Dr. Mabuse

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Dr. Mabuse ist eine um 1919 von dem Luxemburger Schriftsteller Norbert Jacques (1880–1954) erfundene literarische Figur eines Superverbrechers, die auch in mehreren Verfilmungen auftritt.

Die Geburt des Dr. Mabuse[Bearbeiten]

Die Figur des Dr. Mabuse nahm Gestalt an, als der luxemburgische Schriftsteller Norbert Jacques nach dem Ersten Weltkrieg auf einer Fähre über den Bodensee setzte. Zu dieser Zeit war die Gegend um den Bodensee, wo der Autor gleichzeitig wohnte, ein belebter Umschlagplatz für den in höchster Blüte stehenden Schwarzhandel. Der Autor beobachtete einen Mitpassagier, dessen Statur und Gesicht ihn inspirierten. Im Geiste machte er dann aus dem beobachteten kleinen Schieber mit der berührenden Ausstrahlung einen genialen Großverbrecher, um dessen Gestalt herum er dann den Roman Dr. Mabuse, der Spieler anlegte.

Die ersten beiden Romane und ihre Verfilmungen[Bearbeiten]

Dr. Mabuse, der Spieler[Bearbeiten]

1921 erschien der erste Roman mit dem zentralen Charakter Dr. Mabuse, einem Genie, das mit seiner Energie und Genialität Verbrechen begeht. Dieser ist von Beruf Psychoanalytiker, ein Verbrechergenie mit hypnotischen Fähigkeiten und ein Mann mit tausend Gesichtern.

Seine Fähigkeiten der Verkleidung und der Beeinflussung anderer Personen nutzt Mabuse aus, um sich auch in der High Society frei bewegen zu können. Der Roman nutzt den Charakter, um dem Leser den „schmutzigen Unterleib“ der Weimarer Republik vor Augen zu führen. In den Augen des Verfassers und seines Protagonisten ist Europa verrottet bis auf den Kern, erfüllt vom Leichengestank des vorangegangenen Krieges und bevölkert von Aasgeiern in Frack und Zylinder.

Der Traum der Romanfigur Dr. Mabuse ist die Schaffung einer neuen Gesellschaft, frei von Korruption und Fäulnis. Er plant eine utopische Kolonie in Brasilien namens Eitopomar, die er mit den Früchten seiner Verbrechen auf die Beine stellen möchte. (Eine spätere Fortsetzung, Mabuses Kolonie, blieb unvollendet.)

Sein Gegenspieler, der Staatsanwalt von Wenk, versucht Mabuse das Handwerk zu legen, doch dieser kann immer wieder entkommen; einmal kommt dabei sogar ein Automobil zum Einsatz, das sich durch „ein paar Hebelgriffe“ in ein Motorboot verwandelt. Man kann sagen, dass im Roman der Schurke der wahre Held ist, und nicht der Gesetzeshüter (ganz im Gegensatz also zu den späteren Fortsetzungen der Mabuse-Reihe). Im gleichnamigen Film ist diese Dimension ausgespart: Dort ist Mabuse eindeutig ein skrupelloser Bösewicht, der über Leichen geht und geradezu wahnsinnig nach Macht strebt.

Der Roman wurde ein großer Publikumserfolg und 1922 von Fritz Lang verfilmt, der damit seinen Durchbruch hatte und später zu einem der Starregisseure des Landes aufsteigen sollte. Seine Frau, die deutsche Schauspielerin und Drehbuchautorin Thea von Harbou, schrieb nach Jacques’ Roman das Drehbuch für den ersten Teil des Stummfilms Dr. Mabuse, der Spieler. Zwar wurde der Film, wie auch der Roman, wegen reißerischer Elemente gerügt, doch konnte dies seinem internationalen Erfolg keinen Abbruch tun.

Lang legte in diesem Film so viel Wert auf die Verkleidungsszenen Mabuses, dass manche sich fragten, woher Mabuse die Zeit nehme, sich um den Rest seiner Verbrecherorganisation zu kümmern. Die Sequenz, die Mabuses hypnotische Macht illustriert, indem seine weit aufgerissenen Augen ins Zentrum der Nahaufnahme rücken, bot einem Kritiker Anlass zum Spott: „Neuer deutscher Rekord – 2,75 m![1] Dennoch, oder gerade deswegen, gehört Dr. Mabuse bis heute zum großen Triumvirat genialer Böslinge des deutschen Stummfilms, zusammen mit Dr. Caligari und Nosferatu.

