Drittes Geschlecht

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Dieser Artikel erläutert den Begriff; der Film Das dritte Geschlecht ist unter seinem Verleihtitel in Deutschland Anders als du und ich zu finden.
Illustration eines Zwischen- geschlechtlichen in den Nürembergschen Chroniken

Als Drittes Geschlecht wurde und wird zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Gruppen unterschiedliches bezeichnet:

  • reinen Zählungen in veralteten Bezeichnungen der Biologie bei der weiteren Unterteilungen von Arten oder der Genealogie bei der Zählung von Generationen

Alle anderen Begriffsverständnisse meinen

  • Personen, welche entweder biologisch oder sozial als nicht zum binären Geschlechtssystem zugehörig angesehen wurden oder werden,
  • oder sich selbst so fühlen, beispielsweise Two-Spirit (Menschen mit zwei Seelen) bei amerikanischen Ureinwohnern.

Der Begriff wurde nur im 19. Jahrhundert kurzzeitig von Sexualforschern wissenschaftlich angewandt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Grammatisches drittes Geschlecht

Neben Maskulinum und Femininum gibt es unter anderem im Deutschen, in Latein und Altgriechisch den Genus Neutrum. Auf Deutsch wird dieses grammatikalische Geschlecht schon längere Zeit als drittes Geschlecht bezeichnet.

[Bearbeiten] Griechische Mythologie

Im zirka 380 v. Chr. entstandenen Symposion von Platon erzählt der Komödiendichter Aristophanes seine erfundene Mythologie über die Entstehung des Eros. Demnach habe es ehemals die von Prometheus erschaffenen Kugelmenschen gegeben mit einem Kopf, zwei Gesichtern, vier Ohren, vier Händen, vier Beinen und zwei Geschlechtsteilen. Neben den rein männlichen (Sonnengeschlecht) und den rein weiblichen (Erdgeschlecht) gab es noch ein drittes Geschlecht („triton genos“), nämlich das mannweibliche (Mondgeschlecht). Von diesem blieb nur der Name Androgynes übrig. Die Menschen wurden dem Mythos nach übermütig und waren so stark, dass sie sich gegen die Götter erhoben. Da man sie nicht wie die Giganten vernichten wollte zerschnitt Zeus sie in der Mitte, um sie zu schwächen. Von seinem Sohn Apollon ließ er das Gesicht herumdrehen und sie heilen indem dieser die Haut über die offenen Stellen zog, was unseren jetzigen Bauch bildet und der Nabel soll eine letzte Erinnerung sein. Ab da gab es nur mehr Männer und Frauen die sich nach ihrer jeweiligen Hälfte sehnten, Frauen zu Frauen, Männer zu Männer und Männer zu Frauen. Sie umarmten sich inniglich und weil sie nicht voneinander lassen wollten starben sie nach der Reihe. So erbarmte sich Zeus und legte auch die Schamteile nach vorne. So konnten die Paare Befriedigung erlangen, die Mann-Frauen auch Kinder zeugen und alle sich danach ihren Geschäften zuwenden.[1]

[Bearbeiten] Kastraten im 18. Jahrhundert

In der konfessionell polemisierenden Literatur, vor allem gegen Ende der Blütezeit der Kastraten im 18. Jahrhundert, wurden jenen immer drastischere degradierende Bezeichnungen zuteil. Unter anderem wurden sie als „homines tertii generis“ (dt.: „Menschen des dritten Geschlechts“) bezeichnet. Aber auch die Betroffenen selber sahen sich teilweise so. Der Kastrat Filippo Balatris zum Beispiel sieht sich selbst als drittes Geschlecht, weder Mann noch Frau, und schreibt im Jahre 1735 in seiner autobiografischen Dichtung Frutti del mondo: „… obwohl ich doch ein Neutrum bin, ein Hauptwort mit dem Artikel ‚das’.“[2]

