Vogelbeere

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Vogelbeerbaum ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zu dem erzgebirgischen Lied siehe Dar Vuglbärbaam.
Vogelbeere
Vogelbeere oder Eberesche (Sorbus aucuparia), Illustration

Vogelbeere oder Eberesche (Sorbus aucuparia), Illustration

Systematik
Familie: Rosengewächse (Rosaceae)
Unterfamilie: Spiraeoideae
Tribus: Pyreae
Untertribus: Kernobstgewächse (Pyrinae)
Gattung: Mehlbeeren (Sorbus)
Art: Vogelbeere
Wissenschaftlicher Name
Sorbus aucuparia
L.

Die Vogelbeere, gemeinsprachlich häufiger die Eberesche oder der Vogelbeerbaum,[1][2] (Sorbus aucupariaL.; Syn. Pyrus aucupariaGaertner) ist ein Laubbaum in der Gattung Mehlbeeren (Sorbus). Andere Bezeichnungen sind Drosselbeere, Quitsche oder Krametsbeere. Die häufige Bezeichnung als Speierling ist irreführend, da dies der gebräuchliche Name einer anderen Sorbus-Art ist. Die Zugehörigkeit zu den Kernobstgewächsen (Pyrinae) kann man bei genauer Betrachtung der Früchte gut erkennen; sie sehen wie kleine Äpfel aus. Sie ist in ganz Europa verbreitet und besitzt als Pionierart ein breites Bodenspektrum. Für Insekten, Vögel und Säugetiere ist sie eine wertvolle Futterpflanze. Die vielfältige Nutzung durch den Menschen spiegelt sich in zahlreichen regionalen Namensgebungen wider. Im Aberglauben und Brauchtum hat sie eine bedeutende Rolle inne. In Deutschland wurde die Vogelbeere im Jahr 1997 zum Baum des Jahres gekürt.

Vorkommen[Bearbeiten]

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Vogelbeere hat eine europaweite Verbreitung. In der typischen Unterart besiedelt sie fast ganz Europa. Im Osten erstrecken sich die Vorkommen bis Westsibirien, südlich erreichen sie Nordspanien, Korsika, Sizilien, das nördliche Griechenland und Bulgarien. In Südeuropa sind Bestände nur in den Gebirgen und dort vergleichsweise selten belegt. Keine Vorkommen besitzt die Vogelbeere auf den Azoren, Balearen und Färöern, auf Kreta, Sardinien und Spitzbergen sowie im europäischen Teil der Türkei. Südwestasiatische Vorkommen werden in der Fachwelt teils als eigene Art (Sorbus boissieri Schneider), teils zu Sorbus aucuparia gehörig verstanden. Angegebene Vorkommen in Nordafrika gelten als nicht sicher belegt.[3] In Mitteleuropa ist die Vogelbeere weit verbreitet. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt hier in den Alpen, im Alpenvorland, in den süd- und mitteldeutschen Mittelgebirgen und in der Norddeutschen Tiefebene. Auf Marschen in Trockengebieten und wohl auch auf Alluvialböden kommt die Eberesche selten vor, beziehungsweise kann sie auch ganz fehlen. So besitzt sie beispielsweise im Mitteldeutschen Trockengebiet nur zerstreute Vorkommen. Bestände an der Nordseeküste und auf den friesischen Inseln gelten als eingeschleppt. In Österreich kommt die Vogelbeere zerstreut bis häufig in allen Bundesländern vor, fehlt aber im östlichsten Teil Österreichs. In der Schweiz ist sie verbreitet, gilt jedoch in der Südschweiz in weiten Teilen des Wallis sowie in Teilen Graubündens als unbelegt.[3]

Eberesche am Zervreilasee in Graubünden auf 1900 Meter über Meer

Standort[Bearbeiten]

