Disability Studies

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Bei den Disability Studies (sinngemäß Studien zu oder über Behinderung) handelt es sich um eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Behinderung als soziale, historische und kulturelle Konstruktion begreift und sich der sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung des Phänomens Behinderung widmet. Um den Anschluss an den internationalen Diskurs herzustellen und die Distanz zu den traditionellen Rehabilitationswissenschaften bereits auf der begrifflichen Ebene deutlich werden zu lassen, wird auch im deutschsprachigen Raum die englische Bezeichnung benutzt.

Ausgangspunkt[Bearbeiten]

Grundlage des interdisziplinären Forschungsgebiets ist die Annahme, dass Behinderung nicht mit medizinisch diagnostizierbaren Beeinträchtigungen gleichgesetzt werden kann, sondern vornehmlich aus gesellschaftlich konstruierten Barrieren hervorgeht. Die betroffenen Menschen werden durch diese Barrieren daran gehindert, am gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen. Behinderte Menschen sind danach in erster Linie Angehörige einer unterdrückten Minderheit. Diskriminierung und Behindertenfeindlichkeit sind die wesentlichen Probleme, die mit einer Behinderung einhergehen. Aus Sicht der Disability Studies lässt sich am Beispiel von (Nicht-)Behinderung untersuchen, wie soziale Kategorien historisch entstehen, wie sich Wissensbestände um sie herum anordnen und Grenzziehungen entlang kultureller Bewertungen zum Ausgangspunkt von Machtverhältnissen werden, die den Lebensalltag und die Lebenschancen von Menschen bestimmen.

Geschichte der Disability Studies[Bearbeiten]

Die Disability Studies (DS) haben wesentliche Impulse durch die politischen Analysen und Erkenntnisse der internationalen Behindertenbewegungen erhalten.

Während Behindertenbewegungen mit den Zielvorstellungen Emanzipation und soziale Teilhabe heute weltweit zu finden sind, gibt es die Disability Studies als wissenschaftliche Disziplin erst in einigen Ländern.

Ihren Ausgangspunkt nahmen sie in den USA und in Großbritannien, wo sie seit Anfang der 1980er Jahre an Universitäten gelehrt werden. Heute gibt es an angloamerikanischen Hochschulen Professuren sowie Studiengänge und Promotionsprogramme. Darüber hinaus werden Disability Studies auch in Kanada, Indien, Japan, Südafrika, Australien, Norwegen, Frankreich, Irland, etc. gelehrt. Sie verfügen über eine eigene internationale Infrastruktur, welche Fachgesellschaften und Netzwerke ebenso umfasst wie Fachzeitschriften, Mailing Lists und Tagungsreihen. Die Society of Disability Studies wurde bereits 1982 gegründet.

Als Begründer des Forschungsgebiets gelten der behinderte Soziologe Irving Kenneth Zola (USA) und der behinderte Sozialwissenschaftler Michael Oliver (Großbritannien). Beide entwickelten etwa zeitgleich die Theorie des sozialen Modells von Behinderung und setzten diese dem individuellen Modell von Behinderung bzw. dem Rehabilitationsparadigma entgegen. Nach dem sozialen Modell ist Behinderung vor allem eine sozial konstruierte Kategorie, während sie nach dem individuellen Modell vor allem eine durch Prophylaxe zu vermeidende, durch Rehabilitation zu überwindende bzw. nicht überwindbare Störung darstellt.

Auch in deutschsprachigen Ländern lassen sich im Umkreis der Behindertenbewegung seit Ende der 1970er Jahre immer wieder Versuche feststellen, Lehr- und Forschungsaktivitäten zu entwickeln, die an einer emanzipatorischen Programmatik ausgerichtet sind. Zunächst gab es entsprechende Kursangebote an verschiedenen Volkshochschulen; im Laufe der 1990er Jahre gelang es dann, an Fachhochschulen und Universitäten Räume zu erobern. Jedoch kann man von deutschsprachigen Disability Studies im engeren Sinne erst ab 2001 sprechen. In diesem Jahr fand in Dresden, veranstaltet vom Deutschen Hygiene Museum, der Aktion Mensch und der Humboldt Universität Berlin, im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung die Tagung „Der (im)perfekte Mensch“ statt, auf der erstmals Vertreter/innen der nordamerikanischen Disability Studies mit deutschen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammentrafen. Unter dem Titel „PhantomSchmerz“ kam es 2002 in Berlin zu einer Folgetagung. Auch die Sommeruniversität „Disability Studies in Deutschland – Behinderung neu denken!“, die 2003 in Bremen durchgeführt wurde, war ein wichtiges Startsignal. Seit April 2002 gibt es außerdem die bundesweite Arbeitsgemeinschaft „Disability Studies in Deutschland“. 2004 wurde an der Universität zu Köln die Internationale Forschungsstelle Disability Studies (iDiS) gegründet. 2005 bildete sich an der Universität Hamburg das Zentrum für Disability Studies (Zedis). An verschiedenen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird mittlerweile Forschung und Lehre in den Disability Studies betrieben. Die erste Professur für "Soziologie und Politik der Rehabilitation, Disability Studies" im deutschsprachigen Raum wurde Ende 2008 an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Kölner Universität geschaffen und 2009 mit Anne Waldschmidt besetzt. An dem Lehrstuhl wird Behinderung als analytische Kategorie benutzt, um die Gesellschaft zu untersuchen, außerdem werden sozial- und behindertenpolitische Fragestellungen unter international vergleichender Perspektive bearbeitet, im Zentrum steht die Analyse von „dis/ability“ aus einem rehabilitationskritischen und partizipationsorientierten Blickwinkel.

