Diethard Hellmann

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Diethard Hellmann, 1953
Christuskirche in Mainz mit dem Bachsaal über dem Haupteingang

Diethard Hellmann (* 28. Dezember 1928[1] in Grimma; † 14. Oktober 1999 in Deisenhofen, Landkreis München) war ein deutscher Kirchenmusiker, Hochschullehrer und Rektor der Musikhochschule München.

Werdegang[Bearbeiten]

Hellmann wurde als Sohn eines Lehrer- und Kantoren-Ehepaares geboren (der Vater, Kirchenmusikdirektor Willi Hellmann, wirkte fast 40 Jahre als Kantor der Frauenkirche in Grimma[2]) und erhielt vom Vater fundierten Musikunterricht.

Im Dezember 1943 lernte Günther Ramin Hellmann kennen, als der Thomanerchor kriegsbedingt Leipzig verlassen musste und für 18 Monate sein Zuhause in der Landesschule Grimma fand. Es war eine Begegnung mit weitreichenden Folgen: Hellmann wurde mit 15 Jahren an der Musikhochschule Leipzig aufgenommen, war 1944 bis 1948 Gastsänger der Thomaner, begleitete den Chor bei vielen Auftritten mit der Orgel und wurde enger Mitarbeiter Ramins. Nach Kriegsende 1945 begann Hellmann im Alter von 16 Jahren als zunächst als Schulhelfer bezeichneter Neulehrer für Musik an der Fürstenschule Grimma.

Hellmann gründete den Madrigalchor St. Augustin, der 1946 nachweisbar ein Dutzend größere Auftritte in Grimma und Umgebung hatte - ein Bericht in der Ausgabe Borna der Leipziger Volkszeitung vom 9. November 1946 verwies auf Chorleiter Hellmann, „dessen Namen man sich wohl für die Zukunft merken möchte“. Dieser Madrigalchor wurde so hohen Ansprüchen gerecht, dass der Mitteldeutsche Rundfunk im Dezember 1946 dessen Weihnachts-Konzert aufzeichnete und am 25. und 28. Dezember 1946 sendete. Höhepunkt und Abschluss von Hellmanns Engagement an dieser Schule war Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne im Mai 1948, dann verliess er Grimma in Richtung Leipzig.[3]

Hellmann sang im Thomanerchor und lernte an der Thomasschule. Dort studierte er als Schüler von Günther Ramin Kirchenmusik und begleitete als Organist frühe Einspielungen von dessen Bachkantaten. Von 1948 bis 1955 war er Kantor an der Friedenskirche in Leipzig. Gleichzeitig lehrte er u.a. Orgel an der Leipziger Musikhochschule und leitete auch den dortigen Hochschulchor. 1950 errang er für sein Orgelspiel einen Preis beim Internationalen Bach-Wettbewerb. Seit 1952 erteilte er Unterricht im Chordirigieren. 1954 bekam er die stellvertretende Leitung der kirchenmusikalischen Abteilung.

Im Jahre 1955 übernahm er das Kantorenamt an der Christuskirche in Mainz, wo er die Kantorei, den späteren Bachchor, auf ein beachtliches Niveau führte. Im November 1955 gestaltete er bereits einen ersten Bachkantatenabend und gründete 1957 an der Christuskirche die Kurrende. 1958 errang er einen Preis beim Südwestfunk für seine Komposition „Musik auf Christi Himmelfahrt“.

Daneben war Hellmann Professor für evangelische Kirchenmusik am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz, schon ab 1963 auch Honorarprofessor der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit 1963 entstanden in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Kantateneinspielungen mit dem Südwestfunk, später auch in Kunstkopfstereophonie. Er veröffentlichte zahlreiche Notenausgaben, darunter vor allem einige Rekonstruktionsversuche, z.B. Ärgre dich, o Seele, nicht (BWV 186a), Singet dem Herrn ein neues Lied (BWV 190 und BWV 190a) und die Markuspassion (BWV 247).

1965, nach zehn Jahren Bestehen, wurde die Kantorei in „Bachchor Mainz“ umbenannt und dazu ein festes Orchester, das „Bachorchester“, gegründet, bei dem Ruth Hellmann, seine Gattin, Konzertmeisterin war. Außerdem wirkten in den letzten aktiven Jahren Diethard Hellmanns auch zwei seiner Kinder mit, die Altistin Andrea Hellmann und der Cellist Christoph Hellmann. Im Dezember 1967 wurde die Vereinigung der Freunde und Förderer des Bachchores e.V., der spätere Bachchorverein, gegründet, deren Vorsitzender Prof. Dr. theol. Gert Otto wurde.

Zahlreiche Konzerttourneen führten den Bachchor Mainz u.a. nach Frankreich, Polen und Israel. Diethard Hellmann konnte viele prominente Gesangssolisten verpflichten: z.B. Peter Schreier, aber auch Aldo Baldin, Hedwig Bilgram, Ria Bollen, Ursula Buckel, Eva Csapó, Agnes Giebel, Julia Hamari, Ernst Haefliger, Philippe Huttenlocher, Georg Jelden, Helena Jungwirth, Siegfried Lorenz, Adalbert Kraus, Horst R. Laubenthal, Karl Markus, Barbara Martig-Tüller, Friedreich Melzer, Klaus Mertens, Siegmund Nimsgern, Ernst-Gerold Schramm, Verena Schweizer, Jakob Stämpfli, Ortrun Wenkel, Kurt Widmer, Edith Wiens. Mit ihnen nahm Diethard Hellmann in den 1960er und 1970er Jahren über 100 Bachkantaten auf, die der SWF jede Woche zu einem regelmäßigen Termin sendete. 1972 ging aus der Israel-Besetzung der sog. a-cappella-Chor hervor, der für besondere Aufgaben vor allem bei unbegleiteter Chormusik zur Verfügung stehen sollte.

