C/1858 L1 (Donati)

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C/1858 L1 (Donati)
Komet Donati am 5. Oktober 1858
Komet Donati am 5. Oktober 1858
Eigenschaften des Orbits (Animation)
Epoche: 8. Oktober 1858 (JD 2.399.960,5)
Orbittyp langperiodisch
Numerische Exzentrizität 0,9963
Perihel 0,578 AE
Aphel 311,7 AE
Große Halbachse 156,1 AE
Siderische Umlaufzeit ~1951 a
Neigung der Bahnebene 117,0°
Periheldurchgang 30. September 1858
Bahngeschwindigkeit im Perihel 55,3 km/s
Geschichte
Entdecker Giambattista Donati
Datum der Entdeckung 2. Juni 1858
Ältere Bezeichnung 1858 VI
Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten von JPL Small-Body Database Browser. Bitte auch den Hinweis zu Kometenartikeln beachten.

C/1858 L1 (Donati) war ein Komet, der im Jahr 1858 mit dem bloßen Auge gesehen werden konnte. Er wird aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt.

Entdeckung und Beobachtung[Bearbeiten]

Am Abend des 2. Juni 1858 entdeckte Giambattista Donati in Florenz mit einem Teleskop einen unscheinbaren Kometen. Die Nachricht über die Entdeckung verbreitete sich schnell unter den europäischen Astronomen, aber in den Vereinigten Staaten erfolgten noch am 30. Juni und 7. Juli unabhängige Entdeckungen. Die Helligkeit des Kometen nahm beständig zu, aber Anfang August wurde der Komet in der Abenddämmerung zunächst immer schwieriger zu beobachten.

Mitte August verbesserte sich die Beobachtungssituation wieder und der Komet wurde zu dieser Zeit auf eine Helligkeit von 4,5 mag geschätzt. Die ersten Beobachtungen mit bloßem Auge gelangen wahrscheinlich Karl Christian Bruhns in Berlin am 28. August und am 2. September, als die Helligkeit 3 bis 4 mag betrug. Zwei Wochen später am 17. September später hatte sie bereits 1,4 mag erreicht.

Im September begann sich auch ein Schweif zu entwickeln, der von 1° Länge am 1. September bis zu 25° Länge am Monatsende anwuchs. Der Schweif selbst zeigte ab 8. September deutliche Querstreifen (Striae) und war leicht gekrümmt. Die Helligkeit des Kometen betrug von Ende September bis Mitte Oktober um 0 mag, und zwischen 22. September und 8. Oktober wurde der Komet von mehreren Beobachtern, darunter Johann Heinrich Mädler, Karl Christian Bruhns, Johann Friedrich Julius Schmidt, George Phillips Bond und William Rutter Dawes sogar mit Teleskopen am Taghimmel gesehen.

William Turner: Donati's Comet

Nach dem Periheldurchgang entwickelte der Komet neben dem gekrümmten Staubschweif auch einen geraden Plasmaschweif von immer größerer Länge, die am 6. Oktober 40° betrug. Auch der Staubschweif erreichte am 11. Oktober zur Zeit der größten Annäherung des Kometen an die Erde eine solche Länge, während seine Breite 10 bis 16° erreichte. Danach nahm die Schweiflänge rapide ab und erreichte am 17. Oktober gerade noch 5°.

Der Komet wurde auch von zahlreichen Entdeckern, Reisenden und Abenteurern rund um die Welt gesehen. David Livingstone beobachtete den Kometen während seines Aufenthalts in Mosambik und beschrieb die Reaktion der Eingeborenen auf den Anblick. James Hector beobachtete den Kometen am 11. September auf einer Expedition in Kanada und Francis Leopold McClintock am 14. September auf einer Arktis-Expedition.[1] Zwischen 7. Oktober und 5. November berichteten auch chinesische Astronomen von einem Kometen in Gestalt eines großen „Besensterns“.

Ab Mitte Oktober konnte der Komet schließlich bevorzugt von der Südhemisphäre aus beobachtet werden, aber seine Helligkeit betrug gegen Ende Oktober nur noch etwa 4 mag. Die letzte Beobachtung mit bloßem Auge gelang am 11. November. Teleskopisch konnte der Komet noch bis zum 4. März 1859 am Kap der Guten Hoffnung beobachtet werden.[2][3]

Der Komet erreichte am 7. Oktober eine Helligkeit von 0 bis 1 mag.[4]

Auswirkungen auf den Zeitgeist[Bearbeiten]

William Dyce: Pegwell Bay, Kent - a Recollection of October 5th 1858

Donati war nach Ansicht vieler Zeitgenossen einer der beeindruckendsten und schönsten Kometen (wenn auch nicht der spektakulärste) des 19. Jahrhunderts.[2] Der äußerst helle Komet hatte einen anmutig geschwungenen Schweif und inspirierte etliche Gemälde, Lyrik und Satire, insbesondere in Großbritannien und Frankreich. In Fernost lassen sich insbesondere Einflüsse auf die Gesellschaften in Siam und Japan feststellen.

