Die Mutter des Erfolgs

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Amy Chua (rechts) mit ihren Töchtern Sophia und Lulu (2011).

Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte (engl. Originaltitel: Battle Hymn of the Tiger Mother) ist ein 2011 in den Vereinigten Staaten erschienenes autobiografisches Buch der chinesisch-amerikanischen Juristin Amy Chua. Chua erzählt darin, wie sie ihre zwei Töchter unter Einsatz autoritativer chinesischer Erziehungsmethoden zu musikalischen Spitzentalenten herangebildet hat.

In den Vereinigten Staaten steht das Buch seit seinem Erscheinen im Mittelpunkt eines emotional geführten Diskurses darüber, welchen Stellenwert Leistung in der Erziehung haben sollte. Im deutschsprachigen Raum dagegen liefert es Material für Diskussionen darüber, wie viel Autorität Eltern ausüben dürfen.

Inhalt[Bearbeiten]

Chua erzählt in ihrem Buch die Geschichte der Erziehung ihrer beiden Töchter, die sie mit erheblichem Einsatz und Ehrgeiz Klavier bzw. Geige lernen lässt, wobei dieses Unternehmen im Falle der älteren Tochter zum Erfolg führt, während die jüngere sich schließlich widersetzt und die Mutter zur Aufgabe zwingt. Chua ist eine Tochter chinesischer Einwanderer, wurde auf traditionell chinesische Weise erzogen und erzieht ihre Töchter auf dieselbe Weise. Die Mutter des Erfolgs ist das erste international wahrgenommene Buch, das einem westlichen Lesepublikum Einblicke in diesen Erziehungsstil gewährt, wobei das Interesse der Leser vor allem daher rührt, dass chinesische Schüler und Studenten in den USA heute als notorische Overachiever gelten, die im amerikanischen Bildungssystem erfolgreicher sind als das Gros der europäischstämmigen Amerikaner. Bereits in der Vorbemerkung räumt Chua jedoch ein, dass ihr Buch keine Apologetik der chinesischen Erziehungsphilosophie sei, und unterstreicht dies durch zahlreiche freimütige Darstellungen von Situationen, in denen sie selbst keine gute Figur macht. Dennoch ist Die Mutter des Erfolgs mit dem im Westen weithin unbekannten chinesischen Bestseller Harvard Girl (2000) von Liu Weihua und Zhang Xinwu verglichen worden.[1]

Ein weiteres zentrales Thema des Buches ist der Aufeinanderprall der Weltbilder, zu dem es kommt, wenn Westler und Chinesen einander ihre Erziehungskonzepte zu erklären versuchen.[2]

Familienszenario[Bearbeiten]

Amy Chua stammt aus einer chinesischen Akademikerfamilie römisch-katholischen Glaubens, die vor Chuas Geburt aus den Philippinen in die Vereinigten Staaten eingewandert ist. Chua ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Juristin und lehrt seit 2001 an der Yale University. Ihr Mann, Jed Rubenfeld, ist Amerikaner mit europäischen Vorfahren, lehrt als Jurist ebenfalls in Yale und ist ein erfolgreicher Schriftsteller.[3] Die Töchter Sophia (*1993) und Louisa („Lulu“, *1996) wurden wie ihr Vater in der Tradition des Reformjudentums erzogen. Sie sind als englische Muttersprachler aufgewachsen, haben, da in Chuas Elternhaus der Hokkien-Dialekt gesprochen wurde und sie kein Hochchinesisch spricht, aber privaten Chinesischunterricht erhalten.[4]

Der chinesische Erziehungsstil[Bearbeiten]

Da in dem kulturellen Umfeld, das Chua in ihrem Buch beschreibt, asiatische und amerikanische Einflüsse ein unüberschaubares Amalgam eingegangen sind, kann sie, wie sie bereits zu Beginn hervorhebt, die Ausdrücke „chinesische Mutter“ und „chinesischer Erziehungsstil“ nur metaphorisch verwenden. Viele ethnische Chinesen, die in den USA geboren sind, erziehen ihre Kinder im „westlichen“ Stil, und viele Eltern, die den von Chua beschriebenen „chinesischen“ Erziehungsstil praktizieren, sind gar nicht chinesischer, sondern koreanischer, indischer oder gelegentlich sogar europäischer Abstammung.[5] Jedoch ist es ihr eigenes Elternhaus, aus dem Chua sämtliche Elemente ihres Erziehungsstils sowie die Werte, die diesem Erziehungsstil zugrunde liegen, übernimmt.[6] Wie u. a. die Psychologin Ruth Chao aufgewiesen hat, sind diese Werte und ist dieser Erziehungsstil in sinoamerikanischen Familien weithin verbreitet.[7]