Forschungsfelder[Bearbeiten]

Die Disability Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Sie widmen sich historischen, ökonomischen, kulturellen, politischen, rechtlichen, psychologischen etc. Fragestellungen. Historiker innerhalb der Disability Studies untersuchen z. B. die gesellschaftliche Stellung behinderter Menschen in verschiedenen historischen Epochen; Rechtswissenschaftler erforschen die rechtliche Konstruktion von Behinderung. In theoretischer Hinsicht hat vor allem in Großbritannien die Konjunktur der kritischen Sozialwissenschaften zur Begründung der Disability Studies beigetragen. Als weitere Quelle ist der „cultural turn“ zu erwähnen, die Etablierung des kulturwissenschaftlichen Paradigmas als ein die verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften integrierendes Konzept. Und nicht zuletzt spielen – insbesondere im US-amerikanischen Diskurs – die von der französischen Philosophie inspirierten, poststrukturalistischen Differenz- und Diskursansätze, die Entdeckung von Körper, Subjekt und Wissen als historische und kulturell geformte Phänomene, eine Rolle. Der konstruktivistische Ansatz und die politischen Wurzeln verbinden die DS mit den themenverwandten Gender Studies und mit den in vielen englischsprachigen Ländern verbreiteten critical race studies. Wie diesen anderen Querschnittsdisziplinen geht es den Disability Studies nicht nur darum, akademische Forschung und Lehre zu betreiben. Auch behinderte Menschen als Mitglieder einer sozialen Randgruppe sollen durch die Forschung „sichtbar gemacht“ werden und an der Forschung teilhaben können. Das Thema Behinderung soll aus der Sackgasse der Sonderwissenschaften (Sonder-, Heil- und Behindertenpädagogik bzw. Rehabilitation) geholt und in den Mittelpunkt des allgemeinen wissenschaftlichen Diskurses gerückt werden. So widmen sich die DS auch der Geschichte und Kultur der Behindertenbewegung oder einzelner historischer Persönlichkeiten wie Frida Kahlo oder Theodore W. Roosevelt, die behindert waren. Die Entwicklung einer eigenen 'disability culture' (Filme, Theater, Lyrik, Tanz, etc.) gehört zum festen Bestandteil. In Abgrenzung zu den traditionellen Sonderwissenschaften liegt der Fokus der DS somit nicht darauf, Behinderung als Defekt wahrzunehmen, sondern als konstituierenden Faktor von Normalität.

Disability History[Bearbeiten]

Die Disability History untersucht historische Prozesse der Wahrnehmung und Herstellung von 'Behinderung' bzw. 'Normalität'. Der Forschungsansatz ist konstruktivistisch und emanzipatorisch ausgerichtet; er bietet Raum, sowohl wissenschaftliche Grundlagenforschung zu betreiben als auch Spezialstudien anzufertigen. Benutzt werden Ansätze und Methoden der Politikgeschichte, Sozialgeschichte und Organisationsgeschichte, Wissenschafts- und Technikgeschichte, Kulturgeschichte und Kunstgeschichte etc. Die grundlegende Perspektive orientiert sich an sozialen und kulturellen Modellen von Behinderung; der Rehabilitationsansatz wird kritisch gesehen. Die erste Einführung[1] in die deutschsprachige Disability History erörtert konzeptionelle Grundlagen und methodische Fragen; Fallstudien befassen sich mit Wissenschaft und subjektiven Erfahrungen, Institutionen und Politiken, Körper, Kunst und Kultur.

