Easterlin-Paradox

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Das Easterlin-Paradox ist eine Theorie über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück. Es wurde 1974 durch den Ökonomen Richard Easterlin in einem Aufsatz mit dem Titel Does Economic Growth Improve the Human Lot? veröffentlicht.

Easterlins These[Bearbeiten]

Easterlin untersuchte 30 Umfragen aus 19 Ländern aus dem Zeitraum von 1946 bis 1970. Er beobachtete bei internationalen Vergleichen einen schwächeren Zusammenhang zwischen subjektivem Glück und Einkommen als bei intranationalen Vergleichen. Auch stellte er anhand einer intertemporalen Studie fest, dass US-Amerikaner im untersuchten Zeitraum trotz Einkommenszuwächsen nicht glücklicher geworden seien. Easterlin führte als mögliche Erklärung an, dass relatives Einkommen ein besserer Prädiktor von subjektiver Zufriedenheit sei als absolutes Einkommen. Er wiederholte seine Studie in den folgenden Jahrzehnten mehrmals und kam jeweils zum selben Ergebnis.[1]

Eine häufige Interpretation dieser Ergebnisse lautet: „Wenn grundlegende Bedürfnisse gestillt sind, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück.“[2]

Rezeption, Kritik und weitere Forschungen[Bearbeiten]

Der Ökonom Andrew Oswald veröffentlichte 1997 eine Analyse von Einkommen und Umfragen zu subjektiver Lebenszufriedenheit. Er stellte fest, dass Einkommenszuwächse in den USA und Europa zwar die subjektive Lebenszufriedenheit steigerten, dabei jedoch nur einen geringen Effekt hätten.[3]

Der Ökonom Michael Hagerty und der Soziologe Ruut Veenhoven veröffentlichten 2003 ein Papier, in dem sie dem Easterlin-Paradox widersprechende Analysen präsentieren. Sie verwendeten neuere Daten und stellten fest, dass Menschen in Ländern mit steigendem Einkommen glücklicher würden.[4] In einer Reaktion warf Easterlin den Autoren vor, inadäquate Daten benutzt zu haben.[5]

Die Ökonomen Justin Wolfers und Betsey Stevenson veröffentlichten 2008 ein Papier, in dem sie das Easterlin-Paradox hinterfragen. Sie analysierten alle Daten zu Glück und Einkommen in Vergleichen zwischen reich und arm innerhalb einer Gesellschaft, in Vergleichen zwischen armen und reichen Ländern, und in intertemporalen Vergleichen. Dabei zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen subjektivem Glück und Einkommen für intranationale, internationale und intertemporale Vergleiche sehr ähnlich ist. Diese Ergebnisse widersprechen denen Easterlins, dessen Paradox auf der Annahme beruht, intranationale Vergleiche würden stärkere Glücksunterschiede bedeuten als internationale, bzw. relatives Einkommen sei wichtiger für Zufriedenheit als absolutes Einkommen. In Ländern wie Japan oder Europa wuchs die subjektive Zufriedenheit zusammen mit dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen. Auch war der Zuwachs von Glück größer, wenn das Einkommenswachstum größer war.[6][7][8]

2010 stellte Easterlin eine neue Studie vor, in der er seine These bestätigt sieht. Mit einem Team hatte er die Entwicklung in 37 Ländern über einen Zeitraum von durchschnittlich 22 Jahren untersucht und dabei erstmals auch Entwicklungsländer und osteuropäische Staaten im Übergang zur Marktwirtschaft einbezogen.[9][10][11]

Ein weiterer Ansatz zur Lösung des Paradoxons sind Anpassungsniveau-Theorien, die einen individuellen „Glücks-Nullpunkt“ zu dem ein Individuum nach stark positiven oder negativen Lebensereignissen zurückkehrt (siehe auch Hedonistische Tretmühle). Laut Easterlin treffen die Theorien zur Hedonistischen Tretmühle auf monetäre Güter weniger zu, als auf nicht-monetäre Güter, wodurch er sich in seinem Paradox bestätigt sieht.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard A. Easterlin: Does Economic Growth Improve the Human Lot? In: Paul A. David & Melvin W. Reder (Hrsg.): Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz. Academic Press, New York 1974, S. 89–125 (PDF; 1,31 MB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Richard Easterlin: Income and Happiness: Towards a Unified Theory. In: The Economic Journal. 111, 2001, S. 465–484.
  2. Carol Graham: Happiness and Health: Lessons — And Questions — For Public Policy. In: Health Affairs. Vol. 27, No. 1, Januar/Februar 2008, S. 72–87 (PDF; 158 KB)
  3. Andrew J. Oswald: Happiness and Economic Performance. In: Economic Journal. Vol. 107, 1997, S. 1815–1831 (PDF; 103 KB)
  4. Michael R. Hagerty & Ruut Veenhoven: Wealth and Happiness Revisited. In: Social Indicators Research. Vol. 64, 2003, S. 1–27 (PDF; 761 KB)
  5. Richard A. Easterlin: Feeding the Illusion of Growth and Happiness: A Reply to Hagerty and Veenhoven. 2. April 2004 (PDF; 228 KB)
  6. Betsey Stevenson & Justin Wolfers: Economic Growth and Subjective Well-Being: Reassessing the Easterlin Paradox. In: Brookings Papers on Economic Activity. Frühjahr 2008 (PDF im Internet Archive; 2,12 MB)
  7. Betsey Stevenson zum Easterlin-Paradox in Nightline, 12. Juni 2008 (Video; 5:26 min)
  8. Interview mit Wolfers und Stevenson in der CNBC-Sendung Street Signs, September 2008 (Video; 3:31 min)
  9. Richard A. Easterlin, Laura Angelescu McVey, Malgorzata Switek, Onnicha Sawangfa & Jacqueline Smith Zweig: The happiness-income paradox revisited. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 2010 (doi:10.1073/pnas.1015962107)
  10. Christian Weber: Wohlstand und Glück – Irgendwann ist es genug. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Dezember 2010
  11. Lea Wolz: Wachsender Wohlstand: Glück lässt sich nicht kaufen. In: stern.de. 14. Dezember 2010
  12. Richard Easterlin: Building a Better Theory of Well-Being (PDF; 785 kB). In: Economics and happiness: framing the analysis. 2007