Als den zentralen Wert, den Chua ihren Kindern zu vermitteln versucht, benennt sie Können und Leistung (excellence), und ihr höchstes Erziehungsziel ist das Vertrauen des jungen Menschen in die eigenen Fähigkeiten (confidence).[8] Die Aufgaben der Eltern bestehen darin, dem Kind zu zeigen, wozu es fähig ist, und es mit den Ressourcen auszurüsten, die es für sein künftiges Leben benötigt: Fähigkeiten, guten Arbeitsgewohnheiten und Selbstvertrauen.[9] Bildung und schulischer Erfolg werden in China traditionell außerordentlich hoch bewertet; mit dem Training von Fähigkeiten, die (wie z. B. das Einmaleins) nur durch Üben erlernt werden können, verbringen chinesische Eltern zehnmal mehr Zeit als westliche Eltern.[10] Ebenso wie viele andere chinesische Eltern erwartet Chua von ihren Töchtern stets die Höchstnote.[11]

Chua führt in diesem Zusammenhang auch den Begriff Gehorsam ein, der als kindliche Pietät durch den Konfuzianismus fest in der chinesischen Kultur verwurzelt ist.[12] Kinder sind ihren Eltern traditionell bis zum Äußersten verpflichtet.[13] Während der Begriff „Gehorsam“ in der westlichen Welt Assoziationen von Hundeerziehung und schwarzer Pädagogik weckt, gilt er in China als hohe Tugend.[12] Chua vermutet, dass der Anspruch chinesischer Eltern auf Gehorsam darüber hinaus auch etwas mit den erheblichen Opfern zu tun habe, die sie für ihre Kinder bringen und die oft weit über das hinausgehen, was westliche Eltern zu tun bereit sind.[14]

Chinesische Eltern legen meist weniger Wert als westliche Eltern darauf, dass ihre Kinder außerhalb der Familie Freundschaften pflegen oder in eine Peergroup eingebunden sind. Auch Sport ‒ die Hauptleidenschaft vieler europäisch-amerikanischer Schulkinder ‒ gilt nicht als wichtig. Chua bildet hier keine Ausnahme. Ihre Töchter durften weder Spielverabredungen haben oder bei anderen Kindern übernachten noch an primär sozialen Aktivitäten wie dem Schultheater teilnehmen.[15]

Wie Ruth Chao nachgewiesen hat und wie auch Chua in ihrem Buch deutlich sichtbar macht, ist das Klima in chinesischen Familien trotz aller Autorität, Kontrolle und Kritik, die die Eltern ausüben, keineswegs von Härte, Freud- und Lieblosigkeit, sondern von einer hohen Responsivität der Eltern und von kindorientierten Familienaktivitäten geprägt, wie sie auch für die meisten westlichen Familien typisch sind.[16] Ruth Chao stuft einen Erziehungsstil wie den Amy Chuas darum nicht als autoritär, sondern als autoritativ ein.[17]

Kritik am westlichen Erziehungsstil[Bearbeiten]

Den „westlichen Erziehungsstil“ charakterisiert Amy Chua als einen Erziehungsstil, bei dem die Eltern die Individualität des Kindes respektieren, es ermutigen, seinen wahren Leidenschaften zu folgen, seine Entscheidungen (wie auch immer die ausfallen) unterstützen, anstelle von Kritik und Strafe positive Verstärkung praktizieren und dem Kind generell ein förderndes Umfeld bieten.[9] Ein Teil der Erregung, von der die Rezeption des Buches geprägt ist, rührt daher, dass Chua diesen Erziehungsstil einer scharfen Kritik unterzieht. Die Mutter des Erfolgs ist das erste in der westlichen Welt weithin rezipierte Erziehungsbuch, in dem die westliche Erziehung aus einer nicht-westlichen Perspektive kritisiert wird. So zitiert Chua bereits im Eingang des Buches aus einer Studie über die Einstellungen amerikanischer Eltern, in der fast 70 % der europäischstämmigen Befragten ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass es Kindern nicht gut tue, wenn man schulischen Erfolg von ihnen erwarte, und dass Eltern ihren Kindern die Idee vermitteln sollten, dass Lernen Spaß sei. Die chinesischstämmigen Befragten dagegen stimmten diesen beiden Aussagen überhaupt nicht zu und empfanden, dass ein Leistungsversagen des Kindes in der Schule anzeige, dass die Eltern „ihren Job nicht tun“.[10] Im Verlaufe ihrer Erzählung benennt Chua zahlreiche weitere Kritikpunkte:

