Doppeltes Perfekt

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Das doppelte Perfekt (auch Perfekt II, Doppelperfekt, Superperfekt[1] oder Ultra-Perfekt) ist eine Vergangenheitsform der deutschen Sprache, die besonders in den deutschen Dialekten und der deutschen Umgangssprache vorkommt. Analog zum doppelten Perfekt gibt es vereinzelt auch das doppelte Plusquamperfekt (auch Plusquamperfekt II, Superplusquamperfekt oder Ultra-Plusquamperfekt genannt). Für den Bereich der traditionellen Standardsprache wird die Konstruktion gemeinhin abgelehnt, kommt jedoch bei etlichen Autoren vor und hat auch Aufnahme in die achte Auflage der Duden-Grammatik (2009) gefunden.

Bildung und Gebrauch[Bearbeiten]

Beim doppelten Perfekt steht das zur Perfektbildung notwendige Hilfsverb „haben“ oder „sein“ selbst im Perfekt, zum Beispiel: „Wir sind bis dort vorgedrungen gewesen“. Somit ergibt sich in der deutschen Grammatik eine dritte Vergangenheitsform:

  • Ich schrieb ihm (Präteritum)
  • Ich habe ihm geschrieben (Perfekt)
  • Ich hatte ihm geschrieben (Plusquamperfekt)
  • Ich habe ihm geschrieben gehabt (Doppeltes Perfekt)
  • Ich hatte ihm geschrieben gehabt (Doppeltes Plusquamperfekt)

Das doppelte Perfekt wird auch im Konjunktiv verwendet, zum Beispiel: „Ich hätte es vergessen gehabt“. Da manche Konjunktive im Deutschen nicht ausgebildet werden, ist in einigen Verwendungen das doppelte Perfekt obligatorisch:

  • „Ich konnte gestern daheim meine Hausaufgaben nicht machen, weil ich das Buch mittags in der Schule vergessen hatte.“ Wird zu: Der Schüler entschuldigte sich, er habe seine Hausaufgaben am Vortag daheim nicht machen können (Kj. I Perfekt, da das Präteritum keinen ihm zugehörigen Konjunktiv ausbildet), weil er das Buch nach Schulschluss in der Schule vergessen gehabt habe (Kj. I Doppelperfekt aus dem gleichen Grund).

Geschichte[Bearbeiten]

Nach herkömmlicher Ansicht entstand das doppelte Perfekt/Plusquamperfekt im süddeutschen Sprachraum, wo die Verwendung des Präteritums und des Plusquamperfekts in der gesprochenen Sprache nicht üblich ist und daher eine eigene Zeit für die Vorvergangenheit benötigt wurde. Das doppelte Perfekt wird mitunter als normal empfunden und hat in Teilen der Bevölkerung das Plusquamperfekt nahezu vollständig verdrängt.

Diese Erklärung ist allerdings nicht unumstritten. Eine Studie von Michael Rödel führt eine Reihe von Argumenten gegen diese Annahme auf und wertet das Phänomen als aspektuelle Erscheinung (Aspekt): Der Sprecher kann das doppelte Perfekt bei einem abgeschlossenen Sachverhalt einsetzen.[2]

Außerhalb des Deutschen kennen auch das Jiddische und das Französische (Temps surcomposé) das doppelte Perfekt.

Sprachkritik[Bearbeiten]

Das doppelte Perfekt wurde von Bastian Sick in seinen Zwiebelfisch-Kolumnen aufgegriffen und kritisiert.[3] Dem wird entgegengehalten, dass das doppelte Perfekt nicht erst kürzlich entstanden ist, sondern bereits in Texten des 17. Jahrhunderts zu finden ist.[4] Zudem brauchten es auch beste Autoren wie Thomas Bernhard, Hermann Broch, Günter Grass und Christa Wolf. Im Sinne der deskriptiven Linguistik ist die Verwendung des doppelten Perfekts kein „Fehler“, sondern eine umgangssprachliche Variante, die Vorvergangenheit auszudrücken.

Literatur[Bearbeiten]

  • Duden. Die Grammatik. (= Duden, 4). Hrsg. von der Dudenredaktion. 8., überarbeitete Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Zürich 2009, §§ 658, 745, 750, 769
  • Michael Rödel: Doppelte Perfektbildungen und die Organisation von Tempus im Deutschen. (= Studien zur deutschen Grammatik, 74). Stauffenburg, Tübingen 2007, ISBN 978-3-86057-465-2.

Weblinks[Bearbeiten]

  1. Struktur der deutschen Gegenwartssprache II, Vorlesung Universität Würzburg, S. 26
  2. Michael Rödel: Doppelte Perfektbildungen. Tübingen 2007, S. 181-198.
  3. http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,295317,00.html Kolumne von Bastian Sick
  4. http://www.das-oesterreichische-deutsch.at/reserve.html Wortschatz & Grammatik