Dieter Kunzelmann

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Dieter Kunzelmann (* 14. Juli 1939 in Bamberg) ist ein deutscher linksradikaler Politaktivist, Happening-Künstler und Verfasser von kunst- und gesellschaftstheoretischen Manifesten und Artikeln. Besondere Bekanntheit erlangte er als Aktivist der 68er-Bewegung. 1969/70 war er der Kopf der terroristischen Gruppierung Tupamaros West-Berlin, die eine Reihe von Anschlägen in Berlin verübte, darunter den auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969. Später begann er eine politische Karriere in der Berliner Landespolitik, 1975 als Kandidat der erfolglos kandidierenden KPD-AO und 1983 als Abgeordneter der Alternativen Liste im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Leben[Bearbeiten]

68er-Bewegung und SDS[Bearbeiten]

Kunzelmann wurde Anfang der 1960er Jahre Mitglied der Münchener Künstlergruppe SPUR und der Situationistischen Internationale. Nach Auflösung der Gruppe wurde er unter anderem Gründer diverser subversiver Gruppen, wie der Münchner „subversiven Aktion“, und wurde in diesem Zusammenhang vor allem durch von ihm mitorganisierte Happenings und Flugblatt-Aktionen bekannt. Er wurde nach seinem Weggang aus München stadtbekannter Berliner Aktivist der 68er-Bewegung und war kurzzeitig – bis zu seinem Ausschluss – Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), obwohl er kein Student war. Er war Mitgründer der Kommune I (K1), des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen und der Untergrundorganisation Tupamaros West-Berlin.

Aktivist in der Kommune I[Bearbeiten]

Am 1. Januar 1967 zog er neben Fritz Teufel und Ulrich Enzensberger als einer der ersten in die Kommune I. Sie wurde zunächst in der Atelierwohnung des Schriftstellers Uwe Johnson in Berlin-Friedenau gegründet, zog dann in eine Altbauwohnung an der Kaiser-Friedrich-Straße am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg und später nach Berlin-Moabit. Dort erprobte er neue Lebensweisen und übernahm die öffentliche Rolle als Chef-Provokateur.[1]

Verbindung von linkem Terrorismus mit Antisemitismus[Bearbeiten]

Im Juli 1969 nahm Kunzelmann am so genannten ‚Knastcamp‘ in Ebrach teil. In der dortigen Jugendstrafanstalt verbüßte Reinhard Wetter, ein Aktivist der APO, eine Haftstrafe. Aus diesem Anlass trafen sich dort knapp 200 Personen aus APO-Kreisen für eine Woche. Von dort aus fuhr Kunzelmann am 20. Juli zunächst mit 20 weiteren Campbeteiligten auf Einladung der anarchistischen Gruppe Uccelli nach Italien. In Rom entschieden sich Kunzelmann, Georg von Rauch, Ina Siepmann, Lena Conradt und Albert Fichter jedoch, mit dem Auto nach Jordanien weiterzureisen und mit der Al-Fatah Kontakt aufzunehmen. Diese langwierige Expedition finanzierte der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Am 5. Oktober erreichten sie Amman. Dort trafen sie prominente Fatah-Vertreter, unter anderem Jassir Arafat, und erhielten eine militärische Kurzausbildung[2] sowie eine Ausbildung im Bau von Bomben. Bereits Anfang November war der größte Teil der Gruppe, darunter Kunzelmann, von Rauch und Fichter, nach Berlin zurückgekehrt, während Siepmann noch monatelang in Jordanien blieb.

Am 9. November 1969, dem Jahrestag der Novemberpogrome, wurde ein Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin verübt, zu dem sich kurz darauf in einem Flugblatt eine linksradikale Gruppe namens „Schwarze Ratten/Tupamaros West-Berlin“ bekannte. Als deren Kopf gilt Kunzelmann. Die Bombe, geliefert von Peter Urbach, einem V-Mann des Verfassungsschutzes,[3] war aufgrund eines technischen Defekts nicht explodiert; es ist unklar, ob dieser Defekt Urbach, aber auch den Bombenlegern selbst bekannt war oder nicht.[4] Es kam niemals zu einer Anklage wegen des Anschlagsversuchs.