Die anspruchslose Vogelbeere ist ein schneller Besiedler von Brachflächen und kommt auf Lichtungen, in Hecken oder an Waldrändern, in Norddeutschland vorwiegend in Knicks als Überhälter vor. Ihr Bodenspektrum reicht von mager bis nährstoffreich, von trocken bis feucht und von sauer bis basenreich. Sie gedeiht sowohl in Laub- als auch in Nadelwäldern, auf Moorböden ebenso wie auf trockenen Steinhängen. Im Gebirge findet man den Baum bis an die Baumgrenze, in Norwegen bis an die Eismeerküste. Er löst in den Gebirgsvorwäldern häufig die Birke als vorherrschenden Baum ab. Sie steigt in den oberbayrischen Alpen bis 2000 Meter, in Tirol bis 2400 Meter an. Im Bayrischen Wald sind Bestände bis 1400 Meter Höhe und im Erzgebirge bis 1100 Meter belegt.[4] Die Eberesche wird außerdem oft im Garten- und Landschaftsbau angepflanzt. Deshalb ist sie in Städten häufig an Straßen als Allee- oder Einzelbaum und in Gärten sowie Parks als Zier- und Vogelschutzgehölz zu finden. Die Eberesche gilt als Licht- bis Halbschattenbaumart.

Beschreibung[Bearbeiten]

Eberesche als Feldgehölz
Allee aus Vogelbeere

Habitus[Bearbeiten]

Die sommergrüne Vogelbeere erlangt ein gewöhnliches Alter von 80, in seltenen Fällen, vor allem als Gebirgsbaum auch bis 120 Jahren.[5] Mit einer durchschnittlichen Höhe von 15 m ist die Eberesche ein eher kleinwüchsiger Baum. Einzelstehend, ohne Beschattung konkurrierender Gewächse kann sie auch Wuchshöhen bis 25 m erreichen. Stockausschläge der Eberesche wachsen gewöhnlich mehrstämmig als wesentlich kleinerer Strauch. In den ersten 20 Jahren wächst sie relativ schnell, danach stockt das Wachstum. Die Eberesche besitzt ein weitreichendes und tiefgehendes Senkerwurzelsystem und die Fähigkeit, sich über Stockausschläge und Wurzelbrut vegetativ zu vermehren. Auf Pseudogleyböden wurzelt sie hingegen relativ flach. Ihre Wurzeln sind – typisch für Sorbusarten – von einer ektotrophen Mykorrhiza umgeben, wodurch die Versorgung mit Nährstoffen unterstützt wird. Der Pilz Glomus intradices konnte als arbuskulärer Mykorrhizapartner der Eberesche festgestellt werden.[6]

Kennzeichnend für die Eberesche ist ihre zierliche Gestalt sowie die oval bis rundliche, unregelmäßig aufgebaute und locker gehaltene Krone. Der Stamm der Eberesche zeichnet sich durch eine schlanke, walzenförmige Wuchsform aus. Die Äste stehen vom Stamm ab oder sind schräg nach oben gerichtet. Die glatte, glänzende Rinde jüngerer Bäume ist gelblich bis grünlich grau gefärbt und zeigt längliche, quer zur Wuchsrichtung gestellte Lentizellen, die den Gasaustausch mit der Umgebung sicherstellen. Mit zunehmendem Alter des Baumes nimmt die Rinde eine mattgraue Färbung und feinrissige Struktur an. Nur wenige Exemplare entwickeln im hohen Alter im unteren Stammbereich eine schwärzliche, längsrissige Borke. Jungtriebe bilden gewöhnlich eine weiche, filzige Behaarung aus und sind aschgrau gefärbt. Eine Besonderheit stellt das Chlorophyll dar, das sich unter der glatten Rinde der Zweige befindet. Dies befähigt den Baum, bereits vor dem Laubaustrieb Photosynthese zu betreiben. Sein Vorkommen in höheren Lagen wird dadurch unterstützt.[4]

Knospe der Eberesche

Blätter und Knospen[Bearbeiten]

Die Winterknospen der Eberesche sind meist dunkelviolett gefärbt und weißfilzig behaart. Dies stellt ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Speierling dar, dessen grüne und klebrige Knospen allenfalls an den Schuppenrändern eine feine Behaarung entwickeln. Die Endknospe an den Zweigspitzen ist gewöhnlich gekrümmt.

