Dipesh Chakrabarty

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Dipesh Chakrabarty 2012 in Hannover-Herrenhausen während einer internationalen Konferenz zu den Grenzen des Wachstums

Dipesh Chakrabarty (* 15. Dezember 1948 in Kalkutta) ist ein indischer Historiker, der sich mit Themen wie Kulturimperialismus, Postkolonialismus, der Menschheitsgeschichte und der Arbeiterbewegung im indischen Bengalen befasst hat. Er ist „einer der Vorreiter der postkolonialen Geschichtsschreibung“.

Leben[Bearbeiten]

Chakrabarty besuchte das Presidency College an der University of Calcutta, wo er einen Abschluss in Physik machte. Später erhielte er ein Diplom in Business Management des Indian Institute of Management, ebenfalls in Kolkata. Er promovierte an der Australian National University in Canberra, Australien im Fach Geschichte. Zurzeit (2011) ist er Professor an der University of Chicago, am Lawrence A. Kimpton-Lehrstuhl des Geschichts-Fachbereichs für Südasiatische Sprachen und Kulturen.

Chakrabarty verfasst Artikel in der Fachzeitschrift Public Culture, die von der Duke University veröffentlicht wird und lehrt am Centre for Studies in Social Sciences in Kalkutta.

Chakrabarty ist Mitglied der Subaltern Studies Group und setzt sich mit Theorien des Postkolonialismus und ihrer Verbindung zur Geschichtsschreibung auseinander. In seinem bekanntesten Werk Europa provinzialisieren kritisiert er, dass europäische Konzepte wie Aufklärung, Bürgertum (etc.) als universale Maßstäbe betrachtet werden und diese ungeachtet ihrer Bindung an die europäische Kulturgeschichte von außereuropäischen Intellektuellen auf die eigene Kulturgeschichte angewendet werden. Diese Diskrepanz falle automatisch zu Lasten der nichteuropäischen Kulturen, da durch das nicht zu erreichende „Ideal“ eine Geschichte des Mangels und des Scheiterns entstehe. [1]

Seit 2013 ist Chakrabarty der Harold F Linder Professor an der School of Social Science des Institute for Advanced Studies in Princeton (New Jersey) in den USA.

Wirken[Bearbeiten]

Als Dipesh Chakrabarty seine Aufsatzsammlung Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. herausgibt, ist die geistige Strömung des Postkolonialismus bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts dabei, sich damit zu beschäftigen, wie sich die dominierende Präsenz einer Kolonialmacht auf die Kolonialisierten auswirkt, auch nachdem die Kolonialmacht das Land längst wieder verlassen hat.

Chakrabarty legt als studierter Historiker den Schwerpunkt auf die Problematik einer Geschichtsschreibung in seinem Heimatland Indien. Er beschreibt, dass "Europa im historischen Wissen als stillschweigender Maßstab fungiert" [2] Er schildert die Schwierigkeiten, sich von der allgegenwärtigen europäischen Geschichte zu lösen, ohne die eine indische Geschichtsschreibung gar nicht möglich zu sein scheint. Die Geschichte Indiens, aber auch anderer ehemaliger Kolonien, wird von europäischen Diskursen geprägt. Die Begrifflichkeiten, wie Kapitalismus, Bürgertum oder Aufklärung, die hier zum Handwerkszeug eines jeden Historikers gehören, scheinen universal einsetzbar. Bei genauerer Betrachtung wird aber deutlich, dass, wendet man diese Begriffe auf Länder außerhalb Europas an, immer der Eindruck entsteht, dem Land fehle ein „richtiges“ Bürgertum, oder die „richtige“ Aufklärung. Den Begriffen ist also ein europäischer Kontext unterlegt, wodurch die ehemaligen Kolonie immer in einer Situation des Mangels erscheint.

Chakrabarty fordert dazu auf dieses Problem zu erkennen und wahrzunehmen, um so eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema zu ermöglichen und einen neuen Blick auf feststehende Begrifflichkeiten zu wagen.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

in deutscher Sprache
  • Aufsatzsammlung: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. aus dem Englischen von Robin Cackett, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39262-2.[3][4]
in anderen Sprachen
  • El humanismo en la era de la globalización. Katz Barpal Editores, Buenos Aires/Madrid 2009, ISBN 978-84-96859-52-4.
  • Subaltern Studies with Shahid Amin (Hrsg.): Volume 9.
  • Provincializing Europe. Postcolonial Perspectives and Historial Differences. University of Princeton Press, Princeton, New Jersey 2008, ISBN 978-0-691-13001-9. (als E-Book: ISBN 978-1-4008-2865-4)
  • Habitations of Modernity: Essays in the Wake of Subaltern Studies. University of Chicago Press, Chicago, Illinois 2004 ISBN 0-226-10039-1.
  • Cosmopolitanism. with Carol Breckenridge, Sheldon Pollock, and Homi K. Bhabha.
  • Rethinking Working Class: Bengal, 1890–1940. Princeton University Press, Princeton NJ 2000, ISBN 0-691-07030-X.
  • Communal Riots and Labour: Bengal's Jute Mill Hands in the 1890s. Centre for Studies in Social Sciences, Calcutta 1976.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chakrabarty, Dipesh: Europa povinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte. In: Ders.: Chakrabarty, Dipesh: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main: Campus, 2012: 41-65
  2. Chakrabarty, Dipesh: Europa povinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte. In: Ders.: Chakrabarty, Dipesh: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main: Campus, 2012: 41
  3. Geschichte von der Rändern her. In: FAZ. 24. Februar 2011, S. 34.
  4. Eine eigene Geschichte in: Frankfurter Rundschau vom 7. Dezember 2010, Seite A8