Differenzierung (Didaktik)

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Differenzierung in der Didaktik geht davon aus, dass die Lerner unterschiedliche Voraussetzungen haben (heterogene Lerngruppen (Heterogenität)). Differenzierung hat zum Ziel, dem einzelnen Lernenden ein seiner Lernausgangslage angemessenes Lernarrangement anzubieten. Dabei wird grundsätzlich zwischen Formen der inneren Differenzierung (v. a. Maßnahmen zur Differenzierung im Unterricht) und äußeren Differenzierung (v. a. Maßnahmen zur Einteilung der Schüler in möglichst homogene Gruppen, z. B. Jahrgangsklassen, Förderkurse aber auch in verschiedene Schularten) unterschieden. Differenzierung kann als Individualisierung des Lernens in einer größeren Lerngruppe begriffen werden.

Definitionen[Bearbeiten]

Differenzierung nach Schittko (1984, zit. nach Vollstädt, 1997): Schittko geht von zwei Grundannahmen aus: 1. Schüler haben bestimmte, unterschiedliche Lernvoraussetzungen; 2. Es bestehen unterschiedliche gesellschaftliche Anforderungen an die Schüler. Als Folge sieht er daher die Notwendigkeit gegeben, Schüler nach bestimmten Kriterien einzuteilen, und den Unterricht nach speziellen didaktischen Maßnahmen zu gestalten. Sein Ziel ist es somit die gesetzten Ziele möglichst weitgehend zu erreichen und den Voraussetzungen gerecht zu werden. Nachteil: Schittko zielt somit auf ein einheitliches Curriculum ab, das wegen der Zielvariation nur schwer zu erreichen ist.

Differenzierung nach Vollstädt (1997): Nach seiner Ansicht differenziert der Lehrer, da er an seinen Unterricht bestimmte Ansprüche hat: zum einen möchte er jedem seiner Schüler optimale Lernchancen bieten und gleichzeitig die Ansprüche und Standards in fachlicher, institutioneller und gesellschaftlicher Hinsicht sichern.

Differenzierung nach Bönsch (1995): Differenzierung beschreibt 2 Dinge. 1. Das variierende Vorgehen bei der Darbietung des Lernstoffs (aus Sicht des Lehrers) oder die Bearbeitung des Lerninhalts (aus Sicht des Schülers). 2. Differenzierung beschreibt die Einteilung der Schüler in verschiedene Gruppen (aus Sicht der Schule, des Staats oder des Lehrers) oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (aus Sicht der Schüler). Differenzierung führt im Extremfall zur Individualisierung.

Individualisierung[Bearbeiten]

Individualisierung (siehe auch individualisiertes Lernen) beschreibt dabei den Anspruch, den ein Lehrer an sich und seinen Unterricht stellt. Er möchte dabei individuelle Lernvoraussetzungen und -wünsche berücksichtigen und den Unterricht entsprechend gestalten (im Extremfall lernt dann jeder einzelne Schüler etwas anderes). Differenzierung ist eine Möglichkeit oder eher der Versuch des Lehrers, diesem Anspruch gerecht zu werden. Kurz: Differenzierung ist ein Weg, (das Prinzip der) Individualisierung zu erreichen. Nach Bönsch (1995) können Differenzierungskriterien und -möglichkeiten nur auf „mittlerer Ebene“ Lösungshilfen anbieten, d. h. nur für Lernergruppen innerhalb der Klasse. Differenzierung wird dann zur Individualisierung, wenn der Lerner bei seinen eigenen Möglichkeiten „abgeholt“ wird (Bönsch, 1995), d. h. Lernen dort beginnt, wo es für den Schüler anfängt, neu zu werden. Im Konstruktivismus würde man dort anfangen, wo der Schüler pertubiert, gestört wird, wo also ein kognitiver Konflikt aufgerufen wird.

Gründe für Differenzierung[Bearbeiten]

Nach Bönsch (1995) orientiert sich der traditionelle Unterricht nur am Durchschnitt, einem nicht-existenten, unbekannten Durchschnittsschüler und geht im „Gleichschritt“ voran (vgl. Johann Amos Comenius zit. nach Becker, 2004). Von der Lieth bezeichnet dieses Vorgehen auch als „Didaktik des Straßenbahnfahrplans“ (zit. nach Becker, 2004). Damit kann der herkömmliche Unterricht, d. h. Unterricht, der wenig differenziert, dem einzelnen Schüler und seinen Kenntnissen, sowie seinem individuellen Lernstil und seinen speziellen Anforderungen nicht gerecht werden. Es kann daher dazu kommen, dass zum einen Denkprozesse schon nach der Hälfte abgebrochen werden (weil der Lehrer im Stoff weitermacht, aber der einzelne Schüler noch nicht so weit (z. B. erst bei der Hälfte) ist – der Unterricht ist also zu schnell). Zum anderen können, wenn der Unterricht zu langsam ist, „Leerlaufstrecken“ entstehen. Beide Möglichkeiten haben zur Folge, dass es zu Frustration, Lernmüdigkeit oder Wissenslücken kommen kann. Weiterhin bietet der Unterricht in Jahrgangsklassen zu geringe Möglichkeiten auf die individuellen Fähigkeiten und Interessen, die sich innerhalb der Fächer herausbilden, einzugehen.

