Die fetten Jahre sind vorbei

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
Originaltitel Die fetten Jahre sind vorbei
Produktionsland Deutschland
Österreich
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2004
Länge 127 Minuten
Altersfreigabe FSK 12[1]
Stab
Regie Hans Weingartner
Drehbuch Katharina Held
Hans Weingartner (Y3 Film)
Produktion Hans Weingartner
Antonin Svoboda (coop99)
Musik Andreas Wodraschke
Kamera Daniela Knapp
Matthias Schellenberg
Schnitt Dirk Oetelshofen
Andreas Wodraschke
Besetzung

Die fetten Jahre sind vorbei ist der zweite Spielfilm des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner.

Handlung[Bearbeiten]

Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg), beide 20 und Bewohner einer gemeinsamen WG in Berlin, agieren als Großstadtrevolutionäre, die eine außergewöhnliche Form des Widerstands gegen das etablierte Bürgertum entwickelt haben. Peter hat in der Vergangenheit Alarmanlagen in Villen installiert und kennt ihre Schwächen. In diese Anwesen brechen sie nun ein, doch ohne etwas zu stehlen. Stattdessen verrücken sie Möbel, zweckentfremden Luxusgegenstände und hinterlassen die Botschaften „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld. Die Erziehungsberechtigten“. Sie wollen damit die Geschädigten verunsichern.

Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) ist noch im Stadium latenter Revolution. Motivation ihres „Krieges“ gegen die reiche Oberschicht ist ein von ihr verschuldeter Auffahrunfall, wegen dem sie gegenüber dem Besitzer eines Mercedes-Benz S-Klasse 100.000 Euro Schulden abzutragen hat, was sie – so ihre Schätzung – acht Jahre ihres Lebens kosten wird. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Nobelrestaurant, wird dort allerdings ständig mit der Klientel konfrontiert. Als sie mit einem Kollegen rauchend in der Küche erwischt wird, werden beide gefeuert. Da sie in Mietrückstand geraten war, kündigte ihr der Vermieter per Räumungsklage. Er droht Jule damit die Kaution einzubehalten, sollte die Wohnung nicht in einem tadellosen Zustand von ihr hinterlassen werden. Als sie später erfährt, dass die Wohnungsübergabe drei Tage früher als erwartet stattfinden soll, beschließt sie, dass Peter alleine einen zuvor geplanten Trip nach Barcelona macht. Stattdessen hilft ihr Jan bei der Renovierung. Dabei lernen die beiden einander besser kennen und kommen sich näher. Jan offenbart ihr schließlich auch, was er mit Peter nachts heimlich tut und zeigt ihr die Villa in Berlin-Zehlendorf, die er gerade ausspäht.

Als Jule entdeckt, dass in der nur wenige Meter entfernten Villa ihres Gläubigers, des Geschäftsmanns Justus Hardenberg (Burghart Klaußner), offenbar niemand zu Hause ist, versucht sie Jan zu einem Spontaneinbruch zu überreden. Dieser lässt sich erst darauf ein, nachdem er herausgefunden hat, dass Hardenberg tatsächlich zum Kreis der Kunden gehört, bei denen Peter Alarmanlagen installiert hat. Animiert durch Jules Übermut, geht Jan weiter als gewohnt und fällt beim Versuch, die riesige Couch im Pool zu versenken, selbst ins Wasser; er zieht Jule nach, sie amüsieren sich und kommen sich durch den ersten Kuss noch näher. Als Jule versehentlich die Außenbeleuchtung in Betrieb setzt und die Hunde in der Nachbarschaft anschlagen, fliehen sie überstürzt. Dem zurückkehrenden Peter sagen sie weder etwas von ihrem Einbruch noch von ihrer beginnenden Romanze.

Am Tag darauf bemerkt Jule, dass sie ihr Mobiltelefon in der Villa liegen gelassen hat. Gemeinsam mit Jan wagt sie einen zweiten Einbruch. Hardenberg überrascht Jule, erkennt sie wieder und versucht sie zu überwältigen. Jan schlägt ihn mit der Taschenlampe bewusstlos. Dann rufen sie Peter um Hilfe. Zu dritt entführen sie ihr Opfer in eine entlegene, Jules Onkel gehörende Almhütte hoch über dem Tiroler Achensee.

Noch unschlüssig über den Fortgang der Entführung, stellen die drei bald fest, dass Hardenberg durchaus nicht dem Klischeebild entspricht, das sie von seinesgleichen haben. Er hört ihnen zu, zeigt sich kooperationsbereit, respektiert ihren Idealismus und entpuppt sich sogar als gewendeter Alt-68er: zeitweilig Vorstandsmitglied des SDS, Freund von Rudi Dutschke und Bewohner einer doppelt so großen WG wie ihrer mit ständig wechselnden Beziehungen. Als er in diesem Zusammenhang meint, die „Freie Liebe“ sei für sie ja nichts Neues, wird Peter aufmerksam auf die Beziehung zwischen Jan und Jule, die sich weiter vertieft hat. Er bricht mit den beiden und fährt ab, kehrt aber in der Nacht darauf – betrunken – zurück.

