Die Stimmen von Marrakesch

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Die Stimmen von Marrakesch sind Aufzeichnungen nach einer Reise von Elias Canetti, die erstmals 1967 in der Reihe Hanser erschienen sind. In der DDR kamen die Reiseaufzeichnungen erst 1987 als Lizenzausgabe in der Insel-Bücherei (IB 1066) auf den Buchmarkt.

Aufbau[Bearbeiten]

Canetti führt den Leser als Ich-Erzähler in die marokkanische Großstadt Marrakesch, die er in den 1950er Jahren in Begleitung eines Filmteams bereist hat, wobei er (der in London lebte), vor den Einheimischen als Engländer auftritt, sich gegenüber den Einwohnern der Mellah, des jüdischen Viertels, aber auch als Jude zu erkennen gibt.

Sein Buch ist kein Reisebericht im üblichen Sinne, sondern (wie der Untertitel bereits andeutet) eine Sammlung von Erinnerungsstücken, die zu Skizzen geronnen sind, Momentaufnahmen, mit denen er den Charme der Stadt einzufangen, zumindest blitzlichtartig zu beleuchten versucht.

Die einzelnen Abschnitte sind grundsätzlich unabhängig voneinander, auch wenn gelegentlich Verweise oder Übergänge eingebaut werden, die das Buch im Inneren zusammenhalten sollen.

Inhalt[Bearbeiten]

Begegnungen mit Kamelen

Der Protagonist besucht mit seinem Freund einen Kamelmarkt und entdeckt in den Kamelen viel Menschliches. Erschüttert wird er über die Tatsache, dass diese Kamele zur Schlachtung geführt werden.

Die Suks

Auf dem Markt erzählt der Protagonist die Eindrücke von den Waren, ihrer Düfte und Farben und beschreibt das Feilschen mit den Händlern.

Die Rufe der Blinden

In den immer wiederkehrenden fordernden Bittrufen der Blinden, in Verbindung mit dem versprochenen Segen Allahs, erkennt der Protagonist einen tieferen Sinn des Lebens.

Der Speichel des Marabu

Der Marabu ist ein heiliger Mann, der die ihm gespendeten Münzen in den Mund nimmt, sie kaut und mit viel Speichel wieder ausspuckt.

Stille im Haus und Leere der Dächer

Der Protagonist beschreibt einen Platz, den man braucht, um sich zurückziehen zu können. Auf dem flachen Dach des Hauses seines Freundes blickt er zuerst in die Ferne, als er aber die Nachbarhäuser betrachten möchte, wird sein Freund unruhig. Denn es gilt als verpönt, in die Nachbarhäuser zu sehen.

Die Frau am Gitter

Auf einem Spaziergang trifft er auf eine unverschleierte Frau, die vom ersten Stock herunter, liebliche Koseworte an ihn richtet. Fasziniert bleibt er lange stehen, schaut zu ihr hinauf, bis er schließlich einen Jungen auf Französisch fragt, ob sie verrückt sei, was der Junge auch bestätigt.

Besuch in der Mellah

In diesem längeren Abschnitt besucht der Protagonist die Mellah, das jüdische Viertel. Zuerst trifft er auf kleine Läden mit feinen Stoffen, aber je weiter er geht, desto ärmer wird sein Umfeld. Schließlich gelangt er auf einen kleinen Platz, den er als Mittelpunkt der Mellah bezeichnet und mit dem er sich stark identifiziert. Nachdem er eine Schule besucht hat, in der der Lehrer das Können seiner Schüler demonstriert hatte, wird er von einem seltsamen Führer durch den Friedhof der Juden geführt und dabei von vielen Bettlern bedrängt.

Die Familie Dahan
Erzähler und Schreiber

In diesem kurzen Kapitel beschreibt der Protagonist die Erzähler, die auf der Straße Menschen um sich herum versammeln und diese mit ihren mächtigen Worten sehr gekonnt unterhalten. Der Fokalisator bewundert sie sehr und sieht zu ihnen auf. Etwas weiter abseits befinden sich die Schreiber, welche mit ihrem vor sich liegenden Schreibzeug auf Kundschaft warten. Bei einem der Schreiber sitzt eine ganze Familie.