Nach Vollstädt (1997) ist das Ziel der Differenzierung die optimale Förderung des einzelnen Schülers. Nach Vollstädt (1997) haben Schüler unterschiedliche Lernvoraussetzungen, Fähigkeiten und Interessen. Außerdem ist Lernen ein individueller und konstruktiver Vorgang, der fördernden und hemmenden Bedingungen unterliegt (vgl. Konstruktivismus z. B. nach Reich oder Glasersfeld). Durch Differenzierung sollen die individuellen Besonderheiten der Schüler gestärkt werden und spezifische Lernanlagen tiefer ausgeprägt werden. Weiterhin kann gemeinsames Lernen im differenzierenden Unterricht dazu beitragen, Lerndefizite abzubauen (z. B. durch Einteilung in Fördergruppen). Außerdem kann ich durch Differenzierung die geforderten Kompetenzen fördern.

Nach Ulf Preuss-Lausitz hat die moderne, globalisierte Welt höhere Ansprüche an die Schüler. Aus diesem Grund muss sich der Unterricht ändern, um dem Schüler die Möglichkeit zu geben, sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Warum wird so selten differenziert – Hemmnisfaktoren[Bearbeiten]

Trotz der Vorteile, die differenzierter Unterricht bietet, wird noch immer selten differenziert. Dies hat mehrere Gründe:

  • Höherer Aufwand: Zum einen in der Vorbereitung, vor allem wenn man diese Vorbereitung alleine (d. h. ohne direkte Unterstützung durch die Kollegen) zu tragen hat. Zum anderen im Unterricht durch die intensivere Beschäftigung mit einzelnen Schülern. Aber dafür bietet Differenzierung auf lange Sicht eine Entlastung durch bessere Leistungen, motiviertere Schüler und weniger Unterrichtsstörungen.
  • Keine Zeit um zu differenzieren. Die Themen müssen schnell durchgenommen werden um den gesetzten Lehrplan bzw. die Bildungsstandards zu erfüllen. Aber dann muss man sich auch fragen, wie viel bleibt davon hängen? Lohnt es sich daher nicht lieber weniger zu machen, dies dafür aber intensiver, d. h. den Schülern die Chance bieten, dies besser für sich selber zu durchdringen und es am Vorwissen anzuknüpfen, so dass es an Relevanz für den Einzelnen gewinnt? Somit wird zwar weniger durchgenommen, aber dies bleibt dafür besser haften.
  • Unkenntnis über geeignete Differenzierungsmethoden
  • Angst des Lehrers einen Teil seiner Kontrolle über den Unterricht an seine Schüler weiterzugeben oder durch negative Vorerfahrungen, evtl. auch von Kollegen.
  • Tradition, d. h. der Unterricht hat sich schon immer am Durchschnittsschüler orientiert. Außerdem wurden bereits im eigenen Unterricht, den man als Schüler früher miterlebt hat, vor allem behavioristische Methoden des Lehren und Lernens eingesetzt. Weiterhin zielt die Lehrerausbildung noch immer darauf ab, dass sich der Unterricht an verbindlichen Stundenzielen zu orientieren hat. Dies schränkt die Freiheit des Lehrers und der Schüler ein.
  • Klassengröße, d. h. die Klassen sind zu groß, um Differenzierungsmaßnahmen anzubieten.

Literatur[Bearbeiten]

Bücher

  • Bönsch, Manfred (2000). Intelligente Unterrichtsstrukturen: Eine Einführung in die Differenzierung. Schneider: Baltmannsweiler.
  • Bönsch, Manfred (1995). Differenzierung in Schule und Unterricht. Ehrenwirth: München.
  • Paradies,Liane/Linser, Hans Jürgen (2001). Differenzieren im Unterricht. Cornelsen: Berlin.

Aufsätze

  • Becker, Gerold (2004). Regisseur, Meisterdirigent, Dompteur? Die Sehnsucht nach „gleichen Lernvoraussetzungen“ hat Gründe. In: Friedrich Jahresheft 2004, S. 10–12.
  • Döbert, Hans (2003). Merkmale der bei PISA erfolgreichen Schulsysteme. Ein vertiefender Vergleich der Schulsysteme ausgewählter PISA-Teilnehmerstaaten. In: Pädagogik, Heft 11, S. 47–50
  • Vollstädt, Witlof (1997). Differenzierung im Unterricht. In: Pädagogik, Heft 12/1997. S. 36–40