Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft

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Zbigniew Brzeziński (1977)

Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft ("The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives", 1997) ist der Titel der bekanntesten geopolitischen Monographie Zbigniew Brzezinskis. Ziel dieses Buches ist es, "im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen". Die Vereinigten Staaten als "erste, einzige wirkliche und letzte Weltmacht" nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion müssen ihre Vorherrschaft auf dem "großen Schachbrett" Eurasien sichern, um so eine neue Weltordnung zu ermöglichen.

Einleitung - Supermachtpolitik[Bearbeiten]

Die globale Vormachtstellung der USA hängt davon ab, wie sie mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird. Ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als politischem Schiedsrichter soll entstehen. Dabei sollte "amerikanische Politik ... letzten Endes von der Vision einer besseren Welt getragen sein: der Vision, im Einklang mit langfristigen Trends sowie den fundamentalen Interessen der Menschheit eine auf wirksame Zusammenarbeit beruhende Weltgemeinschaft zu gestalten. Aber bis es soweit ist, lautet das Gebot, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte."

Eine Hegemonie neuen Typs (S. 17-52)[Bearbeiten]

"Hegemonie ist so alt wie die Menschheit. Die gegenwärtige globale Vorherrschaft der USA unterscheidet sich jedoch von allen früheren historischen Beispielen durch ihr plötzliches Zustandekommen, ihr weltweites Ausmaß und die Art und Weise, auf die sie ausgeübt wird." (S. 17)

Der kurze Weg zur globalen Vorherrschaft[Bearbeiten]

Der Weg der USA zur globalen Vorherrschaft war ungewöhnlich kurz und führte schrittweise vom spanisch-amerikanischen Krieg über zwei Weltkriege und den kalten Krieg bis zum Auseinanderbrechen der Sowjetunion. "Bedingt durch die Dynamik internationaler Prozesse hat sich Amerika im Laufe eines einzigen Jahrhunderts von einem relativ isolierten Land der westlichen Hemisphäre in einen Staat von nie dagewesener Ausdehnung und beispielloser Macht verwandelt." (S. 17)

Die einzige Weltmacht[Bearbeiten]

Als erste und einzige wirklich globale und wahrscheinlich letzte Weltmacht ist die USA beispiellos: Die Macht des Römischen Reiches beruhte auf Militärorganisation und kultureller Attraktivität. China stützte sich auf eine effiziente Verwaltung, die gemeinsame ethnische Identität und das Bewusstsein kultureller Überlegenheit. Das Mongolenreich entstand durch Militärtaktik und kulturelle Assimilation an die eroberten Länder. Die Briten stützen sich auf Handelsniederlassungen, eine überlegene Militärorganisation und ihre allseits geachtete kulturelle Überlegenheit. Im Gegensatz zu den eurasischen Imperien ist die Macht der Vereinigten Staaten erstmals weltbeherrschend, wobei Eurasien von den USA, also erstmals von einer außereurasischen Macht, dominiert wird: „Der gesamte (eurasische) Kontinent ist von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersät, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären.“ (S. 41)

"Amerika steht in den vier entscheidenden Domänen globaler Macht unangefochten da: seine weltweite Militärpräsenz hat nicht ihresgleichen, wirtschaftlich gesehen bleibt es die Lokomotive weltweiten Wachstums, selbst wenn Japan und Deutschland in einigen Bereichen eine Herausforderung darstellen mögen (wobei freilich keines der beiden Länder sich der anderen Merkmale einer Weltmacht erfreut); es hält seinen technologischen Vorsprung in den bahnbrechenden Innovationsbereichen, und seine Kultur findet trotz einiger Mißgriffe nach wie vor weltweit, vor allem bei der Jugend, unübertroffen Anklang. All das verleiht den Vereinigten Staaten von Amerika eine politische Schlagkraft, mit der es kein anderer Staat auch nur annähernd aufnehmen könnte. Das Zusammenspiel dieser vier Kriterien ist es, was Amerika zu der einzigen globalen Supermacht im umfassenden Sinne macht." (S. 44)

Das globale Ordnungssystem der USA[Bearbeiten]

Aufgrund der besonderen innenpolitischen Faktoren der USA - der pluralistischen Kräfte der Demokratie und der Rolle der öffentlichen Meinung - ist die Einbindung anderer Länder in ihr Ordnungssystem wichtiger, als es für frühere Hegemonien war, die aristokratisch, hierarchisch und autoritär geprägt waren. Die Einflussnahme auf abhängige ausländische Eliten ist somit eher indirekt. Sie liegt vor allem auf kulturellem Gebiet und in der Wirkung demokratischer Prinzipien und Institutionen. Der Einfluss verstärkt sich durch Kommunikationssysteme, Unterhaltungsindustrie und Massenkultur. Dazu kommt der Effekt politischer Vorbilder und ihrer PR-Techniken sowie die Vorbildwirkung des wettbewerbsorientierten Unternehmertums.

Die Vormachtstellung Amerikas hat eine neue internationale Ordnung hervorgebracht, die viele Merkmale der amerikanischen politischen Ordnung im Bereich der internationalen Politik institutionalisiert:

  • Die NATO als kollektives Sicherheitssystem einschließlich integrierter Kommando- und Streitkräftestrukturen verleiht den Vereinigten Staaten selbst in innereuropäischen Angelegenheiten eine wichtige Stimme. Japan bleibt (zumindest vorerst) im Grunde genommen ein amerikanisches Protektorat.
  • Über regionale Wirtschaftkooperation (APEC, NAFTA) und spezialisierte Institutionen zu weltweiter Zusammenarbeit (Weltbank, IWF, Welthandelsorganisation, WTO) übt die USA Einfluss aus. „Offiziell vertreten der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank globale Interessen und tragen weltweit Verantwortung. In Wirklichkeit werden sie jedoch von den USA dominiert, die sie mit der Konferenz von Bretton Woods im Jahre 1944 aus der Taufe hoben.“
  • Die USA vermitteln Verfahrensweisen, die auf konsensorientierte Entscheidungsfindung abzielen, selbst wenn die USA darin den Ton angeben, und bevorzugen eine demokratische Mitgliedschaft innerhalb der wichtigsten Bündnisse. Sie fördern eine rudimentäre weltweite Verfassungs- und Rechtsstruktur (angefangen mit dem Internationalen Gerichtshof IGH bis hin zu einem Sondertribunal zur Ahndung bosnischer Kriegsverbrechen).

„Anders als frühere Imperien ist dieses gewaltige und komplexe globale System nicht hierarchisch organisiert. Amerika steht im Mittelpunkt eines ineinander greifenden Universums, in dem Macht durch dauerndes Verhandeln, im Dialog, durch Diffusion und in dem Streben nach offiziellem Konsens ausgeübt wird, selbst wenn diese Macht letztlich von einer einzigen Quelle, nämlich Washington, D.C., ausgeht. Das ist auch der Ort, wo sich der Machtpoker abspielt, und zwar nach amerikanischen Regeln.“

Über Lobbyisten, ethnische Gruppierungen und Interessengruppen bemühen sich ausländische Regierungen, Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen, hierbei stechen die jüdische, griechische und armenische Lobby als die am besten organisierten hervor.

Das beschriebene Ordnungssystem entstand nach Brzezinskis Auffassung im Kalten Krieg als Teil der Bemühungen, die Sowjetunion „in Schach zu halten“.

Das eurasische Schachbrett (S. 53-88)[Bearbeiten]

Die Vormachtstellung der USA hängt davon ab, inwiefern es sich in Eurasien, dem insgesamt überlegenen und geopolitisch „axialen“ Kontinent, behaupten kann: „Eurasien ist ... das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“ Ohne die Vormachtstellung der USA gäbe es weltweit Anarchie. „Wenn der mittlere Bereich immer stärker in den expandierenden Einflussbereich des Westens (wo Amerika das Übergewicht hat) gezogen werden kann, wenn die südliche Region nicht unter die Herrschaft eines einzigen Akteurs gerät und eine eventuelle Vereinigung der Länder in Fernost nicht die Vertreibung Amerikas von seinen Seebasen vor der ostasiatischen Küste nach sich zieht, dürften sich die USA behaupten können.“ Die Mittel der Durchsetzung der Politik der USA müssen in der heutigen Situation politisches Taktieren, Diplomatie, Koalitionsbildung, Mitbestimmung und wohlerwogener Einsatz "politischer Aktivposten" sein.

Geopolitik und Geostrategie[Bearbeiten]

Für die außenpolitischen Prioritäten eines Nationalstaates ist nach wie vor die geographische Lage bestimmend. Gebietsstreitigkeiten folgen aber meist nicht mehr aus Vergrößerungswünschen, sondern haben ihre Ursache eher in der Unzufriedenheit darüber, dass die "ethnischen Brüder" im Nachbarland diskriminiert würden. Anknüpfend an die Heartland-Theorie Halford Mackinders und die Geopolitik Albrecht Haushofers lautet die geopolitische Frage heute nicht mehr, von welchem Teil Eurasiens aus der ganze Kontinent beherrscht werden kann, und auch nicht, ob Landmacht wichtiger als Seemacht ist. In der Geopolitik geht es nicht mehr um regionale, sondern um globale Dimensionen, wobei aber die Dominanz auf dem eurasischen Kontinent auch heute noch die Voraussetzung für globale Vormachtstellung ist.

Der erste grundlegende Schritt der Strategie ist, die Ziele der politischen Eliten der geostrategisch dynamischen Staaten Eurasiens zu entschlüsseln und die geopolitisch kritischen eurasischen Staaten ins Auge zu fassen, die aufgrund ihrer geographischen Lage und/oder ihrer bloßen Existenz entweder auf die aktiveren geostrategischen Akteure oder auf die regionalen Gegebenheiten wie Katalysatoren wirken. Zweitens ist eine spezifische US-Politik zu formulieren, die in der Lage ist, diese Verhältnisse auszubalancieren, mitzubestimmen und /oder unter Kontrolle zu bekommen, um unverzichtbare US-Interessen zu wahren und zu stärken und eine umfassendere Geostrategie zu entwerfen, die alle Politikfelder verbindet.

„Bedient man sich einer Terminologie, die an das brutalere Zeitalter der alten Weltreiche gemahnt, so lauten die drei großen Imperative imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, dass die »Barbaren«völker sich nicht zusammenschließen.“

Geostrategische Akteure und geostrategische Dreh- und Angelpunkte[Bearbeiten]

Frankreich, Deutschland, Russland, China und Indien sind geostrategische Hauptakteure, während Großbritannien, Japan, Indonesien zwar sehr wichtig, aber keine Hauptakteure sind. Die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran stellen geopolitische Dreh- und Angelpunkte von entscheidender Bedeutung dar. Die Türkei und der Iran sind "innerhalb ihrer begrenzteren Möglichkeiten geostrategisch aktiv". "Die wichtigsten und dynamischsten geostrategischen Akteure an Eurasiens westlicher Peripherie sind Frankreich und besonders Deutschland als wirtschaftlicher Motor der Region und künftige Führungsmacht der Europäischen Union (EU)." "Deutschland hält jedoch wegen seiner geographischen Lage an der Option einer besonderen bilateralen Vereinbarung mit Russland fest."

