Dorfgeschichte

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Dorfgeschichte als ein literarisches Genre. Der Begriff Dorfgeschichte im Sinne der Geschichtsschreibung eines Dorfes ist im Artikel Ortsgeschichte behandelt.

Der Begriff Dorfgeschichte bezeichnet ein literarisches Genre, das vor allem Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts populär war.

Die Gattungsbezeichnung stammt aus der Zeit um 1840 und ist gelegentlich auf Kritik gestoßen, weil ihre Definition nicht eindeutig ist und die Abgrenzung zu anderen Formen volkstümlicher Epik (etwa dem Bauernroman) mitunter schwer fällt. Kennzeichen der Dorfgeschichte sind ihr Schauplatz, das überschaubare dörfliche Milieu, und ihre realistischen Gestaltungsmittel. Sie kann Sozial- und Kulturkritik enthalten, aber auch idyllisierende Züge aufweisen oder sich in purem Unterhaltungswert erschöpfen. Häufig dienen in ihr die Bauern als Projektionsfläche für Wunschvorstellungen der gebildeten Schichten: Die Dorfsphäre wird zur heilen Welt verklärt und in Gegensatz zur zivilisationsgeschädigten Stadt gesetzt.

Zu den Urhebern der Dorfgeschichte werden unter anderem Gottfried Keller (Romeo und Julia auf dem Dorfe) und Berthold Auerbach (Schwarzwälder Dorfgeschichten, Barfüßele, 1856) gerechnet. Umstritten ist die Auffassung Otto Walzels, beim „Oberhof“-Kapitel von Carl Leberecht Immermanns Roman Münchhausen handle es sich ebenfalls um eine frühe Dorfgeschichte. Betätigt haben sich in dem Genre unter anderem auch Friedrich Gerstäcker, Karl May (u. a. Die Rose von Ernstthal, 1874; Erzgebirgische Dorfgeschichten, 1903), Ludwig Anzengruber, Jeremias Gotthelf und Ludwig Ganghofer. Auch Christian Friedrich Hebbel hat einige Geschichten in dörflicher Szenerie spielen lassen, sich aber zugleich in scharfen Worten gegen die „Bauern-Verhimmlung unserer Tage“ ausgesprochen, so dass der Germanist Jürgen Hein ihn als Begründer der „Anti-Dorfgeschichte“ bezeichnet.

Nach der genreartigen Produktivität der Gattung im 19. Jahrhundert wurden weiterhin Dorfgeschichten geschrieben[1] - zum Beispiel Oskar Maria Grafs Dorfgeschichtenzyklus Finsternis (1926) oder Anna Seghers' Der Kopflohn (1933). Jüngere Versuche, sich des Genres zu bedienen, stammen von Geert Mak (Wie Gott verschwand aus Jorwerd, dt. 1999) oder Katrin Rohnstock und Rosita Müller (Das Dorf lebt, 2007).

[Bearbeiten] Literatur

  • Friedrich Altvater: Wesen und Form der deutschen Dorfgeschichte im neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1930 (Nachdruck 1967)
  • Jürgen Hein: Dorfgeschichte. Stuttgart 1976. ISBN 3-476-10145-2
  • Uwe Baur: Dorfgeschichte. Zur Entstehung und gesellschaftlichen Funktion einer literarischen Gattung im Vormärz, 1978 ISBN 3-7705-1544-7
  • Willy Puchner, Dorf-Bilder, ISBN 3-21800-387-3
  • Wolfgang Seidenspinner: Oralisierte Schriftlichkeit als Stil. Das literarische Genre Dorfgeschichte und die Kategorie Mündlichkeit. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 22 (1997), Heft 2, S. 36-51

[Bearbeiten] Nachweise

  1. Bernhard Spies, Art. ›Dorfgeschichte‹, in: Handbuch der literarischen Gattungen, hg. von Dieter Lamping, Stuttgart 2009, S. 137-142.

[Bearbeiten] Weblinks

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