Diogenes von Babylon

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Diogenes von Babylon (griechisch Διογένης ὁ Βαβυλώνιος; lateinisch Diogenes Babylonicus; * um 240 v. Chr. in Seleukia am Tigris; † kurz vor 150 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph und der wichtigste Leiter der stoischen Schule nach Chrysippos von Soli. Man nannte ihn „Diogenes den Babylonier“, womit Herkunft aus der Landschaft Babylonien, nicht aus der damals in Trümmern liegenden Stadt Babylon gemeint war. Seine Heimatstadt war vielmehr Seleukia (eine der zahlreichen Städte dieses Namens), daher wird er auch Diogenes von Seleukia genannt.

Leben[Bearbeiten]

Diogenes’ Lebensdaten können nur aus ungefähren Angaben erschlossen werden: Laut Marcus Tullius Cicero[1] war er 150 v. Chr. bereits tot. Da er laut Lukian[2] im Alter von 88 Jahren starb, muss er um 240 v. Chr. geboren sein.

Diogenes studierte bei Chrysippos von Soli und Zenon von Tarsos. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde er nach Zenons Tod dessen Nachfolger als Schuloberhaupt. Zu seinen bekanntesten Schülern zählten Antipatros von Tarsos und Panaitios von Rhodos. Bei Diogenes studierte auch einer der Hauptvertreter des akademischen Skeptizismus, Karneades von Kyrene. Später verteidigte Diogenes die stoische Ethik gegen Karneades’ Einwände.

Beide nahmen 155/156 v. Chr. zusammen mit dem Peripatetiker Kritolaos an der berühmten Philosophengesandtschaft nach Rom teil. Im Auftrag der Stadt Athen führten sie mit dem Senat Verhandlungen bezüglich einer Geldstrafe in Höhe von 500 Talenten zu Lasten von Athen und erreichten, dass die Strafe auf 100 Talente herabgesetzt wurde.[3] Diogenes’ Vorträge in Rom bildeten die erste öffentliche Vorstellung stoischen Denkens durch ein Schuloberhaupt in der römischen Hauptstadt, auch wenn die Hauptinhalte der Stoa dort sicher schon zuvor bekannt waren.

Schriften und Lehre[Bearbeiten]

Diogenes’ zahlreiche Schriften zu allen Themen der Philosophie, besonders aber zu Rhetorik und Musik sind ausnahmslos verloren, so dass wir für die Kenntnis seiner Lehre auf Fragmente und Berichte (etwa bei Cicero) angewiesen sind. Am ausführlichsten berichtet über Diogenes’ Lehrmeinungen die ihrerseits nur fragmentarisch erhaltene Abhandlung Über Musik des Philodemos von Gadara.

Diogenes entwickelte das stoische Lehrsystem in vielen Einzelfragen weiter. Prägend für die Stoa wurden insbesondere seine Aussagen über das Lebensziel (griech. télos), über ethische Grundsätze und praktisches Handeln[4] sowie über die Götter. Im Bereich der Dialektik entfaltete Diogenes die zuvor wohl erst grob angelegte stoische Bedeutungslehre zur ersten Semiotik. Seine Abhandlung über die Sprache (τέχνη περὶ τῆς φωνῆς) wurde vermutlich zum Vorbild späterer Grammatiken.

Literatur[Bearbeiten]

  • Fragmente gesammelt bei Hans von Arnim: Stoicorum veterum fragmenta (SVF) Bd. 3, 210–243.
  • Keimpe Algra, Jonathan Barnes, Jaap Maansfeld, Malcolm Schofield (Hrsg.): The Cambridge Companion to Hellenistic Philosophy. Cambridge University Press, 2. Aufl. 1999.
  • Brad Inwood: Diogenes [15] von Babylon. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 3, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01473-8, Sp. 600.
  • Max Pohlenz: Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung. 4. Auflage. Göttingen 1970/72, Bd. 1, 180–190.
  • M. Schäfer: Diogenes als Mittelstoiker. In: Philologus 91 (1936), S. 174–196.
  • R. T. Schmidt: Die Grammatik der Stoiker. Einführung, Übersetzung und Bearbeitung von K. Hülser. Mit einer Bibliographie zur stoischen Sprachwissenschaft (Dialektik) von U. Egli. Braunschweig 1979.
  • David Sohlberg: Aelius Aristides und Diogenes von Babylon. Zur Geschichte des rednerischen Ideals. In: Museum Helveticum 29 (1972), S. 177–200 (online) und 256–277 (online).
  • Annemarie Jeanette Neubecker: Die Bewertung der Musik bei Stoikern und Epikureern. Eine Analyse von Philodems Schrift ‚De Musica’. Berlin, 1956.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Cicero, Cato maior de senectute § 23.
  2. Lukian, Makrobioi § 20.
  3. Pausanias 7, 11; Cicero, De oratore 2, 155.
  4. Vgl. Cicero, De officiis 3, 50–56. 91.