Die kluge Else

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die kluge Else ist ein Schwank (Märchentyp ATU 1450, 1383). Er steht in den Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Grimm ab der 2. Auflage von 1819 an Stelle 34 (KHM 34).

Inhalt[Bearbeiten]

Die kluge Else soll verheiratet werden. Der künftige Mann Hans ist zum Essen da. Sie soll Bier holen, aber kommt ins Weinen, als sie über dem Fass eine Hacke sieht und meint, die werde einmal ihr Kind erschlagen. Nacheinander werden die Magd, der Knecht und die Frau geschickt, nach ihr zu sehen, dann geht der Vater selber. Alle weinen mit, als sie den Grund erfahren, und loben ihre kluge Else. Hans heiratet sie gleich („mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nöthig“). Als Hans ausgeht soll sie inzwischen Korn schneiden. Doch erst isst sie, dann schläft sie. Als Hans heimkommt, meint er erst, sie arbeite noch immer. Als er sie im Korn findet, hängt er ihr Schellen um. Er schließt die Haustür zu. Als sie erwacht, ist sie verwirrt. Sie fragt an der Tür, ob Else drinnen sei. Als sie hört „ja“ läuft sie davon („ach Gott, dann bin ichs nicht“).

Vergleiche[Bearbeiten]

Grimms Anmerkung vergleicht Hansens Trine aus der Erstauflage (KHM 34a), wo Hans der Schlafenden den Rock abschneidet (wozu sie einen sächsischen Volkskundler zitieren), und Der Frieder und das Katherlieschen (KHM 59). Mit Klugheit benannten sie ironisch mehrere Dummenschwänke: KHM 32 Der gescheite Hans, KHM 77 Das kluge Gretel, KHM 104 Die klugen Leute, KHM 162 Der kluge Knecht. Weitere männliche Pendants sind KHM 7, 84, 143, ein weibliches KHM 139. Dabei gehört Die kluge Else zu Märchentyp AaTh 1450 Holen eines Getränks und absurde Sorge um künftiges Unheil, der v.a. in West-, Mittel- und Südosteuropa nachgewiesen ist. [1] Hans-Jörg Uther findet für die Konzeption des Schwanks bis zu Elses Heirat literarische Vorbilder im 16. und 17. Jahrhundert, für Einzelmotive auch früher.[2] Der Subtext der gebrochenen Frau ist hier recht deutlich. Arthur Schnitzler greift in seiner Novelle Fräulein Else ein ähnliches Thema auf, indem Else von ihren Eltern zur Prostitution getrieben wird. Die kluge Else wird erwähnt in Wittgensteins Bemerkungen über Frazers Golden Bough Teil II, S. 144. In Franziska Sperrs moderner Kurzgeschichte hetzt Else durchs Kaufhaus, um einen Reißverschluss für Hans' Hose zu kaufen, bis sie, abgelenkt von Kleidungsstücken, Cafeteria und überteuertem Korkenzieher, in Wahnvorstellungen zusammenbricht.[3]

Interpretation[Bearbeiten]

Erika Alma Metzger deutet Die kluge Else, deren Name (Ilse) schon auf Verwandtschaft mit Undinen, also Mächten der Tiefe hindeute, zusammen mit Der Frieder und das Katherlieschen als Entwicklung einer Paranoiden Schizophrenie.[4] Man denke dazu auch an die Schwarzerle oder Ilse, der dämonische Kräfte nachgesagt wurden. Eugen Drewermann sieht das Ich von Elses Vater durch Leistungsideale zerbrochen. Er identifiziert sich narzißtisch mit der Tochter, die klug sein, v.a. aber wie er versagen muss, um ihn nicht abzuwerten. So ein Kind entwickelt ein feines Gespür dafür, zu denken was die anderen denken, jeden "Wind auf der Gasse" und jeden drohenden Schatten einer Fliege an der Wand zu ahnen. Die latente Vernichtungsdrohung internalisierter Aggression, die vatergöttliche Doppelaxt steckt tief im Familienfundament. Das Denken verkommt zum Handlungsersatz zur Rationalisierung eigener Verzweiflung. Wer sich stets wider Willen zu Leistung nötigt, wird oft von der Arbeit durch Hunger und Schlafbedürfnis abgelenkt, eine Art oral-mütterlicher Gegenpol zu den väterlichen Ansprüchen. Die psychotische Identitätskrise zerbricht die Bindungen und wandelt anfangs noch gut gemeinte Ratschläge in Zynismus. [5] Heinz-Peter Röhr diagnostiziert bei Else eine Histrionische Persönlichkeitsstörung.[6]

