Durchgangslager Fossoli

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Konzentrationslager und Deportationsrouten im Zweiten Weltkrieg

Das Lager Fossoli (sprich: Fóssoli) beim früheren Dorf Fossoli (heute ein nördlicher Stadtteil von Carpi)[1] in der (Provinz Modena, Italien) bestand aus zwei Teilen, dem etwa 9 Hektar umfassenden sogenannten „Campo Vecchio (Altes Lager)“ an der Via dei Grilli und südlich angrenzend und mit Wassergraben und Zaunanlagen davon getrennt dem „Campo Nuovo (neues Lager)“ an der Via Remesina Esterna mit etwa 6 Hektar. Es war von 1942 bis 1970 in Betrieb, je nach Zeitraum zu anderen Zwecken. [2] Besondere zeitgeschichtliche Bedeutung erhielt es 1944 als sogenanntes Durchgangslager Fossoli, auch Dulag Fossoli einem Durchgangslager und Ausgangspunkt vieler Deportationen italienischer Juden in deutsche Vernichtungslager.

Während des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten]

Kriegsgefangenenlager Fossoli 1942

Kriegsgefangenenlager[Bearbeiten]

Auf Anweisung des VI. Armeekorps von Bologna vom 30. Mai 1942 richtete das damals im Bund der sogenannten Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland kooperierende Königreich Italien einige km nordöstlich des Orts mit dem „Campo PG Nr. 73 (Kriegsgefangenenlager Nr. 73)“ ein. Das später als „Campo Vecchio (Altes Lager)“ bezeichnete Lager bestand ab Juni 1942 aus 191 Zelten und nahm zunächst 1800 britische, neuseeländische und australische [3] Kriegsgefangene auf, die in Nordafrika in deutsche Hände gefallen waren.[4] Im italienisch besetzten Teil Frankreichs (Provence und Korsika) unter anderem von der Organizzazione di Vigilanza e Repressione dell'Antifascismo (OVRA) verhaftete französische und italienische Widerstandskämpfer und Geiseln kamen ebenfalls nach Fossoli.[1]

Internierungslager für italienische Oppositionelle[Bearbeiten]

Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien und dem Waffenstillstand von Cassibile vom 8. September 1943 trat Italien aus dem Achsenbündnis aus und erklärte seinerseits Deutschland den Krieg, ohne allerdings die eigenen Soldaten zu verständigen. Einheiten von Wehrmacht und Waffen-SS besetzten das italienische Festland und befreiten den gefangen gesetzten Mussolini, der dann als Chef der sogenannten Repubblica Sociale Italiana (RSI) von Salò am Gardasee aus nach dem Willen der Besatzungsmacht den noch nicht von den Alliierten eroberten Teil Italiens regierte. Die Kriegsgefangenen aus dem Nordafrikafeldzug wurden nach Deutschland verlegt.[4] In das „Campo Vecchio“ kamen politische Gefangene und italienische Soldaten, die sich weigerten, in die Armee des faschistischen Salò-Regimes einzutreten.[1]

Lagerplan
Lager für jüdische und politische Häftlinge 1944

Internierungslager für italienische Juden[Bearbeiten]

Ende September 1943 ließ die inzwischen unter deutscher Militärprotektion von Mussolini ausgerufene italienische Sozialrepublik zusätzlich zu bereits vorhandenen etwa 20 Holzbaracken weitere 60 Baracken in Steinbauweise im sogenannten „Campo Nuovo“ errichten. Es wurde Anfang Dezember zum nationalen Konzentrationslager der RSI erklärt, in das die Juden im italienischen Machtbereich der RSI interniert werden sollten. Bislang waren italienische jüdische Mitbürger nicht direkt verfolgt aber immerhin registriert worden. Die Überwachung des Internierungslagers übernahm die Miliz der Sicherheitspolizei der RSI. [4] Im Dezember 1943 befanden sich etwa 100 Juden im Lager. Mit der Registrierung war allerdings ein wesentliches Werkzeug für die anschließende rasche und gezielte Massenvernichtung der Opfer geschaffen worden.

Polizeihaft- und Durchgangslager[Bearbeiten]

Ziel der Maßnahme war für die deutschen Sicherheitsorgane die sogenannte Endlösung der Judenfrage d. h. der Weitertransport in Vernichtungslager. Fossoli bot sich mit seiner strategischen Lage an der Eisenbahnhauptverbindung von Süden nach Norden als günstiger Standort für ein Durchgangslager an. Folgerichtig übernahm der deutsche Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Verona Wilhelm Harster (1904-1991) Anfang März 1944 das Campo di Fossoli als „Polizeihaft- und Durchgangslager“ in seine Zuständigkeit. Die italienische Leitung des Gesamtlagers hatte de facto keinen Einfluss mehr auf diesen Lagerteil; das 40 Mann starke italienische Bewachungspersonal blieb ebenfalls; allerdings kamen sechs deutsche SS-Männer (Ukrainer) als „Verstärkung“ hinzu. Die italienische Sozialrepublik RSI behielt über ihre Präfektur Modena die Verantwortung für das „Campo Vecchio“ mit den nicht für die Deportation vorgesehenen politischen Häftlingen. Die Bewachung dieses Teils war Aufgabe der italienischen Polizei.[4]

