Dschinn

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Dschinn-Illustration aus dem 16. Jahrhundert

Die Dschinn (Pl. arabisch ‏جن‎, DMG ǧinn, Sg. männl. Dschinnī ‏جني‎ / ǧinnī, Sg. weibl. Dschinnīya ‏جنية‎ / ǧinnīya) sind nach dem islamischen Glauben unsichtbare dämonenartige Wesen, die aus Feuer erschaffen sind, über Verstand verfügen und neben den Menschen die Welt bevölkern. Nur in Ausnahmesituationen werden sie den Menschen sichtbar. Der islamische Dschinn-Glaube wurde aus dem vorislamischen Arabien übernommen.

Der Dschinn-Glaube im vorislamischen Arabien[Bearbeiten]

Im vorislamischen Arabien glaubten Menschen an Dämonen und Naturgeister, die eine für die Menschen feindliche Außenwelt verkörperten. Bis zur Zeit des Propheten Mohammed hatten sich die Dschinn zu unpersönlichen und charakterlosen Himmelswesen entwickelt, verantwortlich für ungewöhnliche Dinge. In dieser Vorstellung übernahmen sie die frühislamischen Araber und machten sie zu Gefährten Allahs.

Als Aufenthaltsorte bevorzugen Dschinn Wüsten, Wälder, Busch- und Strauchlandschaften, Ruinen, Grabstätten und Schlangengruben. Auch lieben sie Orte, die dunkel oder auch feucht sind, wie etwa Erdlöcher oder einen Hammām, besonders in der Nacht. Tagsüber bewegen sie sich im Allgemeinen in der Luft oberhalb der Menschensphäre bis direkt unterhalb der Engelsphäre, von wo aus sie fallweise die Gespräche der Engel belauschen können. Dieses Wissen können sie unter besonderen Umständen auch bestimmten Menschen mitteilen. Der Nutzen ist jedoch umstritten. Sie haben Familien (der Volksmund kennt vielerlei Geschichten von Menschen, die mit Dschinn verheiratet waren - Rafik Schami hat einer solchen Verbindung sogar eine Erzählung gewidmet), Religionszugehörigkeiten, Vorlieben und Abneigungen.

Der Dschinn-Glaube im Islam[Bearbeiten]

Aussagen im Koran[Bearbeiten]

Im Koran werden Dschinn häufig erwähnt. Ihnen ist eine eigene Sure gewidmet (Sure 72). Ausdrücklich gilt die Verkündung des Propheten nicht nur für die Menschen, sondern genauso auch für die Dschinn. Dschinn sind in der koranischen Schöpfungsgeschichte von Engeln dadurch zu unterscheiden, dass sie aus „rauchlosem Feuer” (Sure 15:26f; 55:14f) erschaffen sind, wohingegen die Engel aus Licht erschaffen wurden. Wie die Menschen sollen die Dschinn "dazu geschaffen sein, Gott zu dienen" (Sure 51:56). Darüber hinaus gibt es gläubige und ungläubige Dschinn, wobei die ungläubigen Dschinn in die Hölle kommen sollen (Sure 6:128; 11:119; 32:13: 41:25). Zu Zeiten des Propheten stellten einige Dschinn bei einer Versammlung fest, dass sie die Engel nicht mehr sprechen hörten. Sie zogen los, um den Grund dafür herauszufinden. Sie fanden Mohammed als dieser den Koran las. Dies geschah eben weil der Prophet für Dschinn ebenso wie für die Menschen den Koran offenbarte. Diese Dschinn konvertierten zum Islam, da sie nun alles erfahren hatten, was sie wissen mussten (Sure 72:1-19; 46:29-32).

Dschinn-Vorstellungen im Volksglauben[Bearbeiten]

Nach dem islamischen Volksglauben sind Dschinn in verschiedene Klassen unterteilt, die je nach Tun und Motivation unterschieden werden. Man unterteilt sie gemeinhin in drei Dschinn-Arten und verschiedene Untergruppierungen:

  • Dämonen, die den Menschen Schaden und Schrecken zufügen. Dabei sind die mächtigen die Ghul, die sehr mächtigen die Sila, die noch mächtigeren mit dezidiertem Zerstörungstrieb die Ifrit und die allerstärksten die Marid
  • Mittelwesen, die wie die Menschen die Schöpfung bevölkern und nicht besonders in Erscheinung treten und
  • Doppelgänger der Menschen.