Großbritannien ist „ein aus dem aktiven Dienst ausgeschiedener geostrategischer Akteur, der sich auf seinem prächtigen Lorbeer ausruht und sich aus dem großen europäischen Abenteuer weitgehend heraushält, bei dem Frankreich und Deutschland die Fäden ziehen.“

Die Ukraine trägt durch ihre bloße Existenz zur Umwandlung Russlands bei. "Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit aufbegehrenden Zentralasiaten hineingezogen würde, die den Verlust ihrer erst kürzlich erlangten Eigenstaatlichkeit nicht hinnehmen und von den anderen islamischen Staaten im Süden Unterstützung erhalten würden.“

Ernste Entscheidungen und mögliche Herausforderungen[Bearbeiten]

1. Die USA müssen die Partnerschaft mit einem gleichberechtigten Europa konstruktiv unterstützen. Ein gestärktes und unabhängigeres Europa wird zu einer Neuordnung der NATO führen, in der die Vormachtstellung, aber auch die Verantwortung der USA innerhalb des Bündnisses schwächer wird. Das Sonderverhältnis zum Vereinigten Königreich, das die Einheit Europas behindert, kann nicht weitergeführt werden.

„Da zunehmend Konsens darüber besteht, dass die Nationen Mitteleuropas sowohl in die EU als auch in die NATO aufgenommen werden sollten, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den zukünftigen Status der baltischen Republiken und vielleicht bald auf den der Ukraine.“

2. Eine wirtschaftliche Unterstützung für Russland ist zweischneidig, da sie Russlands "imperiales Potential" stärkt. Statt der erwünschten Demokratisierung und Europäisierung könnte der Wunsch wach werden, die frühere Großmachtrolle wiederzugewinnen.

3. Eine "Balkanisierung" des zentraleurasischen Raums durch ethnische und religiöse Konflikte, besonders auch durch den antiamerikanischen Fundamentalismus, muss verhindert werden.

4. Chinas Rolle als regionale Macht muss anerkannt werden, Interessensphären müssen gemeinsam vereinbart werden. Das trilaterale Bündnis der USA mit Japan und Südkorea könnte durch die Zugeständnisse an China beeinträchtigt werden.

5. Denkbare neue eurasische Koalitionen könnten den Interessen der USA gefährlich werden: eine Koalition zwischen China, Russland und vielleicht dem Iran; eine "chinesisch-japanische Achse"; eine deutsch-russische Absprache, eine französisch-russische Entente oder gar eine europäisch-russische Verständigung.

„Das gegenwärtig herrschende globale System der USA, innerhalb dessen die Kriegsgefahr vom Tisch ist, bleibt aller Wahrscheinlichkeit nur in jenen Teilen der Welt stabil, in denen sich die von einer langfristigen Geostrategie gelenkte Vormachtstellung Amerikas auf vergleichbare und wesensverwandte soziopolitische Systeme stützt, die miteinander durch multilaterale, von Amerika dominierte Strukturen verbunden sind.“

Der demokratische Brückenkopf (S. 89-129)[Bearbeiten]

Europa ist aufgrund der gemeinsamen Wertebasis natürlicher Verbündeter der USA und eurasischer Brückenkopf. „... Europa (dient) als Sprungbrett für die fortschreitende Ausdehnung demokratischer Verhältnisse bis tief in den euroasiatischen Raum hinein.“ Über die NATO erweitert sich mit der Ausdehnung des europäischen Geltungsbereichs auch die direkte Einflusssphäre der Vereinigten Staaten. Ein vereinigtes Europa, das potentiell eine Weltmacht wäre, ist jedoch noch Vision, wie der Bosnienkonflikt zeigte. „Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern. Dies ist kein gesunder Zustand, weder für Amerika noch für die europäischen Nationen.“ Außerdem verliert die europäische Idee an Zugkraft, Mitte der neunziger Jahre waren die ursprünglichen Impulse verpufft. Das die Wirtschaftskraft schwächende Sozialsystem lenkt die politische Aufmerksamkeit auf die Innenpolitik. Lediglich der Behördenapparat der EU treibt die Integration voran. „Im Allgemeinen macht das heutige Westeuropa den Eindruck einer Reihe von gequälten, unzusammenhängenden, bequemen und dennoch sozial unzufriedenen und bekümmerten Gesellschaften, die keine zukunftsweisende Vision mehr haben.“ Die politischen Eliten Frankreichs und Deutschlands arbeiten weiter für eine stärkere Integration, allerdings mit unterschiedlichen Vorstellungen.

Grandeur und Erlösung[Bearbeiten]

„Frankreich erhofft sich durch Europa seine Wiedergeburt, Deutschland seine Erlösung.“ „Für Frankreich ist Europa das Mittel, seine einstige Größe wiederzuerlangen.“ „Für Deutschland bedeutet Erlösung + Sicherheit = Europa + Amerika. Diese Formel umreißt Deutschlands Haltung und Politik, macht es zugleich zu Europas Musterknaben und zum stärkeren Anhänger Amerikas in Europa.“ Ausdruck der französischen Obsession, Weltmacht zu sein, sind der Besitz von Nuklearwaffen, der Sitz im Sicherheitsrat und die Anstrengungen der französischen Regierungen, in den meisten französischsprachigen Ländern Afrikas weiterhin als Sicherheitsmacht präsent zu sein. Frankreichs geopolitische Sphäre von Sicherheit und Einfluss umfasst die Iberische Halbinsel, die nördliche Küsten des westlichen Mittelmeers sowie Deutschland bis hin zum östlichen Mitteleuropa. „Daraus ergeben sich für Frankreich zwei große Dilemmas: Wie lässt sich ein amerikanisches Sicherheitsengagement für Europa bewahren … und dabei die amerikanische Präsenz ständig reduzieren; wie lässt sich die deutsch-französische Partnerschaft als ökonomisch-politischer Motor der europäischen Einigung erhalten und dabei eine deutsche Führung in Europa verhindern?“ Deutschland würde eine französische Führungsrolle in einem vereinten, (von Amerika) unabhängigen Europa akzeptieren, aber es erkenne, dass Frankreich nicht die Weltmacht ist, die Europa dieselbe Sicherheit verschaffen könnte wie die USA, denn „Frankreich ist nicht mehr und nicht weniger als eine europäische Macht mittleren Kalibers.“

Die deutsche Wiedervereinigung war für Frankreich ein zusätzlicher Ansporn, Deutschland in das verbindliche Rahmenwerk der politischen Union einzugliedern. „Darüber hinaus veränderte Deutschlands Wiedervereinigung die tatsächlichen Parameter europäischer Politik erheblich. Für Russland wie für Frankreich bedeutete sie eine geopolitische Niederlage. Das vereinte Deutschland war nun nicht nur mehr der politische Juniorpartner Frankreichs, es wurde automatisch die unbestreitbar erste Macht in Westeuropa und — vor allem wegen seiner beträchtlichen Beitragszahlungen zur Unterstützung der wichtigsten internationalen Institutionen sogar teilweise eine Weltmacht.“ Infolgedessen kehrte Frankreich in die NATO zurück. Mit seinen Sonderbeziehungen zu Russland und seiner notwendigen Zustimmung zur Osterweiterung verstärkte Frankreich den Druck auf die USA, die französischen Vorschläge für eine Reform der NATO in Rechnung zu stellen. Deutschland akzeptierte die französische Führungsrolle, weil die deutsch-französische Aussöhnung die Voraussetzung für die Schaffung einer europäischen Gemeinschaft war und Deutschland historisch und moralisch rehabilitierte. Angesichts der sowjetischen Bedrohung war jedoch auch die Loyalität gegenüber Amerika überlebenswichtig. Diese Voraussetzungen entfielen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Verbindung zu Amerika bot dem wiedervereinigten Deutschland nun den Schirm für eine Führungsrolle in Mitteleuropa. Die Interessenzone Deutschlands umfasst Frankreich und die postkommunistischen Staaten Mitteleuropas einschließlich der baltischen Republiken, Weißrusslands und der Ukraine, reicht sogar bis nach Russland hinein. Es ist das Gebiet der früheren Ausstrahlung deutscher Kultur in Osteuropa. Der entscheidende Durchbruch war die deutsch-polnische Versöhnung. "Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass spätestens Mitte des Jahrzehnts die deutsch-polnische Versöhnung eine geopolitische Bedeutung in Mitteleuropa gewonnen hat, die den früheren Auswirkungen der deutsch-französischen Versöhnung auf Westeuropa durchaus entspricht. Dank Polen konnte der deutsche Einfluss nach Norden — in baltischen Staaten — sowie nach Osten — bis in die Ukraine und Weißrussland —ausstrahlen." Das sogenannte Weimarer Dreieck schuf eine "geopolitische Achse" auf dem europäischen Kontinent. Das Engagement für eine Osterweiterung hat die Akzeptanz einer deutschen Führung in Mitteleuropa erleichtert. "Deutschlands Konzeption einer Zukunft Europas unterschied sich somit von der seiner wichtigsten europäischen Verbündeten: Die Briten sprachen sich für ein größeres Europa aus, weil sie in einer Erweiterung ein Mittel sahen, Europas Einheit zu verwässern; die Franzosen befürchteten, dass solche Erweiterung Deutschlands Rolle stärken würde, plädierten daher für eine begrenztere Integration. Deutschland machte sich für beides stark und erlangte dadurch in Mitteleuropa ein ganz eigenes Ansehen."

Amerikas zentrales Ziel[Bearbeiten]

Brzezinskis Schlussfolgerung ist, dass die USA sich für die europäische Einigung engagieren und Europa als echten globalen Partner akzeptieren, also Entscheidungsgewalt und Verantwortung teilen müssen. Kurzfristig sollen die USA Deutschlands Führungsrolle taktisch unterstützen und Frankreichs Wunsch nach einer Strukturreform der NATO entgegenkommen und die Rolle den Westeuropäischen Union in der Befehlsstruktur und bei der Entscheidungsfindung der NATO stärken. Die USA müssen besonders auf Deutschland einwirken, um die weitere Ost-Ausdehnung Europas zu fördern, wobei Brzezinski besonders das Baltikum und die Ukraine im Blick hat. Seine Einschätzung der Eigendymnasik Europas ist kritisch: „Sich selbst überlassen, laufen die Europäer Gefahr, von ihren sozialen Problemen völlig vereinnahmt zu werden.“ „Die Krise der politischen Glaubwürdigkeit und des Wirtschaftswachstums … ist in der alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Ausweitung des sozialstaatlichen Systems, das Eigenverantwortlichkeit klein schreibt und Protektionismus und Engstirnigkeit begünstigt, tief verwurzelt. Die Folge ist eine kulturelle Lethargie, eine Kombination von eskapistischem Hedonismus und geistiger Leere —‚ die nationalistische Extremisten oder dogmatische Ideologen für ihre Zwecke ausnützen könnten.“

Bei einer Stagnation des Integrationsprozesses könnte die deutsche Vorstellung von einer europäischen Ordnung nationalistischere Züge annehmen, wodurch die Brückenkopffunktion verloren ginge. Für Amerika ist die Ausweitung und Konsolidierung der EU die beste Lösung, aber „dazu bedarf es eines massiven Impulses von seiten der USA“. Das Gleiche gilt für die NATO, ohne die Europa „fast augenblicklich auch politisch in seine Einzelstaaten zerfallen (würde)“. Im Zuge der Einigung wird die NATO „auf der Basis einer Eins-plus-eins (USA + EU)-Formel“ verändert werden müssen.

