Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft

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Zbigniew Brzeziński (1977)

Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft (im englischen Original: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives) ist ein am 17. September 1998 veröffentlichtes Sachbuch von Zbigniew Brzeziński. In dem Werk beschreibt er die Strategie, die die Vereinigten Staaten als – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – einzige Supermacht seiner Meinung nach einschlagen sollten.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Weltweite militärische Präsenz der Vereinigten Staaten stellt einen Faktor für ihren Status als Supermacht dar.

Brzeziński sieht den Status der USA nicht als erstrebenswertes Ziel, sondern als Faktum. Dieser Zustand wird durch verschiedene Faktoren wie die weltweite Militärpräsenz, das wirtschaftliche Potential, den technologischen Vorsprung sowie einer weltweiten Affinität zu der amerikanischen Kultur dargestellt. Diesen Vorsprung gelte es – allerdings nicht als Selbstzweck – zu wahren, um die globale Stabilität zu erhalten. Das Ziel sollte sein, mögliche Konkurrenten so lange auf Distanz zu halten, bis ein weltweites Regelwerk etabliert und institutionalisiert ist und bevor die eigene Macht im Schwinden begriffen sein wird. Letztendlich werden die Vereinigten Staaten die „letzte und einzige wirkliche Supermacht“ gewesen sein.[1]

Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen wird Brzezińskis Meinung nach Eurasien sein. Alle potentiellen Herausforderer der USA kämen aus dem Raum zwischen Lissabon und Wladiwostok. Einen großen Teil des Buches nimmt eine umfassende Analyse der Region ein.[1]

Daraus entwickelt er verschiedene Handlungsempfehlungen für die Vereinigten Staaten. So soll eine deutsch-französische Führungsrolle in der Europäischen Union gefördert werden, um deren Erweiterung zu festigen. Russland solle ermutigt werden, seine eigene Rolle eindeutig im Sinne einer demokratischen und westlichen Orientierung zu definieren. Dadurch soll eine Balkanisierung in Zentralasien verhindert und ein verstärktes Sicherheits- und Stabilitätsbewußtsein in der Region etabliert werden. Außerdem müsse mit der Volksrepublik China ein Konsens gefunden werden, der nicht zu Lasten Japans geht, das Brzeziński als hauptsächlichen Verbündeten – aber nicht als Regionalmacht – sieht.[1]

Kapitel
I
Einleitung: Supermachtpolitik
II
Eine Hegemonie neuen Typs
III
Das eurasische Schachbrett
IV
Der demokratische Brückenkopf
V
Das Schwarze Loch
VI
Der eurasische Balkan
VII
Der fernöstliche Anker
VIII
Schlussfolgerungen

Einleitung – Supermachtpolitik[Bearbeiten]

Brzezinskis Ziel ist es, im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen. Die globale Vormachtstellung der USA hängt davon ab, wie sie mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird — und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann. Ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als politischem Schiedsrichter muss entstehen. Dabei darf die USA keinen rivalisierenden, eurasischen Herausforderer aufkommen lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte.

Eine Hegemonie neuen Typs[Bearbeiten]

Der Weg zur globalen Vorherrschaft vom spanisch-amerikanischen Krieg über zwei Weltkriege und den kalten Krieg bis zum Auseinanderbrechen der Sowjetunion war kurz und führte die USA schrittweise zur Vormachtstellung. Die USA als erste und einzige Weltmacht ist außerdem beispiellos: Roms Macht beruhte auf Militärorganisation und kultureller Attraktivität. China stützte sich auf eine effiziente Verwaltung, die gemeinsame ethnische Identität und das Bewusstsein kultureller Überlegenheit. Das Mongolenreich entstand durch Militärtaktik und kulturelle Assimilation an die eroberten Länder. Die Briten stützen sich auf Handelsniederlassungen, eine überlegene Militärorganisation und ihre anerkannte kulturelle Überlegenheit. Im Gegensatz dazu ist die Macht der Vereinigten Staaten erstmals weltbeherrschend. Dazu kommt die besondere Rolle Eurasiens: „Der gesamte (eurasische) Kontinent ist von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersät, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären.“

In den vier Bereichen globaler Macht steht die USA unangefochten da. Aufgrund der besonderen innenpolitischen Faktoren der USA, der pluralistischen Kräfte der Demokratie und der Rolle der öffentlichen Meinung, ist die Einbindung anderer Länder in ihr Ordnungssystem wichtiger, als es für frühere Hegemonien war, die aristokratisch, hierarchisch und autoritär geprägt waren. Die Einflussnahme auf abhängige ausländische Eliten ist eher indirekt. Sie liegt vor allem auf kulturellem Gebiet, in der Wirkung demokratischer Prinzipien und Institutionen. Der Einfluss verstärkt sich durch Kommunikationssysteme, Unterhaltungsindustrie und Massenkultur. Dazu kommt der Effekt politischer Vorbilder und ihrer PR-Techniken sowie die Vorbildwirkung des wettbewerbsorientierten Unternehmertums.

