Die letzte Versuchung Christi

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Die letzte Versuchung Christi ist ein auf dem Roman Die letzte Versuchung (Originaltitel: Ho teleutaios peirasmos) von Nikos Kazantzakis aus dem Jahr 1951 basierender Spielfilm von Martin Scorsese.

Handlung[Bearbeiten]

Jesus von Nazareth wird im Film, wie auch im Buch, das als Vorlage diente, als Zweifelnder und mit seinem Schicksal Hadernder gezeichnet, der sich verschiedenen Versuchungen ausgesetzt sieht. Rahmen der Handlung sind die Geschehnisse, wie sie aus dem Neuen Testament bekannt sind (siehe Versuchung Jesu), wobei das Bild des Menschen Jesus um verschiedene Facetten erweitert wird. Scorsese erklärt dazu: „Jesus ist, bis er Gottes Auftrag endlich begreift, eine passive Figur.“[1]

Er beginnt als Zimmermann, der auch mit den Römern zusammenarbeitet und Kreuze für Hinrichtungen zimmert. Zunehmend plagen ihn aber existentielle Fragen über den Sinn seines Daseins. Er zieht sich zum Fasten in die Wüste zurück, wo ihn die Stimme Gottes erreicht, er aber zweifelt, ob es wahr ist, was mit ihm geschieht. In der Wüste widersteht er auch der Versuchung durch Satan, der ihm aber ein Wiedersehen verspricht. Danach wandert er als Prediger durch das Land, begleitet von einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich um ihn versammeln, wird von Johannes getauft, vollbringt Wunder, die selbst ihn in Staunen versetzen und kommt schließlich auf einem Esel reitend nach Jerusalem. Hier soll sich sein Schicksal erfüllen. Dazu drängt er seinen treuen Jünger und Freund Judas Ischariot, ihn an die Sanhedrin zu verraten, was dieser nur widerwillig und bedrängt durch Jesus tut.

Als er nach seiner Verurteilung an das Kreuz genagelt wird, erscheint ihm ein junges Mädchen, das sich ihm als Schutzengel zu erkennen gibt. Es erklärt ihm, dass er genug gelitten habe, bietet ihm an, ihn vor dem Tod zu retten, und tatsächlich folgt Jesus ihm. Das Mädchen bringt ihn zu Maria Magdalena, einer seiner Jüngerinnen, die ihn einst umworben hatte und die er auch begehrte, die er aber zurückgewiesen hatte. Nun gründet er mit ihr eine Familie, lebt unerkannt und lässt sein früheres Leben als Verkünder von Gottes Wort hinter sich. Maria stirbt bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes. Mit zwei weiteren Ehefrauen zeugt Jesus noch drei Kinder.

Erst am Ende eines langen Lebens im Kreis seiner Familie trifft er seine früheren Jünger wieder, die in der Zwischenzeit seine Lehre gepredigt haben, aber uneins waren, was sie über sein Ende am Kreuz zu berichten hätten. Als er im Sterben liegt, kommt ihn auch Judas besuchen. Wütend, weil er Jesus damals auf dessen eigenen Wunsch hin verraten hatte, der sich aber vom Tod am Kreuz davongestohlen hatte, beschimpft er ihn als Verräter.

Der Schutzengel, der Jesus vom Kreuz errettet hat, wird nun durch Judas als Satan entlarvt, der versucht hat, Jesus als einfachen Menschen, nicht als Messias, sterben zu lassen. Letztlich entscheidet Jesus sich, sein Martyrium zu vollenden, um seine eigentliche Bestimmung zu erfüllen, und findet sich wieder auf Golgota, am Kreuz. So ist sein Leben als Familienvater am Ende nur ein Traum, eine Vision gewesen – seine letzte Versuchung.

Drehorte[Bearbeiten]

Der Film wurde in Marokko gedreht. Die Produktion war in den Atlas Film Studios in der Nähe von Ouarzazate beheimatet. Als Filmkulisse für die in Jerusalem spielenden Szenen dienten Meknès und die dortigen ausgedehnten Palastanlagen von Mulai Ismail. Die letzten 35 Minuten des Films mit der Versuchungsszene wurden in der Welterbestätte Volubilis gedreht.[2]

Rezeption[Bearbeiten]

Der Film rief bei seinem Erscheinen 1988 Kontroversen und vor allem unter konservativen Christen wütende Proteste hervor. Die Geschichte von einem Jesus, der an seiner Berufung als Sohn Gottes zweifelt, mit den Römern kollaboriert, eine Frau begehrt und sich sogar dem Tod am Kreuz entzieht und eine Familie gründet, wurde als Blasphemie betrachtet. Die Kontroverse ging so weit, dass es auch zu gewalttätigen Protesten kam, wobei etwa auf ein französisches Kino ein Brandanschlag verübt wurde. In Chile wurde der Film verboten, aber der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte entschied, das dieses Verbot unvereinbar mit dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung sei.[3]