  • Sie bedauert, dass westliche Eltern an die Zukunft ihrer Kinder weder Hoffnungen noch Träume knüpfen und dass sie das Potential ihrer Kinder beständig unterschätzen. Dies zeige sich unter anderem in der Gewohnheit von Eltern, ihre Kinder selbst für triviale Leistungen inflationär zu loben.[18]
  • Sie kritisiert, dass westliche Eltern ihre Kinder für übermäßig zerbrechlich halten und sie nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung damit erst zerbrechlich machen. Bei aller übertriebenen Behutsamkeit im Umgang mit den Gefühlen ihrer Kinder gelinge es westlichen Eltern oft nicht, sie mit einem positiven Selbstbild aufwachsen zu lassen.[19] Diese Überlegung ist im amerikanischen Erziehungsdiskurs nichts Neues und war von der Psychologin Wendy Mogel in einem viel beachteten Buch bereits 2001 zur Diskussion gestellt worden.[20]
  • Westliche Eltern arrangieren sich nach Chuas Eindruck allzu bereitwillig damit, wenn ihre Kinder sich nicht gut entwickeln. Obwohl sie sich einerseits unentwegt um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder sorgen, lassen westliche Eltern es denselben Kindern andererseits allzu bereitwillig durchgehen, wenn diese eine Sache, die nicht auf Anhieb gelingt, schnell wieder aufgeben (anstatt sie lernen zu lassen, dass sie etwas lernen können, von dem sie dachten, dass es ihnen unmöglich sei).[21]
  • Für problematisch hält Chua auch die Auffassung westlicher Eltern, nach der Kinder ihren Eltern nichts, Eltern ihren Kindern aber alles ‒ insbesondere „Glück“ ‒ schulden. Die westlichen Eltern kommen dabei ihrer Auffassung nach nicht nur schlecht weg,[14] sondern versagen mit ihrer Glückserziehung auch allzu oft. Denn obwohl westliche Eltern sich meist abmühen, ihre Kinder glücklich zu machen, empfinden diese, wenn sie erwachsen werden, ihren Eltern gegenüber oft unüberwindlichen Groll und wollen nicht mehr viel mit ihnen zu tun haben (während Chinesen ihre alten Eltern z. B. kaum jemals ins Heim abschieben). „Westliche Kinder sind definitiv nicht glücklicher als chinesische.“[22]
  • Chuas letzter großer Kritikpunkt ist die ihrer Meinung nach mangelnde Bereitschaft vieler westlicher Eltern, eigenständige Entscheidungen zu treffen und Anstrengungen auf sich zu nehmen, die notwendig sind, um ihre Kinder gut zu erziehen.[23] Chua steht unter dem Eindruck, dass viele westliche Eltern den Weg des geringsten Widerstands gehen, sich in ihrer Erziehung ausschließlich an dem orientieren, was alle anderen auch tun, und Maximen wie „Du musst deinen Kindern die Freiheit geben, ihren Leidenschaften zu folgen“ selbst dann heilig halten, wenn die „Selbstverwirklichung“ des Kindes offensichtlich irregeleitet ist und z. B. darin besteht, sich stundenlang mit Facebook zu beschäftigen.[24]

Die Musikerziehung der Töchter[Bearbeiten]

