Doppeladler

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Dieser Artikel erläutert das Wappentier, zum Musikstück Unter dem Doppeladler siehe Josef Wagner (Komponist).

Von einem Doppeladler spricht man bei einem Adler, der zumindest zwei getrennte Köpfe, meist aber sogar zwei getrennte Hälse hat.[1] Kein Doppeladler sind zwei halbe Adler an einer Spaltung (in der Spaltung bleibt immer der ganze Kopf erhalten, vergl. Formen des Adlers)

Seine Tingierung als Wappentier kann wie bei jedem Adler in allen heraldischen Farben und Metallen erfolgen.

Die Krönung der Adlerköpfe eines Doppeladlers wird unterschiedlich dargestellt: entweder hat jeder Kopf eine eigene Krone, oder es schwebt eine einzelne Krone über beiden Köpfen. Auch eine Kombination dieser beiden Darstellungen ist möglich (Beispiel: das Große Wappen des Russischen Kaiserreichs). Durch die Hinterlegung mit einem Heiligen- oder Glorienschein je Kopf wird der Doppeladler in seiner Bedeutung aufgewertet.

Deutung[Bearbeiten]

Der Adler als „König der Lüfte“ war und ist in den meisten Kulturen Symbol für hochstehende Götter (für Europa insbesondere Zeus und Jupiter). Analog zeigt die Zweiköpfigkeit ein duales Prinzip der Herrschaft, insbesondere „Kaiser und König“, da der deutsch-römische Kaiser erst nach einer zweiten, sakralen Krönung vom König zum Kaiser wurde. So wird die herausgehobene Position gegenüber dem einfachen Adler unterstrichen. Die Deutung des Doppeladlers als Symbol eines weiteren – wie auch immer gearteten – dualen Prinzips (wie Ost–West, Gewalteneinheit oder Reichshälften) ist mittelalterlich-heraldisch nicht zu begründen (er ist eher im Sinne eines Ranges ähnlich der Mehrflügeligkeit der Seraphim und Cherubim zu sehen, nach Weyss[2] etwa als „besonders umsichtiger, vieräugiger Wächter“), sondern eine viel spätere – nach Diem[1] dafür aber umso mächtigere und einflussreiche – Umdeutung.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Doppeladler[Bearbeiten]

Doppeladler-Emblem, Istanbul, basierend auf den Insignien des Byzantinischen Reiches. Der linke (West-)Kopf symbolisiert Rom, der rechte (Ost-)Kopf symbolisiert Konstantinopel. Das Kreuz und der Globus in den Klauen symbolisieren die geistige und weltliche Autorität. (Relief an der Georgskirche beim Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel).

Der erste bekannte Doppeladler stammt aus dem 23. Jahrhundert v. Chr. aus dem alten Babylonien. Der doppelköpfige Adler von Lagaš als angeblich „ältestes Wappenzeichen der Welt“ ist das Symbol des Schottischen Ritus der Freimaurerei.[3] In der altorientalischen Teppichweberei wurden die Figuren umgekehrt wiederholt. Aus diesem Teppichstil wurde in anderen Kunstzweigen diese sich gegenüberstehenden Tierpaare als dekorative symmetrische Muster übernommen. Durch Verkürzung entstanden aus ihnen die doppelköpfigen Tiere. So ist auch der Doppeladler rein technisch aus zwei einköpfigen Adlern entstanden – wenn auch die europäisch-heraldische Tradition und neuere Symbolforschung[2] das ablehnt.

Nach Weyss[4] ist der Doppeladler in etlichen Kulturen unabhängig entstanden, so in Tibet, Pakistan, als doppelköpfiger Garuda auf Ceylon, oder in Peru.[1]

Der Doppeladler ist im kleinasiatischen Raum als dynastisches Zeichen seit dem 4. Jahrhundert, im ehemaligen Armenien (heutiges Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei) schon 302 als religiöses Zeichen verbreitet. Mit den Herrschern Ostroms verbreitet er sich über Ägäis und Südosteuropa, und ist Symbol in der Konfrontation mit dem Islam.[5]

Der Doppeladler gelangte durch orientalische Stoffe im 11. Jahrhundert nach Europa und wurde um 1100 von der Kunst aufgegriffen.[1] Erwähnt sei hier nur die Verwendung in der romanischen Plastik in Frankreich.