Praxis[Bearbeiten]

Kritik der Rehabilitation[Bearbeiten]

Theresia Degener forderte im Januar 2010, das bislang vorherrschende medizinische Modell von Behinderung in der Rehabilitation müsse von einem menschenrechtlichen Modell abgelöst werden. Dies müsse durch ein „Change-Management“ aktiv mit Anreizen von außen begleitet werden, und Rehabilitation müsse sich in Zukunft als Diversity-Ansatz verstehen, bei der die menschliche Vielfalt mit individuellen Ansätzen aufgegriffen werde.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Albrecht, Gary L. / Seelman, Katherine D./ Bury, Michael (Hg.): Handbook of Disability Studies. Thousand Oaks, USA: Sage, 2000
  • Albrecht, Gary L. (Hg.): Encyclopedia of disability. Thousand Oaks, USA: Sage, 2006
  • Davis, Lennard J (ed.): The Disability Studies Reader. New York: Routledge, 2006
  • Bösl, Elsbeth / Klein, Anne / Waldschmidt, Anne (Hg.): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung. Bielefeld 2010
  • Davis, Lennard J: Enforcing Normalicy: Disability, Deafness and the Body. London, New York: Verso, 1995
  • Dederich, Markus: Körper, Kultur und Behinderung : eine Einführung in die disability studies, Bielefeld: Transcript, 2007, ISBN 978-3-89942-641-0
  • Hermes, Gisela / Köbsell, Swantje (Hg.): Disability studies in Deutschland - Behinderung neu denken! Dokumentation der Sommeruni 2003. Bifos-Schriftenreihe. Kassel: Bifos, 2004. ISBN 3-932951-74-3
  • Hermes, Gisela / Rohrmann, Eckhard: „Nichts über uns - ohne uns!“ Disability studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. Materialien der AG SPAK. Bd. 187. Neu-Ulm: AG-SPAK-Bücher, 2006. ISBN 3-930830-71-X
  • Köbsell, Swantje / Waldschmidt, Anne (Hg): International Section: Disability Studies in German Speaking Countries. In: Disability Studies Quarterly. The first journal in the field of disability studies, USA, 26(2006) 2 (seven articles and guest editor’s introduction). URL: [1] (24. März 2006)
  • Junge, Torsten / Schmincke, Imke (Hg.): Marginalisierte Körper. Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers. Münster 2007. ISBN 978-3-89771-460-1
  • Linton, Simi: Claiming Disability: Knowledge and Identity. New York: N.Y. University Press, 1998
  • Lutz, Petra / Macho, Thomas / Staupe, Gisela / Zirden, Heike (Hg.): Der (im-)perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung. Köln / Weimar: Böhlau, 2003.
  • Mitchell, David T. / Snyder, Sharon L.: Narrative Prothesis: Disability and the Dependencies of Discourse, Ann Arbor, Michigan, USA: The University of Michigan Press, 2000
  • Oliver, Michael: Understanding Disability: From Theory to Practice. New York: St. Martin’s Press, 1996
  • Shakespeare, Tom (Hg.): The Disability Reader: Social Science Perspectives. London: Cassell, 1998
  • Waldschmidt, Anne (Hg.): Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. Kassel: Bifos, 2003.
  • Waldschmidt, Anne: Disability Studies: Individuelles, soziales und / oder kulturelles Modell von Behinderung? in: Psychologie & Gesellschaftskritik, 29. Jg., 2005, H. 1, S. 9-31.
  • Waldschmidt, Anne: Soziales Problem oder kulturelle Differenz? Zur Geschichte von „Behinderung“ aus der Sicht der „Disability Studies“. In: Traverse. Zeitschrift für Geschichte, Revue d’Histoire, Bern, 13. Jg., 2006, H. 3, S. 31-46
  • Waldschmidt, Anne: Behinderte Körper: Stigmatheorie, Diskurstheorie und Disability Studies im Vergleich. In: Torsten Junge / Imke Schmincke (Hg.): Marginalisierte Körper. Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers. Münster 2007. ISBN 978-3-89771-460-1
  • Waldschmidt, Anne: Verkörperte Differenzen – Normierende Blicke: Foucault in den Disability Studies. In: Kammler, Clemens / Parr, Rolf (Hg.): Foucault in den Kulturwissenschaften – Eine Bestandsaufnahme. Heidelberg: Synchron, 2007, S. 177-198.
  • Waldschmidt, Anne / Schneider, Werner (Hg.): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung: Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld. Bielefeld: transcript, 2007. ISBN 3-89942-486-7

Fachzeitschriften[Bearbeiten]

  • Disability Studies Quarterly; Society for Disability Studies c/o Professor Carol Gill, Department of Disability and Human Development, University of Illinois at Chicago (MC 626). 1640 Roosevelt Road #236, Chicago, IL 60608 – 6904, USA
  • Disability & Society
  • ALTER. European journal of disability research, journal europeen de recherche sur le handicap, Elsevier Masson, Amsterdam (ISSN 1875-0672)

Siehe auch[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

International[Bearbeiten]

Deutschsprachige[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (Verlagsseite)
  2. System der Rehabilitation muss auf den Prüfstand. kobinet-nachrichten. 15. Januar 2010