Drogen-U-Boot

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In Ecuador nahe der kolumbianischen Grenze gefundenes Schmuggel-U-Boot für Drogen. (2010)
Drogen-U-Boot auf See, kurz vor der Aufbringung durch die US-Marine

Ein sogenanntes Drogen-U-Boot (engl. Narcosubs) ist ein Unterwasserboot, das hauptsächlich zum Schmuggeln illegaler Drogen dient. Die U-Boote werden von einzelnen Kriminellen oder Gruppierungen der organisierten Kriminalität gebaut und betrieben. Viele der Tauchboote werden in kleinen Manufakturen im kolumbianischen Dschungel gefertigt und sind für den einmaligen Einsatz vorgesehen.

Hintergrund und Geschichte[Bearbeiten]

Erste Gerüchte von Schmuggler-U-Booten kamen in den 1990ern bereits auf. Vielfach wurden sie als “Bigfoot” bezeichnet, denn die Drogenfahndung hörte zwar von ihrer Existenz, aber niemand hatte ein solches Boot gesehen.[1] Doch bereits 1997 wurden zwei Mini-U-Boote im Hafen von Santa Marta (Karibik) gefunden. Die Boote fuhren nicht bis nach Mexiko, meist stoppen sie schon in Honduras oder Guatemala. Von dort wurde das Rauschgift dann auf dem Landweg weiter transportiert.

Die mittelamerikanischen Schmuggler-U-Boote sind nur mit einem großen technischen Aufwand zu orten. Für die Besatzung ist es meist leicht, sie bei Entdeckung zu versenken. Vermutlich werden diese U-Boote verwendet, weil es immer schwieriger wird, mit Fischerbooten zu schmuggeln. Die Joint Interagency Task Force South (JITFS), eine Gemeinschaftsoperation von US-Marine, US-Küstenwache, CIA, verschiedenen Drogenbekämpfungsagenturen und zwölf weiterer Staaten, fing immer mehr Drogenschmuggler in ihren Schnellbooten ab. Im November 2006 wurde das erste Tauchboot mittelamerikanischer Schmuggler von der „JITFS“ aufgebracht. [2] Ein Admiral der „JITFS“ sagte bereits 2008 dem Spiegel, dass er davon ausgehe, dass die Zahl der Halbtauchboote zunehmen werde, seitdem effektiver gegen Fischerboote vorgegangen werden könne. Er meint, dass 2008 70 bis 80 U-Boote im Einsatz waren.

In Westkolumbien werden die Boote auf Unterständen im Dschungel gebaut. Nach Erkenntnissen der „JITFS“ werden die Materialien mittels kleiner Boote angeliefert, nur selten auf dem Landweg. Die Organisationen bringen so selbst schwere Dieselmotoren in den Dschungel. Konstruiert werden die Boote von Technikern, die mit nautischer Technik vertraut sind und aus verschiedenen Ländern stammen. Meist sind dies ehemalige Konstrukteure von Freizeitbooten.

Die Besatzung besteht vorwiegend aus seeerfahrenen Fischern. Viele Drogen-Schmuggler sind in der Küstenregion um die kolumbianische Hafenstadt Buenaventura angesiedelt, in der es eine hohe Arbeitslosenrate und viel Armut gibt. Im BBC-Interview berichtete der Kapitän eines Fischerbootes, dass er für seine drei Törns in halbtauchenden U-Booten jeweils 300.000 US Dollar pro Fahrt bekommen habe. Er bezeichnete die Lebensbedingungen in den zwei Wochen der Fahrt als „höllisch“: die Boote verfügen über keine sanitären Einrichtungen, deshalb müsse die Besatzung in einer Mischung aus Kokain, Dieselgestank und Exkrementen leben. [3]

Konstruktion[Bearbeiten]

Bei den Schmuggler-Tauchbooten handelt es sich in den meisten Fällen um halbtauchende Boote. Sie werden von der US-Marine als „Self-Propelled Semi-Submersible“ (SPSS) bezeichnet. Im Gegensatz zu echten U-Booten fahren sie nur wenige Meter bis Zentimeter unter der Wasseroberfläche und haben keine Druckausgleichsgeräte an Bord. 2008 wurden auch erstmals die von der „JITFS“ als „3. Generation“ bezeichneten U-Boote beobachtet. Sie sind aus Stahl gefertigt und verfügen oft über zwei parallel betriebene Maschinen mit hohen Leistungen. Im Verhältnis zu den Vorgängern haben sie größere Treibstofftanks und somit die Fähigkeit, große Distanzen zurückzulegen. 2010 wurde das erste volltauchende U-Boot im ecuadorianischen Dschungel entdeckt.