Die Vormachtstellung Amerikas hat eine neue internationale Ordnung hervorgebracht, die viele Merkmale des amerikanischen Systems als solchen im Ausland nicht nur kopiert, sondern auch institutionalisiert:

  • Die NATO als kollektives Sicherheitssystem einschließlich integrierter Kommando- und Streitkräftestrukturen verleiht den Vereinigten Staaten selbst in innereuropäischen Angelegenheiten eine wichtige Stimme. Japan bleibt (zumindest vorerst) im Grunde genommen ein amerikanisches Protektorat.
  • Über regionale Wirtschaftkooperation (APEC, NAFTA) und spezialisierte Institutionen zu weltweiter Zusammenarbeit (Weltbank, IWF, Welthandelsorganisation, WTO) übt die USA Einfluss aus. „Offiziell vertreten der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank globale Interessen und tragen weltweit Verantwortung. In Wirklichkeit werden sie jedoch von den USA dominiert, die sie mit der Konferenz von Bretton Woods im Jahre 1944 aus der Taufe hoben.“
  • Die USA vermitteln Verfahrensweisen, die auf konsensorientierte Entscheidungsfindung abzielen, selbst wenn die USA darin den Ton angeben, und bevorzugen eine demokratische Mitgliedschaft innerhalb der wichtigsten Bündnisse. Sie fördern eine rudimentäre weltweite Verfassungs- und Rechtsstruktur (angefangen mit dem Internationalen Gerichtshof IGH bis hin zu einem Sondertribunal zur Ahndung bosnischer Kriegsverbrechen).

„Anders als frühere Imperien ist dieses gewaltige und komplexe globale System nicht hierarchisch organisiert. Amerika steht im Mittelpunkt eines ineinandergreifenden Universums, in dem Macht durch dauerndes Verhandeln, im Dialog, durch Diffusion und in dem Streben nach offiziellem Konsens ausgeübt wird, selbst wenn diese Macht letztlich von einer einzigen Quelle, nämlich Washington, D.C., ausgeht. Das ist auch der Ort, wo sich der Machtpoker abspielt, und zwar nach amerikanischen Regeln.“

Über Lobbyisten, ethnische Gruppierungen und Interessengruppen bemühen sich ausländische Regierungen, Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen, hierbei stechen die jüdischen, griechischen und armenischen Lobbys als die am besten organisierten hervor.

Das beschriebene Ordnungssystem entstand nach Brzezinskis Auffassung im Kalten Krieg als Teil der Bemühungen, die Sowjetunion „in Schach zu halten“.

Rezension[Bearbeiten]

Volker Rühe bezeichnet das Buch in seiner Rezension für die Frankfurter Allgemeine Zeitung als „kühnen und wohl auch provokativen, zugleich ausgezeichneten und wertvollen Beitrag“ zu einem neuen „Denken in den Kategorien von Dialog und Austausch, regionaler und globaler Kooperation, Vernetzung von Wirtschaft und Politik“. Seiner Meinung nach sollte das Werk in „Wissenschaft, Medien und nicht zuletzt Regierungen“ studiert werden.[1]

Auch Oliver Thränert von der Friedrich-Ebert-Stiftung findet, dass das Buch „schon der Lektüre wert ist“. Es sei „Kenntnisreich, oft geschichtlich untermauert, nie langweilig“ und folgt immer einem Leitfaden: „Dem amerikanischen nationalen Interesse“, was für den deutschen Leser aber etwas ungewohnt sei. Die von Brzeziński entwickelte Strategie ist seiner Meinung nach „stimmig und wahrhaft vorausschauend“, aber auch in „vielerlei Hinsicht holzschnittartig“, was seinen Wert für die Wissenschaft mindere.[2]

Chris Luenen, Mitarbeiter des geopolitischen Programms am Global Policy Institute in London, UK., befürwortet in der Zeit eine Abkehr Europas von der an Brzezinskis „The grand chessboard“ orientierten Strategie der USA, da weder die US-Politik gegenüber der Ukraine und Russland noch Amerikas Grand Strategy als solche im Interesse Europas oder des Weltfriedens seien. Sie sei auch nicht konform mit den Realitäten einer sich schnell verändernden Welt. „Es wird oftmals argumentiert, dass Europa, und insbesondere Deutschland, sich zwischen einer proatlantischen und prorussischen/eurasischen Ausrichtung entscheiden müsse. Dem ist ganz und gar nicht so. Europa sollte seine Außenpolitik nicht auf Basis emotionaler Freund- und Feindbilder gestalten, sondern auf der einer nüchternen Interessenpolitik.“[3]

Ausgaben[Bearbeiten]

  •  Zbigniew Brzeziński: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. Basic Books, New York 1997, ISBN 3-88679-303-6.
  •  Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. 8 Auflage. S. Fischer Verlag, 2004 (übersetzt von Angelika Beck), ISBN 978-3596143580.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Volker Rühe: Stabilität durch ein neues Gleichgewicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. November 1997, abgerufen am 11. Dezember 2013.
  2. Oliver Thränert: Politik und Gesellschaft Online. In: Friedrich-Ebert-Stiftung. 1998, abgerufen am 5. November 2013.
  3. Europa muss seine Beziehungen zu den USA neu justieren. Abgerufen am 18. Juli 2014.