Das mit dem Erlernen eines Instruments verbundene Studium klassischer Musik hat in China keinerlei Tradition und ist Chuas persönliche Zutat zur Erziehung ihrer Töchter. Sie hatte als Kind zwar selbst Klavierunterricht, entwickelt ein tiefes Verständnis für Musik aber erst, als sie den Instrumentalunterricht ihrer Töchter begleitet.[25] Sie begreift klassische Musik ‒ insbesondere die Geige ‒ nicht als ein beliebiges Hobby, sondern als Schlüssel zu einer guten Erziehung; weil diese Musik so schwer zugänglich ist und ihr Reichtum sich erst nach langwieriger, mühsamer Arbeit erschließt, empfindet Chua sie als ein fundamentales Gegenkonzept zur Konsumorientierung und Oberflächlichkeit, der die privilegiert aufwachsenden Kinder erfolgreicher Eltern so leicht anheimfallen.[26] Während westliche Eltern meist davon ausgehen, dass jemand auf einem Gebiet nur dann gute Lernfortschritte erzielt, wenn die Tätigkeit ihm von vornherein Spaß macht, argumentiert Chua, dass ‒ umgekehrt ‒ die Freude an einer Tätigkeit eine Frage der Meisterschaft sei, die man auf dem Gebiet erlangt hat. Der Weg zur Exzellenz besteht in der Musik, ebenso wie auf vielen anderen Gebieten, in harter Arbeit und gewissenhaftem, ausdauernden Üben. Kinder mögen dies weder, noch tun sie es von sich aus, und zwar unabhängig von der Kultur, in der sie aufwachsen. Während westliche Eltern sich scheuen, ihre Kinder zu Dingen zu zwingen, denen sie sich widersetzen, gelangen chinesische Kinder unter dem Druck der Eltern sehr bald an einen Punkt, an dem sie auf einem Gebiet (Mathematik, Klavier, Baseball, Ballett) zu brillieren beginnen, wodurch die anfänglich nicht als Spaß erlebte Tätigkeit vom Kind schließlich doch genossen und geliebt wird.[27]

Sophia beginnt ihren Klavierunterricht mit drei Jahren; Lulu studiert ebenfalls Klavier, lernt ‒ weil Chua die Schwestern keiner Wettbewerbssituation aussetzen will ‒ vom siebten Lebensjahr an aber zusätzlich Geige und beschränkt sich bald ganz auf dieses Instrument.[28] Beide Mädchen werden nach der Suzuki-Methode ausgebildet, die sich von anderen Methoden u. a. durch die intensive Mitarbeit der Mutter beim häuslichen Üben unterscheidet, was es ermöglicht, dass Kinder ein Instrument bereits in sehr jungem Alter erlernen. Chua kommt die Suzuki-Methode besonders entgegen, weil sie bei intensivem Üben eine steile Schwierigkeitsprogression unterstützt.[29] Chua unterzieht die Töchter einem forcierten Übungsplan und arbeitet mit jeder bald drei Stunden täglich, und zwar selbst wenn die äußeren Bedingungen (etwa auf Reisen) schwierig sind.[30] Während Sophia sich als hoch kooperativ erweist ‒ Chua ertappt sie allerdings dabei, wie sie vor Wut heimlich ihr Instrument beißt[31] ‒, gerät das Üben mit Lulu für Chua zu einem alltäglichen Ringkampf. Chua nimmt diesen dennoch auf sich, weil das Kind sein Instrument offensichtlich gern spielt und nur nicht gern übt.[32]

Beide Töchter entwickeln in kürzester Zeit musikalische Hochbegabung. Sophia erhält Privatunterricht bei dem bedeutenden Pianisten Wei-Yi Yang[33] und siegt in einem internationalen Wettbewerb, der es ihr ermöglicht, bereits mit 14 Jahren als Solistin in der Carnegie Hall zu debütieren.[34] Lulu besucht Meisterklassen bei der berühmten Geigenlehrerin Almita Vamos,[35] bewirbt sich für das Jugendprogramm der Julliard School, wird dort zwar abgelehnt, gewinnt als neue Privatlehrerin aber die bedeutende Geigerin Naoko Tanaka,[36] siegt in einem regionalen Talentwettbewerb und wird mit 12 Jahren Konzertmeisterin eines Jugendorchesters.[37]

Ausführlich behandelt Chua in ihrem Buch die Auseinandersetzungen mit Lulu, die vom 12. Lebensjahr an zunehmend offen gegen das rigorose Übungsregime der Mutter rebelliert. Als Lulu dreizehn Jahre alt ist, ist Chua schließlich zermürbt und erlaubt ihr, das Instrument aufzugeben. Lulu tritt von ihrer Position als Konzertmeisterin zurück und gibt den Unterricht bei Tanaka auf, entscheidet sich aber, weiter Geige zu studieren, wenn auch mit deutlich geringerem Aufwand. Außerdem beginnt sie, mit Ehrgeiz Tennis zu spielen.[38]

