Die sieben Raben

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Die sieben Raben (Begriffsklärung) aufgeführt.
Skulptur von Ignatius Taschner am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain in Berlin

Die sieben Raben ist ein Märchen (ATU 451). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 25 (KHM 25). In der Erstauflage hieß das Märchen Die drei Raben. Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch als Die sieben Raben (1845 Nr. 25, 1853 Nr. 24).

Inhalt[Bearbeiten]

Einem Vater wird nach sieben Jungen endlich ein Mädchen geboren. Der Vater schickt seine Söhne zur Quelle, um mit einem Krug Taufwasser für das Töchterchen zu holen. Die sieben Brüder streiten, und ihnen fällt der Krug in den Brunnen.

Sie getrauen sich nicht nach Hause zurück und der Vater macht sich Sorgen, als sie lange nicht zurückkehren.

Er denkt, sie spielen nur und haben das Wasser vergessen. In seinem Ärger sagt er: „Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden.“ Der gedankenlose Wunsch wird umgehend erfüllt – der Vater sieht sieben Raben durch die Lüfte flattern.

Das Töchterchen wächst auf, ohne zu wissen, dass es Brüder gehabt hat, denn die Eltern verschweigen ihr deren Schicksal. Endlich erfährt es durch andere Leute, was geschehen ist- und dass diese ihr die Schuld an dem Vorgefallenen geben. Obwohl die Eltern ihr erklären, sie könne nichts für das Verhängnis, fühlt es sich weiter schuldig und macht sich allein auf den Weg, die Brüder zu suchen, wobei sie nur einen Ring ihrer Eltern, ein Stühlchen und Verpflegung mit auf die Reise nimmt.

Das Mädchen durchwandert die ganze Welt, kann ihre Brüder aber nicht finden. Endlich, die Welt ist zu Ende. Sie kommt zur Sonne, die ist viel zu heiß für Menschenkinder, dann zum Mond, der ihr aber viel zu kalt und böse ist. Die Sterne jedoch sind ihr freundlich gesinnt, und der Morgenstern gibt ihr ein Hinkelbeinchen (einen Hühnerknochen), mit dem es den Glasberg aufschließen könne – dort seien die Brüder zu finden.

Am Glasberg angekommen, möchte das Mädchen das Beinchen auspacken, doch es hat den Schlüssel verloren. In ihrer Not schneidet es sich einen Finger ab, steckt ihn in das Schloss, und das Tor öffnet sich.

Die sieben Raben auf einer Briefmarke der DDR

Drinnen trifft es auf einen Zwerg, der sagt ihr, die sieben Raben seien nicht zu Haus, aber er deckt ihr den Tisch mit sieben Tellern und Bechern. Das Mädchen nimmt von jedem etwas, und in den letzten aber lässt sie ihren Ring fallen. Als die Raben zurückkehren, wollen sie essen, bemerken aber, dass jemand ihnen zuvorgekommen ist. Sie sprechen: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Der siebente Rabe findet auf dem Grund seines Bechers den Ring, erkennt ihn und denkt: Wäre doch nur unsere Schwester hier, so wären wir erlöst.

Sie hört den Wunsch hinter der Tür und tritt hervor, und die Brüder sind erlöst und kehren zusammen nach Hause zurück.

Interpretation[Bearbeiten]

Mit seiner schwarzen Farbe verkörpert der Rabe die Trauer. Er steht bis heute sprichwörtlich für den Winter (im Gegensatz zur Schwalbe, Sommer). Laut der Enzyklopädie des Märchens erscheint der Rabe im Märchen oft im Kontext der Motive Seelenreise und Höllenfahrt. Er trägt die Seelen der Verdammnis fort. Andererseits gehört der Rabe zu verschiedenen Licht- oder Sonnengottheiten (Odin, Lugh, Apollon). Raben kreisen beispielsweise um den Berg des Barbarossa. Nach Friedel Lenz sind die Raben Sinnbild für die göttlichen Eingebungen des Geistes.[1]