Der Komet Donati war ein echtes Medienereignis zu seiner Zeit und war während September und Oktober 1858 häufig in den Nachrichten. Zeitungen und populäre Magazine berichteten über die Faszination und Aufregung, die die Erscheinung des Kometen in der europäischen Gesellschaft auslöste. Sie lieferten auch astronomische Informationen, während satirische Magazine sich über die Kometen-Ekstase lustig machten, die Großbritannien und Frankreich überzog. Der Komet hinterließ auch Eindrücke in den Werken oder Tagebüchern von Schriftstellern wie Charles Dickens, Nathaniel Hawthorne und Jules Verne.

Unter den vielen Gemälden, die durch das Erscheinen des Kometen beeinflusst waren, ist William Dyces eindringliche Meditation über die Zeit Pegwell Bay, Kent - a Recollection of October 5th 1858 erwähnenswert. Es zeigt mehrere Mitglieder seiner Familie in dem beliebten Ferienort bei Ramsgate beim Muschelsammeln. Über der Szene ist der kaum sichtbare Schweif des Kometen Donati wiedergegeben.

Auch William Turner aus Oxford, ein guter Beobachter von Naturphänomenen, schuf mit Donati’s Comet ein überwältigendes Werk, das Kurzlebigkeit und Zeitlosigkeit in sich vereint.

König Mongkut von Siam, ein Gelehrter, der astronomische Berechnungen durchführen konnte, beobachtete auch den Kometen und versuchte die abergläubischen Befürchtungen seines Volks durch öffentliche Reden auszumerzen. Auch in Japan wurde der Komet umfassend beobachtet und sowohl als böses Vorzeichen gedeutet, da er in einer schwierigen Zeit erschien, als auch als ein Vorbote besserer Zeiten.[1]

Der Komet inspiriert bis heute auch die Namensgeber von Rennpferden. Ein in Irland gezogener Wallach wurde 2006 „Donatis Comet“ genannt.[5]

Wissenschaftliche Auswertung[Bearbeiten]

Gegen Ende September 1858 begann eine neue Ära in der Kometenforschung als zum ersten Mal photographische Aufnahmen eines Kometen gemacht wurden. Dies gelang dem englischen Photographen William Usherwood mit Hilfe seiner Porträt-Kamera am 27. September 1858, und eine Nacht später auch dem amerikanischen Astronomen William Cranch Bond am Harvard-College-Observatorium. Die Aufnahmen auf Kollodiumplatten zeigten nur die helleren Regionen der Koma und Teile des Schweifs. Erst im Jahre 1881 wurde wieder ein Komet photographiert.[6]

Zeichnung der Koma des Kometen Donati

Ein besonderes Merkmal dieses Kometen, was nur teleskopisch gesehen werden konnte, war der Reichtum an Details in der inneren Koma. Am 15. September 1858 wurde zuerst von Wilhelm Foerster etwas beobachtet, was er als „eine deutliche Ausströmung“ beschrieb. Auch Arthur von Auwers beobachtete in der ersten Oktoberhälfte ein „Büschel oder Fächer“, der vom Kometenkern in Richtung Sonne ausging. Zur gleichen Zeit wurden auch sechs oder sieben Hüllen um den Kometenkern beobachtet, die sich in die Koma auszubreiten schienen, und von innen nach außen schwächer wurden.

Eine mögliche Erklärung dafür konnte erst mit neuen Erkenntnissen über den Aufbau von Kometen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefunden werden. Man vermutet, dass an einer Stelle des Kometenkerns die relativ inaktive Oberfläche durch irgendeinen Vorgang aufgebrochen und dadurch tiefere Regionen freigelegt wurden. Durch die Rotation des Kometen wurde diese Stelle periodisch der Sonneneinstrahlung ausgesetzt und reagierte in dieser Zeit mit heftiger Ausgasung. Die sich wegbewegenden Gaswolken wurden durch die Rotation des Kometen zu Spiralarmen geformt und durch den Sonnenwind zu sich ausdehnenden Hüllen weggeweht. Der Astronom Fred Whipple errechnete ausgehend von diesen Beobachtungen eine Rotationsperiode des Kometenkerns von etwa 4 ½ Stunden. Diese Rotation wäre ungewöhnlich schnell und könnte irgendwann dazu führen, dass der instabile Kometenkern durch die Fliehkräfte nach und nach auseinandergerissen wird.[2]

Umlaufbahn[Bearbeiten]