Veröffentlichung und Rezeption[Bearbeiten]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

Die Mutter des Erfolgs steht einerseits in der Tradition der chinesisch-amerikanischen Literatur und folgt andererseits einer Traditionslinie der Kritik an der amerikanischen Erziehung zur Mittelmäßigkeit, die spätestens 1911 mit Boris Sidis’ Buch Philistine and Genius begründet wurde.[39] Chua begann mit dem Schreiben ihres Buches im Juni 2009. Nach der Fertigstellung veröffentlichte sie ein Exzerpt im Wallstreet Journal.[40] Dieser Vorabdruck, der den Titel Why Asian Mothers are Superior (deutsch: „Warum asiatische Mütter überlegen sind“) trug, erfolgte am 8. Januar 2011, zehn Tage vor dem Beginn eines offiziellen Besuches des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao in Washington, und konnte damit leicht als Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs über eine künftig möglicherweise enge wirtschaftliche Kooperation zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China („Chimerica“, „Group of Two“) identifiziert werden. Der Titel sprach weit verbreitete amerikanische Ängste vor dem nationalen Niedergang an.[41] Die wachsende Präsenz der Sino-Amerikaner an den amerikanischen Universitäten ist schon heute nicht mehr zu übersehen,[42] und die provokante Schlagzeile des Artikels versprach eine Erklärung für das Phänomen. Nach der Vorabveröffentlichung erhielt Chua Morddrohungen und Hunderte von Emails. Auf der Webseite des Wall Street Journal erschienen mehr als 7.000 Kommentare.[43]

Das vollständige Buch kam am 11. Januar 2011 auf den Markt.[44] Der englische Originaltitel Battle Hymn of the Tiger Mother bedeutet auf deutsch etwa „Schlachtruf einer Tigermutter“ und spielt auf das Tierzeichen der chinesischen Astrologie an, unter dem die Autorin geboren ist. Das Buch gelangte bereits Anfang Februar auf Rang 2 der Topsellerliste (Sparte Sachbücher/Hardcover) und wurde nur noch von Laura Hillenbrands Louis Zamperini-Biographie Unbroken überflügelt.[45] Der Buchveröffentlichung folgte eine Flut von Rezensionen und kritischen Artikeln, in denen Chua ein obsessiver und missbräuchlicher Umgang mit den Töchtern bescheinigt wurde, auf deren wahre Bedürfnisse Chua keine Rücksicht nehme, weil ihr nur an der Befriedigung ihres eigenen Ehrgeizes gelegen sei.[46] Geradezu Schmerz löste das Buch bei einigen asiatischen Lesern aus, die Opfer extremer asiatischer Erziehungspraktiken waren.[47]

Chuas Tochter Sophia reagierte auf diese Kritik mit einem in der New York Post veröffentlichten Beitrag Why I love my strict Chinese mom, in dem sie den Erziehungsstil ihrer Mutter glühend verteidigte.[48]

Viele Leser und Rezensenten von Chuas Buch hielten ihre Erziehungskritik für überfällig und pflichteten ihr mehr oder weniger uneingeschränkt bei.[49] David Brooks zum Beispiel, Kolumnist der New York Times, begrüßte Chuas „Breitseite gegen die amerikanische Elternhauserziehung“ und ihre Kritik an amerikanischen Eltern, die Kinder mit hohen Ansprüchen hervorbringen, diese aber nicht zwingen, ihrem Potenzial gerecht zu werden. Den Erziehungsstil, den Chua „chinesisch“ nennt, stuft Brooks allerdings als eine Hardcore-Version der Leistungsorientierung ein, die den Erziehungsalltag in weiten Teilen der oberen Mittelschicht ohnehin bestimme. Der einzige Punkt in Chuas Buch, an dem er Anstoß nimmt, ist ihr Glaube an den hohen intellektuellen Schwierigkeitsgrad des Instrumentalspiels. Er selbst hält das Meistern sozialer Situationen für den Inbegriff kognitiver bzw. intellektueller Hochleistung, und bedauert, dass Chua ihre Töchter nicht lieber auf diesem Gebiet fördert.[41] Susan Dominus bescheinigte Chua, dass sie einen erfrischend neuen und nachahmenswerten Typ von Elternmemoiren geschaffen habe: „Memoiren über Erziehungstechniken, die zwar gerade entsetzlich genug sind, um es dem Leser zu erlauben, in Selbstgerechtigkeit zu schwelgen, aber verquickt mit Erkenntnissen, die weise und zeitgemäß genug sind, um dem Leser Grund zu bieten, das Buch nicht quer durch den Raum zu schmeißen.“[50]