Frankreich ist ein maßgebender Partner bei der grundlegenden Aufgabe, Deutschland auf Dauer fest in Europa einzubinden. Ohne das französische „Sendungsbewusstsein“ wäre auch die Südflanke Europas instabiler. „Die beherrschende Position Deutschlands ist für die Westeuropäer nur tolerierbar, solange sie der Vormachtstellung der USA untergeordnet ist. Deshalb braucht Deutschland Frankreich, Europa die deutsch-französische Achse.“

„Das Streben nach Osterweiterung geht weder auf eine Animosität gegenüber Russland oder auf Angst vor diesem zurück noch auf den Wunsch, diesen Staat zu isolieren.“ Amerika muss in seinem Eintreten für eine Osterweiterung Europas besonders eng mit Deutschland zusammenarbeiten. Amerikanisch-deutsche Zusammenarbeit und gemeinsame Führung sind zu diesen Frage ganz wesentlich. Wenn die Vereinigten Staaten und Deutschland gemeinsam die anderen NATO-Verbündeten ermutigen, den Schritt gutzuheißen und entweder mit Russland, sollte es zu einem Kompromiss bereit sein, eine wirksame Übereinkunft aushandeln, oder ihre Entscheidung in der richtigen Überzeugung, dass die Gestaltung Europas nicht den Einwänden Moskaus untergeordnet werden kann, treffen, dann steht der Erweiterung nichts im Wege. Das erforderliche einstimmige Einverständnis sämtlicher NATO-Mitglieder wird nur unter amerikanisch-deutschem Druck zustande kommen, doch wird kein NATO-Mitglied seine Zustimmung verweigern können, wenn Amerika und Deutschland gemeinsam darauf dringen. „Sollte die von den Vereinigten Staaten in die Wege geleitete NATO-Erweiterung ins Stocken geraten, wäre das das Ende einer umfassenden amerikanischen Politik für ganz Eurasien. Ein solches Scheitern würde die amerikanische Führungsrolle diskreditieren, es würde den Plan eines expandierenden Europa zunichte machen, die Mitteleuropäer demoralisieren und möglicherweise die gegenwärtig schlummernden oder verkümmernden geopolitischen Gelüste Russlands in Mitteleuropa neu entzünden.“ „Entscheidend für eine fortschreitende Ausdehnung Europas muss die Aussage sein, dass keine Macht außerhalb des bestehenden transatlantischen Systems ein Vetorecht gegen die Teilnahme eines geeigneten europäischen Staates in dem europäischen System — und mithin in dessen transatlantischem Sicherheitssystem — hat, und dass kein europäischer Staat, der die Voraussetzungen mitbringt, a priori von einer eventuellen Mitgliedschaft in EU oder NATO ausgeschlossen werden darf.“

Europas historischer Zeitplan[Bearbeiten]

Brzezinski rechnete damit, dass bis 1999 die ersten neuen Mitglieder aus Mitteleuropa in die NATO und 2002 oder 2003 in die EU aufgenommen würden. Bis 2005 würden die baltischen Staaten beitreten, vielleicht auch Schweden und Finnland. Zwischen 2005 und 2010 "sollte die Ukraine für Verhandlungen sowohl mit der EU als auch mit der NATO bereit sein, insbesondere wenn das Land in der Zwischenzeit bedeutende Fortschritte bei seinen innenpolitischen Reformen vorzuweisen und sich deutlicher als ein mitteleuropäischer Staat ausgewiesen hat".

Zum Vergleich mit Brzezinskis strategischer Prognose die tatsächliche Erweiterung der Europäischen Union und die NATO-Osterweiterung: 1999 wurden Tschechien, Ungarn und Polen in die NATO aufgenommen, 2004 Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Am 1. Mai 2004 traten die Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern der Europäischen Union bei. Am 1. Januar 2007 sind nach einem EU-Beschluss unter strikten Auflagen auch Bulgarien und Rumänien in die Europäische Union aufgenommen worden.

"Es kommt nun sehr darauf an, ob sich das oben skizzierte Szenario friedlich entwickeln kann oder in den Sog zunehmender Spannungen mit Russland gerät. Den Russen sollte beständig versichert werden, dass ihnen die Tür zu Europa offensteht, ebenso wie die zu seiner späteren Beteiligung ihres Landes an einem erweiterten transatlantischen Sicherheitssystem und vielleicht in fernerer Zukunft an einer neuen transeurasischen Sicherheitsstruktur. Um diesen Beteuerungen Glaubwürdigkeit zu verleihen, sollten die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen Russland und Europa auf allen Gebieten ganz bewusst gefördert werden."

Das schwarze Loch (130-180)[Bearbeiten]

1991 entstand mitten in Eurasien ein »Schwarzes Loch«, in dem kein neues eurasisches Imperium entstehen darf, "das Amerika an der Verwirklichung seines geostrategischen Ziels hindern könnte, ein größeres euroatlantisches System zu entwerfen, in welches sich dann Russland dauerhaft und sicher einbeziehen lässt."

Russlands neuer geopolitischer Rahmen[Bearbeiten]

Das geopolitische Durcheinander durch den Verlust des an die Türkei grenzenden Kaukasus, die Abspaltung Zentralasiens mit seinen Bodenschätzen und besonders die Unabhängigkeit der Ukraine „stellte den russischen Anspruch, der von Gott auserkorene Bannerträger einer gemeinsamen panslawistischen Identität zu sein, geradezu im Kern in Frage.“

Die Schrumpfung des geopolitischen Einflussgebiets, der Zusammenbruch des Warschauer Pakts, das Streben der früheren Satellitenstaaten Mitteleuropas, allen voran Polen, zur NATO und Europäischen Union, beunruhigte Russland. Besonders schmerzhaft war der Verlust der Ukraine, der die Russen zwang, ihre eigene politische und ethnische Identität zu überdenken. Er stellte ein schwerwiegendes geopolitisches Hindernis dar, da Russland nur mit der Ukraine zu einem eurasischen Reich werden kann und Russland zudem seiner beherrschenden Position am Schwarzen Meer beraubt wurde.

Ohne die Ukraine droht jeder Versuch Moskaus, das eurasische Reich wiederaufzubauen, Russland in langwierige Konflikte mit den wachsenden national und religiös motivierten Nichtslawen zu verwickeln.

Die Völker der angrenzenden Staaten im Süden wurden zunehmend nationalistischer und islamorientierter, zumal sie von der Türkei, dem Iran, Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt werden. In Fernost „schickt sich Chinas Wirtschaftsmacht an, die historische Gleichung zwischen den beiden Ländern von Grund auf umzukehren, wobei die leeren Räume Sibiriens chinesische Siedler fast schon herbeiwinken.“

Geostrategische Wunschvorstellungen[Bearbeiten]

Brzezinski sieht drei Optionen historischer Denkschulen, die alle mit Russlands Status gegenüber den USA zusammenhängen: 1. globales Kondominat mit den USA (Jelzins anfängliche „Westler-Konzeption“); 2. wirtschaftliche Integration des „nahen Auslands“ unter der Führung Moskaus oder Wiederherstellung einer imperialen Gewalt, um Europa und den USA „Paroli bieten zu können“ (spätere kritische Haltung Jelzins); 3. eine Anti-USA-Koalition (ab Mitte der 90er Jahre).

Zu 1: Die Illusion einer gleichberechtigten weltpolitischen Partnerschaft „(nährte) die Vorstellung, dass Mitteleuropa irgendwie eine Region von besonderer politischer Nähe zu Russland bliebe oder sogar bleiben wollte. Die Auflösung des Warschauer Pakts und des COMECON hätte, so dachte man, keine Hinwendung ihrer früheren Mitglieder zur NATO, ja nicht einmal zur EU zur Folge.“ Aber „Amerika verspürte keinerlei Neigung, seine Weltmacht mit Russland zu teilen, es wäre auch völlig unrealistisch gewesen. Das neue Russland war einfach zu schwach, seine Wirtschaft in einem dreiviertel Jahrhundert kommunistischer Herrschaft zu heruntergekommen und das Land gesellschaftlich zu rückständig, um ein wirklicher Partner im globalen Maßstab zu sein.“ „Überdies gingen in einigen der für die Vereinigten Staaten aus nationalem Interesse zentralen geostrategischen Fragen — in Europa, dem Nahen Osten und in Fernost — die amerikanischen und russischen Bestrebungen keineswegs in die gleiche Richtung.“ „Verblendet von dem Wahn, mit den USA den Status als Weltmacht zu teilen, konnte sich die politische Elite Moskaus nur schwer mit der Tatsache abfinden, dass Russland sowohl im Gebiet der einstigen Sowjetunion selbst als auch im Hinblick auf die früheren Satellitenstaaten in Mitteleuropa keine privilegierte geopolitische Position mehr einnahm.“ „In der seit spätestens 1994 zunehmenden Tendenz der USA, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen höchste Priorität beizumessen und der Ukraine ihre neue nationale Freiheit bewahren zu helfen, erblickten viele in Moskau – sogar die sogenannten Westler — eine gegen das vitale russische Interesse gerichtete Politik, die Ukraine schließlich wieder in den Schoß der Gemeinschaft zurückzuholen.“

Zu 2: Die Denkrichtung des »nahen Auslands« vertritt im Kern die „durchaus vernünftige Forderung, dass Russland sich zuallererst auf die Beziehungen zu den neuerdings unabhängigen Staaten konzentrieren müsse, zumal diese allesamt dank einer Sowjetpolitik, die die ökonomischen Abhängigkeiten unter ihnen gefördert hatte, nach wie vor an Russland gebunden sind.“ Die Betonung des nahen Auslands hatte nach Brzezinski aber auch „imperiale Untertöne“. Im September 1995 äußerte Präsident Jelzin: „Hauptziel der Politik Russlands gegenüber der GUS ist es, einen wirtschaftlich und politisch integrierten Staatenbund zu schaffen, der in der Lage ist, seinen angestammten Platz in der Weltgemeinschaft zu behaupten (…), um Russland als die führende Kraft in dem Gefüge neuer zwischenstaatlicher politischer und wirtschaftlicher Beziehungen auf dem Territorium der früheren Sowjetunion zu konsolidieren.“ Daher sollten auch die politischen und militärischen Beziehungen zwischen Russland und der GUS verstärkt werden.

