Dolmen

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Dolmen (dän. Dysse) in der Nähe von Vinstrup, Nørhald, Dänemark
Vier Dolmen und ein Ganggrab

Ein Dolmen (der Dolmen; bretonisch für „Steintisch“) ist ein in der Regel aus großen, unbehauenen oder behauenen Steinblöcken errichtetes Bauwerk, das zumeist als Grabstätte diente. Dolmen sind die zahlenmäßig häufigsten Bauwerke der Megalithkultur. Sie waren ursprünglich regelmäßig von Hügeln aus Steinen oder Erde oder beidem bedeckt. Es gibt es auch nationale Bezeichnungen für das Phänomen, beispielsweise in Dänemark „Dysse“, in Schweden „Döse“ und in Portugal „Anta“.

Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Religion. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[1]

Polygonaldolmen (schematisch) und von oben gesehen

Verbreitung[Bearbeiten]

Europa, Nordafrika und Orient[Bearbeiten]

Dolmen sind in ganz West- und in Teilen Nord-, Mittel- und Südwest- und Südosteuropas verbreitet, wobei ein gehäuftes Vorkommen in Küstennähe zu beobachten ist (Vendée, Bretagne, Irland, als Antas in Portugal u. a.). Im südöst-, und östlichen Europa kommen sie in Georgien, Südrussland und Thrakien (Bulgarien, Griechenland, Türkei, siehe Dolmen in Thrakien) vor. In Westasien sind sie in der Levante anzutreffen. Eine kleine − weitgehend zerstörte − Gruppe findet sich in Algerien, Tunesien und Marokko.

Dolmenähnlicher Einsiedlertempel in der Umgebung von Badami, Indien

Indien[Bearbeiten]

Vor allem im nördlichen Teil des indischen Bundesstaats Karnataka − in der Umgebung der bedeutenden Tempelstätten von Badami, Aihole und Pattadakal − existieren noch etliche dolmenähnliche Bauten, die oft aus drei oder vier senkrechten Steinplatten und einer oder zwei großen Deckplatten zusammengesetzt waren; die meisten sind jedoch ganz oder teilweise zerstört. Dass es sich bei ihnen um Grabbauten gehandelt hat, ist − angesichts der in Indien seit Jahrtausenden praktizierten Leichenverbrennung − eher unwahrscheinlich. Ein vorderer Verschlussstein mit 'Seelenloch' fehlt, ebenso ein bedeckender Stein- oder Erdhügel; so könnten es auch kleine Einsiedlertempel gewesen sein, denn in einigen wenigen Fällen ist noch eine Yoni-Platte am Boden zu sehen. Eine Datierung in die Zeit von etwa 800−1300 n. Chr. ist somit wahrscheinlich.

Japan und Korea[Bearbeiten]

Dolmen gibt es auch aus der Yayoi-Periode Japans (300 v. Chr. bis 250 n. Chr.). Ein Yayoi Dolmen besteht aus einer ringförmigen Steinsetzung, auf der eine große, etwa runde Steinplatte ruht. Die Bestattung erfolgte in großen Tonkrügen (Krugbestattung). Ein derartiger Dolmen kann mit einer Steinkiste in Verbindung stehen. Diese Kombination ist in Korea öfter anzutreffen. Es wird angenommen, dass durch Einwanderung vom asiatischen Festland her neue Ideen auf die japanische Insel gelangten.

Die Dolmenstätten von Gochang, Hwasun und Ganghwa in Korea wurden im Jahre 2000 als Weltkulturerbe in die Liste des UNESCO-Welterbes (Asien und Ozeanien) aufgenommen.

Namensgebung, Typisierung[Bearbeiten]

Dolmen bei Reinfeld, Schleswig-Holstein
Dolmen im Kaukasus mit 'Seelenloch'
Table des Marchand – Stirnstein mit Báculo-Dekor, Deckstein mit Axtpflug

Der Ausdruck „Dolmen“ wurde von dem in der Bretagne geborenen Théophile Malo Corret de la Tour d’Auvergne (1743–1800) in die Altertumsforschung eingeführt. In der nordischen Megalitharchitektur bezeichnet Dolmen üblicherweise ein Bauwerk mit mehreren Orthostaten (Tragsteinen) und einer oder mehreren Deckplatten. in manchen Ländern beschränkt man den Begriff auf Bauwerke mit nur einem Deckstein (beispielsweise Encyclopedia Britannica).[2] Die Dolmen der Trichterbecherkultur (TBK) werden nach Ewald Schuldt in Deutschland Urdolmen, Rechteckdolmen (nach E. Aner), erweiterter Dolmen (nach E. Schuldt) Großdolmen, Polygonaldolmen und Ganggräber eingeteilt. Die von Schuldt geprägte Bezeichnung ist jünger und wurde gewählt, weil Dolmen dieser Bauart auch flaschen- oder trapezförmig sein können. Die Dänen unterscheiden nach einer anderen Typisierung Langdolmen (dän. langdysse), Runddolmen (dän. runddysse) Großdolmen (dän. stordysse) und Ganggrab (dän. jættestue). Langdolmen (langdysse oder -döse) ist die in Skandinavien gebräuchliche Bezeichnung für Dolmen, die in einem Hünenbett liegen; im Gegensatz dazu liegen Runddolmen (runddysse) in einer runden oder vieleckigen Einfassung.

