Die gelöschte Welt

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Die gelöschte Welt (OT:The Gone-Away World) ist der erste Roman des britischen Schriftstellers Nick Harkaway aus dem Jahr 2008. Die deutsche Übersetzung erschien 2009.

Harkaway bot das Manuskript unter dem Titel The Wages Of Gonzo Lubitsch verschiedenen Verlagen an, der Heinemann-Verlag aus der Random House-Gruppe erwarb schließlich die Rechte für eine Zahlung von 300.000 Pfund.[1]

Form und Inhalt[Bearbeiten]

Harkaway formt seinen Roman metaphorisch nach der Gestalt eines Mörsers und eines Pistill. Das mag dem Leser eigenartig erscheinen, an dieser Stelle sei nur angemerkt, ein Pistill spielt, im Laufe der Story, eine enorm wirkträchtige Rolle, und ein Pistill ohne Mörser wäre ein nutzloser Gegenstand.

Die Erschaffung des Mörsers beginnt in der schäbigen Bar ohne Namen. Die Free Company, eine Gruppe von Spezialisten wird angeheuert, um einen Großbrand zu löschen. Auf dem Weg zum Brandherd erfährt der Leser, dass die Welt nicht mehr die ist die er kennt, dass sie an den meisten Stellen gelöscht wurde und, dass da etwas brennt, das es früher in der Welt nicht gegeben hat – FOX - Mit InFOrmationen eXtrem gesättigte Materie. Der Stoff, der einen kleinen Teil der Welt in ihrem ursprünglichen Zustand zusammen hält. Cut, dem Mörser wird Inhalt hinzugefügt.

Dem Leser wird die ziemlich gewöhnliche Jugend des namenlosen Erzählers geschildert, der in Cricklewood Cove mit seinem Freund Gonzo aufwächst, zur Schule geht und Gongfu, eine weiche Kampfsportart bei Meister Wu erlernt. Elisabeth Soames, die Tochter seiner schreckenerregenden Schulleiterin ist dabei mit von der Partie.

Anschließend Studium an der Jarndice University, viel Sex, Party und Politik inklusive Verhaftung durch eine rechtsradikale Bürgerwehr unter einem gewissen George Copsen. Die Suche nach einem Job gestaltet sich schwierig. Ein verschlüsselter Anhang an seiner Personalakte schreckt jeden potentiellen Arbeitgeber. Über Umwege erfährt er dass ihn der Anhang als statistischen Blindgänger definiert und, dass der, eben erwähnte, George Copsen ihn im Projekt Albumen haben will. Das Projekt entwickelt eine neue Geheimwaffe: Die Löschbombe. Der Erzähler wird zum Soldaten einer Spezialeinheit ausgebildet und auch Gonzo taucht wieder auf, ebenfalls Mitglied dieser Einheit. Cut

In Addeh Katir, einem imaginären Himalaja-Staat, nimmt der Erzähler an einem Nicht-Krieg teil, sprich einem bewaffneten Konflikt an dem mehrere Global-Player beteiligt sind, der aber nicht Krieg genannt werden darf. Hauptgegner aller ist der einheimische Rebellenführer Zaher Bey. Der Konflikt zieht sich in die Länge. Der Erzähler wird verwundet, verliebt sich in die Krankenschwester Leah und während eines romantischen Rendezvous mit ihr erfolgt ein kleiner. begrenzter Gasangriff (Einsatz von Massenvernichtungsmitteln) durch eine der beteiligten Kriegsparteien.

Daraufhin erhält General George Copsen (sic!) von seiner Regierung den Befehl zum Einsatz der neuen Löschbombe. Die Bombe fällt und funktioniert. Es stellt sich allerdings heraus, dass viele Nationen im Geheimen an derartigen Waffen gearbeitet haben. Der Konflikt eskaliert und plötzlich werden überall auf der Welt Städte, Regionen, ganze Landstriche gelöscht. Der Überblick, wer was tut, geht binnen kurzem verloren. Am Ende steht eine weitgehend gelöschte Welt.