Das Testament des Dr. Mabuse[Bearbeiten]

Nachdem die erste Fortsetzung, Mabuses Kolonie, 1930 Fragment blieb, ließ sich Norbert Jacques schließlich von Fritz Lang dazu anregen, Das Testament des Dr. Mabuse zu schreiben, welches er 1932 fertigstellte. Der Roman diente wiederum als Vorlage für Thea von Harbou und Fritz Lang, blieb jedoch vorerst unveröffentlicht, da Lang dem Autor eine Beteiligung an den Tantiemen des Films zugesagt hatte. 1933 erschien der Tonfilm Das Testament des Dr. Mabuse.

In diesem Film sitzt Mabuse als Wahnsinniger in einer Psychiatrischen Klinik, der unentwegt an einem „Testament“ schreibt, in dem er Anweisungen für Verbrechen und zur Errichtung einer umfassenden „Herrschaft des Verbrechens“ gibt. Diese Anweisungen werden auf geheimnisvolle Weise von einer Verbrecherorganisation ausgeführt, obwohl die Manuskripte unveröffentlicht in der Klinik bleiben. Kommissar Lohmann (der schon in M aufgetreten war) versucht, die Bande dingfest zu machen, scheitert aber an deren perfekter und professionell agierender Organisationsstruktur. Obwohl er immer wieder auf die Spur der Klinik geführt wird, durchschaut Lohmann zunächst auch nicht, welche Rolle der machtlos scheinende Mabuse spielt.

Die Verwirrung steigert sich, als Mabuse plötzlich verstirbt. Aber es ist ihm gelungen, seinen Willen auf den Geist des Leiters der Irrenanstalt, Professor Baum, zu übertragen. Nun führt dieser die verbrecherischen Anweisungen Mabuses aus. Als die Organisation zum ultimativen Schlag ausholt und eine chemische Fabrik in die Luft jagen will, kann die Polizei dies im letzten Augenblick verhindern. Am Tatort ist auch Baum. Nach einer surrealistischen Autoverfolgungsjagd flieht Baum in seine eigene Anstalt, in der er nun, vollends dem Wahnsinn verfallen, selbst als Patient einbehalten wird. Am Ende sieht man ihn in einer Zelle sitzend, wie er im Zustand völliger Umnachtung Manuskriptseiten zerreißt.

Die deutlichen Anspielungen auf die Terrormethoden der Nazis und auf Adolf Hitler, der Mein Kampf ebenfalls in Gefangenschaft verfasste, war den Nazis nicht entgangen, und der Film wurde im Dritten Reich verboten. Es gelang jedoch, Kopien ins Ausland zu schmuggeln. Jahrelang war nur eine stark gekürzte Fassung des Films im Umlauf. Erst seit Ende 1973 steht wieder eine rekonstruierte Fassung zur Verfügung.

Schauspieler der ersten beiden Filme[Bearbeiten]

In beiden Filmen spielte der deutsche Schauspieler Rudolf Klein-Rogge die Titelrolle. Unterstützt wurde er dabei im ersten Film von Aud Egede-Nissen, Alfred Abel, Bernhard Goetzke und, als Kuriosität in einer kleinen Nebenrolle, von Gottfried Huppertz (Komponist, u. a. vom Karl-May-Film Durch die Wüste von 1936). In Das Testament des Dr. Mabuse traten u. a. Otto Wernicke, Paul Henckels und Theo Lingen auf.

Spätere Verfilmungen[Bearbeiten]

1953 verkaufte Norbert Jacques die Rechte an der Figur des Dr. Mabuse an die Berliner CCC-Film. Gleichzeitig mit den Edgar-Wallace-Filmen der 1960er-Jahre wurde auch Doktor Mabuse wieder für den Film entdeckt. Von 1960 bis 1964 entstanden sechs neue Schwarzweiß-Mabuse-Filme, die aber nur noch Wert auf den Kriminal-Aspekt legten und kaum noch sozialkritische Aspekte aufwiesen.

Eine Ausnahme bildete der erste Film dieser neuen Reihe, Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1960), bei dem nochmals Fritz Lang Regie führte, der aber trotzdem als schwächer angesehen wird als seine beiden Vorgänger. Die Handlung des Films geht auf den Esperanto-Roman Mr. Tot aĉetas mil okulojn[2] des polnischen Autors Jean Forge zurück.

