Drittes Geschlecht

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Dieser Artikel erläutert die Geschlechtsidentität – zum Film siehe Anders als du und ich.
Merkur-Symbol als Gender-Symbol für das dritte Geschlecht

Drittes Geschlecht bezeichnet Personen, die sich in das zweifache Geschlechtssystem nicht einordnen lassen. Die Bezeichnung prägte der Schriftsteller Ernst von Wolzogen erstmals im deutschen Sprachraum 1899 in seinem Roman Das dritte Geschlecht, um eine bisexuelle Person zu beschreiben.[1] In einigen Gesellschaften ist ein drittes soziales Geschlecht neben Mann und Frau als üblich angesehen (siehe auch Geschlechtsidentität und Gender).

Geschichte[Bearbeiten]

Illustration eines Zwischengeschlechtlichen in den Nürembergschen Chroniken

In Platons Symposion erzählt der Komödiendichter Aristophanes von den Kugelmenschen. Diese mythischen Wesen der Antike kannten bereits ein drittes Geschlecht: Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere – die andrógynoi – hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte. Die rein männlichen Kugelmenschen stammten ursprünglich von der Sonne ab, die rein weiblichen von der Erde, die androgynen vom Mond.[2]

In der europäischen Kulturgeschichte erhielten insbesondere Gesangskastraten die Benennung homines tertii generis (Menschen des dritten Geschlechts).[3] So sah sich zum Beispiel der Kastrat Filippo Balatris einem dritten Geschlecht zugehörig. In seiner autobiografischen Dichtung Frutti del mondo schreibt Balatris im Jahr 1735: „…obwohl ich doch ein Neutrum bin, ein Hauptwort mit dem Artikel ‚das‘.“[4]

Théophile Gautiers Roman Mademoiselle de Maupin (1835) handelt von einer bisexuellen Sängerin, die an der Pariser Oper in Männerrollen auftritt. Die Protagonistin erkennt die − im Vergleich zu Frauen − größeren Entfaltungsmöglichkeiten der Männer. Sie verkleidet sich als Mann und hat Liebeserlebnisse mit Männern und Frauen. Ihre Erlebnisse fasst die Sängerin in dem Satz zusammen: Je suis d’un troisième sexe à part qui n’a pas encore de nom.[5] In der deutschen Übersetzung lautet der Satz: „Ich gehöre einem dritten, besonderen Geschlecht an, das noch keinen Namen hat.“[6]

Die österreichische Schriftstellerin Elsa Asenijeff bezeichnete in ihrer 1898 erschienenen Schrift Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht„emancipierte Weiber“, welche angeblich danach streben, wie ein Mann zu leben, als hors-sexe (außerhalb des Geschlechts) oder als das dritte [soziale] Geschlecht.[7]

Ernst von Wolzogen zeichnet in seinem 1899 erschienenen satirischen Roman Das dritte Geschlecht mit der Protagonistin Claire de Vries das Bild der studierenden Geliebten, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter verweigert.

Gegenwart[Bearbeiten]

Hijra aus dem Panscheel Park in Neu-Delhi, 1994

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff drittes Geschlecht von den Anhängern der Queer Theory und der Transgender-Bewegung wiederentdeckt:

Die queere Identität wird heute analog zu einem dritten Geschlecht betrachtet, und nicht primär als transgender oder intersexuell. So wird in einigen Gesellschaften ein drittes soziales Geschlecht neben Mann und Frau als üblich angesehen. Hierzu zählen die Hijras in Indien, die Berdachen bei Indianerstämmen Amerikas, die Muxes und Marimachas in der mexikanischen Stadt Juchitán, die Eingeschworenen Jungfrauen Albaniens, die Faʻafafine auf der polynesischen Insel Samoa und (zum Teil) Kathoey in Thailand.[8][9][10]

Die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (1908–1986) bezeichnete Frauen nach der Menopause, in der sie die Empfängnisfähigkeit verlieren und die Sexualität dann zeugungslos wird, als ein drittes Geschlecht.

Im Rahmen der neuzeitlichen Philosophie ist die Kategorie „Geschlecht“ keineswegs eine seinsmäßig unzweifelhafte: „Die neueren, im Umkreis der feministischen Philosophie geführten Debatten haben darüber aufgeklärt, was es bedeutet, diesen Begriff so zu gebrauchen, als eigne ihm ein veritabler (siehe Wiktionary) Gegenstandsbezug: die Kategorie vermeintlich ontologischen Zuschnitts fungiert in Wahrheit als ideologisches Konstrukt.“[11] In diesem Sinne ist „Geschlecht“ nur eine kulturelle Kategorie und nicht eine seinsmäßig vorgegebene.