Ein grundsätzliches Charakteristikum der Dschinn ist ihre fehlende Individualität. Daneben gibt es einige besondere Dschinn, die einen eigenen Namen tragen und als Dschinn-Heilige oder als krankmachende Geister wirken. Zu letzteren zählt die im Norden Marokkos verehrte und gefürchtete Aisha Qandisha. So wie Engel sind Dschinn Lebewesen, die wie die Menschen, Tiere, Pflanzen, Mikroben, Bakterien und Viren die Schöpfung bevölkern. Sie unterliegen wie die Menschen den Gesetzen des Korans. Sie haben aber wie Menschen einen eigenen Willen und können sich auch bewusst gegen die Gesetze Gottes wenden und können sich ebenso wie diese um ihr Seelenheil bemühen (durch Almosen, Beten, Fasten etc.). Und so wie unter den Menschen gibt es unter den Dschinn auch solche mit gutem und andere mit bösem Charakter - meist jedoch mit einem bisschen von beidem.

Ganze Dschinn-Völker leben unter anderem unter der Wasseroberfläche der Ozeane, organisiert in feudalen Hierarchien. Auf Gebieten des Meeresbodens, die trotz modernster Technik den Menschen nicht und niemals zugänglich sind, gibt es Königreiche und Fürstentümer der Dschinn. Diese können, wenn sie es wollen oder sie durch Bannsprüche gezwungen werden, was jedoch eher selten ist, an den Meeresufern aus dem Wasser steigen, an Land gehen und dort unter anderem arme Fischer, die sie dort antreffen, mit reichen Funden von Edelkorallen, Juwelen, Perlen und vielerlei anderen Kleinodien, die der Meeresboden hergibt, beschenken.

Die Wohnorte der Dschinn auf Erden befinden sich vorwiegend an besonderen Landschaftsformen außerhalb der Zivilisation. Dazu gehören bestimmte Bergkuppen, Felsen, Höhlen oder Quellen in Tälern. Auch Wälder gehören zu ihren bevorzugten Wohnorten. Solche Orte in der Wildnis werden im Nahen Osten oft einfach als maskun („bewohnt“) bezeichnet und werden gemieden.

Weit verbreitet ist der Glaube, dass ein Mensch, der im Traum oder in der Wirklichkeit von einem Dschinn eingeladen wird und ihm folgt, in seiner Welt verschwindet und nie wieder gesehen wird. Ähnliches berichtet auch der nordische Seelen- und Marenglaube über Feen. Viele kehren aber auch nach merkwürdig langen Zeiten wieder zurück in die Welt und erregen, wenn sie sich ungeschickt verhalten, allerhand Aufsehen - meist negativer Art. Andere Geschichten erzählen, dass man schweigen muss, wenn man einem Dschinn begegnet oder man würde seine Zunge verlieren (im übertragenen Sinne: die Sprache).

Dschinn sollen sich in Tiere oder Gegenstände verwandeln können, oder auch in der Lage sein, von anderen Lebewesen Besitz zu ergreifen. Es gibt auch recht unterschiedliche Meinungen, wie alt ein Dschinn werden kann. So wird zum Beispiel überliefert, dass die Lebenskraft erst versiegt, wenn die Zauberkraft oder die Macht, wie z.B. sich verwandeln zu können, aufgebraucht sind. Meist wird allerdings von einer Lebensdauer von mehreren hundert Jahren (nach der salomonischen Tradition auch von mehreren tausend Jahren) berichtet. Andere Überlieferungen sprechen von relativer Unsterblichkeit, das heißt sie sterben keines natürlichen Todes, könnten aber sehr wohl getötet werden.

Die Dschinn spielen auch eine wichtige Rolle im Glauben der Muslime Südostasiens. In der malaiischen Chronik von Bima (Sumbawa) wird beschrieben, dass die Sultane dieser Stadt selbst in direkter Linie vom Urvater der Dschinn abstammen. Ihnen wird also keine menschliche Abstammung zugeschrieben, sondern eine Abstammung von Geistwesen. Damit heben sie sich klar von ihren Untertanen ab, die als Nachfahren Adams beschrieben werden. Die Chronik beschreibt nicht nur die Abkunft des Herrscherhauses, sondern auch diejenige sämtlicher anderer Wesen, die die sichtbare und unsichtbare Welt bevölkern. Daher rührt auch ihr Titel "Die Erzählung über den Ursprung des Volks der Dschinn und der gesamten Dews" (Ceritera asal bangsa jin dan segala dewa-dewa).[1]

Vorkehrungen gegen Dschinn[Bearbeiten]

Den Legenden zufolge haben die Dschinn eine große Abneigung gegen Metalle aller Art. Das macht sich der Furchtsame zu nutze. Silber ist hierbei das am häufigsten genannte Metall, das ihm gegen Dschinn helfen soll; es soll ihre Haut verbrennen. Gegen die Einflüsse der Dschinn rät der türkische Volksglaube zum Tragen von Cevşen, einem meistens ledernen Amulett, in das Koranverse und Gebete eingebunden sind. Wobei je nach Auslegung der Dschinn (wenn er denn böse war) vor den heiligen Worten zurückschreckt oder die Worte Gottes die Ordnung herstellen, indem sie den Dschinn wieder in seine Welt zurückbringen. Schutz vor den Dschinn bieten Amulette, die Hand der Fatima und die Segenskraft Baraka, die von Pilgerstätten ausgeht, an denen islamische Heilige verehrt werden.