Schließlich brechen die drei ihre Aktion ab und bringen den Entführten nach Hause zurück. Bevor Hardenberg sich von ihnen wie von Freunden verabschiedet, übergibt er Jule eine handgeschriebene Verzichtserklärung auf die Ansprüche aus dem Auffahrunfall mit dem Kommentar: "Ich will doch nicht dein Leben verbauen." Außerdem sollten sie sich wegen der „Bullen“ keine Sorgen machen.

Der Showdown scheint dem zunächst zu widersprechen. Nacheinander zeigt er folgende Sequenzen: die drei gemeinsam in einem Bett, schlafend – ein riesiges Spezialeinsatzkommando der Polizei versammelt sich vor dem Haus, in dem sich ihre WG befindet, unter ihnen auch Hardenberg in einem Auto – Jule steht auf, durch ein Klopfen an der Tür geweckt – die Polizei stürmt, da auf ihr Klopfen keine Reaktion erfolgt, die Wohnung, findet dort aber nichts vor außer der Nachricht: „Manche Leute ändern sich nie“ – als Jule die Tür öffnet, wird sie von einem Zimmermädchen auf Spanisch angesprochen.

Die Originalversion des Films fügt eine Schlusssequenz hinzu, die zeigt, wie die drei in einer Yacht, die Hardenberg gehört (ersichtlich an seinem Bootsführerschein mit Name und Bild), zu einer Insel aufbrechen mit dem Ziel, die dort befindlichen wichtigen Steuerungsanlagen von Fernsehsatelliten und damit den TV-Empfang in ganz Europa lahmzulegen. Der Abspann bricht mit einem Geräusch zusammen, als ob ein Stecker gezogen würde, und bleibt einfach nur schwarz, während er vorher einer nicht ganz so qualitativ hochwertigen Übertragung eines Satellitenkanals glich.

Änderung der Originalversion[Bearbeiten]

Die geänderte, heute allgemein zugängliche Fassung des Films verzichtet auf diese Schlusssequenz. Die Szene zwischen Jule und dem Zimmermädchen wird in die Erstürmung der Wohnung geschnitten, sodass das letzte Bild jene vieldeutige Nachricht zeigt.

Insgesamt wirkt der Schluss dadurch offener. Er lässt mehr Interpretationsspielraum über einen möglichen Sinneswandel sowohl von Hardenberg als auch der drei Hauptakteure, die nach Abschluss der Entführung beschlossen hatten weiterzumachen.

Kritiken[Bearbeiten]

  • Film-Dienst: „Erfreulich engagierte Filmerzählung über drei jugendliche Rebellen, die nicht zuletzt dank großartiger Darsteller überzeugt.“
  • Frankfurter Rundschau: „eine erfrischende, glänzend gespielte Anti-Globalisierungskomödie.“
  • Die Welt: „… furios inszenierter deutscher Cannes-Vertreter und in München zurecht Sieger des Förderpreises Deutscher Film für die beste Regie, führt exemplarisch vor, was das deutsche Kino derzeit zu sagen hat.“

Trivia[Bearbeiten]

  • Der Film wurde mit digitalen Videokameras absichtlich im Handkamera-Stil gedreht, wodurch das Bild oft leicht wackelig ist.
  • Europaweit verzeichnete der Film rund 1,3 Millionen Kinobesuche – davon knapp 900.000 in Deutschland, 70.000 in Österreich und 70.000 in der Schweiz. Die höchsten Besucherzahlen in nichtdeutschsprachigen Ländern erreichte der Film in Frankreich und in der Türkei mit jeweils 70.000 Besuchern.[2]
  • Die von Jeff Buckley interpretierte Version von Cohens Hallelujah ist im Film zwar prominent platziert, aber nicht auf dem Soundtrack enthalten. Es findet sich dort allerdings eine Version dieses Songs von Lucky Jim.
  • Die Hintergrundmusik im DVD-Menü sowie in einem Filmtrailer ist der Song Easy to Love der Band Slut ohne Gesang.
  • Der Film wird in Folge 314 der ARD-Serie Polizeiruf 110 zitiert. Die Handlung ist ähnlich und an einer Stelle ist ein Filmposter zu sehen.
  • In einer kurzen Sequenz im Film Free Rainer, in einem Bildschirm, ist ein Ausschnitt des Films mit dem Satz Die fetten Jahre sind vorbei zu sehen.
  • Die gleichnamige Theaterinszenierung feierte in Österreich 2013 im Linzer Theater Phönix Premiere.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Als erste deutschsprachige Produktion seit 1993 nahm der Film beim Filmfestival in Cannes am Wettbewerb um die Goldene Palme teil. Dort wurde er vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert. In München wurde der Film im Sommer 2004 mit dem bayerischen Filmförderpreis ausgezeichnet.

Daniel Brühl wurde bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises 2004 als Bester Darsteller nominiert, musste sich aber Javier Bardem für den Film Das Meer in mir geschlagen geben. Der Film gewann beim Deutschen Filmpreis als Bester Spielfilm in Silber und Burghart Klaußner als Bester Nebendarsteller. Zudem erhielt Die fetten Jahre sind vorbei eine Nominierung für die Beste Regie.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung (PDF; 71 kB) der FSK, abgerufen am 31. Dezember 2011
  2. Lumiere – Datenbank über Filmbesucherzahlen in Europa