Wolfgang Kraushaar fand 2005 heraus, dass der Bombenleger Albert Fichter war. Fichters Aussagen folgend und gestützt durch weitere Angaben, warf Kraushaar Kunzelmann vor, der Anstifter dieses Anschlags gewesen zu sein.[5] Fichter behauptete ferner: „Der Dieter Kunzelmann hat ja immer von ‚Saujuden‘ geredet und ständig gehetzt. Er ist damals wie ein klassischer Antisemit aufgetreten.“[6] Bommi Baumann behauptet ebenfalls, die Idee, diese Bombe zu zünden, stamme „einzig und allein“ von Dieter Kunzelmann.[7]

Kunzelmann selbst ließ am 27. November 1969 einen sogenannten „Brief aus Amman“ in dem Szeneblatt Agit 883 veröffentlichen. Er hielt sich aber keineswegs in Amman, sondern im Berliner Untergrund auf. In diesem Brief rief Kunzelmann zum „Kampf“ an der Seite der Al-Fatah auf:

„Palestina [sic] ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax. [...] Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie ‚Zionismus‘ zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus zu ersetzen durch eindeutige Solidarität mit AL FATAH, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat.[8]

Er nahm er in weiteren Anspielungen auf das Attentat Bezug: Er sprach von der „Bombenchance“, die das Palästina-Komitee nicht genutzt habe, um „eine Kampagne zu starten“, und von den „Bombenlegern“, die „schon etwas weiter“ seien.[9] Gerd Koenen bewertet den „Brief aus Amman“ als „Apologie“ des von Kunzelmann als „Bombenchance vom 9. November“ bezeichneten Anschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin und, weil Kunzelmann zum angeblichen Verfassungszeitpunkt bereits wieder in Berlin war, als „ein Stück persönlicher Camouflage“.[10] Laut Lothar Menne, dem ehemaligen Verlagsleiter von Hoffmann und Campe, der ihn noch aus Münchner Zeiten kannte, war Kunzelmann schon seit den frühen Sechzigern ein Antisemit.[11]

In seiner 1998 erschienenen Autobiographie bestritt Kunzelmann eine Beteiligung an dem Anschlag und äußerte sich folgendermaßen: „Jedem Linken hätte eigentlich klar sein müssen, dass eine derartige Aktion keinerlei Sympathien für die legitimen Anliegen der Palästinenser zu wecken vermochte; ganz zu schweigen davon, daß sie sich angesichts der deutschen Vergangenheit von selbst verbietet.“[12]

Gegen Ende der 1960er-Jahre war Kunzelmann mehrmals in Haft. 1970 wurde er wegen versuchter Brandstiftung an der Villa des damaligen BZ-Chefredakteurs verhaftet. Kunzelmann saß über drei Jahre in Untersuchungshaft. Nach seiner Verurteilung wurde er während der Haft als Freigänger „Kandidat“, aber nicht Mitglied der studentischen KPD in Berlin (vorm. KPD/AO). Nach der Haftentlassung 1975 machte er eine Ausbildung zum Drucker.

1980er Jahre: Abgeordnetentätigkeit und Rückkehr ins bürgerliche Leben[Bearbeiten]

Von 1983 bis 1985 war er für knapp zwei Jahre Abgeordneter der Alternativen Liste im Berliner Abgeordnetenhaus. Kunzelmann sammelte akribisch ordnerweise alle Pressemeldungen, in denen er eine Rolle spielte. Anschließend arbeitete er als Archivar in der Anwaltskanzlei von Hans-Christian Ströbele.