Wer denkt, nun sei das schlimmste Vorüber, der irrt, das Schlimmste fängt gerade erst an. Die Theorie behauptet, dass die neuen Löschbomben keinen, wie auch immer gearteten Fallout produziert. Tatsache aber ist: „Wenn der Materie ihre Information genommen wird, verwandelt sie sich in Zeug....Sie bleibt da und sucht verzweifelt nach neuen Informationen. Sie wird hungrig.“ (S.376) Genau das geschieht jetzt und verglichen damit ist ein konventioneller Krieg wie Ponyhof. Angriffe mit schweren Waffen aus dem Nichts, blutrünstige Monstrositäten die überall auftauchen, Nebel, der Menschen in Zentauren verwandelt, plötzlich ist alles möglich. Der Erzähler, Gonzo und der Kern der Spezialtruppe entflieht dem Chaos nach Shangri-La und trifft auf Zaher Bey. Die beiden Gruppen freunden sich an und überleben weiter. Cut.

Piper 90 taucht auf, eine gigantische metallene Schnecke, konstruiert aus Ölplattformen, Kreuzfahrtschiffen, Panzerketten und Wut. Rund um die Welt wird damit ein Rohr verlegt, dem das Elixier der Vergangenheit entströmt – FOX (s. O.). Wo FOX mit Zeug in Berührung kommt wird das Zeug neutralisiert und „normales“ Leben ist möglich. Die Überlebenden heuern auf dem monströsen Gebilde an und verlegen das ROHR. Betreiber von Piper 90 ist ein ominöses Konsortium das unter der Bezeichnung Jorgmund Company firmiert. Der Erzähler heiratet Leah in Cricklewood Cove, alles ist gut, bis der bisherige Chef der Piper, Huster, aus dem operativen Geschäft entfernt wird.

Die Piper 90 wird professionalisiert. Zaher Bey schwant Böses, aber der Erzähler wiegelt ab, bis zu dem Moment, wo die neue Leitung auf das Dorf der „verlorenen Tausend“ trifft. Zeit- und kostenplanmäßig gibt es für das ROHR keinen anderen Weg, das Dorf muß planiert werden. Undenkbar für die bisherige Besatzung, selbst als sich herausstellt, dass das ganze Dorf von sogenannten „Neuen“ bewohnt ist, also Wesen, die durch den Kontakt mit Zeug geschaffen wurden. Es kommt zum Streik, bis schließlich Zaher Bey heimlich und illegal die „verlorenen Tausend“ evakuiert. Der Erzähler, Gonzo, und der verbliebene Rest der Spezialtruppe verlässt die Piper.

In Exmoor erfolgt die Gründung der Haulage & Hazmat Emergency Freebooting Company in der Bar ohne Namen. Einige Jahre vergehen, bis die Company, angeheuert wird, um einen Großbrand zu löschen. Cut, der Kreis schließt sich, der Mörser ist perfekt und mit Erzählmaterial gefüllt.

Der Pistill kommt zum Einsatz und tatsächlich, auf der Fahrt zum Brandherd taucht die Figur des Humbert Pistill erstmals auf. Er ist zweifelsohne ein großes Tier bei Jorgmund. Die Löschaktion (sic!) verläuft erfolgreich, obwohl die Freebooting Company währenddessen von hochprofessionellen Ninjas angegriffen wird. Gonzo und der Erzähler werden vom Zeug überspült, - das ist die Geburt des Erzählers.

Klingt schräg, ist schräg, aber in der Folge muß sich der Leser damit abfinden, dass die Person, die ihm seit 400 Seiten eine Geschichte erzählt, noch gar nicht existiert hat, und nun, in diesem kritischen Moment, erst real wird. Die Folgen sind nicht nur für den Leser, sondern auch für den Erzähler katastrophal.

