Digital Vinyl System

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Beispiel mit Serato Scratch Live

Als Digital Vinyl System bezeichnet man ein System, das aus einem Notebook oder Computer, speziellen Schallplatten und einer dazwischen geschalteten Schnittstelle besteht und von DJs benutzt wird, um Musikdateien verschiedener Formate (zum Beispiel MP3) unter Verwendung normaler Plattenspieler und einem Vinyl-Emulator (engl: Vinyl Emulation Software) „aufzulegen“. Dabei wird die klassische, intuitive Handhabung der Plattenspieler mit der Kapazität von Computer-Festplatten kombiniert.

Als die bekanntesten Hersteller von sogenannten Digital Vinyl-Systems und Vinyl-Emulatoren gelten vor allem Serato (ScratchLive) und Native Instruments (Traktor Scratch Pro).

Funktionsweise[Bearbeiten]

Vergrößerung einer Timecode-Schallplatte

Timecode-Schallplatte[Bearbeiten]

Die Schallplatten beinhalten einen zusätzlichen Code. Das Verfahren ist vom Fax oder der Datenkassette und bei Analog-Digital-Umsetzern bekannt. Hier werden digitale Informationen akustisch übertragen. Die speziellen Schallplatten (Timecode Vinyl) sind mit einem Steuersignal (Timecode) bespielt und sind im Schnitt für ca. 20 - 30 € erhältlich. Sie werden wie gewohnt auf einem Plattenspieler abgespielt, das Signal wird direkt ins Mischpult, oder über den ScratchAmp zum Laptop weitergeleitet. Dort dekodiert die Vinyl Emulation Software das Signal in Echtzeit und errechnet Geschwindigkeit und Position des Tonabnehmers auf der Schallplatte. Der entsprechende Teil einer ausgewählten Audiodatei, die sich auf der Computerfestplatte befindet, wird in der errechneten Geschwindigkeit wieder über den ScratchAmp/Mischpult ausgegeben, wo der Song schließlich vom DJ gemixt werden kann. Die hohe Auflösung des Steuersignals ermöglicht eine praktisch vernachlässigbare Verzögerung zwischen Bewegungen der Schallplatte und der Ausgabe der Musik ans Mischpult. Dadurch sind auch Backspinning und Scratchen wie bei gewöhnlichen Schallplatten möglich.

ScratchAmp[Bearbeiten]

Loco Dice an einem Digital Vinyl System

Das ScratchAmp dient dazu, mit Phono-Anschlüssen und einem USB-Anschluss eine Verbindung zwischen dem Computer und den Plattenspielern zu ermöglichen. Da der ScratchAmp das Signal von der Schallplatte zusätzlich direkt in einen anderen Kanal des Mischpults durchschleift, können auch normale Schallplatten ohne Zutun der Software abgespielt werden, was zum Beispiel bei Laptop-Abstürzen nützlich ist. Voraussetzung ist allerdings, dass das ScratchAmp an die eigene optionale Stromversorgung angeschlossen ist.

Hersteller[Bearbeiten]

Die folgende Tabelle listet diverse Vinyl Emulations Software auf, die mit speziellen Time-Code Schallplatten arbeitet

Hersteller Produktname Programm Internetseite Verfügbare externe Soundkarte Status
Ms Pinky Ms Pinky's IWS Maxi Patch Ms Pinky Maxi Patch Nein verfügbar
Atomix Productions Virtual DJ Pro Full Virtual DJ Virtual DJ Software Nein verfügbar
M-Audio Torq Control Vinyl Torq DJ Software M-Audio Digital DJ Torq Conectiv eingestellt
Native Instruments Traktor Scratch Duo 2/Pro 2 Traktor Traktor DJ Software AUDIO 2, 4, 6, 8 und 10 verfügbar
Serato Scratch Live Scratch Live Serato DJ Software SL 2, SL 3 oder SL 4 verfügbar
Reloop Spin 2+ Spin 2+ Reloop-Spin Reloop Spin 2+ eingestellt
Stanton Scratch DJ Academy MIX! Stanton MIX! ScratchAmp verfügbar
Mixvibes Cross, DVS Ultimate Cross, DVS Ultimate Mixvibes Software Mixvibes U46MK2, U-MIX44, beliebige verfügbar
Alcatech DigiScratch DigiScratch 2 Alcatech Audio Nein verfügbar

Nur Software[Bearbeiten]

Diese Tabelle listet einige Digital Vinyl-Systeme auf, welche ausschließlich auf Software basieren.

