichen Konsequenzen für das isolierte Deutsche Reich ein Gegner eines Kriegs mit England.

Treitschke bekämpfte in den 1870er Jahren auch Sozialisten wie seinen Professorenkollegen, ehemaligen Freund und „Kathedersozialisten“ Gustav Schmoller, wetterte gegen Katholiken, Juden und die Engländer. In seinem einflussreichen Aufsatz Das deutsche Ordensland Preußen von 1862 stellte er Polen und andere Slawen abwertend einem in seiner Sicht kultur- und staatsbildenden Einfluß der Deutschen (in Form des Deutschen Ordens) gegenüber.[11]

Er war 1866 bis 1889 (neben Hans Delbrück) Herausgeber der Preußischen Jahrbücher. 1895/96 war er Herausgeber der Historischen Zeitschrift.

Berliner Antisemitismusstreit[Bearbeiten]

Von Treitschke stammt der Satz „Die Juden sind unser Unglück“, der später das Schlagwort des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer wurde. Treitschke formulierte diesen Satz in dem aufsehenerregenden Aufsatz Unsere Aussichten (1879) als angeblichen parteiübergreifenden Konsens seiner Zeitgenossen „wie aus einem Munde“ und erhob darin Forderungen nach Zurückdrängen des gesellschaftlichen Einflusses der Juden.

Der Aufsatz löste den Berliner Antisemitismusstreit aus, der die deutsche Öffentlichkeit landesweit beschäftigte, bis 1881 anhielt und den Antisemitismus gesellschaftsfähig machte.[12] Der Kern der Polemik Treitschkes ist gegen den Willen der Juden gerichtet, ihre eigene Identität und ihren kulturellen Zusammenhang zu behaupten, während sie an dem Leben der Nation teilnehmen können. Der Weg der Assimilation, den er für eine Lösung hielt, sei von einzelnen wie Gabriel Rießer und Felix Mendelssohn schon betreten worden. In seiner politischen Theorie ging er davon aus, dass ein Jude, der den Willen zur vollen Bejahung seiner Umwelt habe, die Fähigkeit besitze, deutsches Wesen in sich aufzunehmen und das jüdische Wesen abzustreifen. Eine Bekehrung zum Deutschtum mit allen seinen spirituellen Werten sei möglich. Alles, was an Gutem an den Juden sei, wäre aus der Anpassung an die deutsche Welt geschöpft, das Judentum selbst sei keine positive Kraft, sondern ein überlebtes Relikt mit der gefährlichen Macht, eine säkularisierte internationale Gesellschaft zu bilden. Die gesunde Haupttendenz der Geschichte läge im modernen Nationalstaat mit christlicher Tradition. Das Judentum dürfe nie gleichberechtigte Konfession werden, da sonst keine nationale Einheit möglich sei und nur die Vertreibung aller Juden bliebe.

Die Rassenlehre als Grundlage der Nationalidee, die damals Antisemiten wie Wilhelm Marr und bald darauf Karl Eugen Dühring propagierten, lehnte Treitschke ab; aber auch er sprach von „Blutvermischung“ und „Mischcultur“ als „zersetzendem“ Faktor, auf den das gesunde germanische Volksempfinden mit Abwehr reagieren müsse. Die damals verbreitete Antisemitenpetition hat er nicht unterschrieben, stand den Aktionen seiner Studenten zur Unterschriftensammlung aber wohlwollend gegenüber und distanzierte sich erst auf Drängen seines Kollegen Theodor Mommsen davon (November 1880). Seine Schriften und Vorlesungen an der Berliner Universität haben erheblich dazu beigetragen, in der gebildeten Welt eine Betrachtungsweise einzuführen, durch die das Judentum der nationalen Einigung wesensfremd erschien.