Eine Internetrecherche ergibt ein Lied Die kluge Else[7] von Schobert & Black auf ihrer Platte In unsrer Eigenschaft als Freund von 1977 und ein Musiktheaterstück von Sven Daigger (Uraufführung Rostock 2012)[8].

Literatur[Bearbeiten]

  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 210-213. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 76, 456. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Bottigheimer, Ruth B.: Kluge Else. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. S. 12-16. Berlin, New York, 1996.
  • Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Berlin 2008. S. 85-87. (de Gruyter; ISBN 978-3-11-019441-8)
  • Metzger, Erika A.: Zu Beispielen von Depersonalisation im Grimmschen Märchen. In: Fairy Tales as Ways of Knowing. Essays on Märchen in Psychology, Society and Literature. Edited by Michael M. Metzger and Katharina Mommsen. Bern, Frankfurt am Main, Las Vegas 1981. S. 99-116. (Peter Lang - Verlag; Germanic Studies in America, vol. 41; ISBN 3-261-04883-2)
  • Drewermann, Eugen: Die kluge Else. In: Lieb Schwesterlein, laß mich herein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. S. 313-362. München 1992. (ISBN 3-423-35050-4)
  • Röhr, Heinz-Peter: Die Angst vor Zurückweisung. Hysterie verstehen. 2. Auflage 2007, Düsseldorf. (Patmos Verlag; ISBN 978-3-491-40127-3)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Die kluge Else – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bottigheimer, Ruth B.: Kluge Else. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. S. 12-16. Berlin, New York, 1996.
  2. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 85-87.
  3. Franziska Sperr: Die kluge Else. In: Die Horen. Bd. 1/52, Nr. 225, 2007, ISSN 0018-4942, S. 190-193.
  4. Metzger, Erika A.: Zu Beispielen von Depersonalisation im Grimmschen Märchen. In: Fairy Tales as Ways of Knowing. Essays on Märchen in Psychology, Society and Literature. Edited by Michael M. Metzger and Katharina Mommsen. Bern, Frankfurt am Main, Las Vegas 1981. S. 99-116. (Peter Lang - Verlag; Germanic Studies in America, vol. 41; ISBN 3-261-04883-2)
  5. Drewermann, Eugen: Die kluge Else. In: Lieb Schwesterlein, laß mich herein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. S. 313-362. München 1992. (ISBN 3-423-35050-4)
  6. Röhr, Heinz-Peter: Die Angst vor Zurückweisung. Hysterie verstehen. 2. Auflage 2007, Düsseldorf. (Patmos Verlag; ISBN 978-3-491-40127-3)
  7. http://www.hitparade.ch/showitem.asp?interpret=Schobert+%26+Black&titel=Die+kluge+Else&cat=s www.hitparade.ch zu Schobert & Black - Die kluge Else.
  8. http://www.hmt-rostock.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/cal/event///view-month%7Cpage_id-28%7C%7Cview-event%7Cpage_id-28%7Cuid-2539%7Ctype-tx_cal_nearby%7C%7Cview-month%7Cpage_id-28%7C%7Cview-month%7Cpage_id-28/tx_cal_nearby//die_kluge_else_musiktheater_von_sven_daigger-2.html?tx_cal_controller[year]=2012&tx_cal_controller[month]=10&tx_cal_controller[day]=16&cHash=cf6253785a15ad6f66b46c196facbd60 hmt Rostock zu Eine kluge Else - Musiktheater von Sven Daigger.