Interpretationsweise[Bearbeiten]

Wie sein Jugendfreund Karl Richter führte Hellmann die neoromantische Bachinterpretation auf einen Höhepunkt (vgl. Krummacher 1980). Das bedeutete vor allem einen großen instrumentalen und chorischen Klangapparat (nicht selten über 100 Sängerinnen und Sänger). Hellmann interpretierte aber auch andere geistliche Werke, so z.B. das äußerst selten zu hörende Requiem von Jean Gilles (1668-1705) als SWF-Produktion, die „Harmoniemesse“ von Joseph Haydn (mit Rundfunkaufnahme und Schallplatte), das Oratorio de Noël von Camille Saint-Saens (1835-1921) ebenfalls als Schallplatte (heute als CD erhältlich), L.v. Beethovens „Missa Solemnis“, alle vier Choralkantaten Max Regers (2 LP.s) und auch neuere Kompositionen wie das Oratorium „Golgotha“ von Frank Martin (1890-1974) und eine Kantate von Reinhold Schwarz-Schilling (1904-1985).

Hellmann als Hochschullehrer[Bearbeiten]

1974 wurde er als Professor an die Musikhochschule München berufen. Er blieb zugleich Honorarprofessor an der Universität Mainz. Seine Orgelstelle an der Christuskirche wurde am 1. Oktober 1974 durch Hans-Joachim Bartsch besetzt. Regelmäßig gestaltete Hellmann die Universitätsgottesdienste vor allem durch Bachkantaten mit, aber auch, erstmals seit 29. Mai 1971, die beiden Ökumenischen Vespern am Abend vor Pfingsten und vor dem ersten Advent. Als Mitglied der Neuen Bachgesellschaft richtete er zwei Internationale Bachfeste im Juni 1962 und im Oktober 1980 in Mainz aus: 1985 zog er nach München, wo er als Rektor von 1981 bis 1988 die Staatliche Musikhochschule leitete. Sein Nachfolger in Mainz wurde Ralf Otto.

Als Hellmann im Oktober 1999 starb, wurde am Ewigkeitssonntag ein Gedenkgottesdienst in der Christuskirche gehalten. Die Predigt hielt Gert Otto. Der Bachchor sang unter Hellmanns Nachfolger die Kantate BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“, die Hellmann vor allem wegen der Tenorarie „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!“ besonders geschätzt hatte.

Schüler[Bearbeiten]

Zu seinen Schülern zählen:

Ehrungen[Bearbeiten]

Tondokumente[Bearbeiten]

  • Bach / Pergolesi, 51. Psalm (Kurrende 1966)
  • BWV 119+129 (1967, LP)
  • Camille Saint-Saëns, „Weihnachtsoratorium“ (Oratorio de Noël) (LP, ursprünglich eine SWF-Aufnahme von 1976)
  • Bruckner, Motetten; Kodály, Laudes organi (An der Orgel: Hedwig Bilgram, 1979)
  • Mozart, Vesperae de Dominica + Mozart, Arie (LP 1980)
  • Reger, „Choralkantaten“ (2 LP.s 1980; später als CD)
  • Choräle und Chöre aus dem Weihnachtsoratorium (LP 1980)
  • Haydn, Harmoniemesse (LP 1981)
  • Bach, Markuspassion (LP 1983)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=2.1/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=41c851d7-17/TTL=1/PPN?PPN=121062236
  2. http://www.lvz-online.de/region/grimma/grimmaerinnen-mit-viel-stimme-und-herz/r-grimma-a-89038.html
  3. Volker Beyrich: Singen gegen die Unmenschlichkeit. In: „Archivstäubchen. Mitteilungen aus dem Archiv der Fürstenschüler-Stiftung - Kurt-Schwabe-Archiv –“, Ausgabe März 2013, S. 3-5
  4. Beiheft (S. 7) zur CD Musikalische Jubiläumsgabe ehemaliger Schüler zum 450. Stiftungsfest von St. Augustin. Grimma, 14. September 2000, herausgegeben vom Verein ehemaliger Fürstenschüler e.V..

Literatur[Bearbeiten]

  • 25 Jahre Bachchor Mainz 1980. hrsg. von Chormitgliedern.
  • Friedhelm Krummacher: Bach in romantischer Sicht – und heute. In: Günther Weiß (Hrsg.): Johann Sebastian Bach und seine Ausstrahlung auf die folgenden Jahrhunderte. Mainz 1980, S. 118–131.
  • Wolf-Eberhard von Lewinski: Vielseitigkeit mit Zentrum: Diethard Hellmann. Künstlerporträt (9). In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. 3, 1983, S. 26–31.

Weblinks[Bearbeiten]