Treitschke wurde von Teilen der Presse wegen seiner Äußerungen scharf angegriffen und seine Haltung führte zu vielen Zerwürfnissen mit Kollegen wie Theodor Mommsen, Harry Breßlau und Johann Gustav Droysen und jüdischen Freunden wie Levin Goldschmidt und auch sein enger Freund Franz Overbeck kritisierte ihn deswegen. Er selbst grenzte sich vom „Radau-Antisemitismus“ ab, sah diesen aber als nachvollziehbare Folge eines angeblich übergroßen Einflusses von Juden an. Er verstand sich selbst nicht als Antisemiten und verwies auf seine Kontakte zu Juden (z. B. hielt er die Grabrede auf seinen jüdischen Freund und Bundesbruder Alphons Oppenheim). Er bot auch an, Beiträge für Josef SchrattenholzAntisemiten-Hammer zu liefern, eine Schriftenreihe mit dem erklärten Ziel, den Antisemitismus zu widerlegen.[13] Seine Schriften waren jedoch radikal nationalistisch, wobei sein Verständnis von Nation die Juden als Fremde sah und ausgrenzte. Treitschke nahm so „dem Antisemitismus den ‚Kappzaum der Scham‘ (Theodor Mommsen) und machte ihn für breite Bevölkerungskreise akzeptabel, die sich vom ‚Radau- und Pöbelantisemitismus‘ distanzierten“[14]. Er leistete damit „einen bedeutenden Beitrag dazu, den Antisemitismus innerhalb des Bürgertums salonfähig zu machen“[15].

Der Historiker Golo Mann charakterisierte Treitschkes Haltung wie folgt:[16]

„Zugleich mit der Judenemanzipation, der neuen bürgerlichen Angleichung, erscheint der neue Antisemitismus. Aber er ist zunächst nicht das, was wir uns darunter vorstellen; er verlangt nicht Ausschließung, sondern völlige Angleichung und Bescheidenheit in der Angleichung; er verlangt Ausschließung nur derer, die sich nicht angleichen wollen. Ich will Ihnen für diese Ansicht, diese Haltung nur ein merkwürdiges Beispiel geben, das des deutschen Historikers Heinrich von Treitschke. Dieser große Schriftsteller gilt gemeinhin als Antisemit, und das war er auch; dennoch hätten etwa die Nazis mit seinem Antisemitismus durchaus nichts anfangen können. Treitschke war ein leidenschaftlicher, zorniger Patriot, sehr entschieden in seinem Urteil, aber mit einem schönen Sinn für das Gerechte und Wahre; etwas Unwahres, etwas Gemeines wäre nie aus seiner Feder gekommen. Und so sah Treitschke nur eine mögliche Lösung der Judenfrage in Deutschland: völliges Aufgehen des zahlenmäßig so geringen Judentums im Deutschtum, Preisgabe jedes eigenen jüdischen Lebensstiles. Er lobte die preußischen Juden, die in den Befreiungskriegen ehrenhaft ihre soldatische Pflicht getan hatten.“

Als eine der Folgen der Auseinandersetzung versuchte Mommsen lange die Aufnahme von Treitschke in die Preußische Akademie der Wissenschaften zu verhindern (und seine Teilhabe an der Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift), mit der Begründung er wäre mehr Publizist als Wissenschaftler. 1895 wurde Treitschke dann aber doch noch insbesondere auf energisches Betreiben von Sybel aufgenommen.

Treitschke wurde später von den Nationalsozialisten für sich vereinnahmt und seine antisemitische Haltung wurde in der von Alfred Rosenberg organisierten Volksausgabe seiner Werke durch Kürzungen, Auslassungen und teilweise völlige Neuschreibungen[17] verstärkt.

Nachwirkung[Bearbeiten]

Grab von Treitschke auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin

Treitschke wirkte wie zu Lebzeiten auch nach seinem Tod polarisierend. Einerseits anerkannten auch Kritiker das rhetorische Geschick und die literarische Lebendigkeit seiner Darstellung, andererseits wurde er politisch als preußischer Hofhistoriker und Historiker mit explizit in seinen Werken zum Ausdruck gebrachtem politisch-konservativem bzw. aus heutiger Sicht reaktionärem Anspruch abgelehnt. In jüngerer Zeit und insbesondere nach der Erfahrung des Nationalsozialismus dominiert die Ablehnung wegen seiner antisemitischen Äußerungen.[18]

1909 wurde ihm vor der Berliner Universität neben der Statue von Hermann von Helmholtz ein Denkmal errichtet, dem wenig später auch das von Theodor Mommsen zur Seite gestellt wurde. Während das Mommsen Denkmal noch heute dort steht, wurde das von Treitschke Mitte der 1930er bei der Renovierung in einen Seitenhof versetzt und 1951 abgebaut und eingeschmolzen.[19]

Nach seinem Tod wurden in vielen Städten Straßen nach Treitschke benannt, was in den letzten Jahren zu Kontroversen führte. So wurde in Nürnberg eine in der Zeit des Nationalsozialismus nach ihm benannte Straße in Steuerwald-Landmann-Straße umbenannt. Im November 2011 beschloss der Gemeinderat Heidelberg nach langjährigem Streit eine Umbenennung der dortigen Treitschkestraße.[20] Die Umbenennung in Goldschmidtstraße erfolgte dann am 29. März 2012.[21]

