Donna Leon

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Dieser Artikel behandelt die Schriftstellerin. Zur gleichnamigen Fernsehserie siehe Donna Leon (Fernsehserie).
Donna Leon, 2010
Unterschrift der Schriftstellerin, 2007

Donna Leon [ˈdɒnə ˈliːɒn][1] (* 28. September 1942 in Montclair, New Jersey) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, die seit 1981 in Venedig lebt. Bekannt ist die Autorin für ihre Kriminalromane über den venezianischen Polizisten Commissario Guido Brunetti.[2]

Leben[Bearbeiten]

Das Teatro La Fenice, der Handlungsort ihres Debütromans

Donna Leon ist Autorin von Kriminalromanen, die in ihrem Wohnort Venedig spielen. Nach dem Studium in ihrer Heimat, in Siena und Perugia unterrichtete sie Englisch und englische Literatur. Anschließend arbeitete sie als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London, später unterrichtete sie an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran (bis 1979), in China und neun Monate[3] in Saudi-Arabien. Von 1981 bis 1995[3] war sie an der Außenstelle der Universität Maryland auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Vicenza tätig.

Ihre Dissertation über Jane Austen konnte sie nicht abschließen, da der Entwurf, die Bücher und alle Notizen, an denen sie fünf Jahre lang gearbeitet hatte, 1979 während der Flucht vor der islamischen Revolution im Iran verlorengingen.[3]

„Das ist wahrscheinlich das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist. Wenn ich das Konzept nicht verloren hätte, hätte ich die Doktorarbeit beendet und mein Leben als Akademikerin zugebracht.“

Donna Leon im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung[4]

Die Idee zu ihrem ersten Buch kam ihr 1992 während eines Opernbesuchs im Teatro La Fenice in Venedig. Bei einer Unterhaltung mit dem Dirigenten Gabriele Ferro und seiner Frau wurden Anekdoten und Klatsch über den verstorbenen Stardirigenten Herbert von Karajan und dessen Tod ausgetauscht.[5][4]

„Ich fand das eine interessante Art, einen Kriminalroman zu beginnen. Und da dachte ich, ich schreibe mal einen.“

Donna Leon im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung[4]

Hieraus entstand ihr Debütroman Venezianisches Finale mit dem Ermittler Guido Brunetti, der im ersten Fall den Mord an dem deutschen Stardirigenten Helmut Wellauer aufklärt. Der Roman erschien 1992 unter dem Titel Death at La Fenice bei Random House in New York, die deutsche Übersetzung wurde 1993 im Diogenes Verlag veröffentlicht. In Deutschland ist Leon seitdem eine Bestsellerautorin. Die Brunetti-Romane, die in einem regelmäßigen jährlichen Rhythmus erscheinen, führen stets die deutschen Bestsellerlisten an. Leons Romane wurden in 35 Sprachen übersetzt und in zahlreichen Ländern veröffentlicht. Auf ihren Wunsch hin erscheinen ihre Bücher aber nicht auf Italienisch,[6] damit die Venezianer, von denen sie ihre Geschichten und Anregungen hat, weiter unvoreingenommen mit ihr umgehen[7][8] und weil sie in Venedig unerkannt ein normales Privatleben leben will.[4]

Im Jahre 2003 erhielt sie den unter anderen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Landesverband Bayern), der Bayerischen Staatskanzlei und dem Bayerischen Rundfunk getragenen Internationalen Buchpreis Corine in der Sparte Belletristik. Ihre Leidenschaft gilt der barocken Oper, nach eigenen Angaben besucht sie fast jede wichtige Inszenierung in Europa.[7] Besonders mag sie die Werke von Georg Friedrich Händel.

Die Brunetti-Romane[Bearbeiten]

Der Held in Donna Leons Kriminalromanen ist der Venezianer Commissario Guido Brunetti. Der kultivierte, feinfühlige und bescheidene Polizist und Sympathieträger leidet darunter, das Böse nicht aus der Welt schaffen zu können. Seine Frau Paola ist die Tochter eines Conte aus der Familie Falier, einer der ältesten Familien Venedigs. Sie arbeitet, ähnlich wie die Autorin selbst, als Professorin für englische Literatur und ist vom Geist der 68er-Bewegung beseelt. Ihre heranwachsenden Kinder Raffaele und Chiara entwickeln in den Romanen einen menschenfreundlichen Enthusiasmus, der mit der korrupten und grausamen Welt des Verbrechens kontrastiert.

Die Brunettis leben in einer weiträumigen Wohnung nahe der Kirche San Polo. Sie befindet sich im vierten Stock und besitzt eine große Dachterrasse. Paola und die Kinder haben ein inniges Verhältnis zu den Schwiegereltern. Dagegen ist Guidos Verhältnis zu seinem Schwiegervater Orazio Falier immer etwas steif. Jedoch ist der Conte für Guido ein wichtiger Informant, wenn es um die gesellschaftlichen, geschäftlichen und politischen Hintergründe der Stadt geht.