Funktion[Bearbeiten]

Man nimmt im Allgemeinen an, dass die meisten Dolmen ursprünglich Bestattungszwecken dienten, wobei derart aufwendige Bauten wohl ausschließlich hochrangigen Personen bzw. deren Familien- oder Clanangehörigen vorbehalten waren. Da aber nur in sehr wenigen Dolmen Skelettteile oder Grabbeigaben (Steinäxte, Keramik, Schmuck etc.) gefunden wurden, äußerten mehrere Forscher die Auffassung, dass einige Dolmen vielleicht von vornherein als Kult- oder Versammlungsstätten konzipiert waren oder aber in späterer Zeit entsprechend umgenutzt wurden.

Architektur[Bearbeiten]

Die meisten Dolmen ruhen auf großen aufgerichteten Tragsteinen; die noch größeren und schwereren Deckensteine ragen oft seitlich über Orthostaten hinaus und verleihen dem Bauwerk manchmal das Aussehen eines Tisches. Ihrer tischähnlichen Form wegen wurden Dolmen früher auch als Opfertische, Altarsteine oder Druidenaltäre interpretiert. Die Tragsteine stehen meist nebeneinander und bilden rechteckige, vieleckige, trapezoide oder rundlich-ovale Kammerwände, die Zugang aufweisen können. Es ist wahrscheinlich, dass alle Dolmen nach Ende der Belegung dauerhaft verschlossen wurden. In einigen Fällen hat ein Dolmen mehrere − auch seitliche Grabkammern (Mané Groh). Kammern mit lateralem Zugang sind in der Regel keine Dolmen, sondern werden in Mitteleuropa als Ganggräber bezeichnet, wobei die Abgrenzung nicht einheitlich ist.

Die Größe dieser Bauten wechselt je nach Region und vorhandenem Material; die größten Dolmen sind in der Bretagne (La Roche-aux-Fées, Gavrinis, Table des Marchand, Les Pierres-Plates, Mané Lud), in England (West Kennet Long Barrow), im Emsland (De hoogen Stener,) in Irland (Newgrange) und in Spanien (Antequera) zu finden. Dolmen sind heute oft freistehend, da die kleineren Steine des Grabhügels in früheren Zeiten von den Bewohnern der Umgebung abgetragen und zum Bau von Mauern, Stallungen, Wohnhäusern etc. genutzt wurden; selten ragen sie aus einem um sie angeschütteten Hügel hervor, oder sie sind ganz mit einem Stein- oder Erdhügel bedeckt, was ihrem ursprünglichen Zustand entspricht. Vielfach stehen die Tragsteine größerer Monumente so nahe beieinander, dass der tischähnliche Charakter verschwindet und ein kammerähnlicher Raum entsteht. In der Bretagne gleichen Anlagen mehr einem Gang; man nennt diese Form allée couverte (bedeckte Steinreihe oder Galerie).

Pseudodolmen[Bearbeiten]

Pseudodolmen sind natürliche Felsformationen, die ein dolmenartiges Aussehen aufweisen (Dolmen di Avola, Dolmen von Chevresse, Dolmen van Solwaster, May-en-Multien, Pierre au Rey, Schnellert, Sparossino) und teilweise auch wie Dolmen genutzt wurden.[3]

Ornamentik[Bearbeiten]

Während die meisten Menhire und Cromlechs undekoriert waren, findet sich an einigen Dolmen (vor allem im Gebiet des Golf von Morbihan) eine reichhaltige Ornamentik (Gavrinis, Les Pierres-Plates, Mané Lud). Typische Motive sind Spiralen und konzentrische Halbkreise, die als abstrahierte Sonnensymbole gedeutet wurden, aber auch Steinäxte, Axtpflüge etc. sind vereinzelt zu sehen. Besonders markant und außergewöhnlich ist das Dekor des Hauptsteins der Table des Marchand in Locmariaquer mit einer Vielzahl von hakenartigen Motiven (Báculos), die als Sonnenstrahlen oder Ähren gedeutet wurden.

Dolmen in Frankreich[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marcel Baudouin: Le pseudo-dolmen de May-en-Multien (S.-et-M.). Comment on diagnostique un Mégalithe funéraire 1908
  • Jacques Briard: Die Megalithen der Bretagne. Éditions Gisserot 2000, ISBN 2-87747-065-2
  • Wolfgang Korn: Megalithkulturen. Rätselhafte Monumente der Steinzeit. Konrad Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1553-7
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Beier & Beran, Langenweißbach 2003, ISBN 3-930036-70-3 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. 36)
  • Dieter Werkmüller: Dolmen. In: Albrecht Cordes, Heiner Lück, Dieter Werkmüller, Ruth Schmidt-Wiegand (Hrsg.): Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. Band 1: Aachen – Geistliche Bank. 2. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-503-07912-4, Sp. 1097–1099
  • Udo Worschech: Cromlechs, Dolmen und Menhire. Vergleichende Studien zu vor- und frühgeschichtlichen Grabanlagen in Jordanien. Peter Lang, Frankfurt 2002.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dolmen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009, S. 15
  2. http://www.britannica.com/EBchecked/topic/168304/dolmen, abgerufen 3. Januar 2012
  3. Der Begriff „Pseudo-Dolmen“ steht für die Beschreibung von Formationen in Form von Dolmen, die z. B. auf Sizilien gefunden werden. Die Terminologie wurde von Sebastiano Tusa, Leiter der Archäologie auf Sizilien, eingeführt.