Diwan (Rat)

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Audienz im Diwan-i-Khas, die dem französischen Botschafter Vicomte d'Andrezel von Sultan Ahmed III. am 10. Oktober 1724 erteilt wurde. Zeitgenössisches Gemälde von Jean-Baptiste van Mour.

Der Dīvān oder Dīwān (Persisch دیوان) war in zahlreichen islamischen Staaten ein hohes Regierungsgremium oder die Bezeichnung für dessen Mitglieder, mitunter auch der formelle Amtstitel höchster Staatsbeamter. Im Osmanischen Reich stellte der Diwan den Hofrat bzw. die Regierung des Sultans dar.

Etymologie: Schrift, Schriftsammlung, Verwaltung[Bearbeiten]

Der Begriff Diwan im Sinne von Orientalischer Staatsrat (türkisch divan von arabisch diwan) ist ursprünglich ein mittelpersisches Wort und bezeichnete schon im vorislamischen Sassanidenreich eine Schriftensammlung, ein Archiv, eine Kanzlei und die gesamte Beamtenverwaltung des Reiches[1]. Die Ursprünge des Wortes lassen sich über altpersisch dipi- (Inschrift, Dokument), babylonisch tuppu (Schrifttafel) bis zum sumerischen dub (Schrifttafel) zurückverfolgen. Im arabischen Kalifat ging es als Lehnwort in die arabische Sprache ein und wurde zuvor bereits in der armenischen Sprache als dīvān (Bündel von Schreibblättern, kleines Buch, Gedichtsammlung, meistens aber Bibelhandschrift, Bibelübersetzung) entlehnt. Von der Bezeichnung leitet sich ebenfalls persisch „debir“ (dt. Schreiber) ab.[2]

Im Neupersischen bezeichnet der Begriff Diwan auch eine Gedichtsammlung mit zunehmend festgelegten tradierten Versnormen. Siehe dazu den Hauptartikel Diwan (Gedichtsammlung) oder die Unterartikel Diwan-e Schams-e Tabrizi und Hafis.

Finanzverwaltung, Steuerverwaltung, Zollverwaltung, Administration[Bearbeiten]

Im islamischen Kalifat taucht „diwan“ erstmals in Beschreibungen des Kalifats von Omar I (634–644 n. Chr.) aus dem 9. Jahrhundert auf. Zu dieser Zeit gelangte im Rahmen der arabischen Eroberungen großer Reichtum nach Medina. Daher wurde ein System zur wirtschaftlichen Verwaltung erforderlich. Dieses System der Erfassungsrollen und der Verwaltung wurde von den Persern unter der Bezeichnung „divan“ übernommen (deren Reich unter Umar erobert wurde). Als die Staatsverwaltung komplizierter wurde, wurde der Begriff auf alle Regierungsämter ausgeweitet.

Die Begriffsbedeutung entwickelte sich über „Schatzbuch“ hin zu „Schatzamt“, „Zollamt“, „Ratskammer“ und weiters zu „Polsterbank, Bettsofa“, die üblicherweise in orientalischen Ratskammern entlang der Wände anzufinden waren (siehe dazu den Hauptartikel Sofa). Noch im 19. Jahrhundert wurde im Osmanischen Reich ein Zollbüro und ein Büro eines Steuerpächters ebenso als Diwan bezeichnet, wie die gesamte Finanzadministration. In der Bedeutung als „Finanzverwaltung“, „Zollverwaltung“ wurde der Begriff schon seit dem Mittelalter in europäische Sprachen übernommen. Die heutigen französischen und spanischen Bezeichnungen douane und aduana für Zoll stammen von diwan.

Ministerien[Bearbeiten]

In einigen islamischen Staaten wurde die aus dem Kalifat, ursprünglich aber aus dem Sassanidenreich stammende Tradition, die Administration als Diwan zu bezeichnen, beibehalten und auf moderne Ministerien übertragen.

Im Sultanat von Marokko basierten zahlreiche Ministerialbezeichnungen auf der Bezeichnung Diwan.

  • Diwan al-Alaf: Kriegsministerium
  • Diwan al-Bar: „See-Ministerium“, d. h. (Übersee) Außenministerium
  • Diwan al-Shikayat (oder -Chikayat): Beschwerdeministerium

Rat, Staatsrat[Bearbeiten]

Seit dem Mittelalter wurde auch das den Herrscher beratende Gremium, das aus den Vorstehern einzelner Ämter bestand, als Diwan bezeichnet.

Außenansicht des Versammlungsgebäudes des Osmanischen Diwan im Topkapi- Palast, Istanbul, 18. Jh.
Innenansicht des Diwan-Raumes des Krimkhanates in der alten Hauptstadt Bachtschyssarai

Der Diwan der Hohen Pforte bildete lange Zeit über den Staatsrat des Osmanischen Reiches. Dieser bestand aus dem Großwesir, der den Sultan in dessen Abwesenheit im Rat vertrat, und anderen Wesiren. Gelegentlich nahm auch der Ağa der Janitscharen diese Rolle ein. In der bosnischen, kroatischen und serbischen Sprache bedeutet das Verb divaniti überdies so viel wie reden, lange erörtern, beratschlagen.[3]. In der Bedeutung von Orientalischer Staatsrat verbreitete sich der Begriff seit dem 16. Jahrhundert auch in anderen europäischen Sprachen.