In anderen Städten wie Berlin, München (seit 1960) oder Karlsruhe gibt es nach wie vor Treitschkestraßen.[22] Die Umbenennung der Treitschkestraße in Berlin in Kurt Scharf Straße wurde 2003 von der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf nach ausgiebiger Diskussion abgelehnt.[23] In Berlin-Steglitz und Karlsruhe erklären Informationstafeln die Bedeutung Treitschkes.[24] In Berlin-Steglitz wurde zusätzlich eine angrenzende Grünfläche in Harry-Bresslau-Park umbenannt.[25]

Privates[Bearbeiten]

Treitschke war seit 1867 mit Emma von Bodmann verheiratet und hatte drei Kinder. Der Tod seines Sohnes im Januar 1881 an Diphtherie traf ihn und vor allem seine Frau schwer, was Treitschke zusätzlich belastete. Er war fast taub und verständigte sich mit seiner Frau mit Zeichensprache, mit Anderen über Zettel. Er reiste viel in Deutschland und in Europa, am meisten in die Schweiz und Tirol, aber auch nach Italien, Frankreich, Schweden, Spanien und England.

Er war eng seit der gemeinsamen Studienzeit mit Franz Overbeck befreundet und stand mit Gustav Freytag im Briefwechsel. Weitere Freunde waren Emil Herrmann und Hermann von Helmholtz.

Treitschke liegt auf dem evangelischen Alten St. Matthäusfriedhof in Berlin-Schöneberg begraben. 1952 erhielt es den Status eines Ehrengrabs des Landes Berlin, der Status wurde 2003 aberkannt.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Vaterländische Gedichte. Berlin 1856
  • Studien, Hirzel, Leipzig 1857
  • Die Gesellschaftswissenschaft. Ein kritischer Versuch. Leipzig 1859
  • Das deutsche Ordensland Preußen, Preußische Jahrbücher, Band 10, 1862, S. 95-151 (auch in Historische und Politische Aufsätze, Band 2, 1871 in überarbeiteter Form)
  • Historische und Politische Aufsätze vornehmlich zur neuesten Deutschen Geschichte. 1865
  • Die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage. Eine Erwiderung. Leipzig 1865
  • Die Zukunft der norddeutschen Mittelstaaten. Berlin 1866
  • Der Krieg und die Bundesreform. 1866
  • Was fordern wir von Frankreich ?, Berlin 1870
  • Cavour, in Historische und Politische Aufsätze, Band 1, 1870
  • Zehn Jahre deutscher Kämpfe 1865–1874. Schriften zur Tagespolitik., 2 Bände, Berlin 1874
  • Der Socialismus und seine Gönner. Nebst einem Sendschreiben an Gustav Schmoller., Preußische Jahrbücher, Band 34, 1875, S. 67-110 und 248-301
  • Der Socialismus und der Meuchelmord. 1878
  • Unsere Aussichten, Preußische Jahrbücher, Band 44, 1879, S. 559-576, Online (PDF; 1,2 MB) (Antisemitismusstreit)
  • Herr Graetz und sein Judenthum, Preußische Jahrbücher. Bd. 44, 1879, S. 660–670, Online (PDF; 666 kB)
  • Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. 1879–1894
  • Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage, Preußische Jahrbücher, Bd. 45, 1880, S. 85–95, Online (PDF; 740 kB)
  • Ein Wort über unser Judenthum, 1880 (vier Auflagen), Sonderabdruck aus: Preußische Jahrbücher. Bd. 44 und 45, 1879 und 1880
  • Luther und die deutsche Nation. Vortrag. 1884
  • Rede, gehalten zur Feier der fünfundzwanzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm I. im großen Hörsaal der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität am 4. Januar 1886. 1886
  • Die Zukunft des deutschen Gymnasiums. 1890
  • Der Entwurf des Preußischen Volksschulgesetzes. 1892
  • Gustav Adolf und Deutschlands Freiheit. Vortrag gehalten am 8. Dezember 1894 in der Sing-Akademie zu Berlin, Leipzig, Hirzel 1895
  • Reden von Heinrich v. Treitschke im Deutschen Reichstage 1871–1884. Leipzig 1896
  • Deutsche Kämpfe. Neue Folge, Schriften zur Tagespolitik, Leipzig 1896
  • Politik. Vorlesungen. 1897–1898, 2 Bände, Leipzig 1911, 1913
  • Bilder aus der deutschen Geschichte, 2 Bände, Hirzel, 3. Auflage 1909
  • Ausgewählte Schriften, 2 Bände, Leipzig: Hirzel, 4. Auflage, 1908
  • Historische und Politische Aufsätze, 4 Bände, Leipzig, Hirzel, 8. Auflage 1918