Sowohl das Glas als auch der Zwerg oder die Alte können ebenfalls als Symbole einer gefühlsarmen, distanzierten Weisheit verstanden werden (siehe auch Glasberg, in KHM 127 Der Eisenofen, 193 Der Trommler, 196 Oll Rinkrank). Die Zahl Sieben kommt in vielen Märchen in Zusammenhang mit der Zeit vor. Mit den Sternen sind hier offenbar die sieben Planeten gemeint: Das Kind bekommt den Schlüssel vom Morgenstern, also der Venus. Der Planet Venus heißt auch Abendstern, er erscheint bei Dämmerung (s. Interpretation Die zwölf Brüder). Venus ist in der römischen Mythologie die Göttin der Liebe. Indem der Ring in den Becher gelegt wird, wird der Geist (männlich) mit der Seele (weiblich) vereint (vergleiche KHM 65 Allerleirauh, KHM 93 Die Rabe, KHM 101 Der Bärenhäuter, Märchentyp AaTh 947 Heimkehr des Gatten).

Nach Hedwig von Beit bedeutet der Verlust des Taufgeschirrs das Scheitern einer verfrühten geistigen Erneuerung an unreifen Kräften, mit Verlust des Selbst im Unbewussten oder animalischen.[2] Der Ausspruch der sieben Raben „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen“ klingt wie die sieben Zwerge bei Schneewittchen. Es existiert auch eine Variante von Schneewittchen, bei der die sieben Zwerge im Glasberg wohnen. Im Beziehungsnetz der Märchen stiftet die Verwandlung der Brüder in Tiere eine Verbindung des Rabenmärchens zu dem Grimm-Märchen Brüderchen und Schwesterchen, wo Brüderchen von der Stiefmutter in ein Reh verwunschen ist. Allerdings ist die Erlösung des einen Brüderchens durch Schwesterchen im Unterschied zum Rabenmärchen hier Nebenschauplatz.

Varianten[Bearbeiten]

Motivisch eng verbunden mit dem Grimm-Märchen Die sieben Raben sind die beiden Grimm-Märchen Die zwölf Brüder und Die sechs Schwäne. Das Vogelverwandlungsmotiv des Rabenmärchens verdichtet weiterhin Hans Christian Andersen als Schwanenbild in seinem Kunstmärchen Die wilden Schwäne[3]. Erzählparallel zu Grimms Die sieben Raben verläuft auch Ludwig Bechstein[4] gleichnamiges Märchen in seinem Deutschen Märchenbuch. In der französischen Märchenlandschaft variieren Die sieben Raben François-Marie Luzels Märchen aus der Basse-Bretagne Die neun Brüder, die in Lämmer verwandelt wurden, und ihre Schwester - Les 9 Frères métamorphosés en moutons et leur soeur[5] und Paul Sébillots Märchen aus der Gascogne Die sieben Brüder - Les sept frères et leur soeur[6]. In Luzels Märchen ersetzt allerdings die Rabenverwandlung die Lämmerverwandlung, und auch bei Sebillot droht die Schafsmetamorphose. Das südfranzösische Märchen Der König der Raben[7] aus der Sammlung von Jean-François Bladé variiert dagegen das norwegische Erlösungsmärchen Östlich der Sonne und westlich vom Mond[8] und hat nur noch im Bild der erlösten Rabengestalt mit den sieben Raben einen peripheren Zusammenhang. Georgios A. Megas erzählt das griechische Märchen Die sieben Raben[9], das in allen wichtigen Handlungsschritten mit Grimms Märchen übereinstimmt. In Italien verwandeln sich die Brüder des Rabenmärchens bei Giambattista Basiles Die sieben Tauben in Tauben. In dem norwegischen Märchen Die zwölf wilden Enten[10] aus der Sammlung Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Engebretsen Moe wird eine Mischform aus Schneewittchen und Die sieben Raben erzählt, wobei allerdings die Brüder alternativ nicht in Raben, sondern in Enten verwandelt werden. Besonders dicht erzählt sind die slowakischen Varianten des Rabenmärchens von Pavol Dobšinský und Božena Němcová: Dobšinský erzählt das Märchen Zwölf Brüder und eine Schwester[11] und das Märchen Die drei Raben[12] und Němcová erzählt parallel zu Dobšinský Die drei Rabenbrüder[13] und überdies auch das Märchen Die sieben Raben[14]. Beide Rabenmärchen erzählt Němcová mit dem Märchenende der Verleumdung und Rettung wie Grimms Die zwölf Brüder[15]. Vgl. Der weiße Wolf in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch.