Einen Gegenpol zu Chuas Position bilden in den USA auch die Befürworter eines extremen elterlichen Laissez-faire, unter denen in jüngster Zeit z. B. der Ökonom Bryan Caplan hervorgetreten ist.[51]

Deutschsprachiger Raum[Bearbeiten]

Die deutsche Übersetzung des Buches erschien am 25. Januar 2011, nur zwei Wochen später als die Originalausgabe.[52] Im deutschsprachigen Raum fehlen etliche der Faktoren, die die Rezeption des Buches in den Vereinigten Staaten beeinflusst haben, sodass auch die Vieldimensionalität und der politische Charakter, die den amerikanischen Diskurs kennzeichnen, entfallen. Die wenigen Chinesen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben, bilden keine selbstständige Öffentlichkeit wie in den USA; Ausländer werden in der Regel nicht als Overachiever wahrgenommen; auch die in dem Buch ausführlich behandelte Suzuki-Methode ist kaum verbreitet. An die Stelle der amerikanischen Leistungs- und Qualitätsdebatte tritt im deutschsprachigen Raum ein gesellschaftlicher Diskurs um die Vor- und Nachteile erzieherischer Strenge, der auf die antiautoritäre Erziehungsbewegung der 1960er Jahre zurückgeht und in jüngerer Zeit durch Bücher wie Bernhard Buebs Lob der Disziplin (2006) und Michael Winterhoffs Warum unsere Kinder Tyrannen werden (2008) und Presseschlagzeilen z. B. um die Berliner Grundschullehrerin und Politikerehefrau Ursula Sarrazin wiederbelebt wurde. Vor diesem Hintergrund wurde das Buch im deutschsprachigen Raum überwiegend ablehnend aufgenommen, wobei die Rezensenten den Argumenten, die Chuas Gegner in den Vereinigten Staaten vorgebracht haben, kaum etwas Neues hinzuzufügen hatten. Einmütig hielten sie es für schädlich, Kinder zu hohen Leistungen anzuhalten oder sie zu Dingen zu zwingen, die sie nicht von sich aus tun, und sorgten sich darum regelmäßig um die seelische Gesundheit der Chua-Töchter.[53] Vereinzelt waren unter den Kritikern auch chinesische Stimmen zu hören.[54] Die einzige Autorin, die über den rein pädagogischen Diskurs hinausging, war Tanja Dückers, die darauf hinwies, dass die Ursache sozialer und wirtschaftlicher Probleme nicht im mangelnden Leistungswillen der Bürger, sondern in Fehlleistungen der Politik bestehe; die Diskussion um Chuas Buch sei vor diesem Hintergrund müßig.[55]

Während Chuas Akkulturation in den USA über jeden Zweifel erhaben ist ‒ sie vereinbart Beruf und Familie, lässt ihre Kinder Bat Mizwa feiern und erzieht sie als Kosmopoliten ‒, warf Mark Siemons von der FAZ ihr überdies „Integrationsverweigerung“ vor,[56] ein Schlagwort, das seit 2010 im Diskurs der deutschen Innenpolitik eine Rolle spielt und dort vor allem auf Einwanderer mit niedriger Bildung angewandt wird, die keine Anstrengungen erkennen lassen, Deutsch zu erlernen.[57] An anderer Stelle wurde Chua im Gegenteil übelgenommen, dass sie sich typisch „amerikanisch“ verhalte.[58] Auch die Deutung, dass Chua sich in ihrem Buch nicht für Leistung, sondern viel mehr für „Zucht und Ordnung“ und eine Erziehung mit dem Rohrstock stark mache, findet sich nur in deutschsprachigen Rezensionen.[59]