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Gerhards: Heinrich von Treitschke. Wirkung und Wahrnehmung eines Historikers im 19. und 20. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn u.a. 2013, ISBN 9783506777478.
  • Hermann von Petersdorff: Treitschke, Heinrich von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 55, Duncker & Humblot, Leipzig 1910, S. 263–326.
  • Ansgar Frenken: Treitschke, Heinrich von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 12, Bautz, Herzberg 1997, ISBN 3-88309-068-9, Sp. 442–444.
  • Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit. (= Sammlung Insel, Band 6). Insel, Frankfurt am Main 1965.
  • Walter Bußmann: Treitschke. Sein Welt- und Geschichtsbild. (= Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft, Band 3/4). 2. Auflage. Muster-Schmidt, Göttingen u. a. 1981, ISBN 3-7881-1053-8.
  • Andreas Dorpalen: Heinrich von Treitschke, Yale University Press 1957
  • Adolf Hausrath: Zur Erinnerung an Heinrich von Treitschke. Alte Bekannte. Gedächtnisblätter II, Leipzig 1901 (auch ins Englische übersetzt)
  • Holger Hjelholt: Treitschke und Schleswig-Holstein. Der Liberalismus und die Politik Bismarcks in der schleswig-holsteinischen Frage. Oldenbourg, München u. a. 1929.
  • Georg Iggers Heinrich von Treitschke in Hans-Ulrich Wehler Deutsche Historiker, Band 2, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1971
  • Hildegard Katsch: Heinrich von Treitschke und die preußisch-deutsche Frage von 1860–1866. Ein Beitrag zur Entwicklung von Treitschkes politischen Anschauungen. (= Historische Bibliothek, Band 40). Oldenbourg, München u. a. 1919.
  • Karsten Krieger: Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879–1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. Im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung bearbeitet von Karsten Krieger. 2 Teile. K. G. Saur/De Gruyter Saur, München 2004, ISBN 978-3-598-11688-9.
  • Ulrich Langer: Heinrich von Treitschke. Politische Biographie eines deutschen Nationalisten. Droste, Düsseldorf 1998, ISBN 3-7700-1093-0.
  • Ernst Leipprand: Treitschkes Stellung zu England. Kohlhammer, Stuttgart 1928.
  • Ernst Leipprand: Heinrich von Treitschke im deutschen Geistesleben des 19. Jahrhunderts. Kohlhammer, Stuttgart 1935.
  • Hans Liebeschütz: Das Judentum im deutschen Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber. Mohr, Tübingen 1967.
  • Karl Heinz Metz: Grundformen historiographischen Denkens. Wissenschaftsgeschichte als Methodologie. Dargestellt an Ranke, Treitschke und Lamprecht. (= Münchener Universitäts-Schriften; Reihe der Philosophischen Fakultät, Band 21). Fink, München 1979, ISBN 3-7705-1550-1.
  • Christof Rolker: Heinrich von Treitschke. Werke und Ausgaben. Universität Konstanz, Konstanz 2001, Volltext (Bibliographie)
  • Hans Schleier: Sybel und Treitschke. Antidemokratismus und Militarismus im historisch-politischen Denken grossbourgeoiser Geschichtsideologen. (= Schriften des Instituts für Geschichte/Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin; Reihe 1, Allgemeine und deutsche Geschichte, Band 23). Akademie-Verlag, Berlin 1965.
  • Guido Wölky: Roscher, Waitz, Bluntschli und Treitschke als Politikwissenschaftler. Spätblüte und Untergang eines klassischen Universitätsfaches in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dissertation, Universität Bochum 2006. (Volltext)
  • Ulrich Wyrwa: Genese und Entfaltung antisemitischer Motive in Heinrich von Treitschkes „Deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert“. In: Werner Bergmann/Ulrich Sieg (Hrsg.): Antisemitische Geschichtsbilder. Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0114-8 (Antisemitismus: Geschichte und Strukturen. Bd. 5), S. 83–102
  • Johannes Zechner: Heinrich von Treitschkes Antisemitismus und die deutsche Geschichtswissenschaft. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Gedächtnispolitik – Eine kritische Zwischenbilanz. Berlin 2003, S. 94–113.