Der „Eurasianismus“ geht über die ökonomischen und politischen Komponenten hinaus, um die Mission Russlands zu definieren: Russland habe eine eigene eurasische Identität „in dem Vermächtnis der glorreichen Vergangenheit Russlands, das einst über die riesige Landmasse zwischen Mitteleuropa und den Küsten des Stillen Ozeans gebot, dem Vermächtnis eines Reiches, das Moskau durch permanente Expansion nach Osten in vier Jahrhunderten zusammengeschmiedet hatte.“ Diese Anschauung lässt sich schon früher, zum Beispiel bei N. S. Trubetzkoy finden: „Mit seiner Zerstörung der geistigen Grundlagen und der nationalen Einzigartigkeit des russischen Lebens, der Verbreitung der materialistischen Weltanschauung, die ja Europa wie auch Amerika tatsächlich schon beherrscht, war der Kommunismus in Wirklichkeit eine verschleierte Version des Europäismus. (…) Unsere Aufgabe ist es, eine völlig neue Kultur zu schaffen, unsere eigene Kultur, die der europäischen Zivilisation nicht gleichen wird (…) wenn Russland kein Abklatsch europäischer Kultur mehr ist (…) wenn es endlich wieder zu sich selbst findet: Russland-Eurasien, das sich als Erbe Dschingis Khans versteht und sich seines großen Vermächtnisses bewusst ist.“ Zu der Resonanz in den ehemaligen Republiken der UdSSR stellt Brzezinski fest: „Besonders in der Ukraine stießen Moskaus Vorstellungen einer Integration auf massive Opposition. Ihre politische Führung erkannte rasch, dass eine solche Integration angesichts der russischen Vorbehalte gegen die Legitimität der ukrainischen Unabhängigkeit am Ende womöglich zum Verlust nationaler Souveränität führen könnte. Zudem hatte der ungeschickte Umgang Russlands mit dem neuen ukrainischen Staat — seine mangelnde Bereitschaft, dessen Grenzen anzuerkennen, sein Bestreiten des ukrainischen Rechts auf die Krim, sein Beharren auf der ausschließlich exterritorialen Kontrolle über den Hafen von Sewastopol — dem neuerwachten ukrainischen Nationalismus eine unverkennbar antirussische Schärfe verliehen.“ Die Ukraine wurde in ihrem Unabhängigkeits-Streben von den USA und Deutschland unterstützt. „Im Juli 1996 erklärte der amerikanische Verteidigungsminister: Die Bedeutung der unabhängigen Ukraine ist für die Sicherheit und Stabilität von ganz Europa nicht zu überschätzen, und im September ging der deutsche Kanzler — ungeachtet seiner starken Unterstützung für Boris Jelzin — sogar noch weiter mit der Versicherung, dass der feste Platz der Ukraine in Europa von niemandem mehr in Frage gestellt werden kann, und dass niemand, mehr der Ukraine ihre Unabhängigkeit und territoriale Integrität streitig machen darf.“ Andere Staaten folgten dem Beispiel der Ukraine. Auch von der Mehrheit der Bevölkerung Russlands wurden imperiale Programme nicht unterstützt. Brzezinskis Fazit lautet: „Kurzum, eine Politik, die dem nahen Ausland Priorität einräumte, musste sich letzten Endes deshalb als unzulänglich erweisen, weil Russland politisch nicht stark genug war, um den neuen Staaten seinen Willen aufzuzwingen, und weil es auch wirtschaftlich nicht attraktiv genug war, um diese freiwillig zu engerer Zusammenarbeit zu bewegen. Russischer Druck bewirkte lediglich, dass sie sich noch stärker nach außen orientierten, zuerst und vor allem zum Westen hin, in einigen Fällen auch nach China und den wichtigsten islamischen Staaten im Süden.“

3. Der Gedanke der Allianz gegen die Vormachtstellung der USA in Eurasien entstand aus dem Scheitern der ersten beiden Konzepte. Die Annäherung zwischen Russland und China 1996 war ein Schritt zu diesem Ziel. Brzezinski hält ein engeres Bündnis aber für unwahrscheinlich, da Chinas Interesse eher in den westlichen Märkten und Investitionen liegt. „Der Zusammenschluss würde am Ende vielleicht sogar alle ihre Teilnehmer, ob nun zwei oder drei, zu anhaltender Isolation und gemeinsamer Rückständigkeit verurteilen.“ Zudem wäre Russland in einer solchen Koalition nur Juniorpartner Chinas zum Nutzen Chinas, es würde zum Puffer zwischen Europa und China.

Das Dilemma der einzigen Alternative[Bearbeiten]

Russlands einzige geostrategische Option ist nach Brzezinskis Ansicht das transatlantische Europa einer erweiterten EU und NATO. „Als Partner ist Russland für die USA viel zu schwach, aber es ist immer noch zu stark, um einfach ihr Patient zu sein. Es könnte zu einem Problem werden, es sei denn, Amerika schafft eine Atmosphäre, in der die Russen schneller zu der Überzeugung gelangen, dass die beste Wahl für ihr Land eine immer organischere Beziehung zu einem transatlantischen Europa ist." "Infolgedessen muss Russland seiner imperialen Vergangenheit abschwören und darf hinsichtlich der sich erweiternden politischen und Sicherheitsbindung Europas an Amerika nicht dauernd seine Einstellung ändern. Am wichtigsten ist in diesem Zusammenhang, daß Russland die Unabhängigkeit der Ukraine, deren Grenzen und eigenständige nationale Identität ohne Wenn und Aber anerkennt und respektiert.“ „Für den Westen und vor allem für Amerika gilt es derweil, eine Politik zu verfolgen, die das Dilemma der einzigen Alternative fortschreibt. Die politische und wirtschaftliche Stabilisierung der jungen postsowjetischen Staaten ist ein wesentlicher Faktor, um Russland zu einem historisch neuen Selbstverständnis zu nötigen". Besonders Aserbaidschan, Usbekistan und die Ukraine sind dabei wichtig: „Aserbaidschan kann dem Westen den Zugang zu dem an Ölquellen reichen Kaspischen Becken und Zentralasien eröffnen. Umgekehrt würde ein unterworfenes Aserbaidschan bedeuten, dass Zentralasien von der Außenwelt abgeriegelt wird und somit politisch dem russischen Druck nach einer Wiedereingliederung ausgesetzt sein könnte.“ Usbekistan ist Haupthindernis für Russlands Kontrolle über die Region und ist daher entscheidend für die anderen zentralasiatischen Staaten. „Am wichtigsten allerdings ist die Ukraine. Da die EU und die NATO sich nach Osten ausdehnen, wird die Ukraine schließlich vor der Wahl stehen, ob sie Teil einer dieser Organisationen werden möchte. Es ist davon auszugehen, dass sie, um ihre Eigenständigkeit zu stärken, beiden beitreten möchte, wenn deren Einzugsbereich einmal an ihr Territorium grenzt und sie die für eine Mitgliedschaft notwendigen inneren Reformen durchgeführt hat.“ Das Jahrzehnt zwischen 2005 und 2015 sieht Brzezinski als Zeitrahmen für eine sukzessive Eingliederung der Ukraine“. „Akzeptiert Russland diese Bindungen, dann legt es sich damit in seiner Entscheidung fest, selbst Teil von Europa zu werden. Russlands Weigerung wäre gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass es Europa zugunsten einer eurasischen Identität und Existenz den Rücken kehrt.“ „Dieser Prozess wird sich beschleunigen, wenn ein geopolitischer Kontext geschaffen ist, der Russland in diese Richtung treibt und zugleich andere Versuchungen ausschließt. Je rascher sich Russland auf Europa zubewegt, desto schneller wird sich das Schwarze Loch im Herzen Eurasiens mit einer Gesellschaft füllen, die immer modernere und demokratischere Züge annimmt. Tatsächlich besteht das Dilemma für Russland nicht mehr darin, eine geopolitische Wahl zu treffen, denn im Grunde geht es ums Überleben.“

Der eurasische Balkan (S.181-218)[Bearbeiten]

Eurasiens „Balkan“ umfasst Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien, Georgien und Afghanistan, außerdem auch die „lebensfähigeren“ geostrategischen Akteure Türkei und Iran. Viele Länder in diesem „Machtvakuum“ sind intern instabil, territorial, ethnisch und religiös zerstritten. Diese Lage „fordert die mächtigen Nachbarn zum Eingreifen geradezu heraus, und jeder widersetzt sich mit Entschlossenheit den Bestrebungen der anderen, die Vorherrschaft in der Region zu erlangen. Es ist dieses wohlvertraute Phänomen des Machtvakuums mit der ihm eigenen Sogwirkung, das die Bezeichnung eurasischer Balkan rechtfertigt.“ Geopolitisch wichtig ist diese Region wegen der Transportwege, besonders der Pipelines, wegen der Absichten der Nachbarn, vor allem aber weil sie sich wegen der Bodenschätze „zu einem ökonomischen Filetstück entwickeln könnte“.

Der ethnische Hexenkessel[Bearbeiten]

Die drei Kaukasusrepubliken werden eher von außen, die fünf neuen zentralasiatischen Staaten eher von Uneinigkeit im Inneren bedroht. Ursache sind die strategischen Grenzziehungen der Sowjetrepubliken, die auf ethnische und religiöse Zusammenhänge keine Rücksicht nahmen.

Aserbaidschans Verwundbarkeit zeitigt Auswirkungen auf die gesamte Region, weil seine Lage es zu einem geopolitischen Dreh- und Angelpunkt macht. Es ist gewissermaßen der lebenswichtige Korken, der den Zugang zur Flasche mit den Bodenschätzen des Kaspischen Beckens und Zentralasiens kontrolliert. Ein unabhängiges, Türkisch sprechendes Aserbaidschan mit Pipelines, die es mit der ethnisch verwandten und politisch als Stütze agierenden Türkei verbinden, verwehrte Russland eine Monopolstellung im Zugang zur Region und beraubte es damit seines entscheidenden politischen Druckmittels auf die Politik der neuen zentralasiatischen Staaten.“ Aserbaidschan ist daher von Russland im Norden, aber auch vom Iran im Süden Druck ausgesetzt.

Georgien ist ethnisch inhomogen, daher die Abspaltungswünsche, die von Russland unterstützt wurden, um Georgien in der GUS und zur Duldung von Militärbasen zu zwingen.