Die Brotwahl
Die Verleumdung
Die Lust des Esels
"Scheherezade"
Der Unsichtbare

Interpretation[Bearbeiten]

Semantisierung des Fremden[Bearbeiten]

  • Canetti inszeniert Fremde, indem er sich ihr ohne sprachliche Kommunikation aussetzt. Er bereitet sich nicht mit Hilfe von Reiseliteratur auf das Land vor, lernt vor Ort kein Arabisch, verzichtet auf die Begleitung eines Dolmetschers; er provoziert das Nicht-Verstehen, um „nichts von der Kraft der fremdartigen Rufe [zu] verlieren“, um „von den Lauten so betroffen zu werden, wie es an ihnen selber liegt, und nichts durch unzulängliches und künstliches Wissen abzuschwächen“.
→ Inszenierung des Fremden in seiner Rätselhaftigkeit, vgl. vor allem die Episode mit dem Marabu.
  • Ebenso lehnt es der Erzähler ab, moralische Bewertungen vorzunehmen: „auf Reisen nimmt man alles hin, die Empörung bleibt zu Haus. Man schaut, man hört, man ist über das Furchtbarste begeistert, weil es neu ist. Gute Reisende sind herzlos.“
  • Dadurch dass die Fremde fremd, d. h. semantisch leer bleibt, wird sie frei für neue inhaltliche Füllungen, denn schon die semantische Entleerung des Fremden ist ein Konstrukt des Reisenden. Mit der Neusemantisierung des Fremden leistet Canetti exakt die semiotische Umwertung der kulturellen Praktiken, wie sie Culler als typisch für das touristische Verhalten beschrieben hat. Canetti geht aber über diese touristische Aneignungsstrategie insofern hinaus, als er seine Reiseerlebnisse verschriftlicht → Exotik lädt zur Identifikation und Enträtselung ein und damit zur semantischen Fixierung.

Der touristische Blick[1][Bearbeiten]

  • Culler: Touristen als „agents of semiotics“[2], als Semiotiker, der alles, was er sieht, als Zeichen einer kulturellen Praxis versteht, als „authentisch“. Authentisch ist für den Touristen das, „was jenseits seines Gebrauchswertes teilhat an einer für die Fremdkultur spezifischen kulturellen Zeichenpraxis“[1]
Das „Typische“ repräsentiert sich dem Touristen aber nicht unvermittelt, sondern vermittelt durch Marker, also z. B. Reiseführer, Museen, Postkarten, Hinweisschilder.
  • Authentizität hängt daher nicht an der Sache selbst, sondern bedarf einer semiotischen Vermittlung, durch die ein Signifikant durch einen weiteren Signifikanten als authentisch markiert wird.
  • Modernen Tourismus kennzeichnet so der permanente Zwang zur Beglaubigung von Authentizität.
Anwendung auf den Text von Canetti:
„Die Authentizität seiner Erfahrungen inszeniert Canetti im Text nun auf eine Weise, die dem zuvor umrissenen Modell der Fremderfahrung nicht nur entspricht, sondern dieses geradezu verdoppelt. Zum einen sucht Canetti Zugang zu Marrakesch durch ein Verfahren der Semiotisierung zu gewinnen, das dem Cullerschen Modell ziemlich genau folgt, zum zweiten vertieft er aber seine Interpretationen der beobachteten Kulturpraktiken durch folgende Verdopplung: was sich auf einer ersten semiotischen Ebene als kultureller Signifikant erweist, fungiert auf einer zweiten Ebene als Signifikat eines wesentlich mythischen Signifikanten.“[1]
→ doppelte Kodierung von Fremderfahrung: erstens Semiotisierung der kulturellen Praxis, zweitens Bedeutung als Mythos.
  • Beispiele: Canetti interessiert sich nicht für die ökonomische Dimension des Handels, sondern für die kommunikative Funktion des Marktlebens in den Suks.
Begegnung mit dem Marabu: Unverständnis und Ekel bzgl. dem Münzen verschluckenden Fremden; Orangenhändler als kultureller Übersetzer, der Canetti erklärt, dass es sich um einen Heiligen handelt. Später wird die durch das Sinndefizit entstandene Leerstelle offensichtlich durch eine metaphysische Bedeutungsfindung kompensiert („Die Freundlichkeit und Wärme, die während seiner Worte auf mich überging, war so, wie ich sie noch nie von einem Menschen empfangen habe.“)
→ der jeweilige Sinn einer Episode werde bei Canetti fast immer in Richtung auf eine mythische Bedeutung hin transzendiert.
↔ Zusammenhang mit Canettis Theorie vom Dichter als „Hüter der Verwandlung“, der durch Einfühlung und Empathie Zugang zum Anderen gewinnen soll
  • Vgl. Episode mit den Rufen der Blinden: Abstraktion von der praktischen Zielsetzung der Rufe, danach empathische Nachempfindung und „Mythisierung“. Die Unverständlichkeit des Fremden erzeugt eine Leerstelle, die durch Mythisierung und Neukodierung gefüllt wird, aber Fuchs zufolge stets auf die Erfahrung zurückgebunden bleibt und daher nicht zum Klischee gerinnt.
Forschung zu Canetti: Kabbani äußert mit Rückgriff auf Saids Studie gegenüber Canetti den Vorwurf des Eurozentrismus. Er schreibe seinem Reisebuch eine ontologische Differenz zwischen Orient und Okzident ein und impliziere eine eurozentrische Überlegenheit: Weil Marokko für Canetti unverständlich ist, ist es exotisch und attraktiv; es offeriert Geheimnisvolles und erlaubt „relief from the boredom of daily existence“; das Buch endet, nachdem alle misshandelten Tiere, verstümmelten Eingeborenen und Kreaturen geschildert sind.
→ laut Fuchs auf der Ebene der Bildlichkeit und der Motivik sicher nicht unzutreffend.
Aber: der Erzähler habe selbst keine sichere Identität, es sei nicht klar, ob er Engländer sei oder nicht, und auch seine religiöse Identität zeichnet ihn als Außenseiter aus. Die binäre Opposition zwischen dem Eigenen und dem Fremden werde somit unterminiert, weil er das Bild eines souveränen Subjekts erst gar nicht aufkommen lasse; das Fremde werde nicht mit Blick auf das Heimische gelesen, weil es ein solches gar nicht gibt.
→ Canettis „herrschaftsfreier Umgang“ mit der fremden Kultur.
Dazu passe auch seine Neubewertung von Sinneseindrücken: er interessiert sich gerade für das nicht Visuelle, sein „Blick“ ist nicht touristisch → keine Visualisierung des Fremden sondern Privilegierung der Geräusch – und Geruchskultur.