Eierwürfe und inszenierter Suizid[Bearbeiten]

In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren machte er durch politische Stör-Aktionen und Eierwürfe von sich reden. So bewarf Kunzelmann am 11. Oktober 1993 den Dienstwagen des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, beim Spatenstich am Potsdamer Platz mit einem Ei, was die Beschädigung der Windschutzscheibe nach sich zog. Hierfür wurde er zu einer fünfmonatigen Haftstrafe verurteilt. Die Berufungsverhandlung zu dieser Verurteilung fand im Dezember 1995 statt, zu welcher Eberhard Diepgen auch als Zeuge geladen war. Mit den Worten „Frohe Ostern, du Weihnachtsmann“[13] zerdrückte Kunzelmann während der Verhandlung am 20. Dezember 1995 auf dem Kopf Eberhard Diepgens ein Ei. Aufgrund dessen erhielt Kunzelmann zwei Wochen Ordnungshaft. Des Weiteren wurde er zu einer fünfmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Für den zweiten Eierangriff wurde Kunzelmann zu einer weiteren Freiheitsstrafe von 6 Monaten verurteilt; beide Verurteilungen wurden zu einer Gesamtstrafe zusammengezogen.[14] Dem Haftantritt entzog er sich durch Flucht. Am 3. April 1998 inszenierte Kunzelmann durch eine Zeitungsanzeige seinen Freitod.[15] In der Berliner Zeitung war eine Anzeige mit dem Text: „Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt, Dieter Kunzelmann, 1939 - 1998“ geschaltet.[16] Im Juli 1999 tauchte er offiziell wieder auf, um seine Haftstrafe abzusitzen.

Schriften[Bearbeiten]

  • Leisten Sie keinen Widerstand. Bilder aus meinem Leben. Transit Buchverlag, Berlin 1998, ISBN 3-88747-132-6.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ZDF-heute: Nackte Hintern und Puddingbombe (Archivversion) (Version vom 13. Oktober 2007 im Internet Archive)
  2. Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine Kulturrevolution 1967–1977. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, S. 176f.; Aribert Reimann: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 226–235.
  3. Steffen Mayer und Susanne Opalka: Bombenterror gegen jüdische Gemeinde – nach 30 Jahren packt der Täter aus. rbb-online, 10. November 2005 (nicht mehr online).
  4. Vgl. unter anderem Bernd Mathies: Spätes Geständnis eines Bombenlegers. In: Tagesspiegel. 29. Juni 2005. online.
  5. Philipp Gessler, Stefan Reinecke: „Wir haben das nicht ernst genommen.“ Interview mit Tilman Fichter. In: taz, 25. Oktober 2005, S. 15–17. Stefan Reinecke: Das abgespaltene Attentat. In: taz, 1. Juli 2005. Zitat: „[Kraushaar] … stützt dies auf plausibel klingende Aussagen von Albert Fichter und Annekatrin Brunn, die damals zu Kunzelmanns Gruppe gehörten.“
  6. Zitiert nach Jan Süselbeck: Deutsche Zeitbombe. Wie Wolfgang Kraushaar versucht, den vergessenen Antisemitismus der 68er zu enthüllen, in Jungle World, 6. Juli 2005.
  7. München 1970. Als der Terror zu uns kam, Fernsehdokumentation von Georg M. Hafner, 34:35 Min.–34:37 Min.
  8. Agit 883 vom 27. November 1969, S. 5 (Scan (PDF; 2,2 MB) auf nadir.org
  9. vgl. auch >Gerd Koenen: Arafats Macht schwindet. In: Die Zeit, Nr. 10/2002.
  10. Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Fischer TB, Frankfurt 2005, S. 258f.
  11.  Willi Winkler: Schon vergessen? In: Süddeutsche Zeitung. 9. November 2012, ISSN 0174-4917, S. 3.
  12. Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, S. 234.
  13. tagesspiegel.de
  14. STERN 21/1999, vom 19. Mai 1999, S. 60, ausführliches Interview.
  15. Kiezspaziergang am 11. September 2004 vom Stuttgarter Platz bis zum Schloss Charlottenburg, berlin,de
  16. GERD NOWAKOWSKI, , Tagesspiegel.de vom 12. Januar 1999, Nachrichten eines "Scheintoten"
  17. Vgl. Uwe Sonnenberg: Rezension zu: Reimann, Aribert: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler. Göttingen 2009. In: H-Soz-u-Kult. 4. März 2010.