"Kasachstan ist der Schild und Usbekistan die Seele des nationalen Erwachens der verschiedenen Völker in der Region. Durch seine Größe und geographische Lage schützt Kasachstan die anderen vor direktem russischen Druck, da nur Kasachstan an Russland grenzt." Durch die mehrheitlich russische Bevölkerung im Norden droht dem Land eine Spaltung, durch die kasachische Minderheit in Usbekistan ein Konflikt zwischen den beiden Ländern.

Usbekistan ist ethnisch homogener, nationalbewusster und stärker in der Geschichte verwurzelt, was bei den Regierenden von Turkmenistan, Kirgistan, Tadschikistan und sogar Kasachstan Befürchtungen weckt, „dass sich Usbekistans Führungsrolle in der Region zu regionaler Vorherrschaft auswachsen könnte.“

Turkmenistan mit seinen Erdgasvorkommen ist ethnisch relativ homogen, geografisch geschützt, auf Usbekistan und Iran ausgerichtet.

Kirgistan ist gemischter und zwischen China und Kasachstan eingezwängt, von dem seine Souveränität in Zukunft abhängt.

Tadschikistan ist eine Stammesgesellschaft, wobei ein großer Teil der Tadschiken außerhalb des Landes, vor allem im Norden Afghanistans lebt.

„Das gegenwärtige Durcheinander in Afghanistan ist ebenfalls ein sowjetisches Vermächtnis, obwohl das Land nie zur Sowjetunion gehörte.“ Es ist durch Besatzung, Guerillakrieg und ethnische Gräben gespalten. „Der Dschihad gegen die russischen Besatzer machte die Religion zum dominierenden Faktor im politischen Leben des Landes und hat die ohnehin scharfen politischen Differenzen mit dogmatischem Eifer versetzt.“

Die Türkei und der Iran sind in ihrer geopolitischen Orientierung unberechenbar. „Eine Destabilisierung dieser beiden Staaten würde sehr wahrscheinlich die ganze Region ins Chaos stürzen.“ „Käme es zur Destabilisierung der Türkei oder des Iran oder auch beider, wären die internen Probleme der Region nicht mehr zu steuern, und selbst eine regionale Vorherrschaft der Russen könnte dann womöglich nicht mehr verhindert werden.“

Die Türkei wird von Modernisten, Islamisten und Nationalisten in drei unvereinbare geostrategische Richtungen gedrängt. Außerdem besteht das Problem mit dem Wunsch der Kurden nach Eigenstaatlichkeit.

Der fundamentalistische Iran steht zwischen dem Wunsch nach islamischer Beeinflussung der zentralasiatischen Republiken und der Zusammenarbeit mit Russland gegen die Dominanz der USA und gegen eine Bedrohung der nationalen Integrität durch ein unabhängiges Aserbaidschan.

Wettstreit mit vielen Beteiligten[Bearbeiten]

Drei Staaten kämpfen um die Vormachtstellung: Russland, die Türkei und der Iran. China könnte zum Protagonisten werden, mittelbar beteiligt sind die Ukraine, Pakistan, Indien und die USA.

Russland sieht die Türkei als Bedrohung seiner Sicherheit an, die Türkei versteht sich umgekehrt als "Befreier der von ihr geführten Turkvölker aus russischer Knechtschaft". Die Türkei und der Iran sind Rivalen, zumal sie unterschiedliche politische Konzepte vertreten. Russland strebt nicht nur nach Einfluss, sondern betrachtet den „gesamten Raum der früheren Sowjetunion als eine Zone besonderen geostrategischen Interesses (...), aus der politischer — und sogar wirtschaftlicher — Einfluss von außerhalb ferngehalten werden sollte.“

Der Iran konzentriert sich eher auf Aserbaidschan und Afghanistan, will aber den Islam in Zentralasien wiederbeleben.

Für die Volksrepublik China dienen die neuen Staaten als ein Puffer. Es interessiert sich für den Zugang zu den Bodenschätzen und wünscht die turkmenische Minderheit in Ruhe zu halten.

„Tendenziell kollidiert Chinas allgemeines geopolitisches Interesse mit Russlands Streben nach einer beherrschenden Rolle und ist somit zu den türkischen und iranischen Zielsetzungen komplementär.“

Die Ukraine möchte ihre Abhängigkeit von Russland vermindern und bindet sich daher enger an Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan. Die Unterstützung der Anrainerstaaten und der Türkei soll den Einfluss Russlands vermindern.

Pakistan konkurriert mit dem Iran um Einfluss in Afghanistan und Tadschikestan.

Indien möchte Chinas Einfluss vermindern und unterstützt daher iranische Absichten auf Afghanistan und eine stärkere Präsenz Russland.

„Die USA sind zwar weit weg, haben aber starkes Interesse an der Erhaltung eines geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Eurasien. Als ein zunehmend wichtiger, wenn auch nicht direkt eingreifender Mitspieler, der nicht allein an der Förderung der Bodenschätze in der Region interessiert ist, sondern auch verhindern will, dass Russland diesen geopolitischen Raum allein beherrscht, halten sie sich drohend im Hintergrund bereit. Neben seinen weiterreichenden geostrategischen Zielen in Eurasien vertritt Amerika auch ein eigenes wachsendes ökonomisches Interesse, wie auch das Europas und des Fernen Ostens, an einem unbehinderten Zugang zu dieser dem Westen bisher verschlossenen Region.“

Der Zugang zur Region wurde früher über Russland geleitet. „Falls die wichtigsten Ölleitungen in die Region weiterhin durch russisches Territorium zum russischen Absatzmarkt am Schwarzen Meer in Noworossijsk verlaufen, werden sich die politischen Konsequenzen, auch ohne dass die Russen die Muskeln spielen lassen, bemerkbar machen. Die Region wird eine politische Dependance bleiben und Moskau darüber entscheiden können, wie der neue Reichtum der Region verteilt werden soll.“

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurmte die politische Führung in Moskau die Erkenntnis, "dass sich nun ausländische Interessen, die über die nötigen Mittel verfügten, um zu investieren, Bodenschätze zu fördern und auszubeuten, auf das bis vor kurzem allein Russland zugängliche wirtschaftliche Potential dieser Gebiete richteten.“

Russland bediente sich der GUS, um die neuen Staaten in seinem geopolitischen Konzept zu halten, Russlands Gebiet umgehende Ölleitungen zu verhindern und militärisch präsent zu sein. „Moskaus Politik stellt anscheinend noch immer darauf ab, dass sein postimperiales Beziehungsgeflecht mit Zentralasien die neuen, noch schwachen Staaten allmählich um ihre Souveränität bringen und der Kommandozentrale der integrierten GUS unterordnen wird.“ „Bei der Verfolgung dieses Ziels berufen sich Sprecher der russischen Regierung … häufig auf das Beispiel der Europäischen Union. Tatsächlich jedoch erinnert Russlands Politik gegenüber den zentralasiatischen Staaten und den Kaukasusrepubliken viel stärker an die frankophone afrikanische Gemeinschaft — wo die französischen Militärkontingente und Haushaltssubventionen die Politik und das Wirtschaftsgebaren der französischsprachigen postkolonialen Staaten bestimmen.“

Die „taktische Zusammenarbeit mit dem Iran in strittigen Angelegenheiten wie der Verteilung der Konzessionen für Tiefseebohrungen im Kaspischen Meer dem wichtigen Ziel, Baku zu zwingen, sich Moskaus Wünschen anzupassen. Ein unterwürfiges Aserbaidschan würde es Moskau außerdem erleichtern, seine beherrschende Position in Georgien und Armenien zu festigen.“

Fast alle im eurasischen Balkan angesiedelten Staaten haben eher Interesse an einer Westanbindung, um Kapital anzulocken und sich wirtschaftlich zu entwickeln und sehen das Bemühen Russlands, sie in die GUS einzubinden, kritisch. „Für die Vereinigten Staaten, die in Asien eine Politik der Schwächung Russlands verfolgen, ist diese Position ungemein attraktiv.“

USA im Wartestand[Bearbeiten]

Amerika muss verhindern, dass eine Macht die Kontrolle über diese Region erlangt, zu der die Weltgemeinschaft Zugang haben muss. Das Bemühen Rußlands, allein über den Zugang zu bestimmen, ist der regionalen Stabilität abträglich. Russland muss aber als Partner eingebunden werden, da seine wirtschaftliche Teilnahme die Region stabilisiert, zu Russlands Wohlergehen beiträgt und der GUS Sinn gibt. Seine anachronistischen Pläne muss Russland zugunsten einer Kooperation aufgeben.

Die USA müssen hauptsächlich Aserbaidschan, Usbekistan und die Ukraine unterstützen. „Die Rolle Kiews bestätigt fraglos die These, daß die Ukraine der kritische Punkt ist, wenn es um Rußlands eigene künftige Entwicklung geht.“ Kasachstan braucht „vorsichtige internationale Rückendeckung und anhaltende Wirtschaftshilfe.“ Die USA haben mit der Türkei, dem Iran und China ein gemeinsames Interesse. Von einer westlich orientierten Türkei beeinflusst, würden die Kaukasusrepubliken zu Europa streben, statt sich an Russland zu binden. „Eine allmähliche Verbesserung in den amerikanisch-iranischen Beziehungen würde den globalen Zugang zur Region erheblich erweitern und insbesondere die unmittelbare Bedrohung abwenden, der Aserbaidschans Überleben ausgesetzt ist.“ Chinas Rückendeckung für Pakistans Einfluss auf Afghanistan erleichtert den internationalen Zugang zu Turkmenistan. „Von entscheidender Bedeutung ist ferner inwieweit die Vereinigten Staaten ihre Beziehungen zu Rußland davon abhängig machen, ob Moskau die Unabhängigkeit der neuen Staaten respektiert.“

Bei der gegenwärtigen Wahl zwischen einem empfindlichen regionalen Gleichgewicht und Konflikten muss es daher „vorrangiges Ziel jeder umfassenden amerikanischen Geostrategie für Eurasien ... sein, dieses regionale Gleichgewicht herzustellen und zu festigen“.

Der fernöstliche Anker (219-277)[Bearbeiten]

Die geopolitische Bühne Ostasiens ist „metastabil“. Das beispiellose Wirtschaftswunder täuscht über die wachsenden politischen Unsicherheiten hinweg, verstärkt nationale Ambitionen und vergrößert soziale Spannungen. Strukturen multilateraler Zusammenarbeit fehlen weitgehend.