Zeugnisse[Bearbeiten]

"Die Stimmen von Marrakesch" ist jenes Buch, durch das Canetti dem Leser so etwas wie ein vertrauter Freund wird und in dem aus allen Schilderungen von orientalischer Großstadtmisere am Rande menschlichen Daseins eine Art Freude an allem Menschlichen (...) erstrahlt. François Bondy

"Klassisch möchte man den Weltbezug dieser Prosa nennen, weil ihr Autor mit so unbeirrbarer Kraft auf die Menschen, Tiere und Gegenstände von Marrakesch blickt, ohne dass die Subjektivität des Schauenden sich je in den Vordergrund drängte." Rudolf Hartung

"So behutsam und scheu Canetti vorangeht, der Leser wird Zeuge eines Erkenntnisprozesses. Ein Vorgang ohne jede intellektuelle Strapazierung ... Es bleibt, was immer Canetti in Marrakesch erlebt und beobachtet, reine erzählerische Vergegenwärtigung, sinnlich nah und greifbar." Eberhard Horst

Rezeption[Bearbeiten]

Ebenso wie Elias Canetti und dennoch auf andere Weise und zu einem großen Teil sich von ihm distanzierend haben sich in ihren Büchern auch Juan Goytisolo in Engel und Paria (1985), Hubert Fichte in Der Platz der Gehenkten (1989) und Michael Fisch in khamsa - oder Das Wasser des Lebens (2010) mit der Djemaa el Fna literarisch befasst.

Quellen und Angaben[Bearbeiten]

  1. a b c Anne Fuchs: Der touristische Blick. Anne Fuchs: Der touristische Blick: Elias Canetti in Marrakesch. Ansätze zu einer Semiotik des Tourismus. In: dies./Theo Harden (Hg.): Reisen im Diskurs, Heidelberg 1995, S. 71 - 86. ISBN 3-8253-0303-9
  2. Jonathan Culler: The semiotics of Tourism, in: Ders.: Framing the sign. Criticism and its Institutions, Oxford 1988, S. 155.