Genese[Bearbeiten]

Titelgeschichte[Bearbeiten]

In der Erstauflage von 1812 heißt das Märchen Die drei Raben, nach Jacob Grimms Handschrift (vielleicht von Familie Hassenpflug mündlich übermittelt): Die Mutter verflucht ihre drei Söhne, weil sie während der Kirche Karten spielen. In der zweiten Auflage (1819) wurde dieser Anfang durch eine Fassung aus dem Wiener Raum ersetzt. Die genaue Quelle hierfür ist nicht bekannt. Die Grimms verweisen in ihren Anmerkungen auf zahlreiche verwandte Stoffe aus der mittel- und nord-germanischen Mythologie.

Rezeptionen[Bearbeiten]

Büchner[Bearbeiten]

Georg Büchner lässt in seinem Drama Woyzeck die Großmutter ein ähnliches, aber sehr pessimistisches, nihilistisch gefärbtes Märchen erzählen. Darin wandert das Mädchen erst zum Mond, dann zur Sonne und dann zu den Sternen, die sich aber als ein faules Stück Holz, eine welke Sonnenblume und aufgespießte Mücken herausstellen, so dass sich das Mädchen schließlich allein auf einen Stein setzt (vergleiche Die Sterntaler).

Musik[Bearbeiten]

Ludwig Hirsch zitiert das Märchen neben anderen in seinem Lied Die Omama: „Die sieben Raben, es warn nur sechs...“. Die Band Saltatio Mortis greift diese Handlung im Lied Sieben Raben auf. Joseph Rheinberger komponierte als op.20 eine Oper Die sieben Raben.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Theaterbearbeitungen[Bearbeiten]

Bilder[Bearbeiten]

