Dolf Sternberger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dolf Sternberger (ganz rechts) am 12. April 1949 bei einer Tagung des Deutschen PEN-Zentrums in Hamburg.

Dolf Sternberger (eigentlich Adolf Sternberger[1]; * 28. Juli 1907 in Wiesbaden; † 27. Juli 1989 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Politikwissenschaftler und Journalist.

Sternberger gilt als einer der Begründer der deutschen Politikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Er zählt neben Hannah Arendt, Leo Strauss, Eric Voegelin und anderen Politikwissenschaftlern seiner Generation im weiteren Sinne zu den Vertretern des normativen Ansatzes in der Politikwissenschaft, die er zugleich auch als empirische Wissenschaft verstand (Vogel, 2008). Mit einem Beitrag zum 30. Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes (1979) prägte Sternberger den Begriff Verfassungspatriotismus.

Leben[Bearbeiten]

Sternberger studierte ab 1925 Theaterwissenschaft und Germanistik an den Universitäten Kiel und Frankfurt. 1927 wechselte er an die Universität Heidelberg und besuchte philosophische, soziologische und kunsthistorische Veranstaltungen. Seine Promotion absolvierte Sternberger 1931 bei Paul Tillich in Frankfurt mit einer Arbeit über Martin Heideggers Sein und Zeit.

Sternberger war seit 1927 freier Mitarbeiter, von 1934 bis zu ihrem Verbot 1943 Redakteur der Frankfurter Zeitung. Sternberger, der selbst mit einer Jüdin verheiratet war, benutzte in der von den Nationalsozialisten misstrauisch betrachteten Zeitung eine von ihm so bezeichnete „verdeckte Schreibweise“: beispielsweise umschrieb er die Vernichtung der Juden mit der Fabel vom Wolf und vom Lamm.

Zwischen 1945 und 1948 schrieb er gemeinsam mit Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind Artikel für die Monatszeitschrift Die Wandlung, die er mitbegründet hatte und als deren Herausgeber er fungierte (unter Mitwirkung von Karl Jaspers, Werner Krauss und Alfred Weber). 1957 wurden die Beiträge erstmals unter dem Titel Aus dem Wörterbuch des Unmenschen in Buchform veröffentlicht. Die Artikel untersuchen anhand von 28 Begriffen die Sprache der Nationalsozialisten, die bis in die heutige Zeit wirkt. Sternberger schrieb in seinem Vorwort zur Buchausgabe von 1957: „... Das Wörterbuch des Unmenschen ist das Wörterbuch der geltenden deutschen Sprache geblieben, ...“. Es finden sich u. a. Kommentare zu folgenden Wörtern (bzw. deren spezifische Ausrichtung, also ihren Missbrauch bzw. Gebrauch im Nationalsozialismus): Anliegen, Ausrichtung, Betreuung, charakterlich, durchführen, echt, einmalig, Einsatz, Frauenarbeit, Gestaltung, herausstellen, intellektuell, Kulturschaffende, Lager, leistungsmäßig, Mädel, Menschenbehandlung, organisieren, Problem, Propaganda, querschießen, Raum, Schulung, Sektor, tragbar, untragbar, Vertreter, wissen um, Zeitgeschehen. In der dritten Auflage 1967 enthielt das Wörterbuch 33 Begriffe: Mädel wurde herausgenommen, Auftrag, Härte, Kontakte, Menschen, Ressentiments u. a. wurden hinzugefügt. Vgl. Entmenschlichung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Sternberger 1945 Pressesprecher der Regierung Mittelrhein-Saar. Er gab von 1950 bis 1958 die Zeitschrift Die Gegenwart heraus. Sternberger war Kommentator für den Hessischen Rundfunk und schrieb Leitartikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

1947 übernahm Sternberger einen Lehrauftrag für Politik an der Universität Heidelberg, seit 1951 baute er eine Forschungsgruppe in diesem Fachbereich auf. 1960 erfolgte seine Ernennung zum außerordentlichen, 1962 zum ordentlichen Professor. Sternberger gründete die Politische Vierteljahresschrift (PVS), die offizielle Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW). Sternberger war von 1961 bis 1963 Vorsitzender der DVPW und übernahm im Laufe seines Lebens zahlreiche andere Ehrenämter in Wissenschaft und Kultur. Nach der Auflösung der christlich-liberalen Koalition forderte er gemeinsam mit Richard Freudenberg am 9. November 1966 in einem Aufruf an die Bundestagsabgeordneten die Bildung einer großen Koalition zum Zwecke der Einführung des relativen Mehrheitswahlrechts.