[Bearbeiten] 1835: Mademoiselle de Maupin

Théophile Gautier veröffentlicht 1835 seinen Briefroman Mademoiselle de Maupin in Anlehnung an eine real existierende bisexuelle Dame gleichen Namens, die an der Pariser Oper Männerrollen sang. Dessen Hauptfigur erkennt, dass ihr Lebenskreis als Frau eingeschränkt ist im Vergleich zu männlichen Entfaltungsmöglichkeiten. Sie verkleidet sich als Mann, lernt deren Welt kennen und hat dabei Liebeserlebnisse mit Männern und Frauen. Ihrer eingeweihten Freundin Graciosa erzählt sie gegen Ende, dass sie das Bewusstsein ihres Geschlechts verloren hat, und sollte sie jemals wieder als Frau leben, wahrscheinlich wie ein als Frau verkleideter Mann wirken würde. Sie fühlt, dass keines der Geschlechter das ihre ist, da sie weder „die schwachsinnige Unterwürfigkeit, noch die Schüchternheit, noch die Kleinlichkeit der Frau“ besitzt, aber auch nicht „die Laster der Männer, ihre abstoßende Gemeinheit und ihren Hang zur Brutalität“ hat. So meint sie „je suis d’un troisième sexe à part qui n’a pas encore de nom“[3] (dt.: „ich gehöre einem dritten, besonderen Geschlecht an, das noch keinen Namen hat“[4]) Gautier war damit wohl der erste Autor der Moderne, welcher die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ verwendete.

[Bearbeiten] Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Im Roman Splendeurs et misères des courtisanes (1838-44 dt. Glanz und Elend der Kurtisanen, 1845) von Honoré de Balzac wird Theodor im Gefängnis als „tante“ (umgangssprachlich, dt. Tante, damals auch auf Deutsch üblich, heute eher Tunte oder Schwester) von Jakob Collin (Spitzname „Betrüg-den-Tod“) bezeichnet. Bei der Erklärung was eine „tante“ sei heißt es dann: „C'est le troisième sexe, milord.“ (dt.: „Das dritte Geschlecht, Mylord.“)[5]

[Bearbeiten] 19. Jahrhundert: Frauenbewegung

Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts kämpfte die Frauenbewegung unter anderem gegen die Vorstellung einiger Männer, dass das weibliche Geschlecht nicht nur körperlich, sondern auch geistig schwächer ist und hochstehende Leistungen von Frauen in Kunst oder Wissenschaft „nicht nur eine seltene Ausnahme, sondern gewissermaßen eine Unnatur“ darstellen.[6] Die Frau sollte alleine in der Funktion als Geliebte, Ehefrau, Hausfrau, Mutter und sozial engagierter Helferin die Erfüllung finden. Kritiker und Kritikerinnen, wie etwa Elsa Asenijeff in ihrer 1898 erschienen Schrift Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht[7], bezeichneten „emancipierte Weiber“, welche angeblich danach streben wie ein Mann zu leben als „hors-sexe“ (frz., dt.: außerhalb des Geschlechts) oder als „das dritte [soziale] Geschlecht“ und schreiben ihnen je nachdem männliche Allüren, eine Überbewertung der nicht immer optimalen Männerzivilisation und verkümmerte weibliche Organe zu. Die Kritiken der damaligen Frauen und Männern sind ähnlich jenen heutigen gegenüber Emanzen. Ernst von Wolzogen zeichnet in seinem 1899 erschienen satirischen Roman Das Dritte Geschlecht mit Claire de Vries das Bild der studierenden Geliebten[8], die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter verweigert.

[Bearbeiten] Spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert: Abweichung von der Heteronormativität

Magnus Hirschfeld, Was muss das Volk vom Dritten Geschlecht wissen! (Broschüre von 1901)

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Bezeichnung Drittes Geschlecht geläufig für Menschen, die von heteronormativen Regeln abwichen. Darunter wurden also jene Menschen gefasst, welche heute als Schwule und Lesben, Transgender und/oder Intersexuelle bezeichnet werden. Insbesondere Magnus Hirschfeld und seine „Zwischenstufentheorie“ trug vor dem 2. Weltkrieg zur Verbreitung dieses Konzepts bei. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff von Sexualforschern nicht länger angewandt; dies verstärkte sich zuerst durch die jeweiligen Emanzipationsbewegungen in den 1970er Jahren, und dann auch durch die assimilationistischen Tendenzen, die zum Begriff Straight acting führten.

