Dragotin Kette

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Dragotin Kette

Dragotin Kette (* 19. Januar 1876 in Ilirska Bistrica; † 26. April 1899 in Ljubljana) war ein slowenischer Lyriker des Impressionismus und der Neo-Romantik.[1]

Zusammen mit Josip Murn, Ivan Cankar and Oton Župančič gilt er als einer der Begründer der modernen Slowenischen Literatur und des Modernismus.[2] Außerdem sind einige seiner Märchen, Fabeln und Kindergedichte durch ihre Übersetzung in mehrere Sprachen bis heute international bekannt.

Leben[Bearbeiten]

Dragotin Kette wurde am 19. Januar 1876 in dem kleinen Dorf Prem[3] in der Nähe des heutigen Stadtteils Carniola der Stadt Ilirska Bistrica geboren. Diese war zum Zeitpunkt seiner Geburt Teil Österreich-Ungarns. Sein Vater Filip Kette war ein Lehrer und Chorleiter;[4] seine Mutter starb bereits, als der Junge vier Jahre alt war.

Kette besuchte ab 1888 das Staatliche Gymnasium von Ljubljana. 1894 stellte sein Onkel mütterlicherseits, Janez Valenčič, der für Dragogin Kettes Schulgeld aufkam, seine Zahlungen ein, nachdem sein Neffe eine Karzerstrafe wegen satirischer Gedichte auf den Bischof Jakob Missia in einer Schulzeitung erhalten hatte. Daraufhin musste Kette das Gymnasium verlassen. Er setzte seine Ausbildung in Novo mesto fort, wo er erfolgreich sein Matura-Examen 1898 abschloss.

In Novo mesto hatte er sich während seiner Oberschuljahre in die Tochter des Bezirkrichters, Angela Smola, verliebt, die er einige seiner ausdruckstärksten Gedichte widmete. Hier machte er auch durch seinen Eintritt in die geheime Schülervereinigung Zadruga (Genossenschaft) Bekanntschaft mit anderen jungen Autor wie Ivan Cankar, Oton Župančič and Josip Murn, die neue Elemente in der Slowenischen Literatur einführten: „bedingt durch die gesellschaftspolitische Situation, die dem Slowenischen keinen staatspolitischen Stellenwert einräumte, wurde die Literatur als nationale Aufgabe aufgefaßt und in konspirativen Klubs oder Gruppen gepflegt“.[5]

Nach seiner Matura wurde er zur österreichisch-ungarischen Armee eingezogen und nach Triest kommandiert. Manche Darstellungen vereinnahmen Kette einfach neben James Joyce, Vladimir Bartol und Umberto Saba als Beleg für das Kosmopolitische der Stadt Triest.[6] Dragotin Kette sah in Triest hingegen eher ein verelendetes soziales Klima, was sich in seinem Gedicht zur Venus von Triest ausdrückte, in dem er ein völlig passives Frauenbild verkörperte.[7] Hier erkrankte er an Tuberkulose, der er im April des Folgejahres in einem kleinen Elendsquartier am Ufer des Flusses Ljubljanica, einer leerstehenden Zuckerfabrik, die als Stara Cukrarna bekannt war,[8] in Ljubljana 1899 im Alter von gerade einmal 23 Jahren erlag. In den letzten Wochen seines Lebens wurde er von seinem engen Freund Josip Murn betreut, der an derselben Krankheit zwei Jahre später sterben sollte.

Die Cukrarna in Ljubljana, wo Kette 1899 starb

Dragotin Kette wurde auf dem Žale-Friedhof im Bezirk Bežigrad in Ljubljana bestattet. Als man 1957 unter Josip Broz Tito erwog, die oben erwähnte Stara Cukrana, die von den modernen Dichtern zum kulturellen Zentrum umdefiniert worden war, in Delavski dom (Arbeiterheim) Slovenske Moderne umzubenennen, wandte sich der Verband der Schriftsteller Sloweniens erfolgreich dagegen. Denn Cukrana sei ohnehin ein Synonym der Armut der slowenischen Moderne gewesen und müsse daher nicht durch einen konstruierten Prägungsnamen ersetzt werden. Als Kompromiss benannte man ein Haus in der Nähe mit diesem Namen.[9]

Werk[Bearbeiten]