Formaljuristische Existenz eines dritten Geschlechtsmerkmals[Bearbeiten]

Von folgenden Staaten ist bekannt, dass sie ein drittes bzw. unbestimmtes Geschlecht anerkennen und in Reisepässen als Geschlechtsmerkmal ein X vorsehen:[12]

  • Australien
  • Bangladesch (seit 11. November 2013)[13]
  • Deutschland (s.u.)
  • Indien
  • Nepal
  • Neuseeland
  • Pakistan

In Deutschland wird laut § 22 Abs. 3 des Personenstandsgesetzes bei geschlechtlicher Uneindeutigkeit die Geburt ohne Angabe des Geschlechts in das Geburtenregister eingetragen. Das Geschlecht kann später nachgetragen werden, muss es aber nicht; es bleibt dann unbestimmt. Wurde trotz Uneindeutigkeit ein Geschlecht eingetragen, so kann sogar später der Geschlechtseintrag wieder gestrichen werden (s. OLG Celle, Beschl. v. 21.01.2015 (Az. 17 W 28/14) [1]). Im Einwohnermelderegister wird statt "m" oder "w" die "1" verwendet, bei der Datenübermittlung aber ein "x"[2]. Im Reisepass wird ebenfalls ein "X"[3] verwendet (deutsche Personalausweise weisen keine Geschlechtsmerkmale aus). Dieses dritte Geschlechtsmerkmal steht keinesfalls für ein drittes Geschlecht sondern vermerkt den Umstand, dass die Person formaljuristisch kein Geschlecht hat.

In Malta wird nach den Änderungen durch das Gesetz „Gender Identity, Gender Expression and Sex Characteristics Act, 2015“ nunmehr gemäß Art. 278 des Zivilgesetzbuches die Angabe des Geschlechts eines Kindes im Geburtseintrag zurückgestellt, bis die Geschlechtsidentität des Minderjährigen geklärt ist, und wird nach § 9(2) des genannten Gesetzes eine ausländische Geschlechtsangabe auch dann anerkannt, wenn sie nicht "männlich" oder "weiblich" lautet (auch das Fehlen einer Geschlechtsangabe wird nach dieser Bestimmung anerkannt).[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Friedrich, Leipzig 1898.
  • Ute Scherb: Ich stehe in der Sonne und fühle, wie meine Flügel wachsen. Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität von 1900 bis zur Gegenwart. Helmer, Königstein/Taunus 2002, ISBN 3-89741-117-2 (Besprechung).

Belletristik:

Film und Fernsehen[Bearbeiten]

  • Lucía Puenzo: XXY Argentinien 2007 (ähnliches Thema wie der Roman Middlesex).
  • Im Star Trek-Universum treten einige außerirdische Spezies auf, die vom zweifachen Geschlechtssystem abweichen.[14] So hat die in Star Trek: Raumschiff Voyager auftretende Spezies 8472 fünf Geschlechter. Die Rigelianer, welche in verschiedenen Serien auftreten, kennen ebenfalls mehrere Geschlechter, wobei nicht klar ist, ob es sich um vier oder fünf handelt.[15] Bei Star Trek: Enterprise treten die Vissianer auf, die als drittes Geschlecht den Cogenitor kennen.[16]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Transgender – Sammlung von Bildern, Videos und AudiodateienVorlage:Commonscat/Wartung/P 2 fehlt, P 1 ungleich Lemma

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ernest Bornemann: Drittes Geschlecht. In: derselbe: Sexuallexikon. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 1969.
  2. Platon, Symposion 189d–190b. Siehe dazu Bernd Manuwald: Die Rede des Aristophanes (189a1–193e2). In: Christoph Horn (Hrsg.): Platon: Symposion, Berlin 2012, S. 89–104, hier: 93f.
  3. Paul Münch: homines tertii generis. (PDF; 185 kB).
  4. Linda Maria Koldau: Ille cum, tu sine – Der Kampf um die Männlichkeit bei den Kastraten des 18. Jahrhunderts. 2. Tagung AIM Gender, S. 4 (PDF; 82 kB; 17&nbspSeiten).
  5. Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin.
  6. Quellenangabe zu Oskar Sahlberg. In: schwulencity.de. Abgerufen am 10. Mai 2014.
  7. Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Österreichische Nationalbibliothek, Wien 1898 (online mit PDF-Download).
  8. Céline Grünhagen: Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys. In: Religion und Politik im gegenwärtigen Asien. Konvergenzen und Divergenzen. Lit Verlag, Berlin/Münster 2013, S. 71–74.
  9. Peter A. Jackson: Bangkok's Early Twenty-First-Century Queer Boom. In: Queer Bangkok. 21st Century Markets, Media, and Rights. Hong Kong University Press, Hongkong 2011, ISBN 978-988-8083-04-6, S. 37.
  10. Megan Sinnott: Toms and Dees. Transgender Identity and Female Same-Sex Relationships in Thailand. S. 5–7, 26.
  11.  Sabine Doyé, Marion Heinz, Friederike Kuster (Hrsg.): Philosophische Geschlechtertheorien. Ausgewählte Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2002, ISBN 9783150181904, S. 7,1.
  12. Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 8. Mai 2012, abgerufen am 10. Mai 2014.
  13. Englische Wikinews: Bangladesh government makes Hijra an official gender option. In: Wikinews. 11. November 2013, abgerufen am 10. Mai 2014.
  14. Wiki-Eintrag: Geschlecht. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
  15. Wiki-Eintrag: Rigelianer. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
  16. Wiki-Eintrag: Vissianischer Cogenitor. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.