Hersteller Programm Internetseite
Image line Deckadance deckadance.com
Adion djDecks djdecks.be
Mark Hills xwax xwax.co.uk
The Mixxx team Mixxx mixxx.org

Vor- und Nachteile[Bearbeiten]

  • Im Gegensatz zu regulären CD-Spielern oder MP3-Spieler-Software kann die Musik so gemixt und bearbeitet werden, als wäre sie tatsächlich auf der Schallplatte vorhanden. Das ermöglicht einerseits die intuitive Bedienung durch an Platten gewöhnte DJs und macht andererseits das feinfühlige und beschränkende Bedienen von Computermäusen überflüssig (zwei Hände statt eines Cursors). Es ermöglicht insbesondere Scratchen und Pitchen, es können aber praktisch alle Tricks des Turntablism ausgeführt werden.
  • Leichterer und angenehmerer Transport: Eine Plattentasche mit 100 Platten wiegt ungefähr 25 kg, DVS mit Laptop und den speziellen Platten kommt auf einige wenige Kilogramm und ist in der Kapazität nur durch die Festplatte des Laptop beschränkt. Eine aktuelle Computer-Festplatte kann einige zehntausend Musiktitel fassen.
  • Kein mühsames Zusammenstellen von Live-Sets, da immer die gesamte Musikbibliothek mitgenommen werden kann. Sehr vorteilhaft bei Auftritten, bei denen der Publikumsgeschmack unklar ist.
  • Auch Musik, die nicht auf Schallplatte erhältlich ist, kann aufgelegt werden. Dies ist besonders für DJs interessant, die selbst Musik produzieren und diese auflegen möchten. Seit einiger Zeit erfreut sich auch Musik von Netlabels und Musikportalen wie Beatport wachsender Beliebtheit unter DJs. Früher mussten für das Spielen solcher Musik teure sogenannte Dubplates geschnitten werden.
  • Als Nachteil empfinden manche DJs, dass das gewohnte Ordnungssystem im Plattenkoffer und die "visuelle Suche" (das schnelle Finden von Platten anhand ihres Covers / Labels, vor allem in dunklen Clubs und unter Zeitdruck) verloren geht. Alle DVS bieten dafür eine Textsuche in den ID3-Tags der MP3-Dateien und das Anlegen von beliebig vielen virtuellen Plattenkoffern, wobei ein Titel auch in mehreren Koffern vorhanden sein kann. Außerdem wird bei den meisten DVS das Cover eines Titels angezeigt werden, wenn dieses vorher in den Tag gespeichert wurde.
  • Es besteht – im Gegensatz zu Plattenspielern – bei Rechnern die Gefahr von Abstürzen und sonstigen Störungen des Systems, die zur sofortigen Stille der PA führen. Laptops sind der Hitze, Luftfeuchtigkeit und der rauhen Umgebung in Clubs tendenziell weniger gewachsen als speziell für den Clubeinsatz entworfene Plattenspieler und Mischpulte; Programme und Betriebssysteme können abstürzen. Nach der Beseitigung anfänglicher Kinderkrankheiten haben sich die Systeme jedoch als recht zuverlässig erwiesen, sodass zumindest die Gefahr eines Programmabsturzes als klein angesehen werden kann.

Vergleiche und Alternativen[Bearbeiten]

Verschiedene Hersteller von DJ-Equipment entwickeln auch DJ-CD-Spieler immer weiter. Aktuelle Spieler, zum Beispiel von Technics, Pioneer oder Denon können ebenfalls pitchen, ermöglichen durch aufgebaute Plattenteller-Imitate und technische Finessen im Innenleben Scratching, können CDs mit MP3-Dateien verarbeiten und sind üblicherweise mit einer Fülle an zusätzlichen Features ausgestattet. Solche Player sind jedoch etwa doppelt so teuer wie ein DJ-Plattenspieler.

Schließlich existiert eine Fülle von MP3-DJ-Software, die das Mixen von MP3-Dateien am Rechner erlaubt. Beispielsweise können Visiosonics PCDJ und ALCATechs BPM Studio über eine Hardware-Schnittstelle bedient werden, das einem DJ-Doppel-CD-Player nachempfunden ist. Die DJ Software DigiScratch zeigt auch die Cover der Songs an, so dass ein "Auflegen wie gewohnt" möglich ist.

Serato Scratch Live und Traktor Scratch sind in ihrer Funktionsweise recht ähnlich.

Der Audio-Hardware- und Softwarehersteller M-Audio hat ebenfalls ein ähnliches System auf den Markt gebracht. Wie Traktor Scratch besteht es aus einem Software- und Hardware-Teil (Torq bzw Connectiv). Die Steuerung erfolgt wahlweise durch Timecode-Vinylplatten oder Timecode-CDs. Das besondere an Torq ist, dass es das Einbinden von VST Plugins erlaubt und mittels Rewire mit anderen Audio-Programmen kommunizieren kann.

Ein belgischer Programmierer namens „Adion“ hat sich zum Ziel gesetzt eine kostengünstige Alternative zu entwickeln. Dieses System mit dem Namen djDecks verwendet keine eigenen Timecodeplatten, sondern kann mit fast allen Platten der großen Konkurrenten angesteuert werden. Dabei bietet es das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und steht beim Funktionsumfang den anderen Programmen mittlerweile in nichts mehr nach. Support und Verkauf der Lizenz erfolgen jedoch nur online über die Herstellerwebseite und man muss die passende Hardware separat anschaffen.

Deckadance beschreitet einen ähnlichen Weg wie djDecks, indem es unterschiedliche Timecode-System unterstützt. Quad ist eine komplette Software-Lösung, die das Mixen und Scratchen von bis zu 4 MP3s erlaubt, gesteuert durch bis zu 4 Plattenspieler. Quad läuft mit allen ASIO-Soundkarten und wird geliefert mit 4 speziell gefertigten Vinyls, deren Timecode ein analog-getreues Scratchen erlaubt.