Typische Technische Daten[Bearbeiten]

Die „JITFS“ charakterisiert die SPSS wie folgt:

  • Material: Holz, Fiberglas, Stahl.
  • Länge: 12 bis 25 Meter
  • Freibord: 46 cm
  • Maschinen: ein oder zwei Dieselmotoren (teilweise auch diesel-elektrisch)
  • Treibstoffkapazität: 5.700 l
  • Reichweite: 3.200 km (bis angeblich über 5.000 km)
  • Geschwindigkeit: 11 kn
  • Besatzung: 3–6 Personen
  • Ladekapazität: 4 bis 12 t
  • Steuerung: manuell oder ferngesteuert

Beispiele von Drogen-U-Booten[Bearbeiten]

  • Im September 2000 fand die Policía Nacional de Colombia ein halbfertiges U-Boot in einer Lagerhalle in Facatativa, einem Vorort von Bogota. Bei dem Boot wurden russische Baupläne gefunden. Das Boot hätte an die 200 Tonnen Drogen transportieren können, wäre 30 m lang geworden und vermutlich im Pazifik zu Wasser gelassen worden. Wegen der russischen Dokumente spekulierte die Polizei über die Beteiligung russischer Techniker. Bogota liegt 2250 m hoch, verfügt aber über eine gute Infrastruktur für den Bootsbau.[4]
  • Im Oktober 2009 brachten guatemaltekische Behörden im Pazifik zusammen mit der US-Drogenbehörde DEA ein selbstgebautes Tauchboot mit rund zehn Tonnen Kokain auf. Das Boot wurde in internationalen Gewässern gestoppt und drei Kolumbianer und ein Mexikaner festgenommen.[5]
  • Am 3. Juli 2010 beschlagnahmten die ecuadorianischen Behörden an der Grenze zu Kolumbien das erste echte voll funktionsfähige und volltauchende U-Boot: im Dschungel. Das U-Boot war diesel-elektrisch angetrieben und besaß einen Rumpf aus Glasfaser und Kevlar. Es war 31 Meter lang, besaß einen 3-Meter-Turm mit Periskop und eine voll ausgestattete Klimaanlage. Das Boot konnte etwa 10 Tonnen Fracht transportieren, hatte eine Besatzung von fünf oder sechs Seeleuten sowie die Fähigkeit zum Tauchen bis auf 20 m Tiefe über lange Strecken. Der Tauchvorgang wurde mit Kompressoren gesteuert. Die ecuadorianischen Behörden beschlagnahmten das Boot noch vor seiner Jungfernfahrt.[6] Die Maschinen leisteten bis zu 345 PS und die Tanks fassten bis zu 1.700 US-Gallonen. Das Boot war mit einem GPS-Gerät und einer Nachtsichtkamera ausgestattet.[7]
  • Am 14. Februar 2011 stellte die kolumbianische Polizei das erste volltauchende U-Boot in Kolumbien sicher, das bis zu acht Tonnen Kokain transportieren konnte. Das Boot wurde in der abgelegenen Provinz der Region Cauca am Fluss Timgiqui rund 440 Kilometer südwestlich von Bogota aufgespürt. Das 30 Meter lange Fiberglasboot konnte fünf Besatzungsmitglieder aufnehmen, wurde von zwei Dieselmotoren angetrieben und besaß eine Klimaanlage. Es konnte bis zu 3 Meter tief tauchen und war mit einem 5-Meter-Periskop ausgestattet. Das Boot hatte eine Reichweite von Kolumbien bis über Mexiko hinweg. Die kolumbianischen Behörden vermuten eine Bauzeit von sechs bis acht Monaten und Kosten in Höhe von 2 Millionen US-Dollar für ein solches Boot.
  • Am 15. Februar 2011 brachte die kolumbianische Marine ein halbtauchendes U-Boot kurz vor der Küste auf. Der Polizei zufolge gehörte das U-Boot der FARC-EP. Die BBC berichtete, dass das Boot 30 Meter lang und über ein ausgeklügeltes Navigationssystem verfügte. Es bot Behördenangaben zufolge Platz für fünf Besatzungsmitglieder und sieben Tonnen Drogen. Aufgebracht wurde das Boot im Pazifik vor der kolumbianischen Küstenstadt Buenaventura.
  • Am 4. November 2011 beschlagnahmte die kolumbianische Marine ein Tauchboot, das für den Schmuggel von einer Tonne Kokain vorbereitet worden war. Das Tauchboot wurde mit Unterstützung der US-Marine 50 sm nordwestlich von Cartagena de Indias geortet. Die Bewacher des Transportboots hätten vergeblich versucht, es zu versenken und flüchteten auf zwei Motorbooten. Die Ladung sollte nach Angaben der Marine nach Zentralamerika transportiert werden.[8]
  • Im September 2012 fanden kolumbianische Fahnder ein U-Boot an der kolumbianischen Pazifikküste. Sie vermuteten, dass Schmuggler das Gerät für den Transport von bis zu 4 Tonnen Drogen genutzt haben könnten.[9]