Kette hinterließ nur ein schmales Werk von Gedichten und Erzählungen für Kinder. Dennoch gilt er neben seinen Freunden Ivan Cankar, Oton Župančič und Josip Murn, der ihn in seinen letzten Lebensmonaten unterstützte, als Begründer der modernen slowenischen Literatur.[10] [11] Kettes Lyrik war am meisten beeinflusst von slowenischen Volkslieder und den Autoren der Klassik,[12] allen voran Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine und France Prešeren. Außerdem äußerste sich dies auch darin, indem er dem Sonett den Vorzug gab und in seiner Poesie eine subjektive Struktur behauptet.[13]

Durch seine Freunde lernte er die französischen Symbolisten und Decadentisten kennen, insbesondere Paul Verlaine and Maurice Maeterlinck. Letztere lehnte er jedoch ab. Stattdessen wählte er einen eigenständigen Weg, ähnlich der anderer neo-romantischer Tendenzen im Europa der Jahrhundertwende.

Die Molo San Carlo-Pier in Triest, Namensgeberin für einen Gedichtzyklus Kettes

Seine bekanntesten Werke umfassen das impressionistische Gedicht Na trgu (Auf dem Platz), und einen Zyklus von acht Gedichten mit dem Titel Na Molu San Carlo. Dragogin Kette ist darüber hinaus bekannt als Verfasser populärer Kinderliteratur. Er schrieb rund 25 Märchen, Fabeln und Gedichte für Kinder, wobei die drei berühmtesten Das Märchen von dem Schneider und den kleine Scheren bzw. Das Zauberscherchen, Der Sultan und der Hund und Die Biene und die Hummel sind. Diese Kinderliteratur ist bis heute weit verbreitet und wurde ins Deutsche, Tschechische, Serbische, Kroatische, Mazedonische und in die Ungarische Sprache übersetzt.

Im Gegensatz zu seinem Freund Josip Murn etablierte sich Kette bereits als Dichter zu seinen Lebzeiten. Nach seinem Tod gab es halboffizielle Trauerbekundungen und der Bürgermeister Ljubljanas, Ivan Hribar, begleitete Kettes Beerdigung.

Dragotin Kettes gesammelten Gedichte wurden 1900 veröffentlicht. Der Herausgeber war Anton Aškerc, zu diesem Zeitpunkt der wichtigste Autor der slowenischen Sprache, obwohl er zuvor Kettes Gedichte abgelehnt hatte. Das Vorwort des älteren Kollegen, in dem er sich geradezu als Patron des jüngeren Dichters stilisierte, wurde von Ivan Cankar and Oton Župančič scharf kritisiert. Dies führte zu einer öffentlichen Diskussion, in denen die jüngeren slowenischen Schriftsteller die ästhetischen Standards der älteren Autoren in der Person Aškerc herausforderten. Am ersten Todestag Kettes veröffentlichte Ivan Cankar Kette zu Ehren ein wichtiges Essay. Darin betonte er, dass nur wenige Journalisten gemerkt hätte, welch großes, poetisches Talent man in Slowenien verloren habe. Vor allen Dingen, weil er das größte Talent seit France Prešeren gewesen sei. Diese Mahnung war vor allen Dingen vor dem Hintergrund zu verstehen, dass sowohl die moderne europäische wie auch die neuere slowenische Literatur in der maßgeblichen national-liberalen, monatlich erscheinenden Literaturzeitschrift Ljubjanski zvon (Laibacher Glocke) entweder wie im ersten überhaupt nicht oder wie im zweiten Fall nur konventionelleren Texten vertreten war.[14]

Dragotin Kette hatte eine wichtigen Einfluss auf die kommenden Generationen der Autoren seines Heimatlandes wie zum Beispiel Alojz Gradnik, Srečko Kosovel, Miran Jarc, Ivan Minatti, Janez Menart, Kajetan Kovič und Ciril Zlobec.[15] [16]

Dabei wurde jedoch die Rezeption aller slowenischen Poeten dadurch erschwert, dass in den ersten Anthologien der 1930er Jahre[17] die Qualität der Übersetzungen eher limitiert war: So urteilte Glonar, Bibliothekar in der Staatlichen Studienbibliothek in Ljubljana, 1933, es sei „nicht die Sprache der zeitgenössischen deutschen Lyrik, sondern die Sprache von Schulbuchlyrik und Allerweltsschlagern“.[18]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Šwalča a nožicy. Mladinska Knjiga, Ljubljana 1967.
  • Pesmi. Cankarjeva Založba, 2. Aufl. Ljubljana 1984.
in deutscher Übersetzung
  • Das Zauberscherchen. Übersetzt von Anton Svetina. Illustrationen: Jelka Reichman, M. Pawlak 1985. ISBN 3-881-99198-0

Adaptionen[Bearbeiten]

Hörbuch

Literatur[Bearbeiten]