Komische Figur der Romane ist Brunettis Vorgesetzter Vice-Questore Giuseppe Patta. Der ungeschickte, eitle und opportunistische Polizeichef von Venedig ist meistens anderer Meinung als Brunetti. Seine größte Sorge bei gemeldeten Todesfällen sind der Imageschaden für die Stadt Venedig und der Schaden für den Tourismus. Er würgt daher gerne weitergehende Ermittlungsersuchen von Brunetti in verdächtigen Fällen ab und zeigt sich nur selten einsichtig, wenn Brunetti am Ende den Fall auf seine Weise aufgeklärt hat. Weitere Hauptfiguren sind der loyale und umweltbewusste Sergente Lorenzo Vianello (seit dem elften Roman Ispettore und mit Brunetti per Du) und Vice-Questore Pattas moderne und attraktive Sekretärin Elettra Zorzi. Signorina Elettra ist nebenbei Computerspezialistin und bringt Brunetti immer wieder mit ihren sehr erfolgreichen, aber fragwürdigen Recherchen in Gewissenskonflikte. Jedoch ist Brunetti oft auf die so außerhalb legaler Kanäle beschafften Informationen angewiesen.

Als weiterer Kontrapunkt zu diesen Figuren treten die Polizisten Tenente Scarpa, Sergente Alvise und Sergente Riverre auf, die sich trotz eigener Beschränktheit, dem Hang zur Vorschriftenabhängigkeit und gelegentlichem Übereifer einer gewissen Wertschätzung seitens des Vice-Questore erfreuen, von Brunetti, Vianello und Elettra aber nicht gemocht werden.

Weitere regelmäßig in den Romanen auftretende Charaktere sind der Pathologe Ettore Rizzardi − ein ruhiger Zeitgenosse, der stets elegant gekleidet ist und in seinen Autopsieberichten einen Hang zur wortgewandten Prosa hat − sowie der Bootsführer Foa, der Brunetti regelmäßig mit dem Polizeiboot der Questura zu den Ermittlungsorten fährt.

Brunetti findet immer den Täter und seine Hintermänner, allerdings kommen diese meist ungeschoren davon, weil sie über ein weitreichendes Beziehungsgeflecht verfügen. Manchmal kann auch der Täter nicht bestraft werden, weil raffinierte juristische Winkelzüge ihn als unzurechnungsfähig hinstellen.

Donna Leon nimmt in ihre Romane aktuelle Themen auf, wie sie in den Zeitungen diskutiert werden: Bestechung in Behörden, Umweltskandale, Rauschgiftverkauf an Jugendliche, Umgang mit Asylanten, Sextourismus oder sexueller Missbrauch von Kindern. Außerdem setzt sie sich kritisch mit der Art und Weise auseinander, wie sich Venedig zunehmend zum Nachteil der Einheimischen verändert, z. B. die Einkaufssituation. Läden für den täglichen Bedarf der Menschen verschwinden, etwa Bäckereien oder Schumacher. Sie werden ersetzt durch Geschäfte, die Dinge wie Masken oder Plastikgondeln für Touristen anbieten und die kein Venezianer brauchen kann.[9]

Questura in Venedig, der Arbeitsplatz von Commissario Brunetti.

Donna Leon beschreibt Venedig in ihren Romanen so detailliert, dass sämtliche Schauplätze mit Hilfe eines Stadtplanes genau recherchiert werden können.[10] Mittlerweile sind ein Stadtplan und ein Brettspiel erschienen, welche die Schauplätze der Brunetti-Romane zum Thema haben. Gleichzeitig ist auch die venezianische Küche immer wieder Thema in ihren Romanen, wobei die Brunettis meistens selber kochen und zu Hause essen, anstatt auswärts essen zu gehen. Dank der Rezeptsammlung Bei den Brunettis zu Gast können die Dreigang-Menüs von Brunettis Frau Paola sogar nachgekocht werden. Die Dachterrasse ihrer Wohnung liegt am Zusammenfluss von Canal Grande und Rio di San Polo. Auf der anderen Seite des Rios fällt der Blick auf die Terrasse des Palazzo Barbarigo della Terrazza.

Auszeichnungen für die Brunetti-Romane[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Die Brunetti-Romane[Bearbeiten]

Die deutschen Buchausgaben sind alle im Zürcher Diogenes Verlag erschienen, zuerst als Hardcover, dann als Taschenbuch (detebe).