Zustimmung zu Chuas Überlegungen ist, wo sie stattfindet, oft sehr zurückhaltend formuliert, etwa bei der Bonner Politologin und Soziologin Christiane Florin, die sich ein bisschen mehr Erfolgsorientierung in der Erziehung durchaus vorstellen könnte, aber feststellt, dass der Flirt „mit dem Gedanken, dass eine Frau Mahlzahn mal in den Kuschelecken der Republik aufräumt, damit die Kleinen Großes erreichen“, in Deutschland bisher nur „klammheimlich“ stattfinde.[60] Etwas deutlicher wurde Bernhard Bueb, der Chuas Forderungen zwar als maßlos übertrieben einstuft, aber die Aufmerksamkeit und Zuwendung lobt, die sie ihren Kindern entgegengebracht habe, und auf das Selbstbewusstsein hinweist, das sie den Töchtern vermittelt habe.[61] Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat Amy Chua in einem Interview mit der Zeit „eine ausgezeichnete Mutter“ genannt, weil ihr Erziehungsstil von Engagement und Authentizität geprägt sei.[62] Die Methoden Chuas nachzumachen empfiehlt er jedoch nicht, wenn man Kinder haben will, die mental gesund sind und starke, persönliche und soziale Fähigkeiten haben.[63]

Ausgaben[Bearbeiten]

Originalausgaben:

Deutsche Übersetzung:

  • Amy Chua: Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte. aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden. 5. Auflage. Nagel & Kimche, 2011, ISBN 978-3-312-00470-6.
  • Amy Chua: Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte. Audiobuch Verlag, 2011, ISBN 978-3-89964-417-3 (Audiobuch, ungekürzt, gelesen von Doris Walters)

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

Wenn nicht anders vermerkt, beziehen sich alle Verweise auf Chuas Buch auf die englische Originalausgabe.