Im Mai 1944 teilten die Besatzer das für Deportationen geschaffene „Campo Nuovo“ in einen Teil für politische Gefangene (meist Resistenzakämpfer) und einen für jüdische Häftlinge bzw. andere „minderwertige Rassen“. Das maximale Fassungsvermögen belief sich auf 2500 bis 3000 Personen. Das sogenannte „Judenlager“ war durch einen Zaun vom übrigen Bereich getrennt. Kommandant des Durchgangslagers wurde SS-Untersturmführer Karl Friedrich Titho. Die Leitung des Schutzhaftlagers für politische Gefangene übernahm SS-Hauptscharführer Hans Haage.[4]

Hatte ein Lager Kapazitätsgrenzen erreicht, gab der von Adolf Eichmann mit der Organisation der Judenvernichtung im besetzten italienischen Machtbereich beauftragte Friedrich Boßhammer (1906-1972) in Abstimmung mit dem Lagerleiter Titho den Befehl, einen Deportationszug bereitzustellen. Die perfekte Logistik bezüglich der möglichst kurzen Lagerzeit des Transportgutes legt eine makabre Verbindung mit moderner „Just-in-Time-Produktion“ nahe. So stellte Boßhammer schon am 19. und 22. Februar - also noch zur Zeit der italienischen Lagerverantwortung – die ersten beiden Züge nach Bergen-Belsen und Auschwitz-Birkenau zusammen.[4]

So durchliefen zwischen November 1943 und Ende 1944 etwa 5000 Gefangene, unter ihnen über 3000 Juden, das Lager Fossoli. Die Deportationszüge mit italienischen Juden hatten meist das Ziel Auschwitz-Birkenau (5 Transporte), ein Transport mit nicht-italienischen Juden ging nach Bergen-Belsen. Die italienischen politischen Gefangenen wurden auf Befehl von Boßhammers Gestapo-Kollegen, dem SS-Sturmbannführer Friedrich Kranebitter[5], vor allem in das Konzentrationslager Mauthausen, teilweise auch nach Buchenwald und Ravensbrück deportiert.[1] Weitere Ziele waren Dachau und Flossenbürg.

Omnibusse eines italienischen Unternehmens brachten die Gefangenen unter Begleitung von Carabinieri und Mitgliedern der Schutzpolizei zum 6 km entfernten Bahnhof, wo sie in geschlossenen Güterwagen die Reise antraten. Bereits im zweiten Transport vom 22. Februar 1944 (nach Auschwitz) befand sich der Chemiker und Schriftsteller Primo Levi, der den Holocaust durch glückliche Umstände überlebte und dessen Bericht über Fossoli und die Deportation nach Auschwitz in seinem Buch „Se questo è un uomo?“ (Ist das ein Mensch?) zu den eindrucksvollsten Zeitdokumenten gehört. Die Überlebenschancen der Deportierten waren ansonsten gering. Von etwa 1000 Juden, die insgesamt am 30. Juni Auschwitz erreichten, entgingen nur 180 Häftlinge der Selektion und damit der unmittelbaren Vernichtung. Aus dem letzten RSHA-Transport nach Auschwitz, der mit 523 Juden Fossoli am 26. Juni 1944 verließ, überlebten gerade einmal 40. [4]

Am 5. April, am 16. Mai und 26. Juni 1944 verließen Fossoli erneut Transporte nach Auschwitz. Weitere fuhren am 16. und 19. Mai nach Bergen-Belsen ab. Kurz bevor das Durchgangslager wegen der Frontlage aufgelassen wurde, ließ Boßhammer in Eigeninitiative auch diejenigen Juden, die als „jüdische Mischlinge“ oder in so genannter Mischehe verschont worden waren, nach Auschwitz, Buchenwald, Ravensbrück oder Bergen-Belsen schaffen.[6]

Verlagerung nach Bozen-Gries[Bearbeiten]

Im Sommer 1944 war die Front von Süden weiter herangerückt und die Provinz Modena zur Operationszone der Alliierten geworden. Die Luftangriffe und der verstärkte Druck der Partisanen machten Verwaltung und Kontrolle des Lagers immer schwieriger. Deshalb beschloss die deutsche Führung am 2. August 1944, das eigentliche Dulag Fossoli aufzugeben und weiter nach Norden in das neu eingerichtete Polizei- und Durchgangslager Bozen-Gries zu verlagern. Am 21. Juli und 6. August transferierte man den Rest der verbliebenen Häftlinge und das Wachpersonal (zusammen etwa 100 Personen) nach Bozen.[4]

Fossoli diente aber noch weiter als Zwischenstation für Oppositionelle, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland bestimmt waren. Wegen der alliierten Luftangriffe wurde das Lager im November 1944 nach Gonzaga verlegt. [1]

Nach Kriegsende[Bearbeiten]

Flüchtlingsgslager[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Krieges verwendete die Polizei von Modena das "Campo nuovo" von August 1945 bis Mai 1947 als Sammelstelle für Flüchtlinge sowie jüdische Überlebende des Holocaust, die auf ihre Rückführung warteten. Die Beziehungen der dort versammelten Menschen untereinander und nach außen war nach den Berichten nicht einfach, da sie in der Regel nur als unerwünscht betrachtet wurden. In dem unübersichtlichen Konglomerat trafen sogar Juden mit ihren früheren Verfolgern und Peinigern zusammen.

