Dominionismus

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Als Dominionisten wird in der Presse ein Teil der Anhängerschaft des Christlichen Fundamentalismus in den USA bezeichnet. In der Fachliteratur ist teilweise eher der politisierte Flügel der orthodoxen Kreise innerhalb der calvinistischen Bewegung in den USA gemeint.

Der harte Flügel der Dominionisten will einen qualifiziert dominierenden Einfluss über den weltlichen Staat erreichen. Dies kann geschehen durch einen Gottesstaat oder einen Staat, der in einigen Schlüsselbereichen wesentlich nach den Vorstellungen bestimmter Interessengruppen gestaltet ist.

Beim Dominionismus geht es um die Verschmelzung oder die starke Aneinanderbindung von Staat und Christentum zu einem einheitlichen oder in wesentlichen Punkten voneinander abhängigen Machtapparat wie beim Konstantinismus als Folge der konstantinischen Wende.[1]

Begriff[Bearbeiten]

Der Dominionismus ist auch als Dominion Theology oder – in der Selbstbezeichnung der Anhänger einer spezifischen dominionistischen Denkrichtung – als Christian Reconstructionism bekannt. Die genaue Bedeutung und Anwendung des Begriffes wird unterschiedlich gehandhabt. In der Literatur tauchen Dominionismus und Christian Reconstructionism teilweise als austauschbare Begriffe auf;[2] Dominionismus ist jedoch eher der Oberbegriff, während Christian Reconstructionism ein von der Chalcedon Foundation propagiertes Gedankenmodell des christlichen Dominionismus darstellt. Der Begriff Dominionismus wurde in den 1980er Jahren von der Soziologin Sara Diamond geprägt[3] und nicht im konservativen oder religiösen Umfeld verwendet. 1986 und 1987 benutzte der evangelikale Autor Albert James Dager in seinem Essay Kingdom Theology die Begriffe Kingdom now theology und Dominion Theology.[4] In der Literatur tauchen im Zusammenhang mit Dominionismus auch die Begriffe Triumphalismus und Theonomie[5] auf, im Umfeld des charismatischen Protestantismus auch der Begriff Kingdom-Now-Theology (Reich-Gottes-Jetzt-Theologie).

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Essayistin Katherine Yurica vermutet, dass in den USA potentiell 35 Mio. Menschen irgendein Modell von christlichem Dominionismus befürworten.[6] Der Dominionismus hat die Tea-Party-Bewegung wesentlich mitbeeinflusst.[7] Auch wurden die republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry und Michele Bachmann mit dem Dominionismus in Verbindung gebracht. Im Fall von Perry spielte dabei ein spezielle Version des „Seven Mountains Dominionism“ eine Rolle. Dieser gibt vor, dass dem Dominionismus nahestehende Christen in sieben wesentlichen gesellschaftlichen Sektoren die Kontrolle erlangen müssen.[8] Diese sieben Sektoren sind Regierung, Geschäftswelt, Medien, Kunst und Unterhaltung, Bildung, Familie und Religion.[9]

Die Reich-Gottes-Jetzt-Theologie als Variante des Dominionismus wird als Produkt der charismatischen Latter-Rain-Bewegung angesehen, die innerhalb der amerikanischen Pfingstbewegung stark kritisiert wurde. Aus der Latter-Rain-Bewegung ging die New-Apostolic-Reformation-Bewegung hervor.[10]

Als falsch gilt die Ansicht, dass jeder konservative Evangelikale der USA ein Teil der Religiösen Rechten sei. Als ebenfalls veraltet gilt die Ansicht, dass jeder Christ der Religiösen Rechten der USA ein Dominionist sei.[11]

Marcia Pally hat für die 1980er und 1990er Jahre beobachtet, dass Führungskräfte der evangelikalen Mitte bei ihren politischen Denkansätzen sowohl der allgemeinen demokratischen Richtung wie der dominionistischen Richtung gefolgt sind.[12]

Kritik[Bearbeiten]

In der weltlichen wie in der kirchlichen Literatur gibt es viele kritische Stimmen. Einige Christen bezeichnen den Dominionismus als antichristlich.[13] Durch sein postmillenaristisches Endzeitverständnis steht der christliche Dominionismus im Widerspruch zum Evangelikalismus, in dem ein prämillenaristisches Endzeitverständnis vorherrscht.

Der charismatische Flügel des Dominionismus wird in der Kritik u.a. auf die Sphären-Lehre des niederländischen Theologen Abraham Kuyper zurückgeführt. Die konsequente Anwendung der kuyperschen Lehren könne zu einem umfassenden Despotismus im Namen Jesu Christi führen.[14]

Das Betonen der geistlichen Kampfführung in der charismatischen Bewegung wird von traditionell anticharismatischen Kritikern als Aufforderung zur militanten Gewalt interpretiert, da einzelne Autoren die geistlichen Visionen mit politischen Absichten vermengten. Dadurch würden auch Bewegungen als dominionistisch im Sinne des Neo-Konstantinismus eingestuft, die damit nichts zu tun hätten, sondern sich auf rein geistliche Ziele beschränkten.[15]

Dominionismus außerhalb des Christentums[Bearbeiten]

Im Judentum gibt es die theologisch liberale dominionistische Strömung Rekonstruktionismus, die in den USA durch die Jewish Reconstructionist Federation propagiert wird.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Erdmann: Der Griff zur Macht. Betanien, Oerlinghausen 2011, ISBN 978-3-935558-97-6, S. 20f.
  2. Christian Reconstructionism, etc. Definitions and brief description; Political and religious program (abgerufen am: 6. März 2012).
  3. Dominionism (abgerufen am: 10. März 2012).
  4. Exposing religious fundamentalism in the US (abgerufen am: 10. März 2012).
  5. The Creed of Christian Reconstructionism (abgerufen am: 10. März 2012).
  6. Yurica Report News Intelligence Analysis der Yurica & Associates, Bellingham WA 2004 (abgerufen am: 7. März 2012).
  7. Nuts and Dolts, Washington DC 2011 (abgerufen am: 7. März 2012).
  8. Michelle Goldberg, "A Christian Plot for Domination?" The Daily Beast, 14. August 2011 (zugegriffen am 11. Juni 2012)
  9. Rachel Tabachnick, "The Evangelicals Engaged in Spiritual Warfare", National Public Radio, 24. August 2011, (zugegriffen am 11. Juni 2012)
  10. Inside the Christian Right Dominionist Movement That's Undermining Democracy in US (abgerufen am: 10. März 2012).
  11. Inside the Christian Right Dominionist Movement That's Undermining Democracy in US (abgerufen am: 10. März 2012).
  12. Marcia Pally: Die Neuen Evangelikalen. Berlin University Press, Berlin 2010, ISBN 978-3-940432-93-3, S. 66-67.
  13. Der Dominionismus (abgerufen am: 10. März 2012).
  14. Martin Erdmann: Die Neo-Kuyperianischen Sphären. In: Gemeindegründung. Nr. 98, 2/2009, S. 28-30 (abgerufen am: 10. März 2012; PDF; 248 kB)
  15. Martin Erdmann: Der Griff zur Macht. Betanien, Oerlinghausen 2011, ISBN 978-3-935558-97-6, S. 53f.