Drogen-Torpedos[Bearbeiten]

Als „Drogen-Torpedos“ werden ferngesteuerte Untersee-Boote bezeichnet, die Drogen als Nutzlast transportieren. Die unbemannten Boote werden per Funkfernsteuerung geleitet und können sich im Fall eines Aufbringens teilweise selbst versenken.

Aufspüren und Aufbringen[Bearbeiten]

Die Fregatte USS McInerney mit einem aufgebrachten Drogen-U-Boot im Schlepp.

Moderne Drogen-U-Boote bestehen zu großen Teilen aus Fiberglas, was eine Ortung durch Sonar oder Radar kaum möglich macht. Diese Boote haben aber auch teilweise eine Bleiabschirmung an der Oberseite, um die Wärmestrahlung zu minimieren, um für Infrarot-Sensoren unsichtbar zu bleiben. Oft bleibt den Küstenwachten deshalb nur die visuelle Ortung der unter der Oberfläche fahrenden, meist grün und blau angestrichenen Boote.

Die kolumbianische Polizei beschlagnahmte von 2001 bis 2011 32 halbtauchende Boote für den Drogenschmuggel, davon allein 13 im Jahr 2007 und 12 im Jahr 2010.

Die JITFS mahnte 2008 an, dass mehr und bessere Luftüberwachung und Naherkundungstechnik bereitgestellt werden müsse.[10] Das Department of Homeland Security ließ das, den Schmuggler-U-Booten nachempfundene, halbtauchende Boot Pluto bauen. Es wird zur Erkundungsfähigkeit verschiedener Behörden eingesetzt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Smuggling submarines – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.gizmag.com/pluto-sub-dhs/24131/
  2. Cordula Meyer: U-Boote aus dem Drogendschungel. Spiegel Online, abgerufen am 25. Juli 2012.
  3. John Otis: Drug submarines: Colombia's underwater cocaine traffic. BBC, abgerufen am 25. Juli 2012 (englisch).
  4. Drug submarine found in Colombia. BBC, abgerufen am 25. Juli 2012 (englisch).
  5. http://nachrichten.t-online.de/drogenschmuggel-u-boot-im-pazifik-mit-zehn-tonnen-kokain-aufgebracht/id_20323332/index
  6. First true submarine captured from American drug smugglers. The Register, abgerufen am 25. Juli 2012 (englisch).
  7. Smuggling drugs in submarines. BBC, PRI and WGBH, abgerufen am 25. Juli 2012 (englisch).
  8. http://www.welt.de/politik/ausland/article13700144/Marine-beschlagnahmt-U-Boot-fuer-Kokain-Schmuggel.html
  9. http://www.spiegel.de/video/suche/tag/U-Boot.html
  10. SOUTHCOM Battles Drug Cartel Submarine Armada. defensetech, abgerufen am 25. Juli 2012 (englisch).