Komet Donati und Erdbahn 1858

Für den Kometen konnte aus den Beobachtungsdaten über einen Zeitraum von 270 Tagen durch George William Hill eine elliptische Umlaufbahn bestimmt werden, die um rund 117° gegen die Ekliptik geneigt ist.[7] Der Komet läuft damit im gegenläufigen Sinn (retrograd) wie die Planeten durch seine Bahn. Im sonnennächsten Punkt der Bahn (Perihel), den der Komet am 30. September 1858 durchlaufen hat, befand er sich mit etwa 86,5 Mio. km Sonnenabstand im Bereich zwischen den Umlaufbahnen des Merkur und der Venus. Am 10. Oktober erreichte er mit 0,54 AE/80,5 Mio. km die größte Annäherung an die Erde, acht Tage später ging er in nur 13,2 Mio. km Entfernung an der Venus vorbei und passierte schließlich am 31. Oktober den Mars in 89,2 Mio. km Abstand.

Der Komet bewegt sich auf einer extrem langgestreckten elliptischen Bahn um die Sonne, die fast senkrecht zu den Bahnen der Planeten steht. Nach den mit einer gewissen Unsicherheit behafteten Bahnelementen könnte er im Altertum bereits um das Jahr –107 erschienen sein. Bei der letzten Passage durch das innere Sonnensystem im Jahr 1858 wurde seine Bahnexzentrizität geringfügig um 0,00035 und seine Große Halbachse von etwa 157 AE auf etwa 145 AE verringert, so dass sich seine Umlaufzeit deutlich verkürzte. Wenn er um das Jahr 2730 den sonnenfernsten Punkt (Aphel) seiner Bahn erreicht, wird er etwa 43,2 Mrd. km von der Sonne entfernt sein, fast 289-mal so weit wie die Erde und über 9 ½-mal so weit wie Neptun. Seine Bahngeschwindigkeit im Aphel beträgt nur etwa 0,10 km/s. Der nächste Periheldurchgang des Kometen wird möglicherweise um das Jahr 3600 stattfinden.[8]

In jüngerer Zeit wurden durch Richard L. Branham unter Verwendung von über 2000 Beobachtungsdaten zwischen Juni 1858 und März 1859 und unter Berücksichtigung der Störeinflüsse aller Planeten und weiterer moderner mathematischer Verfahren neue und verbesserte Bahnelemente für den Kometen berechnet. Seine ermittelten Werte betragen für die Große Halbachse 154,9 AE und die Umlaufzeit 1927 a. Nach seinen Berechnungen wird der Komet im Jahr 3759 die Erde wieder in einer Entfernung von 0,84 AE passieren.[9]

Der Komet in der Lyrik[Bearbeiten]

The great comet of 1858
Then came the climax! Oh that glorious hour!
The mighty Comet in its pride of power!
No sight like that had ever met my gaze!
No sight like that will living man amaze!
Beautiful vision! Feathery, graceful, bright,
A starry diamond in a veil of light!

Alexander J. D. D’Orsey


La comète de 1858
Mystérieux navire au sillage de flamme,
Tu glisses dans les airs sans boussole et sans rame:
...
Oh! parmi les mortels, qui nous fera connaître
La nature, le fond, l’essence de ton être?
Chacun, sur ton passage accourant ici-bas,
Te regarde, t’admire, et ne te comprend pas.

Henri Calland

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b A. Gasperini, D. Galli, L. Nenzi: The worldwide impact of Donati’s comet on art and society in the mid-19th century. In: The Rôle of Astronomy in Society and Culture Proceedings IAU Symposium, No. 260, 2011, S. 340–345 (PDF; 213 kB).
  2. a b c D. A. J. Seargent: The Greatest Comets in History: Broom Stars and Celestial Scimitars. Springer, New York 2009, ISBN 978-0-387-09512-7, S. 131–136.
  3. G. W. Kronk: Cometography - A Catalog of Comets, Volume 2. 1800–1899. Cambridge University Press, 2003, ISBN 0-521-58505-8, S. 268–276.
  4. Donald K. Yeomans: NASA JPL Solar System Dynamics: Great Comets in History. Abgerufen am 17. Juni 2014 (englisch).
  5. the-racehorse.com. Abgerufen am 11. September 2014 (englisch).
  6. J. M. Pasachoff, R. J. M. Olson, M. L. Hazen: The earliest comet photographs: Usherwood, Bond, and Donati 1858. In: Journal for the History of Astronomy, XXVII, 1996, S. 129–145 (PDF; 2,48 MB).
  7. NASA JPL Small-Body Database Browser: C/1858 L1. Abgerufen am 4. September 2014 (englisch).
  8. SOLEX 11.0 von A. Vitagliano. Abgerufen am 2. Mai 2014 (englisch).
  9. Richard L. Branham: A new orbit for comet C/1858 L1 (Donati). In: Astronomische Nachrichten, Vol. 335(2), 2014, S. 135–141.