Illustration zu „Die sieben Raben“ von Anne Anderson

Die sieben Raben sind auf unterschiedlichste Weise illustriert worden. Wichtig waren die Bilder zu dem Märchen von Moritz von Schwind, dessen Märchenauffassung auch auf die Sieben-Raben-Bilder von Viktor Paul Mohn wirkte. Herausragend ist die bildliche Umsetzung des Märchens von Arthur Rackham: Er zeigt neben zwei Vignetten zwei Farbbilder: 1. Die Raben auf dem gedeckten Tisch[16]; 2. Das Mädchen erklimmt auf einer Steilmauer die Sternenwelt[17]. Paula Modersohn-Becker[18] zeigt 1905 in einem symbolistischen Bild das Märchen in der Situation der Vogelverwandlung, während Heinrich Vogeler[19] in filigranen Schwarz-Weiß-Zeichnungen das Märchen in die ästhetische Welt des schottischen Jugendstils entrückt. Gewissermaßen verbindlich ist für das Bild der Rabenschwester sie als leicht somnambul wirkende, überzarte, dunkelhaarige Schönheit zu malen und damit ihre Alter-Ego-Existenz zu Schneewittchen zu unterstreichen. Von diesem Bild völlig abweichend ist die merkwürdige Sieben-Raben-Verbildlichung von Franz Stassen[20]: Seine überfüllten Illustrationen prägt der horror vacui und das rabenumflatterte Mädchen ist als blonde, muskulöse Heroine gegeben. Dagegen zeigt Paul Hey das Mädchen wieder mit dunklem Haar wie in nächtlicher Himmelfahrt. Lisbeth Zwerger[21] hat für das Sieben-Raben-Märchen sehr konzentrierte Bilder gefunden. L'udovit Fulla und Josef Lada illustrierten die slowakischen Varianten des Rabenmärchen: Fulla zeigt in leuchtenden Folklore-Farben und -Formen die Szene, in der sich das Mädchen auf der Suche nach den Brüdern vor der Sonne unter einem Waschzuber versteckt. Josef Lada illustriert auf einer Farbtafel die weinende Mutter vor einem Bauernhaus, über ihr rhythmisch angeordnet die entfliegenden sieben Raben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 172-174. Artemis & Winkler Verlag, Patmos Verlag, Düsseldorf und Zürich 1999, 19. Auflage. ISBN 3-538-06943-3
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 56-59, S. 453-454. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 1994. ISBN 3-15-003193-1.
  • Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 226-233, 377-378. Fondation Martin Bodmer, Cologny-Geneve 1975.
  • Werner Bies: Rabe. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 11. S. 119-131. Berlin/New York 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedel Lenz: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus, Stuttgart 1997. ISBN 3-87838-148-4. S. 102-108, 261.
  2. Hedwig von Beit: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». 2. Auflage. A. Francke, Bern 1956. S. 241.
  3. Märchentext zu Die wilden Schwäne auf gutenberg.spiegel.de
  4. Die sieben Raben auf S. 157-162 in Ludwig Bechstein:Deutsches Märchenbuch hrsg von Hans-Heino Ewers; reclam-Verlag; Stuttgart1996; ISBN 3-15-009483-6
  5. Dieses Märchen von François-Marie Luzel auf S.160-166 in Französische Märchen Band II – aus neueren Sammlungen; übersetzt von Ernst Tegethoff; hrsg. von Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert; Eugen Diederichs-Verlag; Jena, 1923
  6. Dieses Märchen von Paul Sébillot auf S.311-315 in Französische Märchen Band II – aus neueren Sammlungen; übersetzt von Ernst Tegethoff; hrsg. von Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert; Eugen Diederichs-Verlag; Jena, 1923
  7. Dieses Märchen S.131-143 im ersten Band der südfranzösischen Volksmärchen/Conte poplaires de la Gascogne: Der Mann in allen Farben - gesammelt von Jean-François Bladé, übersetzt von Konrad Sandkühler; Verlag Freies Geistesleben Stuttgart, 1954
  8. Märchen auf S. 174-186 in Nordische Volksmärchen II. Teil übersetzt von Klara Stroebe/ Eugen-Diederichs- Verlag; Jena 1922
  9. Die sieben Raben auf S.153-155 in Griechische Volksmärchen hrsg. und gesammelt von Georgios A. Megas übersetzt von Inez Diller; Eugen Diederichs-Verlag; München 1965
  10. Märchen in Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Engebretsen Moe: Norwegische Märchen – aus dem Norwegischen von Friedrich Bresemann; Greno-Verlagsgesellschaft m.b. H., Nördlingen, 1985
  11. Zwöf Brüder und eine Schwester auf S. 177-185 in der Sammlung Das Sonnenpferd – Erstes Buch aus der Sammlung der slowakischen Märchen von Pavol Dobšinský illustriert vonL’udovít Fulla aus dem Slowakischen von Elisabeth Borchardt-Hilgert, Mladé Letá, 1975
  12. Die drei Raben auf S. 33-43 in der Sammlung Das Sonnenpferd – Erstes Buch aus der Sammlung der slowakischen Märchen von Pavol Dobšinský illustriert von L’udovít Fulla aus dem Slowakischen von Elisabeth Borchardt-Hilgert, Mladé Letá, 1975
  13. Die drei Rabenbrüder auf S.159-171 in Božena Němcová: Der König der Zeit - Slowakische Märchen aus dem Slowakischen übersetzt von Peter Hrivinák; Bratislava 1978
  14. Die sieben Raben auf S.96-107 in Karel Jaromír Erben und Božena Němcová: Märchen; illustriert von Josef Lada übersetzt von Günther Jarosch und Valtr Kraus; Albatros-Verlag, Prag 2001; ISBN 80-00-00930-7
  15. Weitere Erzählvarianten erläutert die Seite SurLaLuneFairyTales.com
  16. Rackham: Die Raben
  17. Rackham:Die Suche nach den Brüdern
  18. Paula Modersohn:Die sieben Raben
  19. Die sieben Raben. Radierung von Heinrich Vogeler. kunstauktionen-lb.de, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  20. Die sieben Raben. Illustration: Franz Stassen. In: Flickr. Yahoo, 19. Oktober 2008, abgerufen am 12. Dezember 2010 (englisch).
  21. Lisbeth Zwerger: Das Mädchen beim Mond. drawgabbydraw.tumblr.com, 28. September 2009, abgerufen am 12. Dezember 2010 (englisch).