Dschinn-Beschwörungen[Bearbeiten]

Die Beschwörung ist im islamischen Glauben verboten, dennoch ist die Ausübung der Geisterbeschwörung und Magie, besonders in Afrika, weit verbreitet. Dschinn zu beschwören, soll ihnen schreckliche Qualen bereiten, was sie dazu bringt, sich gegen den Beschwörer aufzulehnen und nicht seine Wünsche, sondern seine Ängste zu erfüllen. Dies erreichen sie manchmal durch eine etwas spitzfindige Auslegung dieser - meist sehr egoistischen und materiellen - Wünsche. Man denke als Vergleich an die Sage von König Midas, auch wenn sie aus einem anderen mythologischen Kreis stammt. Daher wäre von einer solchen Beschwörung abzuraten, selbst wenn sie funktionieren würde.

Durch Beschwörung (z.B. durch das Zitieren oder Falsch-Zitieren von Versen aus dem Koran über einem Medium wie Wasser, Feuer, Erde, Luft, Holz, Papier, usw.) können auch Zusammenkünfte mit Dschinn erzwungen werden. Diese Beschwörung bereitet den Dschinn jedoch ungeheure Schmerzen, weswegen sie nur ungern mit dem Menschen kooperieren, sondern eher dessen Wünsche vereiteln, zu dessen Ungunsten auslegen oder sich im schlimmsten Fall sogar am Beschwörer rächen.

Auf den Komoren veranstaltet man an den Abenden des Monats Schaʿbān für die Dschinn spezielle magisch-religiöse Zeremonien, die von Musik, Gesang und Tanz begleitet sind und Ngoma za madjini ("Tanz der Dschinn") genannt werden. Indem man die Dschinn auf diese Weise befriedigt, versucht man sie dazu zu bringen, sich im nachfolgenden Monat Ramadan von den Menschen fernzuhalten, damit diese nicht beim Fasten gestört werden.[2]

Dschinn in der Literatur[Bearbeiten]

In den "Briefen der Lauteren Brüder" (Rasa'il ichwan as-safa' wa chillan al-wafa) spielen die Dschinn ebenfalls eine wichtige Rolle. Eine hier beschriebene Gerichtsverhandlung um das Problem, ob sich die Menschen als Machthaber über die Tiere aufführen dürfen, enthält viel Aufschlussreiches über die Dschinn.[3]

Zahlreich erscheinen Dschinn auch in den Erzählungen aus 1001 Nacht. Die Geschichte Aladin und die Wunderlampe ist eines der bekanntesten Märchen, die in Europa als „Märchen aus 1001 Nacht” überliefert werden. Mit Hilfe eines Dschinns, ein guter Geist aus der Öllampe, besteht er seine Abenteuer.

Westliche Rezeption[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Die Dschinn gaben unter anderem

Filme[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Art. Djinn. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. II, 1965, S. 546b–550a. (Verschiedene Autoren)
  • Gebhard Fartacek: Unheil durch Dämonen? Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ginn. Eine sozialanthropologische Spurensuche in Syrien. Böhlau, Wien 2010, ISBN 978-3205784852
  • Marco Schöller: His Master's Voice: Gespräche mit Dschinnen im heutigen Ägypten. In: Die Welt des Islams, New Series, Vol. 41, Issue 1, März 2001, S. 32–71
  • Ernst Zbinden: Die Djinn des Islam und der altorientalische Geisterglaube. Paul Haupt, Bern 1953
  • Samuel Marinus Zwemer: The Influence of Animism on Islam. An Account of Popular Superstitions. Kap. 7: Jinn. The Macmillan Company, New York 1920. Bei Answering Islam. Alternativ bei Sufi Texts

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Dschinn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Fritz Schulze: Abstammung und Islamisierung als Motive der Herrschaftslegitimation in der traditionellen malaiischen Geschichtsschreibung. Wiesbaden 2004. S. 53.
  2. Vgl. Abdallah Chanfi Ahmed: Ngoma et mission islamique (Daʿwa) aux Comores et en Afrique orientale. Une approche anthropologique. Paris 2002. S. 62f., 166f.
  3. Vgl. Mensch und Tier vor dem König der Dschinnen. Aus den Schriften der Lauteren Brüder von Basra. (um 10. Jahrhundert). Hrsg. u. übers. v. Alma Giese, ca. 200 S. Hamburg: Felix Meiner, 1990.