Dovid Katz

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Dovid Katz (jidd. ‏הירשע־דוד כּ״ץ‎‏ Hirshe-Dovid Kats; * 1956 in Brooklyn, New York City) ist ein US-amerikanischer Linguist und politischer Aktivist, der in Litauen lebt.

Leben[Bearbeiten]

Er wurde in eine nach New York emigrierte litauisch-jüdische Familie als Sohn des jiddischsprachigen Dichters Menke Katz (1906–1991) geboren. Menkes Vater war 1914 aus Litauen in die Vereinigten Staaten aufgebrochen, konnte seine Familie aufgrund des Ersten Weltkrieges aber erst nach 1920 nachholen.[1]

Dovid Katz schloss 1978 ein Studium an der Columbia University ab und promovierte an der Universität London über die Ursprünge des Jiddischen. Er war als Lehrbeauftragter an der Gründung des Programms für jiddische Studien an der Universität Oxford beteiligt. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1992 begann Dovid Katz damit, jiddische fiktionale Texte unter dem Pseudonym Heershadovid Menkes zu veröffentlichen. 1994 war er an der Gründung des Oxforder Instituts für Jiddische Studien (Oxford Institute for Yiddish Studies) beteiligt, als dessen Forschungsdirektor er bis 1997 wirkte.[2]

Nachdem er 1998–1999 ein Jahr als Visiting Professor an der Yale University verbracht hatte, wechselte Katz 1999 an die Universität Vilnius, um den neugeschaffenen Lehrstuhl für jiddische Sprache, Literatur und Kultur zu übernehmen und dort das Zentrum für staatenlose Kultur zu gründen, welches er für die ersten zwei Jahre leitete. Seinen sonst zuvor in Oxford abgehaltenen Sommerkurs in Jiddisch hatte er bereits 1998 in Vilnius gegeben. Im Jahr 2001 gründete er das Jiddische Institut an der Universität Vilnius, dessen Forschungsdirektor er bis 2010 blieb.

Veröffentlichungen über den Holocaust[Bearbeiten]

Katz konstatiert für Litauen ein Phänomen der „Holocaust-Verschleierung“ („Holocaust-Obsfukation“), die verbunden sei mit einer „furchtbaren und mächtigen antisemitischen Verankerung, die nicht in der allgemeinen Bevölkerung angesiedelt ist, sondern bei den Eliten der Regierung und einiger ihrer Organisationen und einigen quasi-akademischen Institutionen“.[3]

Katz ist ein ausgesprochener Kritiker der Darstellung der Geschichte des Holocaust in der nationalen historischen Erzählung Litauens, welcher er vorwirft anzustreben, sowohl das Ausmaß der dortigen Beteiligung zu verkleinern, als auch den Holocaust zu trivialisieren und zu verschleiern.[4]

Im Zusammenhang mit der Behandlung der Geschichte des Holocaust in Litauen hat Katz von einer organisierten Kampagne gesprochen, die sich verschiedener Strategien bediene,

„einschließlich einer Deligitimierung des antinazistischen Widerstandes (resultierend in jüngster Zeit in Strafverolgungskampagnen gegen Überlebende des Holocaust die Widerstand geleistet hatten); einer Deligitimierung des Simon-Wiesenthal-Zentrums und der Versuche, Nazi-Kriegsverbrecher zur Anklage zu bringen; extremer Ausschmückung von jüdischer Beteiligung an der Herrschaft der Sowjets; einer gesetzlichen Umdefinierung des Wortes ‚Genozid‘; von Provokationen antisemitischer Stimmungen gegen ansässige Juden und Holocaustüberlebende; einer Marginalisierung von mutigen ansässigen nichtjüdischen Vorkämpfern der Wahrheitsfindung, und deren Ersetzung durch großzügig unterstützte ‚Doppelter Genozid‘-Kommissionen, -Forschungszentren und -Museen.“[5]

Im Jahr 2009 äußerte Katz seine Ablehnung gegen Bestrebungen der britischen Konservativen Partei, sich mit der osteuropäischen politischen Rechten zu verbünden, und forderte, man dürfe die Partei nicht „ihre Tändelei mit einigen der schlimmsten Rassisten und Holocaust-Verdreher in Osteuropa durchgehen lassen, die aus Verschleierung und Verzerrung der Geschichte eine Außenpolitik gemacht haben und für die die Verwässerung des Begriffs des Genozid ein Hauptprinzip ist“, wobei Katz die Unterstützung eines solchen Blockes durch britische Politiker als einen ethisch unhaltbaren Standpunkt bezeichnete.[6]

Katz tritt gegen die 2008 veröffentlichte Prager Erklärung ein, der er eine Gleichsetzung der durch den Nationalsozialismus und die Sowjetunion begangenen Verbrechen vorwirft. Gemeinsam mit dem australischen Filmemacher Danny Ben-Moshe hat Katz The Seventy Years Declaration („Die siebzig-Jahre-Erklärung“) verfasst, die am 20. Januar 2012 aus Anlass des siebzigsten Jahrestages der Wannseekonferenz veröffentlicht und von siebzig aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern europäischer nationaler Parlamente oder des europäischen Parlamentes erstunterzeichnet wurde.