Zitate[Bearbeiten]

  • Dem Historiker ist nicht gestattet, nach der Weise der Naturforscher das Spätere aus dem Früheren einfach abzuleiten. Männer machen die Geschichte. Die Gunst der Weltlage wird im Völkerleben wirksam erst durch den bewußten Menschenwillen, der sie zu benutzen weiß (Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Band 1, S. 28)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Heinrich von Treitschke – Quellen und Volltexte
 Commons: Heinrich von Treitschke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jens Flemming, Rezension von Thomas Gerhards Heinrich von Treitschke, Archiv für Sozialgeschichte, 54, 2014, pdf
  2. Nipperdey bezeichnete so den Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler, Nipperdey Wehlers Kaiserreich. Eine kritische Auseinandersetzung, Geschichte und Gesellschaft, Jahrgang 1, Heft 4, 1971, S. 539-560
  3. Unter anderem einseitige Archivforschung. Nach Petersdorff (Allgemeine Deutsche Biographie 1910, Artikel Treitschke) waren Treitschke aber wichtige Archive wie etwa in München und Wien trotz seiner Gesuche verschlossen
  4. Gabriele Clemens, Rezension des Buchs von Thomas Gerhards: Heinrich von Treitschke, Sehepunkte, 14, 2014, Nr.1
  5. Gabriele Clemens, Rezension von Gerhards, loc. cit.
  6. Gerhards Heinrich von Treitschke, 2013
  7. Zum Beispiel G. M. Young Victorian England. Portrait of an age, Oxford University Press 1936, S. 24. Nach Young ist der Ausspruch in einer seiner Berliner Vorlesungen gefallen.
  8. Einflußreich war hier das Buch des Historikers John Adam Cramb Germany and England 1914
  9. Gordon A. Craig: Deutsche Geschichte 1866-1945: Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber, 2. Auflage, Beck, München 1999, ISBN 3-406-42106-7, hier S. 233.
  10. Petersdorff, ADB
  11. Treitschke Das deutsche Ordensland Preußen, Insel Verlag. Zum Beispiel auf der Schlußseite (S. 96) in einem heute unfreiwillig komischen Zitat: Alltäglich noch tragen Deutsche die Segnungen der Kultur gen Osten. Aber mürrisch wird im Slawenlande der deutsche Lehrer empfangen als ein frecher Eindringling; nur in Preußen blieb er Bürger und Herr des Bodens, den sein Volk der Gesittung gewann.
  12. Vgl. Johannes Zechner: Heinrich von Treitschkes Antisemitismus und die deutsche Geschichtswissenschaft. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Gedächtnispolitik – Eine kritische Zwischenbilanz. Berlin 2003, S. 94–113.
  13. Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867–1914. Göttingen 2004, S. 263.
  14. Christoph Jahr: Antisemitismus vor Gericht. Debatten über die juristische Ahndung judenfeindlicher Agitation in Deutschland (1879 - 1960). Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, 2001, S. 97
  15. Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse: Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890 - 1914. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 176. Göttingen, 2007, S. 52
  16. Golo Mann: Über Antisemitismus. In: Geschichte und Geschichten. Fischer 1961, S. 178.
  17. Thomas Gerhards, zitiert nach der Rezension von Gabriele Clemens, loc. cit.
  18. Eine ausführliche Darstellung seiner Rezeption findet sich in dem Buch von Thomas Gerhards Heinrich von Treitschke, 2013 (Dissertation)
  19. Rüdiger von Bruch Zum 100. Todestag Heinrich von Treitschkes, Humboldt Universität Berlin
  20. Die Treitschke- wird zur Goldschmidtstraße. RNZ, 12. November 2011, abgerufen am 12. November 2012.
  21. Was lange währt, ist endlich gut: Treitschkestraße ist jetzt umbenannt. RNZ, 2. April 2012, abgerufen am 3. November 2012.
  22. 50 Jahre Münchner Treitschkestraße. haGalil.com vom 19. Januar 2010
  23. Kleine Anfrage, Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf, KA 298/II, 2003, pdf
  24. http://npd-blog.info/2008/11/21/berlin-treitschkestrase-bekommt-nun-auch-treitschke-zitate/
  25. Pressemitteilung vom 14. November 2008