Bereits im Jahr 1946 wurde das "Campo Vecchio" abgerissen und die Fläche anschließend landwirtschaftlich genutzt.

Die Kinder von Nomadelfia

Commune Nomadelfia[Bearbeiten]

Im Mai 1947 besetzte der aus Carpi stammende Geistliche Don „Zeno Saltini“ die Anlage für seine Organisation „Piccoli Apostoli“ und es entstand nach seinen Vorstellungen die Kommune „Nomadelfia“ für elternlose Kinder und Kriegswaisen. Sie erreichte zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung 700 Kinder bzw. unter Einschluss der Erwachsenen 1000 Personen. Nach einer Weile beschloss die italienische Regierung (vor allem das Ministerium des Innern unter Mario Scelba), das Experiment eines mit einem starken sozialen Engagement vermischten Christentums ( „comunismo evangelico“ genannt) abzubrechen. Don Zeno war nicht zuletzt wegen schwerer Verschuldung gezwungen, Fossoli zu verlassen. Im August 1952 zog die Kommune auf ein von der Gräfin „Maria Giovanna Albertoni Pirelli“ zur Verfügung gestelltes Landgut in Grosseto.

Villaggio San Marco[Bearbeiten]

Von 1953 bis in die späten 1960er Jahre nahm das jetzt Villaggio San Marco genannte Lager italienische Umsiedler auf, die auf Druck der sozialistischen jugoslawischen Tito-Regierung im sogenannten „istrischen-“ oder „julisch-dalmatinischen Exodus“ ihre Heimat auf dem Balkan aufgegeben hatten. [7] [8]

Erinnerungsstätte[Bearbeiten]

Die Eröffnung eines Erinnerungsmuseums und Dokumentationszentrum für die Deportierten in Carpi im Jahr 1973 regte die Stadt an, das Gelände des ehemaligen Lagers Fossoli zu erwerben, was dann dank eines Sondergesetzes im Jahr 1984 kostenlos möglich wurde. [7] Seit 1996 kümmert sich die „Stiftung ehemaliges Lager Fossoli“ um die Wiederherstellung von Teilen des ehemaligen „Campo Nuovo“. [4]

Verbrechen[Bearbeiten]

Fossoli war zwar kein Tötungs- sondern ein Internierungs- und Durchgangslager, aber insofern ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie für Juden und Partisanen im besetzten Italien. Durch die brutale Lagerführung kam es mehrfach zu Übergriffen und Verbrechen, die nach der Ermordung des Partisanenführers Leopoldo Gasparotto in dem Massaker von Cibeno gipfelten, bei dem etwa 70 Gefangene von der SS erschossen wurden. [9] Die örtlichen Hauptverantwortlichen SS-Untersturmführer Karl Friedrich Titho und SS-Hauptscharführer Hans Haage entkamen wegen politischer Rücksichtnahmen der beiden Natomitglieder Italien und Deutschland der Strafverfolgung.

Campo di Fossoli

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e siehe Weblink Gedenkorte Europa 1933-1945: Fossoli
  2. siehe Weblink The Camps: Fossoli der Associazione nazionale ex deportati nei campi nazisti
  3. der entsprechende Artikel in der italienischsprachigen Wikipedia spricht stattdessen von südafrikanischen Häftlingen
  4. a b c d e f g h i siehe Literatur Juliane Wetzel: Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Fossoli die Carpi sowie Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Bozen/Bolzano-Gries
  5. Ludwig Laher: Bitter. Roman, Wallstein Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1387-3, S.141f.
  6. siehe Literatur Sara Berger: Selbstinszenierung eines „Judenberaters“ vor Gericht - Friedrich Boßhammer
  7. a b siehe Weblink Il campo der Stiftung Ex-Campo Fossoli
  8. Die betreffenden Gebiete wiesen eine gemische Bevölkerung aus Italienern, Slowenen, Kroaten, Serben und anderen Gemeinschaften auf. Istrien einschließlich Rijeka und Teile von Dalmatien einschließlich Zadar waren nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen worden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie im Pariser Friedensvertrag von 1947 Teil von Jugoslawien mit Ausnahme der Gemeinden von Muggia und San Dorligo della Valle. Nach italienischen Annahmen verließen in der Folge 250.000 bis 350.000 italienischstämmige Einwohner das Land.
  9. siehe Weblink I fucilati al Poligono di Cibeno der Associazione nazionale ex deportati nei campi nazisti

44.828284686810.9017902613Koordinaten: 44° 49′ 42″ N, 10° 54′ 6″ O