Katz unterhält auch eine Internetseite Defendinghistory.com, auf der er gegen aktuelle Versuche zur Verkleinerung, Relativierung oder Verundeutlichung des Holocaust schreibt, die Geschichte des Holocaust in den baltischen Staaten darstellt und sich der Erforschung des Jiddischen und der Kultur der litauischen Juden widmet.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten]

  • Grammar of the Yiddish Language, Gerald Duckworth and Co, London 1987.
  • Klal-takones fun yidishn oysleyg, Oxford Yiddish Press, Oxford 1992.
  • Tikney Takones. Fragn fun yidisher stilistik, Oxford University Press, Oxford 1993.
  • Lithuanian Jewish Culture, mit Karten und Tabellen von Giedre Beconyte, 12004, 2. Auflage Baltos lankos in Zusammenarbeit mit der Zentraleuropa-Universität, Vilna 2010.
  • Words on Fire. The Unfinished Story of Yiddish, mit Karten und Tabelle von Giedre Beconyte, 12004, 2. revidierte Auflage Basic Books, New York 2007.
  • Windows to a Lost Jewish Past. Vilna Book Stamps, Versus Aureus, Vilnius 2008.
  • Seven Kingdoms of the Litvaks, International Cultural Program Center, Vilnius 2009.
Aufsätze
  • Zur Dialektologie des Jiddischen, in: Werner Besch u. a. (Hgg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung; W. de Gruyter, Berlin 1983, Halbband 2, S. 1018–1041.

Belletristik[Bearbeiten]

  • Eldra Don un andere mayses, Three Sisters Press: Rowen, Wales 1992.
  • Der flakher shpits. Mayses fun Vilner gubernye, Three Sisters Press: Rowen, Wales 1993.
  • Misnagdishe mayses fun Vílner gubernye (zu „Märchen der Misnagdim in der Provinz Vilnius“), Yerusholaimer Almanach Press, Jerusalem 1996.
  • Ostjüdische Geschichten aus dem alten Litauen, deutsch von Melitta Depner, Salon-Literaturverlag, München 2012.
  • City in the Moonlight. Stories of the Old-time Lithuanian Jews, jiddische Geschichten, ausgewählt und in Englische übersetzt von Barnett Zumoff, Ktav, New York 2012.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Devra Kay: Katz, Menke, in: Sorrel Kerbel, Muriel Emanuel, Laura Phillips (Hrsg.): Jewish writers of the twentieth century, Taylor & Francis, 2003, Seite 513–516
  2. David Singer (Hrsg.): American Jewish Yearbook, Bd. 98, American Jewish Committee, New York 1998, ISBN 0874951135 ISBN 978-0874951134, S. 245
  3. „dreadful and powerful anti-Semitic establishment that is based not among everyday people, but among the elites of government and some of its agencies and some quasi-academic institutions.“, zitiert nach: Raphael Ahren: When Lithuania was ‚Yiddishland‘, Haaretz, 24. Februar 2009
  4. Edgar Levkofits: Baltic states assailed for 'Holocaust obfuscation', Jerusalem Post, 29. Juni 2009.
  5. „including delegitimization of the anti-Nazi resistance (resulting most recently in prosecutorial campaigns against Holocaust survivors who resisted); delegitimization of the Wiesenthal Center and efforts to bring Nazi war criminals to justice; extreme embellishment of Jewish participation in Soviet rule; redefinition by law of the word 'genocide'; provocation of anti-Semitic moods centered on local Jews and Holocaust survivors; marginalization of valiant local non-Jewish champions of truth-telling, and their replacement by lavishly sponsored 'double genocide' commissions, research centers and museums.“, Dovid Katz: Baltic Project to Delete the Holocaust from European History. Observations from Lithuania, Zwölfter Vortrag der achten Herbert-Berman-Gedenkreihe, gehalten Jerusalem 23. Juni 2009.
  6. „off the hook for their dalliances with some of the worst racists and Holocaust perverters in eastern Europe, who have turned obfuscation and distortion of history into foreign policy and for whom the watering down of the notion of genocide is a prime principle“, Dovid Katz: Cameron must end Tories' far-right fling, Irisch Times, 31. Oktober 2009.

Weblinks[Bearbeiten]