In der Bundesrepublik Deutschland gingen bei der FSK über 1200, bei der FBW über 300 Protestschreiben ein, zum Teil mit umfangreichen Unterschriftenlisten. 98 Prozent aller Schreiben trafen noch vor dem Kinostart ein, was daran lag, dass in kirchlichen Blättern vorab zum Protest gegen den Film aufgefordert worden war, um ein Verbot zu erwirken. Der Direktor der Filmbewertungsstelle, Steffen Wolf, wies diese Art der Kritik an einem persönlich nicht gesehenen Film scharf zurück. Auch der größte Teil der Presse zeigte sich unbeeindruckt: Im Spiegel erschien am 14. November 1988 ein Artikel mit dem Titel Sturm im Weihwasserglas, und in der Zeit schrieb Frank Drieschner am 18. November 1988 unter der Überschrift Kruzifix vorm Kino, es handle sich bei den Demonstranten um engstirnige alte Frauen, die, statt sich den Film anzusehen, Vaterunser betend vor Kinos protestierten.[4]

Kritiken[Bearbeiten]

„Nicht als Übertragung des biblischen Stoffes, sondern als Verfilmung des Romans von Kazantzakis zu verstehender Versuch, sich mit der Person Jesus von Nazareth, seiner Verkündigung und seinem Kampf bis zur Kreuzigung auseinanderzusetzen. Dabei wird Jesus in seiner Menschlichkeit dargestellt […] Der in mehreren Darstellungen biblischer Episoden plakative und enttäuschend flache Film stellt sich durch sein Gottesbild und die Zeichnung Jesu Christi in grundsätzlichen Widerspruch zur christlichen Heilsbotschaft. In ihrem ikonografischen Charakter wirken die Bilder ohne spirituelle Kraft und verfehlen den zentralen Aspekt des christlichen Glaubens, die erlösende Anteilnahme Gottes am existentiellen Sein der Menschen. Zuschauer, die den dargestellten Jesus als Jesus der Bibel miß-verstehen, können zu Recht Anstoß nehmen.“

Lexikon des internationalen Films[5]

„Man muß sich die Rolle des Messias als eine Zumutung vorstellen für den einfachen Menschen Jesus, eine Zumutung, die lange vor der Passionsgeschichte beginnt. Und wenn dieser Jesus vor seinem Tod davon träumt, daß er mit Maria Magdalena hätte glücklich werden können, dann ist das keine Blasphemie, sondern nur das Ergebnis einer sehr ernsthaften Lektüre des Johannesevangeliums, wonach das Wort Fleisch geworden sei.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Regisseur Martin Scorsese wurde 1989 in der Kategorie Bester Regisseur für einen Oscar nominiert. Im gleichen Jahr wurde Barbara Hershey für einen Golden Globe als Beste Nebendarstellerin und das gleichnamige Album von Peter Gabriel als Beste Original-Filmmusik nominiert.

Filmmusik[Bearbeiten]

Unter dem Titel Passion: Music for The Last Temptation of Christ veröffentlichte Peter Gabriel ein Jahr später ein Album, das auf seinen Kompositionen für diesen Film basiert. Er arbeitete dabei mit damals unbekannten Künstlern aus Afrika und dem Nahen Osten (unter anderem Nusrat Fateh Ali Khan, Youssou N’Dour und Baaba Maal) zusammen und konnte so die Popularität der sogenannten World Music enorm steigern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Nikos Kazantzakis: Die letzte Versuchung. Roman (Originaltitel: Ho teleutaios peirasmos). Deutsch von Werner Kerbs. Ullstein, Frankfurt am Main / Berlin 1995, ISBN 3-548-22199-8, 511 S.
  • John Ankerberg, John Weldon: Standpunkt: „Die letzte Versuchung Christi“. Schulte und Gerth, Asslar 1988, ISBN 3-87739-672-0, 79 S.
  • Steffen Wolf (red.): Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“. Dokumentation/Analyse von Zuschriften an FBW und FSK. Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) und Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), Wiesbaden 1989, 19 (7) S.
  • Anja Wißkirchen: Identität gewinnen an Maria Magdalena. Eine Untersuchung der mythologischen Erzählstrukturen in den biblischen Texten und deren Rezeption in „Jesus Christ Superstar“ und „Die letzte Versuchung Christi“. Pontes (Band 6). Lit, Münster / Hamburg / London 2000, ISBN 3-8258-4976-7, 141 (X) S.
  • Jürgen Kniep: „Keine Jugendfreigabe!“. Filmzensur in Westdeutschland 1949–1990. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0638-7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Interview mit Martin Scorsese. In: taz, 19. Januar 2005
  2. Tony Reeves: The Last Temptation Of Christ film locations. In: Webpräsenz movie-locations.com. The Worldwide Guide to Movie Locations, abgerufen am 24. April 2013 (englisch).
  3. (Urteil, PDF; 495 kB) - Entscheidung des Gerichtshofs
  4. Jürgen Kniep: Keine Jugendfreigabe! S. 330–331
  5. Die letzte Versuchung Christi im Lexikon des Internationalen Films
  6. Christus kam nur bis Hollywood. prisma-online.de, 18. März 2005