Doppeladler auf einem dänischen Siegel

Das erste Doppeladlersiegel erscheint 1180 als freigewähltes Persönlichkeitszeichen der Grafen von Saarwerden.

Der Doppeladler als Reichsadler[Bearbeiten]

Doppeladler im Wappen des Heiligen Römischen Reichs, Illustration einer Prachthandschrift um 1540
Eine kaiserlich bayerische Fahne 1745. Der Kaiseradler auf goldenem Grund wurde auf die kurbayerische Fahne aufgenäht. Musée de l'Armée, Paris Aufnahme 2010

Im späten Byzantinischen Reich wurde der doppelköpfige Adler bei Kaisern aus der Familie der Palaiologen gebräuchlich – von diesen Adlern leiten sich wohl alle europäischen Reichsadler ab:[1] Der byzantinische Doppeladler war der dreifach gekrönte Doppeladler, später mit Brustschild, das den heiligen Georg zeigt. Nach 1453 nachweisbar und besonders auf russischen Wappen.

Von Byzanz übernahm das Russische Zarenreich als „das dritte Rom“ - nach dem „heidnischen“ Rom und dem christlichen Konstantinopel - den Doppeladler in Gold auf rotem Grund seit dem Jahr 1487. Diese Ableitung ist aber durchaus umstritten.[6]

Das Heilige Römische Reich verwendete den Doppeladler in Schwarz auf Gold seit der Regierungszeit Kaiser Sigismunds, der genaue Beschluss datiert auf das Jahr 1433. Vorher galt der einköpfige Adler als Zeichen kaiserlicher Gewalt. Nimbiert – als Symbol des „heilig“ – war schon der einköpfige Adler, der Doppelköpfige bleibt es.[7]

Das 1871 errichtete Deutsche Reich ersetzte den Doppeladler wieder durch einen einköpfigen Adler.

1804 gründete Kaiser Franz I. das Kaisertum Österreich, für das er als Wappen den Doppeladler/Quaternionenadler des Heiligen Römischen Reiches entlehnte und in modifizierter Form als Österreichisches Wappen bestimmte. Nur zwei Jahre später legte er die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder und erklärte das Reich für erloschen. Österreich führte den Doppeladler bis zur Auflösung der österreich-ungarischen Monarchie 1918. Österreich hat politische Veränderungen lange sorgfältig nachvollzogen: Der Brustschild seines Doppeladlers schwoll im „großen“ Wappen auf zweiundsechzig Felder an, im „mittleren“ trugen - in Anlehnung an den Quaternionenadler – die Schwungfedern Schildchen der Erblande, darunter auch Ungarn.[8]
Zur Zeit des Austrofaschismus zwischen 1934 und 1938 wurde der Wappenadler erneut doppelköpfig, und wieder nimbiert.

Auch die griechisch-orthodoxe Kirche führt den Doppeladler in Übernahme aus Ostrom. Die armenische Kirche benutzt das Symbol des Doppeladlers nach 1300-jähriger Tradition.[9]

Nach ihrer Eroberung Anatoliens übernahmen die Rum-Seldschuken vom Byzantinischen Reich im 12. und 13. Jahrhundert an Medresen und Moscheen das Motiv des Doppeladlers. Ein Beispiel ist die Divriği-Moschee in der gleichnamigen Kleinstadt. Auf dem Wipfel eines Lebensbaums taucht der Doppeladler auf einem Steinrelief an der Eingangsfassade der Medrese in Erzurum (Çifte Minare Medresesi) auf.