Auch in anderen muslimischen Staaten, wie im Khanat der Krim und in indischen Staaten wurde das höchste beratende Gremium des Herrschers als Divan bezeichnet. Im Krimkhanat gehörten dem Divan aber nicht nur die Wesire, sondern alle Stammesführer (bey), Geistlichen und hohen Würdenträger des Staates an.

Im Osmanischen Reich wurden die Mitglieder des Hohen Reichssdivans oft auch ehrenhalber Divan angeredet. Auch in einigen indischen Reichen (u. a. Mysore) entwickelte sich der Titel Diwan zu einem formellen Amtstitel spezieller hoher Berater an der Spitze der Verwaltung. Siehe dazu den Hauptartikel Diwan (Titel).

Im Javanesischen und anderen Sprachen ist das mit dieser Bezeichnung verwandte Wort die Standardbezeichnung für „Rat“, wie zum Beispiel bei Dewan Perwakilan Rakyat (dt. Rat der Volksvertreter). Auch im Sikhismus gibt es seit über 100 Jahren einen hohen Rat, der sich mit der Verwaltung sozialer Institutionen, Schulen, Gebäuden und des kulturellen Erbes dieser Religionsgemeinschaft beschäftigt, den „Chief Khalsa Diwan“.

Audienzhallen, Gemeinschaftshallen[Bearbeiten]

In allen muslimischen Reichen mit Hofpersisch als Amtssprache – das waren neben Persien selbst alle muslimischen Staaten in Mittelasien und Indien und auch das Osmanische Reich – erfuhr der Begriff „Diwan“ noch eine weitere Bedeutungsübertragung hin zu einer Audienzhalle und Gemeinschaftshalle.

Das persische Hofzeremoniell kannte die Tradition der Audienzen, bei denen neben dem Herrscher auch der Hohe Rat (Diwan) anwesend war. Die persische Hofkultur unterschied zwischen dem Diwan-i Am (dīwān-i ʿāmm=„öffentliche Rat(saudienz)“), einer Volksaudienz und dem Diwan-i Khass (dīwān-i ḫāṣṣ=„private Rat(saudienz)“), einer Privataudienz für Herrscher, Gesandte und hohe Würdenträger. Bei der Volksaudienz wurden oft schriftliche Bittgesuche und Petitionen überreicht. In der Privataudienz wurde oft länger verhandelt (vgl. auch die Abbildung oben).

Ein Diwan-i Khas im Palast der Großmoguln in Fatehpur Sikri

Für beide Formen der Audienz gab es in den meisten Palästen getrennte Säle, die ebenfalls diese Namen trugen. Der Diwan-i Am war oft wesentlich größer und repräsentativer gestaltet (in Isfahan z. B. mit Juwelen geschmückt). Der Diwan-i Khas war oft deutlich kleiner, schlichter und privater gestaltet.

Weil diese Audienzsäle in der Bevölkerung der Staaten mit hofpersischer Kultur bekannt waren, bildete sich nach dem Mittelalter, spätestens im 18. Jahrhundert, in vielen Regionen die Sitte, prächtige Gemeinschaftshallen ebenfalls als Diwan zu bezeichnen. In dieser Bedeutung als orientalischer Versammlungssaal wurde der Begriff Diwan im Rahmen der westlichen Orienteuphorie des 19. Jahrhunderts auch in viele westliche Sprachen übernommen.

Siehe dazu den Hauptartikel Diwan (Versammlungsort).

Weil solche Gemeinschaftshallen in einigen Regionen rund um den Indischen Ozean nach einer oder mehreren Seiten hin offen sind und damit an einen Iwan (ein klassisches Element der persischen Architektur) erinnern, oft sogar ein Iwan sind, bildete sich in einigen Regionen eine missverständliche volkstümliche Gleichsetzung der beiden ähnlich klingenden ursprünglich persischen Begriffe diwan und iwan, die auch im Westen verbreitet ist. Diese Synonymisierung sollte aber, obwohl sehr verbreitet, als Irrtum vermieden werden, denn die beiden Begriffe bezeichnen sehr verschiedene Dinge: eine traditionelle soziale Institution und ein klassisches Architekturelement.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Josef Wiesehöfer: Das antike Persien. von 560 v. Chr. bis 650 n. Chr. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1998, S. 243ff, ISBN 3-7608-1205-8.
  2. François de Blois, divan in Encyclopedia Iranica
  3. Bratoljub Klaić: Veliki rječnik stranih riječi. Izraza i Kratica. Zora, Zagreb 1972.

Weblinks[Bearbeiten]