  • Venezianisches Finale. Commissario Brunettis erster Fall (Death at La Fenice, 1992), Zürich 1993, ISBN 3-257-22780-9
  • Endstation Venedig. Commissario Brunettis zweiter Fall (Death in a Strange Country, 1993), Zürich 1995, ISBN 3-257-22936-4
  • Venezianische Scharade. Commissario Brunettis dritter Fall (The Anonymous Venetian, US-Titel: Dressed for Death, 1994), Zürich 1996, ISBN 3-257-22990-9
  • Vendetta. Commissario Brunettis vierter Fall (A Venetian Reckoning, US-Titel: Death and Judgment, 1995), Zürich 1997, ISBN 3-257-23100-8
  • Acqua alta. Commissario Brunettis fünfter Fall (Acqua Alta, 1996), Zürich 1997, ISBN 3-257-23118-0
  • Sanft entschlafen. Commissario Brunettis sechster Fall (The Death of Faith, US-Titel: Quietly in Their Sleep, 1997), Zürich 1998, ISBN 3-257-23139-3
  • Nobiltà. Commissario Brunettis siebter Fall (A Noble Radiance, 1998), Zürich 1999, ISBN 3-257-23260-8
  • In Sachen Signora Brunetti. Der achte Fall (Fatal Remedies, 1999), Zürich 2000, ISBN 3-257-23311-6
  • Feine Freunde. Commissario Brunettis neunter Fall (Friends in High Places, 2000), Zürich 2001, ISBN 3-257-23339-6
  • Das Gesetz der Lagune. Commissario Brunettis zehnter Fall (A Sea of Troubles, 2001), Zürich 2002, ISBN 3-257-23379-5
  • Die dunkle Stunde der Serenissima. Commissario Brunettis elfter Fall (Wilful Behaviour, 2002), Zürich 2003, ISBN 3-257-23448-1
  • Verschwiegene Kanäle. Commissario Brunettis zwölfter Fall (Uniform Justice, 2003), Zürich 2004, ISBN 3-257-23523-2
  • Beweise, daß es böse ist. Commissario Brunettis dreizehnter Fall (Doctored Evidence, 2004), Zürich 2005, ISBN 3-257-23581-X
  • Blutige Steine. Commissario Brunettis vierzehnter Fall (Blood from a Stone, 2005), Zürich 2006, ISBN 978-3-257-23665-1
  • Wie durch ein dunkles Glas. Commissario Brunettis fünfzehnter Fall (Through a Glass, Darkly, 2006), Zürich 2007, ISBN 978-3-257-23786-3
  • Lasset die Kinder zu mir kommen. Commissario Brunettis sechzehnter Fall (Suffer the Little Children, 2007), Zürich 2008, ISBN 978-3-257-24011-5
  • Das Mädchen seiner Träume. Commissario Brunettis siebzehnter Fall (The Girl of His Dreams, 2008), Zürich 2009, ISBN 978-3-257-24057-3
  • Schöner Schein. Commissario Brunettis achtzehnter Fall (About Face, 2009), Zürich 2010, ISBN 978-3-257-24098-6
  • Auf Treu und Glauben. Commissario Brunettis neunzehnter Fall (A Question of Belief, 2010), Zürich 2011, ISBN 978-3-257-24204-1
  • Reiches Erbe. Commissario Brunettis zwanzigster Fall (Drawing Conclusions, 2011), Zürich 2012, ISBN 978-3-257-06820-7
  • Tierische Profite. Commissario Brunettis einundzwanzigster Fall (Beastly Things, 2012), Zürich 2013, ISBN 978-3-257-06858-0
  • Das goldene Ei. Commissario Brunettis zweiundzwanzigster Fall (The Golden Egg, 2013), Zürich 2014, ISBN 978-3-257-06891-7
  • Tod zwischen den Zeilen. Commissario Brunettis dreiundzwanzigster Fall (By its cover, 2014), Zürich 2014, ISBN 978-3-257-06929-7

Anderes[Bearbeiten]

Darüber hinaus wurden eine Reihe von Hörbüchern auf CD und Kassette (Hörspiele und Lesungen) und DVDs (Filme) produziert.

Fernseh- und Rundfunk-Adaptionen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Donna Leon (Fernsehserie)

Die meisten ihrer Romane wurden für das Fernsehen verfilmt und für den Rundfunk als Hörspiel inszeniert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Katharina Holtmann: Auf den Spuren von Donna Leons Romanen. Books & Friends, Essen 2006, ISBN 3-9810996-1-3
  • Toni Sepeda: Mit Brunetti durch Venedig. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-06670-8
  • Elisabeth Hoffmann, Karl-L. Heinrich: Auf den Spuren von Commissario Brunetti. Ein kleines Kompendium für Spurensucher. Harms, Lindhöft 2011, ISBN 978-3-86026-192-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Donna Leon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Donna Leon – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Donna Leon.
  2. Donna Leon: Biographie, abgerufen am 10. Januar 2014
  3. a b c Interview im Zeit-Magazin Nr. 46 vom 8. November 2012, S. 70, zeit-online: Die heimliche Rache der Machtlosen
  4. a b c d Donna Leon im Interview: „Das Beste, was mir je passiert ist“, abgerufen am 11. Januar 2014
  5. „Mord in Venedig“ – Der Spiegel 22/1996 vom 27. Mai 1996, abgerufen am 12. Januar 2014
  6. Mayr, Walter, In Schönheit sterben, S. 97, SPIEGEL 37/2013 vom 9. September 2013
  7. a b RomanWelten, Mord am Canal Grande – Donna Leon und Venedig, Film von Gero von Boehm (2000)
  8. Interview mit Donna Leon auf Italian mysteries, 2003, aufgerufen am 14. Februar 2012
  9. Focus: „Ich will keine Berühmtheit sein. Interview mit Donna Leon.“, abgerufen am 11. Januar 2014
  10. Karte mit den Schauplätzen aller Brunetti-Romane, abgerufen am 10. Januar 2014