Konfliktpotential liegt im Sonderstatus Taiwans, dem Anspruch gegen Nachbarländer auf die Spratly-Inseln und gegen Japan auf die Senkaku-Inseln, in der Instabilität Nordkoreas, im Anspruch gegenüber Russland auf die Kurilen und in Grenzproblemen mit den Nachbarländern. Hinzu kommt die unausgewogene Machtverteilung in der Region. China ist die beherrschende Wirtschafts- und Militärmacht, an die sich Thailand, Indonesien, die Philippinen und Malaysia anpassen. Australien, Singapur und Indonesien arbeiten enger zusammen, besorgt, inwiefern die USA noch den Frieden sichern können. Amerikas Rolle als Sicherheitsgarant gerät in immer stärkere Abhängigkeit von der Zusammenarbeit mit Japan, das aber noch auf der Suche nach einer klarer umrissenen und autonomen Rolle in der Weltpolitik ist. Russland hat erheblich an Einfluss verloren, weshalb Zentralasien Gegenstand internationalen Wettstreits geworden ist.

China - regionale, aber keine Weltmacht[Bearbeiten]

Chinas wirtschaftliche Dynamik kollidiert mit der bürokratisch starren kommunistischen Diktatur. Eine kontrollierte Demokratisierung verlangt von der politischen Führung Chinas Geschick und Pragmatismus. Der starke Einfluss des Nationalismus und der modernen Kommunikationssysteme, die beide für einen geeinten chinesischen Staat arbeiten, vermindert die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Extremfall einer inneren Zerrüttung Chinas kommt.

Wirtschaftliche Erwägungen bestimmen die Interessen Chinas im Südchinesischen Meer (Erdöllager) und in Zentralasien (Rohstoffe) und lassen eine regionale Einflusssphäre entstehen. China setzt sich für eine nordostasiatische Wirtschaftskooperation einschließlich Japans und Koreas ein. Dazu kommt der Einfluss der Auslandschinesen: „Je mehr China an Macht und Ansehen gewinnt, desto stärker werden sich wahrscheinlich die reichen Auslandschinesen Pekings Bestrebungen zu eigen machen und damit zu einer mächtigen Vorhut auf dem Weg Chinas zur Großmacht werden.“

Ein zur Großmacht entwickeltes China träfe im Westen auf die Zusammenarbeit Russlands mit Indien in Zentralasien und Pakistan, um seinen Einfluss abzuwehren. „Im Süden ginge der heftigste Widerstand von Vietnam und von Indonesien aus (das wahrscheinlich von Australien Rückendeckung erhielte). Im Osten würde Amerika, vermutlich unterstützt von Japan, jedem Versuch Chinas entgegentreten, die Vormachtstellung in Korea zu gewinnen und sich Taiwan gewaltsam einzuverleiben, zumal ein solcher Akt die politische Präsenz der USA im Fernen Osten auf einen potentiell unsicheren und abgelegenen Stützpunkt in Japan reduzieren würde.“

„Amerika ist in den Augen Chinas die gegenwärtig bestimmende Weltmacht, deren bloße Gegenwart in der Region, gestützt auf seine dominierende Position in Japan, Chinas Einfluss eindämmt." Brzezisnki zitiert dabei einen Analytikers in der Forschungsabteilung des chinesischen Außenministeriums: »Das strategische Ziel der USA besteht darin, ihre Hegemonie auf die ganze Welt auszudehnen, und sie können nicht hinnehmen, dass in Europa oder Asien eine Großmacht entsteht, die einmal ihre Führungsposition bedroht.« „Somit wird Amerika ungewollt, einfach durch seine nationale Identität und geographische Lage, eher Chinas Gegner als sein natürlicher Verbündeter.“

„Demgemäß ist es die Aufgabe chinesischer Politik — entsprechend der strategischen Einsicht Sun Tsus —‚ Amerikas Macht zu benutzen, um die amerikanische Hegemonie auf friedlichem Wege zu überwinden, ohne dadurch irgendwelche latenten regionalen Gelüste Japans zu entfesseln. Zu diesem Zweck muss Chinas Geostrategie zwei Ziele gleichzeitig verfolgen, wie dies Deng Xiaoping etwas verklausuliert im August 1994 klargemacht hat: »Erstens, Hegemoniestreben und Machtpolitik entgegenwirken und den Weltfrieden sichern; zweitens, eine neue internationale politische und ökonomische Ordnung aufbauen.« Ersteres zielt unverkennbar auf die Vereinigten Staaten ab und bezweckt eine Schwächung der amerikanischen Vormachtstellung, während ein militärischer Zusammenstoß sorgfältig vermieden wird, der Chinas ökonomischen Aufschwung beenden würde; die zweite Forderung strebt eine Revision der Machtverteilung auf der Erde an und schlägt dabei aus dem Unmut Kapital, den einige Schlüsselstaaten gegen die derzeit bestehende internationale Hackordnung hegen, in der die Vereinigten Staaten ganz oben rangieren, unterstützt von Europa (oder Deutschland) im äußersten Westen und von Japan im äußersten Osten Eurasiens.“

China muss daher eine regionale Geostrategie verfolgen, die ernste Konflikte mit seinen unmittelbaren Nachbarn zu vermeiden sucht, auch wenn es dabei weiterhin nach einer Vormachtstellung in der Region strebt. Daher bemüht sich China um eine „taktische Verbesserung“ der chinesisch-russischen Beziehungen. „Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass China ein langfristiges und umfassendes Bündnis mit Russland gegen Amerika ernsthaft in Erwägung zöge. Ein solches Bündnis hätte zur Folge, dass die amerikanisch-japanische Partnerschaft, die China langsam aufweichen möchte, an Festigkeit und Umfang gewönne, und würde China außerdem von relevanten Kapitalquellen und moderner Technologie isolieren.“

„Wie in den chinesisch-russischen Beziehungen empfiehlt es sich für China, jede direkte Konfrontation mit Indien zu vermeiden, auch wenn es weiterhin an seiner engen militärischen Zusammenarbeit mit Pakistan und Birma festhält. Eine Politik offener Feindseligkeit hätte den negativen Effekt, Chinas aus taktischen Gründen ratsame Einigung mit Russland zu komplizieren, während es zudem Indien in ein kooperativeres Verhältnis zu Amerika triebe."

Zentrales Ziel Chinas ist, „Amerikas Macht in der Region so weit zu schwächen, dass ein geschwächtes Amerika ein regional beherrschendes China als Verbündeten und schließlich sogar eine Weltmacht China als Partner brauchen wird. Dieses Ziel sollte auf eine Weise verfolgt und erreicht werden, die weder eine Erweiterung der amerikanisch-japanischen Allianz zu Verteidigungszwecken provoziert noch dazu, dass Japans Macht die der USA in der Region ersetzt. Um dieses zentrale Ziel zu erreichen, sucht China kurzfristig die Festigung und Ausdehnung der amerikanisch-japanischen Sicherheitspartnerschaft zu verhindern.

In Chinas strategischem Kalkül kann jedoch die Hegemonie Amerikas nicht von langer Dauer sein. Obwohl einige Chinesen, besonders in militärischen Kreisen, dazu neigen, Amerika als Chinas erbitterten Feind zu betrachten, geht man in Peking überwiegend davon aus, dass die USA in der Region in die Isolation geraten, weil sie allzusehr auf Japan setzen. Dadurch werde ihre Abhängigkeit von dem Inselstaat noch größer, was indes auch für die Widersprüche im amerika-nisch-japanischen Verhältnis und die amerikanischen Ängste vor einem japanischen Militarismus gelte. Diese Entwicklung wird China in die Lage versetzen, Amerika und Japan gegeneinander auszuspielen, wie es das früher im Fall der USA und der Sowjetunion tat. Nach Ansicht Pekings wird die Zeit kommen, da Amerika begreift, dass es — um eine einflussreiche Macht im asiatisch-pazifischen Raum zu bleiben — keine andere Wahl hat, als sich seinem natürlichen Partner auf dem asiatischen Festland zuzuwenden.

Japan – nicht regional, aber international[Bearbeiten]

Die Entwicklung des amerikanisch-japanischen Verhältnisses ist somit von entscheidender Bedeutung für Chinas geopolitische Zukunft. Seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs im Jahre 1949 stützt sich die amerikanische Fernost-Politik auf Japan. Anfangs nur ein amerikanisches Besatzungsgebiet, ist Japan Basis für die politisch-militärische Präsenz der USA im asiatisch-pazifischen Raum und ein weltweit unverzichtbarer Verbündeter geworden, gleichzeitig aber zu einer Schutzzone. Das Hervortreten Chinas wirft nun die Frage auf, ob — und zu welchem Zweck — die engen amerikanisch-japanischen Beziehungen in dem sich verändernden regionalen Kontext Bestand haben können. Japans Rolle in einem gegen China gerichteten Bündnis wäre klar; aber wie sollte Japans Rolle aussehen, wenn man Chinas Aufstieg in irgendeiner Form Rechnung tragen will, selbst um den Preis, dass Amerikas Vormachtstellung in der Region Einbußen hinnehmen muss? Wie China ist Japan ein Nationalstaat mit einem unerschütterlichen Glauben an seine Einzigartigkeit und Sonderstellung.

Die vernichtende Niederlage im Zweiten Weltkrieg bewirkte, dass sich das japanische Volk ausschließlich auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau konzentrierte, ohne ein darüber hinausgehendes Selbstverständnis zu entwickeln.

„Japans gegenwärtige Position — einerseits ein weltweit respektierter Wirtschaftsriese, andererseits eine geopolitische Verlängerung amerikanischer Macht — dürfte für künftige Generationen von Japanern, die nicht mehr von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs traumatisiert und mit Scham erfüllt sind, auf Dauer nicht akzeptabel sein.“

Japan ist in der Region politisch isoliert. Im Unterschied zu Europa gibt es kein vergleichbares »Asien«. „Obwohl sich in den letzten Jahren in verschiedenen asiatischen Ländern die Demokratie durchgesetzt hat, ist Japan infolge seiner insularen Vergangenheit und auch wegen seines derzeit demokratischen Systems eher ein Außenseiter im asiatisch-pazifischen Raum.“ Viele Asiaten sehen in Japan „kein wahrhaft asiatisches Land, wie auch der Westen zuweilen staunt, in welchem Ausmaß Japan westliche Züge angenommen hat.“ Hinzu kommt, dass Japan auch in Zukunft auf den militärischen Schutz und die internationale Schirmherrschaft der USA angewiesen ist.