Er fährt mit Gonzo nach Hause. Dort angekommen beginnt der Horror. Seine Frau ist Gonzos Frau, sein Haus ist Gonzos Haus und seine Hauptempfindung ist: „Ich bin ein nutzloses Ding und meine bloße Existenz ist mir peinlich.“ (S. 477) Anderntags, auf dem Weg zur Werkstatt, stellt der Erzähler Gonzo zur Rede. Gonzo schießt ihn daraufhin mehrmals in den Bauch und wirft in aus dem fahrenden Truck. Der Erzähler überlebt.

Die komplexe Geschichte seiner Genesung sei hier nur angedeutet. Er begegnet allen Personen, die im weiteren maßgeblich zur Handlung beitragen: Einer Gruppe entwurzelter Jorgmund-Manager, die einander nicht mehr mit Namen sondern nur noch mit "K" ansprechen, Ike Thermite, und seiner Pantomimentruppe (Matahuxee Mime Combine), Ronnie Cheung, sein ehemaliger Nahkampfausbilder, und schließlich Dr. Andromas, ein stummer Zauberkünstler. Irgendwann beginnt der Erzähler nachzudenken und erkennt die Natur seines Zustands. Er ist ein Neuer. Dieses Wissen gilt es zu verifizieren, also Besuch bei Gonzos Eltern. Mama und Papa Lubitsch sind irritiert, nehmen ihn aber schließlich, als einen Teil des Wesens ihres Sohnes, an. Er erfährt von Gonzos neuem Job. Wieder tauchen Ninjas auf und werden eliminiert.

Dr. Andromas, der in Wirklichkeit die lange vermißte Elisabeth Soames ist, begleitet den Erzähler nach Haviland. Dort befindet sich die Jorgmund-Zentrale, wo der feindliche Plan abläuft, in den Gonzo hineingezogen wurde. Es kommt zum Showdown. Das dunkle Geheimnis um FOX wird gelüftet. Humbert Pistill ist zwar die Inkarnation des Bösen, aber nicht der wahre Feind. Der ist die Jorgmund-Idee selbst das amorphe bewußtlose System sich selbst reproduzierender Amoralität. Beim finalen Kampf Uhrwerks-Gilde (Pistills Ninja-Ordnungsmacht) gegen die Schule des stummen Drachen (Meister Wus Schüler) stirbt Pistill von der Hand des Erzählers. Die Jorgmund-Company wird binnen eines halben Jahres abgewickelt und der, immer noch namenlose, Erzähler zieht mit Elisabeth in die Stadt der gefundenen Tausend.

Rezeption und Kritik[Bearbeiten]

Die gelöschte Welt erhielt überwiegend positive Kritiken. Ed King nannte das Buch in seiner Besprechung "eine beeindruckende Leistung der Vorstellungskraft und einen wilden, ausgelassen Ritt" ("an impressive feat of imagination and a wildly exuberant ride"), warnte jedoch, "die Erzählung drohe unter dem Gewicht ihrer eigenen Übersteigerung zusammenzubrechen" ("the narrative threatens to collapse under the weight of its own excess").[2] Das Buch wurde unter anderem 2008 für den Locus Award und 2009 für einen British Science Fiction Association Award nominiert.[3]

Womit die Meinung eines Kritikers zum Ausdruck kommt, der nicht glauben kann, dass ein Buch so gut ist, wie es ist. Seit T. Pynchon, in Gravity's Rainbow, seinen Protagonisten Tyrone Slothrop in unsichtbare Transparenz, überführte ist keine, auch nur annähernd so brillante Identitätsdekonstruktion erschienen. Harkaways Gelöschte Welt allerdings erreicht diesen Qualitätsmaßstab.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Written in his stars: son of Le Carré gets £300,000 for first novel. The Independent, 6. Juni 2007
  2. What happens after reality ends. Buchbesprechung im Telegraph, 22. Juni 2008
  3. The LOCUS Index to SF Awards