Durchgangslager Bozen

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Das Polizei-Durchgangslager Bozen (auch Dulag Bozen oder KZ-Sigmundskron[1]) war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein Gefangenen- und Durchgangslager in der Operationszone Alpenvorland des von der deutschen Wehrmacht besetzten Italiens. Es lag in der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen an der heutigen Reschenstraße. Dorthin wurden mindestens 11.000 Häftlinge gebracht;[2] eine andere Quelle nennt die Zahl 15.000.[3] Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet.

Geschichte[Bearbeiten]

Konzentrationslager und Deportationsrouten im Zweiten Weltkrieg
Eines der Bozner Mahnmale im Gedenken an die Holocaust-Opfer

Das NS-Durchgangslager Bozen war vom Juli 1944[2] bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, bestand also auch noch nach der Kapitulation der Wehrmacht in Italien.

Bereits seit dem Winter 1943 wurden im Lager einige Südtiroler gefangen gehalten; es diente als eine Art Strafbataillon. Bis in den Sommer 1944 liefen Ausbauarbeiten in einem großen gemauerten Flugzeugschuppen (Block A bis F), zur Aufnahme einer größeren Anzahl an Häftlingen. Nachdem das Durchgangslager Fossoli wegen der vorrückenden west-alliierten Truppen geräumt werden musste, wurde ab Oktober 1944 ein zusätzliches Lagergefängnis gebaut, das die so genannten Zellen und sechs weitere Baracken (G bis M) umfasste.[3][4]

Kommandant des Lagers war SS-Untersturmführer Karl Friedrich Titho[2], der frühere Kommandant des Durchgangslagers Fossoli. Als stellvertretender Kommandant wirkte – wie schon in Fossoli – SS-Hauptscharführer Hans Haage.[5]

Inhaftiert waren im Bozner Lager Juden, Mitglieder von Widerstandsgruppen, Familien von Kriegsdienstverweigerern, Personen in Sippenhaft (auf Anordnung des Gauleiters Franz Hofer), aber auch faschistische Dissidenten oder Kollaborateure. Anfangs gab es 1200, später über 2000 Häftlinge.[3] Auf Befehl der beiden SS-Sturmbannführer Friedrich Boßhammer (zuständig für Juden) und Friedrich Kranebitter (zuständig für politische Gefangene)[6] brachten 13 Transporte einen Teil der Inhaftierten (3405) in die Konzentrationslager des Dritten Reiches, nach Mauthausen (1930), Flossenbürg (636), Dachau (609), Ravensbrück (68 Frauen) und Auschwitz (136).[7] 2050 von ihnen wurden ermordet. Die zur weiteren Deportation in andere KZ vorgesehenen Häftlinge und auch jene, die im Lager in Bozen blieben, mussten Zwangsarbeit innerhalb des Lagers (Wäscherei, elektromechanische Werkstatt, Druckerei, Tischlerei, Schneiderei) oder in seinen Außenlagern (z. B. Virgltunnel / IMI, Kugellagerfabrik oder Sarntal / Straßenbauarbeiten) verrichten.[2]

Im Lager bildete sich auch eine politische Widerstandsgruppe des Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) (übersetzt: Komitee der Nationalen Befreiung).

Bekannt wurde die Ermordung von etwa zwanzig Zellenhäftlingen durch die beiden aus der Ukraine stammenden Volksdeutschen Otto Sein und Michael Seifert[2].[8]

Pläne für einen Aufstand der Gefangenen erwiesen sich schließlich als hinfällig, da in den letzten Apriltagen das Lager von der deutschen Besatzungsmacht ohne weitere Massaker verlassen wurde. Danach wurde das Rote Kreuz aktiv.[3]

Erhalten sind nur mehr Teile der Umfassungsmauer des Lagers (seit 2012 „Passage der Erinnerung“, eine Seitengasse der Reschenstraße)[9], dessen Areal in der Nachkriegszeit mit Wohnblocks überbaut wurde. In der Nähe der Pfarrkirche Pius X., ebenfalls in der Reschenstraße, befindet sich seit 2005 ein von der jungen Südtiroler Künstlerin Christine Tschager entworfenes Denkmal, das an die Opfer des Sammellagers erinnern soll.[10]

Bekannte Insassen des Sammellagers Bozen[Bearbeiten]

Außenlager[Bearbeiten]

Die Außenlager des Bozner Lagers waren Gefangeneneinrichtungen für die im Bozner Lager immatrikulierten Insassen, die von 1944 bis 1945 in anderen Gemeinden Arbeitseinsätze leisten mussten. Alle Außenlager befanden sich auf dem Gebiet der heutigen Provinz Bozen. Ihre Einrichtung diente der unbezahlten Zwangsarbeit zugunsten der Kriegswirtschaft. Die Planung fand zentral statt, die vor Ort existierenden wirtschaftlichen Bedingungen bestimmten aber die Arbeitsorganisation.