Die feministische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) bezeichnete Frauen nach der Menopause, wenn sie nicht mehr der Gebährfähigkeit unterworfen sind und eine bestimmungslose Sexualität zurückerhalten, als „drittes Geschlecht“.[9]

[Bearbeiten] Ende des 20. Jahrhunderts: Queer Theory

Hijra aus dem Panscheel Park in Neu Delhi, 1994

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde diese Bezeichnung von den Anhängern der Queer Theory wiederentdeckt. Die queere Identität wird heute von ihnen analog zu einem „dritten Geschlecht“ betrachtet, und nicht primär als lesbisch, schwul, transgender oder intersexuell. So gibt es in einigen Gesellschaften wie selbstverständlich noch ein weiteres soziales Geschlecht, neben Mann und Frau. Zu nennen wären da unter anderem die Hijras in Indien, die thailändischen Katoey, die Berdachen bei Indianerstämmen Amerikas und die Muxe's und Marimachas in der mexikanischen Stadt Juchitán. Um nebst männlich und weiblich eine „dritte geschlechtliche Subjektivität“ zu bezeichnen wird zunehmend der Begriff transgender verwendet, beispielsweise seit 2006 in einem Online-Formular[10] der Harvard Business School (was manche auch kritisieren, beispielsweise auch mit „göttlicher Autorität“[11]).

Damit nicht verwechselt werden sollten die Bewegungen intersexueller Menschen, welche sich – und nur sich – als ein „drittes [biologisches] Geschlecht“ betrachten (vergleiche Hermaphrodit).

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Platon: Das Gastmahl (Symposion), Übersetzt von Friedrich Schleiermacher im Jahre 1807
    14. Die ursprüngliche Natur des Menschen; Herkunft und Art seiner drei Geschlechter
    15. Bestrafung des menschlichen Übermuts durch Zeus und Zustandekommen der jetzigen menschlichen Art
    16. Eros als Geleiter und Rückführer in die alte Natur ist Urheber des größten Gutes
  2. Linda Maria Koldau: „Ille cum, tu sine“ – Der Kampf um die Männlichkeit bei den Kastraten des 18. Jahrhunderts, 2. Tagung AIM Gender, ruendal.de, Stand: 21. Oktober 2002
  3. Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin – Kapitel XV: Il était cinq heures du matin …, 1835, fr.wikisource.org
    Deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1921 bei zeno.org
  4. Oskar Sahlberg (Hrsg.) „Théophile Gautier: Auf der Suche nach dem Anderswo“ Band II, Freitag-Verlag, Berlin 1984, ISBN 3-88796-019-X, Seite 23 (Auszug bei Schwulencity.de)
  5. Honoré de Balzac: Splendeurs et misères des courtisanes - Quatrième partie, 1838-1844, fr.wikisource.org
    Deutsche Übersetzung: Glanz und Elend der Kurtisanen - 2. Teil - Vautrins letzte Verkörperung, 1909, zeno.org
  6. Zitat von Alban Stolz in einer Buchrezension auf zum.de zu:
    Ute Scherb: Ich stehe in der Sonne und fühle, wie meine Flügel wachsen. Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität von 1900 bis zur Gegenwart, Ulrike Helmer-Verlag, Königstein/Ts. 2002, ISBN 3-89741-117-2.
  7. Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht, 1898
  8. Franziska Gräfin zu Reventlow: Essay - Viragines oder Hetären, Erstdruck in:
    Oskar Panizza (Hrsg.):
    Zürcher Diskußionen, 2. Jg., Nr. 22, 1899
  9. Lisa Fischer: Mutterwitz, wienerzeitung.at, 18. Februar 2000
  10. Online-Formular (siehe Auswahlfeld „Gender“) der Harvard Business School (2006)
  11. Kritik an „Harvard introduces Third Gender“ in „WDC MEDIA NEWS: Christian News and Media Agency“ 25. Juli 2006
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