  1. Getting into Harvard the Chinese way; Jennifer Schuessler: Inside the List, New York Times, 21. Januar 2011; vgl. auch Ann Hulbert: Re-education New York Times, 1. April 2007.
  2. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 161.
  3. Jed Rubenfeld Yale Law School; We Know About Tiger Mom, But Who Is TIGER DAD? Business Insider, 21. Januar 2011.
  4. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 6–8, 16, 50, 183f.
  5. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 4, 54.
  6. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 16f, 55.
  7. Vgl. die Literaturliste im Artikel Ruth K. Chao.
  8. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 225f.
  9. a b Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 63.
  10. a b Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 5.
  11. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 3.
  12. a b Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 12.
  13. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 98.
  14. a b Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 53.
  15. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 3; andererseits darf Sophia, als sie in Carnegie Hall ein Konzert gibt, ihren ganzen Schuljahrgang einladen (S. 139).
  16. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 46, 77, 86f, 181f; vgl. auch In der Höhle der Tigerin Die Zeit, 3. Oktober 2011.
  17. Ruth K. Chao: Beyond Authoritarianism: A Cultural Perspective on Asian American Parenting. Konferenzpapier, Annual Meeting of the American Psychological Association, New York, NY, August 1995.
  18. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 8.
  19. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 8, 51f.
  20. Wendy Mogel: The Blessing of a Skinned Knee. Using Jewish Teachings to Raise Self-Reliant Children. Scribner, 2001, ISBN 0-684-86297-2 (eingeschränkte Online-Version in der Google-Buchsuche-USA); Wendy Mogels Webseite; So the Torah Is a Parenting Guide? Rezension in den New York Times, 1. Oktober 2006.
  21. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 62f.
  22. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 101.
  23. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 148.
  24. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 148, 161f, 227.
  25. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 16.
  26. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 22f, 207.
  27. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 29.
  28. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 9, 38-41, 43-45, 60
  29. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 26f.
  30. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 67, 88-92
  31. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 58f.
  32. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 67.
  33. Wei-Yi Yang Yale School of Music
  34. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 121–129, 135f, 139-141
  35. Almita Vamos Northwestern University
  36. Naoko Tanaka Steinhardt School der New York University
  37. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 110, 116-120, 130f, 134f, 141-143, 167f
  38. Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 167–175, 179-184, 199f, 202-206, 209f, 212-214
  39. Ann Hulbert: Hear the Tiger Mother Roar, Slate, 11. Januar 2011.
  40. Why Asian Mothers are Superior Wallstreet Journal, 8. Januar 2011.
  41. a b David Brooks: Amy Chua Is a Wimp New York Times, 17. Januar 2011.
  42. Do colleges redline Asian-Americans?
  43. Kate Zernike: Retreat of the ‘Tiger Mother’ New York Times, 14. Januar 2011; Strict, Controversial Parenting Style Leads to Death Threats for 'Tiger Mother' Amy Chua ABC News, 17. Januar 2011; Besides rote learning, add values in child's education China Watch, The Washington Post, 25. Februar 2011.
  44. Tiger Moms: Is Tough Parenting Really the Answer? Time Magazine, 20. Januar 2011.
  45. Bestsellers, New York Times, 6. Februar 2011.
  46. Janet Maslin: But Will It All Make ‘Tiger Mom’ Happy?, New York Times, 19. Januar 2011.
  47. Parents like Amy Chua are the reason why Asian-Americans like me are in therapy Webseite von Betty Ming Liu
  48. Sophia Chua-Rubenfeld: Why I love my strict Chinese mom, New York Post, 18. Januar 2011.
  49. Judith Warner: No More Mrs. Nice Mom, New York Times, 11. Januar 2011.
  50. Susan Dominus: Terrible Swift Tongue. In: New York Times. 11. Februar 2011; ähnlich urteilt Elizabeth Chang: Amy Chua’s “Battle Hymn of the Tiger Mother”, on Chinese-American family culture. In: Washington Post. 7. Januar 2011.
  51. Bryan Caplan: Selfish Reasons to Have More Kids: Why Being a Great Parent Is Less Work and More Fun Than You Think. Basic Books 2011, ISBN 978-0-465-01867-3 (eingeschränkte Online-Version in der Google-Buchsuche-USA); Motoko Rich: Who Really Cares How Yuppies Raise Their Kids? New York Times, 16. April 2011.
  52. Amy Chua: Ist Strenge die Mutter des Erfolgs? Eltern.de, 25. Januar 2011.
  53. Katja Irle: Das Muttermonster, Frankfurter Rundschau, 27. Januar 2011; Elisabeth von Thadden: Wer hat Angst vor dieser Frau? Die Zeit, 27. Januar 2011; Kim Kindermann: Stofftiere uns Feuer und Pinkelverbot, Deutschlandradio Kultur, 29. Januar 2011; Thomas Vieregge: Amy Chua: Mütter, „Monster“ und Maschinen, Die Presse, 29. Januar 2011; Michael Ostheimer: Beschwört Amy Chuas Die Mutter des Erfolgs den Kampf der Erziehungskulturen herauf?, Goethe Institut (China), Februar 2011; Angela Bachmair: Amy Chua: Lernen von der Tigermutter? Augsburger Allgemeine, 26. September 2011.
  54. Li Shuangzhi: Erfolg versus Glück? Eine chinesische Selbstreflexion zur Erziehungsdebatte, Goethe Institut (China), März 2011.
  55. Tanja Dückers: Das Politische wird privat Die Zeit, 2. Februar 2011.
  56. Mark Siemons: Glück ist ein Irrtum des Westens, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Januar 2011.
  57. Das Grundgesetz schützt die Integrationsverweigerer, Welt online, 7. September 2010; Gabriel für Sanktionen bei Integrationsverweigerung Der Tagesspiegel, 20. September 2010; Regierung überprüft Maßnahmen bei Integrationsverweigerung Hamburger Abendblatt, 16. Oktober 2010.
  58. Wie viel Drill braucht ein Kind? Neue Zürcher Zeitung online, 31. Januar 2011.
  59. Hannes Stein: Amerika berauscht sich an brachialen Erziehungstipps Welt online, 24. Januar 2011; Hannes Stein: Der Rohrstock hat uns doch damals auch nicht geschadet ‒ Wir haben Frau Sarrazin, Amerika hat Amy Chua: Über das Ende der Kuschelpädagogik, Welt online, 25. Januar 2011; Daniel Schneider: Die Rückkehr des Rohrstocks, Celadoor, 4. Februar 2011.
  60. Christiane Florin: Erfolgsrepublik China, Christ & Welt, Juni 2011; vgl. auch Andrea Köhler: Tiger-Mama oder Rabenmutter? In_ Neue Zürcher Zeitung. online, 27. September 2011.
  61. Bernhard Bueb – "Zu viele Eltern sind konfliktscheu", Welt online, 29. Januar 2011.
  62. Ist das zu viel verlangt? In: Die Zeit. 27. Oktober 2011.
  63. http://www.familylab.de/files/Artikel_PDFs/familylab-Artikel/Jesper_Juul_ueber_Tigermuetter.pdf