Die acht Außenlager des Bozner Lagers waren:

Die Lager befanden sich hauptsächlich entlang der Verkehrsachsen zu den Alpenpässen im Norden (Sarntal, Vinschgau, oberen Eisacktal und Pustertal). Es gibt keine Hinweise auf ein Außenlager südlich von Bozen.

Die Arbeiten in den einzelnen Lagern dienten folgenden Zwecken:

  • Herstellung von Waffen (Oberau/Bozen, Sarnthein, Sterzing),
  • Bau und Instandhaltung von Straßen und der Eisenbahn (Gossensass, Sarnthein, Sterzing, Moos in Passeier, Toblach),
  • Lagerung von geraubten Waren (Karthaus im Schnalstal, Gossensass, Meran/Untermais),
  • Unterstützung der deutschen Besatzung (Gossensass).[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ada Buffulini: Das Konzentrationslager Bozen. In: Roter Winkel Nr. 1/2, 1976.
  • Carla Giacomozzi: Im Gedächtnis der Dinge. Zeitzeugnisse aus den Lagern. Schenkungen an das Stadtarchiv Bozen. hrsg. vom Stadtarchiv Bozen, Bozen 2009.
  • Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria. Trento 1979.
  • Giorgio Mezzalira, Cinzia Villani: Anche a volerlo raccontare è impossibile: scritti e testimonianze sul Lager di Bolzano. Bozen 1999.
  • Barbara Pfeifer: Im Vorhof des Todes. Das Polizeiliche Durchgangslager Bozen 1944–1945. Diplomarb., Innsbruck 2003. (Grundlegende Monografie)
  • Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarb., Innsbruck 2003.
  • Stadt Bozen (Hrsg.): Il Lager di Bolzano / NS-Lager Bozen. Immagini e documenti del Lager nazista di Bolzano / Bilder und Dokumente vom NS-Lager Bozen (1944–1945). Bozen 2004.
  • Dario Venegoni: Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager von Bozen. Eine italienische Tragödie in 7800 persönlichen Geschichten. Bozen 2004.
  • Dario Venegoni: Uomini, donne e bambini nel Lager di Bolzano. Una tragedia italiana in 7809 storie individuali. Milano 2005. PDF, 3 MB (mit Häftlingsbiografien)
  • Juliane Wetzel: Das Polizeidurchgangslager Bozen. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Die vergessenen Lager. (Dachauer Hefte 5), München 1994.
  • Juliane Wetzel: Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Bozen/Bolzano-Gries. In: Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9, Verlag C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. siehe Literatur Juliane Wetzel: Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Bozen/Bolzano-Gries
  2. a b c d e Martha Verdorfer: Vertrauter Faschismus. In: Gottfried Solderer (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Totaler Krieg und schwerer Neubeginn. Bozen 2001, S. 57f.
  3. a b c d Buffulini
  4. Vgl. Thomas Albrich: Jüdisches Leben im historischen Tirol. Bd. 3, Innsbruck 2012, S. 340f.
  5. siehe Literatur Juliane Wetzel: Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Bozen/Bolzano-Gries
  6. Ludwig Laher: Bitter. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1387-3, S. 141f.
  7. Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager von Bozen. Eine italienische Tragödie in 7800 persönlichen Geschichten. Forschungsbericht von Dario Venegoni, Bozen 2004 (PDF; 316 kB), S. 26; Übersicht über die einzelnen Transporte S. 27
  8. Giorgio Mezzalira: "Mischa", l'aguzzino del Lager di Bolzano – dalle carte del processo a Michael Seifert. Bozen 2002.
  9. Durchgangslager Bozen: neue Schautafeln enthüllt
  10. Gedenkstätten von Christine Tschager
  11. Siehe Weblink „Der Fall der Außenlager des Durchgangslagers Bozen“.

46.48584511.318294Koordinaten: 46° 29′ 9,04″ N, 11° 19′ 5,86″ O