Nach der Doktrin Shigeru Yoshidas konzentrierte Japan sich in der Vergangenheit auf seine Wirtschaftsentwicklung, hielt sich aus internationalen Konflikten heraus und folgt der Führung der USA. Die japanische Diplomatie sollte ohne ideologische Orientierung auf internationale Zusammenarbeit gerichtet sein. Dazu kam die Fiktion einer „Semineutralität“. Trotz einer regen Diskussion einer Neuorientierung seit Mitte der 90er Jahre waren die Empfehlungen auf der Ebene der offiziellen Politik relativ nüchtern. „Die breite Öffentlichkeit und zweifellos auch einflussreiche Wirtschaftskreise spüren instinktiv, dass keine der beiden Optionen (der pazifistischen oder der Aufrüstung) eine echte politische Alternative darstellt und beide im Grunde Japans Wohlstand nur gefährden würden.“ Die vier Hauptgruppen der japanischen Außenpolitik sind die Verfechter eines »Amerika zuerst« aber mit einer Betonung engerer japanisch-chinesischer Beziehungen, die wirtschaftsorientierten globalen Merkantilisten, die weltoffenen Pragmatiker eines selbstständigeren internationalen Engagements (ab Mitte der 90er Jahre) und die weltpolitischen Visionäre, die aber nur eine idealistische Rhetorik zur internationalen Verantwortung Japans beisteuern. „Letzten Endes ist jedoch allen vier ein Ziel gemeinsam und teilen sie dieselbe Sorge: sich das besondere Verhältnis zu den USA zunutze zu machen, um Japan internationale Anerkennung zu erringen, zugleich Feindseligkeiten in Asien zu vermeiden und den Sicherheitsschirm der USA nicht vorzeitig aufs Spiel zu setzen.“ „Alle vier Richtungen stimmen in einer regionalen Schlüsselfrage überein: dass eine stärker multilaterale asiatisch-pazifische Zusammenarbeit in Japans Interesse ist. Eine solche Zusammenarbeit könnte mit der Zeit in dreierlei Hinsicht Früchte tragen: durch sie kann China eingebunden (und auch auf raffinierte Weise in Schranken gehalten) werden; sie kann die USA dazu bewegen, auch dann in Asien präsent zu bleiben, wenn ihre Vormachtstellung schwindet, und sie kann zum Abbau anti-japanischer Ressentiments beitragen und damit Japans Einfluss stärken.“

„Einigkeit besteht zwischen den Vertretern der genannten vier Standpunkte außerdem darin, dass ein behutsames Bemühen um ein besseres Verhältnis zu China jedem von Amerika ausgehenden Versuch, dessen Macht unmittelbar einzudämmen, eindeutig vorzuziehen ist. Die Idee einer Abwehrstrategie gegen China unter Führung der USA findet im japanischen Außenministerium keinen großen Anklang, und dasselbe gilt für die Vorstellung einer informellen, auf die Inselstaaten Taiwan, die Philippinen, Brunei und Indonesien begrenzten Koalition als Gegengewicht zu China. Nach japanischer Auffassung erforderte jede Bemühung dieser Art nicht nur auf unbestimmte Zeit eine erhebliche Militärpräsenz der Amerikaner sowohl in Japan als auch in Korea, sondern — da sich die geopolitischen Interessen mit denen des amerikanisch-japanischen Bündnisses auf gefährliche Weise überschneiden — zöge wahrscheinlich irgendwann, im Sinne einer self-fulfilling prophecy, einen Zusammenstoß mit China nach sich. Die Folge davon wäre, dass Japans Emanzipation erschwert und der wirtschaftliche Wohlstand des Fernen Ostens bedroht würde.“ „Zögen sich die USA aus Fernost zurück und gerieten Taiwan wie auch Korea unter chinesische Herrschaft, wäre Japan auf Gedeih und Verderb der Gnade Chinas ausgeliefert. Dies ist keine reizvolle Aussicht, außer vielleicht für ein paar Extremisten. Da Russland geopolitisch an den Rand gedrängt wurde und von jeher in Japan keine große Achtung genießt, gibt es mithin keine Alternative zu dem Grundkonsens, dass die Bindung an Amerika Japans zentrale Lebensader bleibt. Ohne sie kann Japan weder seine Ölversorgung sicherstellen noch sich gegen eine einzige chinesische (und vielleicht bald schon auch eine koreanische) Atombombe schützen. Im Grunde kann es der japanischen Politik nur darum gehen, sich des Verhältnisses zu den USA zum optimalen Nutzen des Landes zu bedienen.“

Amerikas Anpassung an die geopolitische Lage[Bearbeiten]

„Aufgabe amerikanischer Politik sollte es sein sicherzustellen, dass Japan eine solche Wahl trifft und dass Chinas Aufstieg zur bestimmenden Größe in der Region ein solides dreiseitiges Machtgleichgewicht in Ostasien nicht ausschließt. Das Bemühen, sowohl mit Japan als auch mit China zurechtzukommen und ein tragfähiges Dreiecksverhältnis aufrechtzuerhalten, das auch Amerika mit einbezieht, wird das diplomatische Geschick und die politische Phantasie der Amerikaner auf eine harte Probe stellen.“

Geostrategische Schlussfolgerungen sind, keine Koalition auf die Beine zu stellen, um Chinas Aufstieg zur Weltmacht zu verhindern. Daher sollte Amerika aufhören, Japan zu größerer Verantwortung im asiatisch-pazifischen Raum zu drängen. „Bemühungen in dieser Richtung hemmen lediglich das Entstehen eines stabilen Verhältnisses zwischen Japan und China, während sie Japan noch weiter in der Region isolieren.“ China sollte als wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne behandelt werden.

„Auf jeden Fall könnte ein Großchina in einigen Gebieten Eurasiens einen geopolitischen Einfluss ausüben, der mit Amerikas hochfliegendem geostrategischen Interesse an einem stabilen, aber politisch pluralistischen Eurasien vereinbar ist. So schränkt beispielsweise das wachsendes Interesse Chinas an Zentralasien Russland in seiner Handlungsfreiheit zwangsläufig bei dem Versuch ein, die Region in irgendeiner Form von politischer Reintegration wieder unter seine Kontrolle zu bringen.“


Die USA sollten sich außerdem den regionalen Plänen Chinas nicht widersetzen. Wegen Taiwan müsste es allerdings eingreifen, „nicht einem eigenständigen Taiwan zuliebe (...) sondern wegen seiner eigenen geopolitischen Interessen im asiatisch-pazifischen Raum. Dies ist ein wichtiger Unterschied. Die Vereinigten Staaten haben per se kein besonderes Interesse an einem eigenständigen Taiwan. Tatsächlich lautete ihre offizielle Position (und daran sollte sich auch nichts ändern), dass es nur ein China gibt. Aber wie China eine Wiedervereinigung betreibt, kann die vitalen Interessen Amerikas tangieren, und darüber müssen sich die Chinesen im klaren sein. Das Taiwan-Problem verschafft Amerika außerdem einen legitimen Grund, in Verhandlungen mit China die Frage nach den Menschenrechten zu stellen, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, es mische sich in Chinas innenpolitische Angelegenheiten ein. Es ist absolut angebracht, Peking gegenüber ständig zu wiederholen, dass eine Wiedervereinigung erst zustande kommen wird, wenn es der chinesischen Bevölkerung materiell besser geht und demokratische Reformen stattgefunden haben. Nur ein China, das auch bereit ist, eine auf dem Grundsatz »ein Land, verschiedene Systeme« basierende Konföderation zu werden, wird für Taiwan attraktiv sein und dieses assimilieren können. Taiwans wegen ist es auf jeden Fall in Chinas eigenem Interesse, den Menschenrechten mehr Achtung einzuräumen und in diesem Zusammenhang sollte Amerika das Thema durchaus ansprechen.“

Korea, der geopolitische Dreh- und Angelpunkt in Nordostasien, könnte erneut zum Zankapfel zwischen Amerika und China werden, und außerdem wird seine Zukunft unmittelbare Auswirkungen auf das amerikanisch-japanische Verhältnis haben. Solange Korea geteilt und anfällig für einen Krieg zwischen dem instabilen Nordkorea und dem immer reicher werdenden Süden ist, werden US-Streitkräfte auf der Halbinsel stationiert bleiben müssen. Jeder einseitige Abzug der USA würde wahrscheinlich nicht nur einen neuen Krieg heraufbeschwören, sondern wohl auch das Ende der amerikanischen Militärpräsenz in Japan einläuten. Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Japaner noch viel von einem weiteren US-Truppenkontingent auf japanischem Boden versprechen, wenn die Amerikaner Südkorea aufgegeben haben. Eine rasche Aufrüstung Japans wäre die wahrscheinlichste Folge, mit destabilisierendem Effekt für die gesamte Region.

In der Zwischenzeit würde eine echte Aussöhnung zwischen Japan und Korea entscheidend zu einem stabileren regionalen Umfeld beitragen, das einer Wiedervereinigung des geteilten Landes zugute käme. Eine echte Versöhnung zwischen Japan und Korea würde die verschiedenen internationalen Komplikationen, die aus einer koreanischen Wiedervereinigung erwachsen könnten, mildern und zu einer zunehmend kooperativen und verbindlichen politischen Beziehung führen. Die USA könnten eine ganz entscheidende Rolle beim Zustandekommen einer solchen Versöhnung spielen. Die vielen einzelnen Schritte, die zuerst die deutsch-französische Aussöhnung und später die zwischen Deutschland und Polen vorangebracht haben (zum Beispiel vom akademischen Austausch bis hin zu gemeinsamen Militärverbänden), könnten auch hier unternommen werden. Eine umfassende und sich auf die regionale Stabilität positiv auswirkende japanisch-koreanische Partnerschaft wiederum würde eine ständige Präsenz der USA im Fernen Osten, selbst nach einer Wiedervereinigung Koreas, erleichtern.

„Ein desorientiertes Japan, das zwischen Wiederaufrüstung oder einem Sonderabkommen mit China schwankt, bedeutete das Ende der amerikanischen Rolle im asiatisch-pazifischen Raum und verhinderte das Entstehen einer regional stabilen Dreiecks-Vereinbarung zwischen Amerika, Japan und China; damit wäre auch der Plan der USA, in Eurasien ein politisches Gleichgewicht herzustellen, hinfällig.“

„Nur in einer engen Allianz mit Japan werden die USA Chinas regionale Bestrebungen ausgleichen und deren willkürlichere Auswüchse zügeln können. Allein auf dieser Basis kann eine komplizierte, dreiseitige Vereinbarung zustande kommen — eine, die Amerikas Weltmacht, Chinas Übergewicht in der Region und Japans internationale Führungsrolle berücksichtigt.“

„Japan sollte für Amerika der unerlässliche und vorrangige Partner beim Aufbau einer globalen Zusammenarbeit sein, der mit ihm das neue Programm der Weltpolitik in Angriff nimmt. In der traditionellen Sphäre der Machtpolitik sollte ein regional herausragendes China Amerikas fernöstlicher Anker werden und dadurch ein eurasisches Machtgleichgewicht befördern helfen, wobei Großchinas Rolle im Osten Eurasiens der eines größer werdenden Europa in Eurasiens Westen entspricht.“

Rezensionen und Rezeption[Bearbeiten]

Hans-Dietrich Genscher beurteilt Brzezinskis Analyse als eine "amerikanische Antwort, die zum Nachdenken anregt, die Zustimmung, aber auch Widerspruch hervorrufen wird." Die offen ausgesprochene Überzeugung Brzezinskis, die weltweite Präsenz der USA sei nicht nur im amerikanischen, sondern auch im globalen Interesse, sei richtig und durch die europäischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bestätigt. Die USA seien weiterhin die »unentbehrliche« Nation. Die Europäer sollten sich selbst immer wieder fragen, ob es wirklich "zu viel Amerika" oder nicht vielmehr "zu wenig Europa" gibt. Genscher sieht in Brzezinskis Strategie den Versuch, durch Dialog und Annäherung (an China und Russland) neue Strukturen der Weltpolitik zu schaffen, was ohne die Mitwirkung der USA in Zusammenarbeit mit einem gestärkten Europa nicht möglich ist. Er weist aber auch darauf hin, dass das Streben nach einer Vormachtstellung immer auch Gegenkräfte hervorruft.