Der Doppeladler als Stadtwappen[Bearbeiten]

Wappen von Wien (1461–1462)
Wappen von Krems ab 1463

Der mit der Reichskrone gezierten, nimbierten goldenen Doppeladler auf Schwarz wurde der Stadt Wien [10] 26. September 1461 von Kaiser Friedrich III. als Dank dafür verliehen, dass die Wiener ihn gegen den Angriff seines Bruders Albrecht VI. geholfen haben und ersetzte so den schon bisher verwendeten goldenen, einköpfigen Adlers im schwarzen Feld. [11]

Schon bald danach schlug die Treue der Stadt Wien in Ungehorsam um: statt zum Kaiser zu stehen, belagerten die Bürger ihn, seine Gattin und seinen vierjähriger Sohn in der Wiener Burg. Mit Waffen aller Art machten sich 1462 etwa einhundert Männer aus Krems auf, um Kaiser zu helfen.[12] Deshalb nahm Kaiser Friedrich III. das Wappen von Wien zurück und übertrug es am 1. April 1463 den beiden ihm treu ergebenen Schwesterstädten Krems und Stein. Seither führt Krems den mit der Reichskrone (mit hoher Mitra) und zwei flatternden Binden versehenen goldenen Doppeladler in Schwarz, allerdings ohne Nimben. [13]

Heutige Verwendung[Bearbeiten]

Staatswappen[Bearbeiten]

Mittlerweile befindet sich der Doppeladler wieder im Staatswappen Russlands.

Albanien ist heute eine der wenigen Nationen, die noch den Doppeladler in ihrer Nationalflagge führen. Dieser Doppeladler ist auf den albanischen Nationalhelden Skanderbeg (1405–1468) zurückzuführen, der ihn als Siegel verwendete. Er wurde 1912 mit Albaniens Unabhängigkeit zum Staatswappen erklärt.

Auch im Staatswappen von Serbien und Montenegro befand sich ein Doppeladler, ebenso in den Wappen der beiden seit 2006 getrennten Einzelstaaten.

Sonstiges[Bearbeiten]

In den Wappen von Adelshäusern, Landkreisen, Städten, Zünften (Schuhmachern) und viele weiteren Zusammenschlüssen taucht der Doppeladler auf.

Besonderheiten[Bearbeiten]

  • Eine Besonderheit stellt im Wappen von Versailles der doppelköpfige Hahn anstelle des doppelköpfigen Adlers dar. Hier hat das französische Nationaltier eine Adlerrolle übernommen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich-Karl zu Hohenlohe-Waldenburg: Zur Geschichte des heraldischen Doppel-Adlers. Weise, Stuttgart 1871 (Digitalisat)
  • Norbert Weyss: Der Doppeladler - Geschichte eines Symbols. In: Adler Heft 3, 1986, 78ff
  • Norbert Weyss: Der Doppeladler in aller Welt, Geschichte eines Symbols. Ausstellungskatalog, Schriftenreihe des Bezirks-Museums-Vereines Mödling, Nr. 83, Februar 1994

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Doppeladler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Doppeladler – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Peter Diem: Die Symbole Österreichs. Zeit und Geschichte in Zeichen. K&S Wien 1995, ISBN 3-218-00594-9 (Webauszug Diem, Entwicklung des Doppeladlers siehe Weblinks)
  2. a b Lit.: Weyss, Der Doppeladler. Zit. nach Diem, Doppeladler, Abschnitt Die Bedeutung für Österreich
  3. Double-Headed Eagle of Lagash
  4. Norbert Weyss: Die Entwicklung der Doppeladlerforschung. Österreichisches Wissenschaftsforum, 1988/1-2 und 1989/1-2
  5. Diem, Doppeladler, Abschnitt Der byzantinische Verwandte
  6. siehe Reichsadler #Der Adler des Zarenreiches
  7. Franz Gall: Zur Entwicklung des Doppeladlers auf den kaiserlichen Siegeln. In: Adler, Band 8, Heft 16/17, 1970, S. 281 ff.
  8. Michael Göbl: Staatssymbole des Habsburger-Reiches - ab 1867 mit besonderer Berücksichtigung des Staatswappens. In: Österreichs politische Symbole. Böhlau, Wien, 1994, 11ff
  9. siehe etwa Armenian Apostolic Church of Switzerland, ref. nach Diem
  10. Peter Diem, Die Symbole Wiens (Gesamtdarstellung),Austria-Forum
  11. Karl Lind, Das Wappen der Stadt Wien. Wien 1866, 24 ff.
  12. Franz Schönfellner, Krems: Stadtwappen seit 550 Jahren, ORF, NÖ heute, 22. Mai 2013
  13. Hugo Gerard Ströhl, Städte-Wappen von Österreich-Ungarn,Wien 1904