Sternbergers Begriff des Politischen[Bearbeiten]

Als Mitbegründer der deutschen Politikwissenschaft äußerte sich Sternberger auch zu seiner eigenen Auffassung, was das Politische ausmache. So gilt vor allem Sternbergers „Heidelberger Antrittsvorlesung“ als primäres Dokument zu diesem Thema. Er sagte: „Der Gegenstand und das Ziel der Politik ist der Friede. Das Politische müssen und wollen wir zu begreifen versuchen als den Bereich der Bestrebungen, Frieden herzustellen, Frieden zu bewahren, zu gewährleisten, zu schützen und freilich auch zu verteidigen. Oder, anders ausgedrückt: Der Friede ist die politische Kategorie schlechthin. Oder, noch einmal anders ausgedrückt: Der Friede ist der Grund und das Merkmal und die Norm des Politischen, dies alles zugleich.

Ehrungen[Bearbeiten]

1967 erhielt er die Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt. 1989 wurde Dolf Sternberger mit dem Bundesverdienstkreuz in der Stufe Großkreuz geehrt.[2] Sternberger ist auf der Frankfurter Treppe verewigt. 1974 wurde Sternberger mit dem Deutschen Kritikerpreis und dem Großen Verdienstkreuz[3] ausgezeichnet. 1981 erhielt er die Wilhelm-Heinse-Medaille und 1985 den Ernst-Bloch-Preis.

Dolf-Sternberger-Preis[Bearbeiten]

Die 1990 gegründete Dolf Sternberger-Gesellschaft e. V. verleiht seit 1992 in unregelmäßigen Abständen einen „Dolf Sternberger-Preis“ für Verdienste um den „Zusammenhang von Politik und Sprache“.[4] Die bisherigen Preisträger sind Willy Brandt (1992), Martin Walser (1994), Wolfgang Schäuble (1996), Manfred Rommel (1998), Joachim Gauck (2000), Helmut Schmidt (2002), Friedrich Merz (2006), Václav Havel (2007), Norbert Lammert (2010) und Avi Primor (2014).

Schriften[Bearbeiten]

  • Schriften. Insel Verlag, Frankfurt, ab 1977 (Bisher 12 Bände)
    • darunter Band 4 Staatsfreundschaft, mit einem Essay: Die versunkene Stadt. Über Hannah Arendts Idee der Politik.[5]
  • Verfassungspatriotismus. Hannover 1982; auch im Sammelband dsb.: Verfassungspatriotismus. Frankfurt 1990, S. 17 – 31
  • Herrschaft und Vereinbarung. Frankfurt 1980
  • Drei Wurzeln der Politik. 2 Bände. Frankfurt 1978
  • Die Erfindung der „Repräsentativen Demokratie“. In: Theory and Politics – Theorie und Politik. Festschrift zum 70. Geburtstag für Carl Joachim Friedrich. Hrsg. Klaus von Beyme. Den Haag 1971, S. 97 – 126
  • Ich wünschte ein Bürger zu sein. Neun Versuche über den Staat. Frankfurt 1967
  • Grund und Abgrund der Macht. Kritik der Rechtmäßigkeit heutiger Regierungen. Frankfurt 1962
  • Begriff des Politischen. Frankfurt 1961
  • Gefühl der Fremde. Insel-Verlag, Wiesbaden 1958
  • mit Gerhard Storz und W. E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Claassen, Hamburg 1957
  • Über den Jugendstil und andere Essays. Claassen, Hamburg 1957
  • Lebende Verfassung. Studien über Koalition und Opposition. Meisenheim 1956
  • Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert. Goverts, Hamburg 1938
  • Der verstandene Tod. Eine Untersuchung zu Martin Heideggers Existenzialontologie. Leipzig 1934
  • Ernst Jünger, Dolf Sternberger: Briefwechsel 1941–1942 und 1973-80. Mit Kommentaren von Detlev Schöttker und Anja S. Hübner. In: Sinn und Form 4, 2011, S. 448-473 (dazu: Detlef Schöttker: „Gefährlich leben!“ Zum Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Dolf Sternberger. ebd. S. 437-447)
  • Über die verschiedenen Begriffe des Friedens. Stuttgart 1984, ISBN 3-515-04203-2

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dolf Sternberger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Borchard (Hrsg.): Dolf Sternberger zum 100. Geburtstag, S. 11 (PDF-Datei; 515 kB)
  2. Staatsanzeiger Hessen StAnz. 8/1990 S. 306
  3. http://www.dolf-sternberger.de/ueber_dolf_sternberger.html
  4. Liste der Preisträger auf den Webseiten der Dolf Sternberger-Gesellschaft e. V., mit Links zu den Laudationes und Reden der jeweiligen Preisverleihungen. (abgerufen am 12. Februar 2011)
  5. zuerst: Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken, 341, 30. Jg., Oktober, Klett Verlag, Stuttgart 1976: „In Memoriam Hannah Arendt“. S. 935 - 945