  • Antun Barac, Miodrag Vukić (Hrsg.): Geschichte der jugoslavischen Literaturen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz , Wiesbaden 1977, ISBN 3-447-01874-7.
  • Ivan Cankar: Dragotin Kette. In: Bela krizantema. Mladinska knjiga, Ljubljana 1966, S. 16-28.
  • Silvo Fatur: Dragotin Kette - Prem. Občina, Ilirska Bistrica 2000.
  • Matjaž Kmecl: Kette na svetli strani moderne. Slavistično društvo Slovenije, Ljubljana 2006.
  • Juraj Martinović: Poezija Dragotina Ketteja. Slovenska matica, Ljubljana 1976.
  • Janez Mušič: Dragotin Kette. Mladika, Ljubljana 1993.

Weblinks[Bearbeiten]

Das gemeinsame Grab von Cankar, Murn und Kette auf dem Friedhof Žale
 Commons: Dragotin Kette – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Dragotin Kette – Quellen und Volltexte (slowenisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. zur Stellung innerhalb der slowenischen Nationalbewegung, Robert A. Kann: A history of the Habsburg Empire, 1526-1918, University of California Press, Berkeley/Los Angeles 1974, S. 530.
  2. Klaus Amann, Johann Strutz: Das literarische Leben. In: Herbert Dachs u.a. (Hrsg.): Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945. Bd. 2, Kärnten: von der deutschen Grenzmark zum österreichischen Bundesland. Böhlau Verlag, Wien 1998, S. 563.
  3. http://www.kam.si/slovenske_pespoti/kettejeva_pot.html
  4. Prem, Dragotin Kette's Birth House, Old School
  5. Katja Sturm-Schnabl: Das literarische Kaffeehaus in Lubjana/Laibach (1890-1950). In: Michael Rössner (Hg.): Literarische Kaffeehäuser, Kaffeehausliteraten. Böhlau Verlag, Wien u.a. 1999, S. 200.
  6. Vgl. Vlado Kotnik: Opera, power and ideology. Anthropological study of a national art in Slovenia. Ljubljana , S. 161.
  7. Anna Campanile: The Torn Soul of a City: Trieste as a Center of Polyphonic Culture and Literature. In: John Neubauer: History of the literary cultures of East-Central Europe: Junctures and disjunctures in the 19th and 20th centuries. Band 2. John Benjamins Publishing Company Amsterdam u.a. 2004, S. 159.
  8. http://www.dedi.si/dediscina/36-cukrarna
  9. Monika Stromberg: Ein Beispiel, wie man Sozialismus errichtet. Ljubljana zwischen europäischem Erbe und sozialistischer Revolution nach 1945. In: Margit Franz u.a. (Hrsg.): Mapping contemporary history: Zeitgeschichten im Diskurs, Band 1.. Böhlau Verlag, Wien 2008, S. 137.
  10. Zur Rolle innerhalb der slavischen Moderne: Péter Krasztev: Central and Eastern European Symbolist Literature and Its Projects. In: Ástráður Eysteinsson, Vivian Liska (Hrsg.): Modernism. Bd. 2, John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2007, S. 884.
  11. Zum Stellenwert in der slowendischen Moderne, Oto Luthar: The land between: a history of Slovenia. Peter Lang Verlag, New York u.a. 2008, S. 360.
  12. Anton Slodnjak: Slavischer Grundriss. De Gruyter, Berlin 1958, S. 30.
  13. France Bernik: Slowenische Literatur im europäischen Kontext. O. Sagner, München 1993, S. 18.
  14. Andrej Leben: Ljubjanksi zvon. In: Stefan Simonek (Hrsg.): Die Wiener Moderne in slawischen Periodika der Jahrhundertwende. Peter Lang Verlag, Bern u. a. 2006, S. 185.
  15. Vgl. John K. Cox: Slovenia: evolving loyalties. Routledge, New York 2005 S. 21.
  16. Matjaž Klemenčič, Mitja Žagar (Hrsg.): The former Yugoslavia's diverse peoples: a reference sourcebook. ABC-CLIO, 2004, S. 68.
  17. Rudulf Andrejka: Aus slovenischen Dichtungen, Wien 1932.
  18. Joža Glonar: Slovenische Erzähler. Nova Založba, Laibach 1933, S. 46, hier zitiert nach: Erwin Köstler: Vom kulturlosen Volk zur europäischen Avantgarde: Hauptlinien der Übersetzung, Darstellung und Rezeption slowenischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Peter Lang Verlag, Bern u.a., S. 162.