Der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt schrieb in seiner Rezension am 31. Oktober 1997 in der Zeit, schon der Titel mache "ein höchst provokantes amerikanisches Selbstbewusstsein" überdeutlich. Der globale Horizont Brzezinskis wird gelobt, aber er unterschätze "Schwarzafrika, Lateinamerika und die hoch bedeutsamen Religionen des Islam und des Hinduismus sowie den Konfuzianismus in ihren globalen Gewichten". Chinas künftige Rolle werde stark unterschätzt. Brzezinskis Buch vernachlässige trotz vieler richtiger Teilanalysen die ökonomischen Dynamiken wichtiger Staaten ebenso wie das zukünftige Bevölkerungswachstum und die damit unausweichlich werdenden Konflikte. Ebenso würden die zukünftigen Wirkungen der elektronischen Globalisierung nicht ausreichend gewürdigt. Schmidt warnt davor, Brzezinskis Zielsetzung oder die Überzeugung zu übernehmen, "was gut ist für die USA, sei eo ipso gut für Frieden und Wohlergehen der Welt." Für die "kontinentaleuropäischen Bürger (sollte) der von Brzezinski erhobene Dominanzanspruch Amerikas ein zusätzlicher Ansporn sein zum weiteren Ausbau der Europäischen Union in Richtung auf ein sich selbst bestimmendes Europa."[1]

Volker Rühe bezeichnet das Buch in seiner Rezension für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. November 11.1997 als „kühnen und wohl auch provokativen, zugleich ausgezeichneten und wertvollen Beitrag“ zu einem neuen „Denken in den Kategorien von Dialog und Austausch, regionaler und globaler Kooperation, Vernetzung von Wirtschaft und Politik“. Seiner Meinung nach sollte das Werk in „Wissenschaft, Medien und nicht zuletzt Regierungen“ studiert werden. Rühe analysiert die Aussageabsicht des Autors, die Vorherrschaft in Eurasien zu bewahren, sei für ihn kein Selbstzweck, sondern wesentliche Voraussetzung für die globale Stabilität. Amerika müsse sich nach Brzezinskis Meinung dem Ziel verschreiben, ein dauerhaftes Rahmenwerk globaler geopolitischer Zusammenarbeit zu schaffen. Brzezinski wolle die Machtposition der Vereinigten Staaten bewahren, um sie auf lange Sicht in einer institutionalisierten, weltweiten Zusammenarbeit aufgehen zu lassen.[2]

Auch Oliver Thränert von der Friedrich-Ebert-Stiftung findet, dass das Buch "schon der Lektüre wert ist". Es sei kenntnisreich, oft geschichtlich untermauert, nie langweilig und folge immer dem Leitfaden des amerikanischen nationalen Interesses, was für den deutschen Leser aber etwas ungewohnt sei. Die von Brzeziński entwickelte Strategie ist seiner Meinung nach „stimmig und wahrhaft vorausschauend“, aber auch in „vielerlei Hinsicht holzschnittartig“, was seinen Wert für die Wissenschaft mindere.[3]

Chris Luenen, Mitarbeiter des geopolitischen Programms am Global Policy Institute in London, UK., befürwortet in der Zeit eine Abkehr Europas von der an Brzezinskis „The grand chessboard“ orientierten Strategie der USA, da weder die US-Politik gegenüber der Ukraine und Russland noch Amerikas Grand Strategy als solche im Interesse Europas oder des Weltfriedens seien. Sie sei auch nicht konform mit den Realitäten einer sich schnell verändernden Welt. „Es wird oftmals argumentiert, dass Europa, und insbesondere Deutschland, sich zwischen einer proatlantischen und prorussischen/eurasischen Ausrichtung entscheiden müsse. Dem ist ganz und gar nicht so. Europa sollte seine Außenpolitik nicht auf Basis emotionaler Freund- und Feindbilder gestalten, sondern auf der einer nüchternen Interessenpolitik.“[4]

Sabine Feiner, Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg, sieht in ihrer Dissertation Brzeznskis Geostrategie in der angelsächsischen Tradition Halford Mackinders ("Heartland-Theorie") und Nicholas J. Spykmans ("Rimland"). Die machtpolitische Komponente, die im Imperialismus und Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist, transzendiert Brzeziski durch die Vision einer höheren Rechtfertigung, in der er das nationale Interesse der USA mit dem Interesse der Welt identifiziert. Der Fokus wird dabei zwar auf die Welt gerichtet, die nationale US-amerikanische Perspektive bleibt aber der maßgebliche Ausgangspunkt der Betrachtung. Weltpolitik in der Tradition Bismarcks zu betreiben erscheint Feiner anachronistisch, auch das Vokabular ("Tributpflichtige", "Vasallen", "Hegemon") sei unangemessen. Die moralische Dimension seiner Darstellung sieht sie in einem Vertrauen in die Geschichtsmächtigkeit der USA begründet, deren Schicksalhaftigkeit nicht befragt, sondern als Vorsehung verstanden wird: “Die moralische Dimension und damit verbunden die Verpflichtung zur World Leadership bei Brzezinski wird insofern deutlich, als er diese Position nicht als das Resultat einer beabsichtigten Politik der USA, sondern als eine historische Fügung darzustellen versucht. [...] Mit der Interpretation, das weltpolitische Engagement der USA sei nicht das Resultat ihrer nationalen Interessen, sondern ihnen von einer übergeordneten Instanz, "der Geschichte", verstanden als Vorsehung, zugewiesen worden, verleiht Brzezinski der Position der USA eine moralische Überhöhung, wie sie in der amerikanische Tradition des Exzeptionalismus generell zu finden ist.“[5]

Der Publizist Hauke Ritz interpretierte in den Blättern für deutsche und internationale Politik in Übereinstimmung mit der Publikation Thomas Barnetts, Peter Benders, Norman Birnbaums, Ian Burumas et.al.[6] Brzezinskis geopolitische Analysen in "The grand chessboard". Trotz ihrer Eigenlogik mit hoher Überzeugungskraft seien ihre Prämissen falsch. Eurasien sei kein Schachbrett. "Viel wichtiger als die Frage, ob das 21. Jahrhundert ein amerikanisches, europäisches oder chinesisches sein wird, ist die Frage, auf welchen Prämissen wir im 21. Jahrhundert das Leben der menschlichen Gattung begründen wollen. Die USA haben mit Guantánamo und der Grünen Zone in Bagdad ihre Vorschläge bereits eingereicht. Nun ist Europa am Zuge. Europa hat die Kraft und die Möglichkeit, die US-amerikanischen Welteroberungspläne zu begraben. Und Europa sollte dies im Interesse der Zivilisation auch tun." [7]

Emmanuel Todd analysiert Brzezinskis geopolitische Strategie in seinem Werk Weltmacht USA: Ein Nachruf (2002). Todd hält Brzezinski für den scharfsinnigsten Strategietheoretiker, "trotz seines erkennbaren Desinteresses für wirtschaftliche Fragen". Die imperiale Herrschaft Amerikas sei aber nicht mehr zeitgemäß, da aufgrund der Größe, Komplexität und des rasanten Wandels der Welt eine dauerhafte Vormachtstellung eines einzigen Staates nicht mehr akzeptiert werde. Die Abhängigkeit der USA von anderen Ländern sei mittlerweile stark gewachsen. Amerika versuche seinen Niedergang durch einen 'theatralischen militärischen Aktionismus' zu kaschieren. In Wirklichkeit gehe es um die Sicherung von Ressourcen. Der Kampf gegen den Terrorismus, gegen den Irak und gegen die "Achse des Bösen" sei nur ein Vorwand, ein Zeichen von Schwäche. Europa und Russland, Japan und China wachsen zu entscheidenden strategischen Akteuren heran, die die Vormachtstellung der USA relativieren. Einen weiteren Mangel von Brzezinskis Analyse sieht er in der völligen Ausblendung Israels. Hinsichtlich der Ukraine schließt Todd sich eher Huntington an, der ihre kulturelle Tendenz nach Russland hin für stärker hält. "...mangels einer eigenen Dynamik vermag sie (die Ukraine) sich dem russischen Einfluss nicht zu entziehen, ohne unter den einer anderen Macht zu geraten. Die amerikanische Sphäre ist zu weit entfernt und materiell zu wenig präsent, um das russische Gewicht auszubalancieren. Europa mit Deutschland als Kern ist eine reale Wirtschaftsmacht, aber in militärischer und politischer Hinsicht nicht dominant. Falls Europa eine einflussreiche Stellung in der Ukraine anstrebt, liegt es nicht in seinem Interesse, sie zu einem Satelliten zu machen, benötigt Europa doch Russland als Gegenpol zu den USA, wenn es sich von der amerikanischen Vormundschaft emanzipieren will."

Ausgaben[Bearbeiten]

  •  Zbigniew Brzeziński: The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives. Basic Books, New York 1997, ISBN 3-88679-303-6.
  •  Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. 8 Auflage. S. Fischer Verlag, 2004 (übersetzt von Angelika Beck), ISBN 978-3596143580.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.zeit.de/1997/45/Eine_Hegemonie_neuen_Typs
  2. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/politik/rezension-sachbuch-stabilitaet-durch-ein-neues-gleichgewicht-11316072-p2.html
  3. Oliver Thränert: Politik und Gesellschaft Online. In: Friedrich-Ebert-Stiftung. 1998, abgerufen am 5. November 2013.
  4. Europa muss seine Beziehungen zu den USA neu justieren. Abgerufen am 18. Juli 2014.
  5. Weltordnung durch US-Leadership? Die Konzeption Zbigniew K. Brzezinskis. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000.
  6. Thomas Barnett, Barack Obama, Norman Birnbaum, William Greider, William Kristol, William R. Polk, Rick Perlstein, Saskia Sassen, Seymour M. Hersh, Immanuel Wallerstein, Naomi Wolf, Robert Kagan, Ian Buruma, Peter Bender: Quo Vadis Amerika?: Die Welt nach Bush. Blätter Verlagsgesellschaft mbH, 1. Juli 2008. ISBN 3980492540 (ISBN 9783980492546).
  7. http://www.hintergrund.de/20080826235/politik/welt/die-welt-als-schachbrett-der-neue-kalte-krieg-des-obama-beraters-zbigniew-brzezinski.html