Diesem Film folgten:

Regie: Harald Reinl; mit Gert Fröbe, Lex Barker, Daliah Lavi
Regie: Harald Reinl; mit Lex Barker, Karin Dor, Siegfried Lowitz
Regie: Werner Klingler; mit Gert Fröbe, Senta Berger, Helmut Schmid
Regie: Paul May; mit Peter van Eyck, Werner Peters, Sabine Bethmann, Klaus Kinski
Regie: Hugo Fregonese; mit Peter van Eyck, O. E. Hasse, Yvonne Furneaux

Wiederum wurden die Filme durch bekannte nationale und internationale Darsteller bereichert, darunter Lex Barker, Gert Fröbe, Peter van Eyck, Wolfgang Völz, Werner Peters, Rudolf Fernau, Siegfried Lowitz, Karin Dor, Daliah Lavi, Klaus Kinski, O. E. Hasse, Leon Askin und nicht zuletzt Wolfgang Preiss, der in allen sechs Filmen der 60er Jahre Dr. Mabuse spielte.

Nach der Mabuse-Reihe von CCC folgten noch zwei weitere Filme um Dr. Mabuse:

Erwähnenswertes[Bearbeiten]

Auch in Jacques utopischem Roman Ingenieur Mars von 1923, der mit einer Atlantik-Überquerung des Ingenieurs mittels eines senkrecht startenden Flugzeuges beginnt, agiert im Hintergrund ein Dr. Mabuse.

1969 entstand der englische Film Scream and scream again, der in Deutschland unter dem Titel Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse in die Kinos kam. In der deutschen Synchronfassung wurde aus dem von Vincent Price gespielten Charakter „Dr. Browning“ (in der Originalfassung) „Dr. Mabuse“.

Dr. med. Mabuse“ ist ebenfalls der Titel einer seit Jahrzehnten bestehenden kritischen Zeitschrift im Gesundheitswesen, sie erscheint im Mabuse-Verlag.[3]

1983 kehrt Dr. Mabuse in einer Folge der österreichischen Kult-Fernsehserie Kottan ermittelt unter dem unscheinbaren Anagramm „Dr. Buesam“ wieder zurück.

Auch taucht ein Dr. Mabuse in einer Episode der Fernsehserie Green Hornet auf.

Zudem gibt es mehrere Lieder oder Kompositionen mit dem Titel Dr. Mabuse bzw. Doktor Mabuse oder Mabuse:

Band 55 der Jugendbuch-Reihe „TKKG“ von Stefan Wolf trägt den Titel Im Schattenreich des Dr. Mubase (Hörspiel-Folge Nr. 74). Darin decken die vier Juniordetektive die kriminellen Machenschaften des Dr. Mubase in seiner eigenen Privatklinik auf.

In den Jahren 2000 und 2001 erschien bei Carlsen die sechsteilige, schwarz-weiß verfasste Comic-Reihe Mabuse („frei nach Motiven des Romans von Norbert Jacques“) des Autorenteams Kreitz, Breitschuh und Dinter. Die Handlung wurde ins Jahr 1998 verlegt (u. a. wird das Eisenbahnunglück von Eschede thematisiert), Haupthandlungsorte sind Hamburg sowie verschiedene fiktive Orte in Norddeutschland. Kern der Erzählung ist der Zweikampf zwischen dem Hamburger Staatsanwalt Georg Lohmann und dem seit Jahrzehnten tot geglaubten Dr. Mabuse. Dieser erscheint als Phantom, welches sich mit hypnotischen Kräften anderer Menschen bemächtigt. Sein Ziel ist, in den Besitz eines medizinischen Experiments zu kommen, um wieder menschliche Gestalt annehmen zu können. Jeder Band enthält daneben eine kurze Einleitung zu Ursprung und Entstehung des Mabuse-Stoffes, zu dessen Einordnung in den historischen Rahmen und zur Rezeptionsgeschichte (Filme).

Diskografie[Bearbeiten]

  • Kriminalfilmmusik No. 4 mit Musik aus den Mabuse-Filmen der 1960er-Jahre
    2000, BSC Music, Prudence 398.6560.2

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Siemsen: Kino-Elend in: Die Weltbühne vom 17. August 1922
  2. Mr. Tot aĉetas mil okulojn
  3. Dr. med. Mabuse - Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe