Die bleierne Zeit

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Filmdaten
Originaltitel Die bleierne Zeit
Die bleierne zeit de.svg
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1981
Länge 106 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Margarethe von Trotta
Drehbuch Margarethe von Trotta
Produktion Eberhard Junkersdorf
Musik Nicolas Economou
Kamera Franz Rath
Schnitt Dagmar Hirtz
Besetzung

Die bleierne Zeit ist ein Spielfilm der deutschen Regisseurin Margarethe von Trotta aus dem Jahr 1981. Das Drama lehnt sich an die Biografien der beiden Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin an. Christiane Ensslin war eine politisch aktive Journalistin und streitbare Frauenrechtlerin, ihre Schwester wählte den Weg des Terrorismus als Mitglied der Rote Armee Fraktion. Der Film basiert auf einem Drehbuch von Trottas und stellte den internationalen Durchbruch der Regisseurin dar:[1] Für Die bleierne Zeit wurde sie als erste Filmemacherin mit dem Goldenen Löwen, dem Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig, ausgezeichnet. Der Film startete am 25. September 1981 in den bundesdeutschen Kinos.

Handlung[Bearbeiten]

Die beiden Schwestern Juliane und Marianne wachsen im Deutschland der Nachkriegsjahre, der so genannten bleiernen Zeit, in einer evangelischen Pfarrersfamilie auf. Marianne ist sanft und still, Juliane dagegen rebellisch. Im Schatten des autoritären Vaters und der grausamen politischen Vergangenheit gehen beide in den folgenden Jahrzehnten unterschiedliche Wege. Beide setzen sich innerhalb der Studentenbewegung für gesellschaftliche Veränderungen ein. Marianne führt eine Beziehung zu einem verstörten Intellektuellen, der nach der Trennung in den Selbstmord flüchtet. Zum Wendepunkt wird für die Schwestern die 68er-Bewegung. Marianne verschwindet im terroristischen Untergrund und sieht die Gewalt als letztes Mittel für Veränderung an. Nicht so Juliane, die sich dagegen in der politischen Kleinarbeit engagiert. Sie setzt sich für die Frauenemanzipation ein, organisiert Demonstrationen für den legalen Schwangerschaftsabbruch und arbeitet als Redakteurin einer Frauenzeitschrift.

Eines Tages wird Marianne von der Polizei gefasst und landet in Isolationshaft. Juliane steht ihrer Schwester bei und ist die Einzige, die sie besucht. In Gesprächen nähern sich beide langsam wieder an, stoßen auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede und reflektieren Kindheitserlebnisse. Als Juliane einen Urlaub in Italien verbringt, erreicht sie die Nachricht vom Tod Mariannes, die angeblich Selbstmord begangen haben soll. Bei der Leichenschau erleidet sie einen Nervenzusammenbruch und, gemeinsam mit ihrem Vater, kommen ihr bald Zweifel an der offiziellen Todesursache. Auf der Suche nach Beweisen dafür durchlebt Juliane den Leidensweg der Schwester. Sie stößt auf Indizien, die den Selbstmord in Frage stellen, aber diese interessieren die Öffentlichkeit nicht mehr. Juliane nimmt sich in der Folge des kleinen Sohnes ihrer Schwester Marianne an. Der Waisenjunge ist selbst Opfer kleinbürgerlichen Mobs geworden und zerreißt am Ende des Films ein Bild seiner verstorbenen Mutter. „Du hast Unrecht“, sagt daraufhin Juliane. „Deine Mutter war eine außergewöhnliche Frau. [...] Ich werde dir von ihr erzählen.“ Zuletzt fordert der Junge: „Ich muss aber alles wissen. Fang an...fang an!“

Der Titel[Bearbeiten]

Preistrophäe der Filmfestspiele von Venedig 1981 für Die bleierne Zeit

Der Titel des Films, ein Zitat aus dem Hölderlin-Gedicht Der Gang aufs Land, bezieht sich jedoch im Sinne von Trottas nicht auf die siebziger, sondern auf die 1950er Jahre. In Italien, wo der Film bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig seine Uraufführung erlebte, verstand man den piombo des übersetzten Titels Anni di piombo (wörtlich: Jahre/Zeit des Bleis) als das Blei der Projektile, mit denen bewaffnete linksextreme Gruppierungen – aus italienischer Perspektive v.a. die Brigate Rosse – während ihrer Aktionen töteten. Diese Bedeutungsverschiebung hin zu den Jahren terroristischer Gewalt, die sich ebenfalls im französischen années de plomb, im englischen years of lead, in italienischen „anni di piombo“ wiederfindet, ist auch ins Deutsche eingegangen.[2]

Das Wort von der bleiernen Zeit ist in den 1980er-Jahren als geflügeltes Wort in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen.

„Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
[..]“

Friedrich Hölderlin: Der Gang aufs Land[3]

Hintergründe[Bearbeiten]

Bei einem evangelischen Jugendabend führt der Vater der Schwestern den, zur damaligen Zeit in Deutschland, äußerst umstrittenen Film Nacht und Nebel von Alain Resnais vor. Für Juliane und Marianne ist dieser Film ein politisches Erweckungserlebnis.[4]

Christiane Ensslin, die Journalistin, ist eine der Mitbegründerinnen der Zeitschrift Emma.[5]

Kritiken[Bearbeiten]

„Eine Mischung aus politisch-theoretischem Planspiel und psychologischem Melodram, das an Hand einer subjektiv beleuchteten Schwesternbeziehung das Problem des politischen Widerstands zu behandeln versucht. Trotz der Parteilichkeit – die ‚andere Seite‘ des Terrorismus, die der Opfer, wird völlig ausgespart – ein thematisch wichtiger, diskussionswerter Beitrag zum Problem des Terrorismus.“

Lexikon des internationalen Films[6]

„'Die bleierne Zeit' ist ein Film, der niemanden ins Recht und niemanden ins Unrecht setzt, er ist eine von der Regisseurin und den Darstellern intuitiv nachempfundene Tragödie, eine Tragödie freilich, die nicht überirdische Himmelsmächte gewebt haben.“

Der Spiegel[7]

Celebration of NO[Bearbeiten]

Margarethe von Trottas Film Die bleierne Zeit motivierte die Amerikanerin Doris Hay zu ihrem avantgardistischen Musikstück Celebration of NO, das in der Folge in Amerika und Deutschland aufgeführt und diskutiert wurde. Hay konzipierte ihre multimediale Performance im November 1981 und überschreitet damit Grenzen von Musik und Sprache. Dieses Werk beschreibt Eva Weissweiler in: Auf der Suche nach einer eigenen Sprache, Komponistinnen und Performance-Künstlerinnen der Avantgarde.[8] Hay schrieb selbst darüber in: Celebration of NO, Die Frau in meiner Musik.[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Jahr Preis Empfängerin Kategorie
1981 Filmfestspiele von Venedig Margarethe von Trotta Goldener Löwe
1981 Filmfestspiele von Venedig Margarethe von Trotta FIPRESCI-Preis
1981 Filmfestspiele von Venedig Jutta Lampe und Barbara Sukowa Goldener Phoenix als beste Darstellerinnen[10]
1981 Valladolid International Film Festival Margarethe von Trotta Lobende Erwähnung
1982 David di Donatello Margarethe von Trotta Beste Regie bei einem ausländischer Film
1982 Deutscher Filmpreis Margarethe von Trotta Bester Film
1982 Deutscher Filmpreis Barbara Sukowa Beste Darstellerin
1989 Deutscher Filmpreis Margarethe von Trotta Sonderfilmpreis '40 Jahre Bundesrepublik Deutschland'
(gemeinsam mit Abschied von gestern, Die Brücke und Die Ehe der Maria Braun)[11]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Margarethe von Trotta. In: Internationales Biographisches Archiv 06/2007 vom 10. Februar 2007
  2. Christiane Peitz in Der Tagesspiegel vom 28. April 2007 (abgerufen am 4. März 2012)
  3. Projekt Gutenberg – Gang aufs Land
  4. Romuald Karmakar in der FAZ vom 16. September 2008
  5. taz-blog vom 7. Juni 2009
  6. Die bleierne Zeit im Lexikon des Internationalen Films
  7. Christian Schultz-Gerstein in Der Spiegel vom 14. September 1981 (abgerufen am 4. März 2012)
  8. Eva Weissweiler: Auf der Suche nach einer eigenen Sprache, Komponistinnen und Performance-Künstlerinnen der Avantgarde (Stand 1981). In: Eva Weissweiler: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. DTV München 1999, ISBN 3-423-30726-9, S. 408–409 und 420(7).
  9. In: Musiktexte 44, Köln 1992, S. 261 ff, zitiert in Weissweiler S.420.
  10. vgl. Die bleierne Zeit. In: Das große TV-Spielfilm-Filmlexikon (CD-ROM). Directmedia Publ., 2006. – ISBN 978-3-89853-036-1
  11. vgl. Deutscher Filmpreis 1989 in der Internet Movie Database (englisch; aufgerufen am 31. Mai 2009)