Blätter der Eberesche mit unreifen Früchten
Blatt der Eberesche im Herbst

Die wechselständigen Blätter sind unpaarig gefiedert und dabei etwa 20 cm lang und 8-11cm breit; ein Blatt setzt sich gewöhnlich aus 9 bis 19 länglich-elliptischen Blattfiedern zusammen. Die vier bis sechs cm langen und ca zwei cm breiten Blättchen sitzen mit einem kurzen Stiel der Blattspindel an. Sie sind nach vorne zugespitzt und zum Grund hin asymmetrisch abgerundet. Am Blattrand bilden sie eine scharfe, ungleiche Zähnung aus, die zur Blattspitze hin ausgerichtet ist.[7] Die unbehaarte Blattoberseite zeigt eine sommergrüne Färbung, wohingegen die Blattunterseite eher graugrün gefärbt ist und eine leichte Behaarung entwickeln kann. Die drehrunde Blattspindel weist zwischen den einzelnen Fiedern leichte Rinnen auf. Die Blätter der Eberesche besitzen keine Blattzahndrüsen.

Blütenstand und Blüten[Bearbeiten]

Blüten der Vogelbeere

Die Eberesche erlangt ihre Blühfähigkeit bereits im Alter von fünf bis sechs Jahren. Auf der Nordhalbkugel blüht sie von Mai bis Juli. Die zehn mm breiten, weißen Blüten stehen zu 200 bis 300 Einzelblüten zusammengefasst in filzig-behaarten schirmförmigen Rispen. Eine Einzelblüte setzt sich aus jeweils fünf Kron- und Kelchblättern zusammen, welche ca. 20 Staubblätter säumen. Eine Blüte besitzt zwei bis vier freie Griffel, deren unterständig stehende unverwachsene Fruchtblätter in den Blütenboden eingesenkt und mit diesem verwachsen sind und durch die fleischige Blütenachse miteinander verbunden werden. Bei den Blüten der Eberesche reifen die Narben vor den Staubbeuteln, was botanisch als Proterogynie bezeichnet wird und Fremdbestäubung fördert. Nektar wird verdeckt angeboten. Der verhältnismäßig unangenehme Geruch der Blüten beruht auf dem Wirkstoff Methylamin und lockt insbesondere Käfer und Fliegen zur Bestäubung an. Aber auch Bienen schätzen den Nektar der Pflanze.

Frucht[Bearbeiten]

Die Früchte reifen von August und September Die leuchtend roten und kugeligen „Beeren“ sind im botanischen Sinne Apfelfrüchte. Sie enthalten gewöhnlich drei Samen und bilden einen Durchmesser von etwa 1 cm aus. Häufig hängen die Früchte bis in den Winter hinein in dichten Büscheln am Baum.
Über den Kot von Vögeln, die gerne die Beeren verspeisen, werden die Samen u.a. ausgebreitet (Vogelausbreitung).

Ökologie[Bearbeiten]

Die Vogelbeere ist ein winterkahler Laubbaum, der in den ersten Jahren sehr schnell wächst, aber andererseits ziemlich kurzlebig ist, denn er wird meist nur ca. 80 Jahre alt.

Die Blüten sind vorweibliche „Nektar führende Scheibenblumen“. Ihr Geruch nach Maikäfern oder Heringslake wird durch Trimethylamin hervorgerufen. Durch diesen Geruch werden Insekten aller Art angelockt, besonders auch Fliegen und Käfer. Die Blüten sind eine Bienenweide. Der Nektar ist verdeckt.

Blütezeit ist von Mai bis Juni.

Die Früchte sind 3-fächrige, 9-10 mm lange Apfelfrüchte. Sie werden vor allem nach dem Frost von verschiedenen Vögeln sowie von Eichhörnchen usw. gesammelt. Die frischen, durch Karotinoide grellroten Früchte werden nicht so stark angenommen. Sie unterliegen der Speicher- und Versteckausbreitung. Verdauungsausbreitung und Bearbeitungsausbreitung erfolgt durch zahlreiche Vögel und Säugetiere. Menschenausbreitung geschieht durch die Nutzung als Ziergehölz. Die Pflanze ist ein Wintersteher; ihre Samen sind nur nach einer längeren Lagerung in einer feuchten Umgebung keimfähig.

Fruchtreife ist ab September.

Die vegetative Vermehrung erfolgt durch Wurzelsprosse. Dadurch bestehen zusammenstehende Gruppen unter Umständen nur aus einem einzigen Individuum, aus einem sogenannten Polykormon.

Die Eberesche ist eine wichtige Futterpflanze für Tiere. Nachgewiesen wurde dies bislang für 31 Säugetier- und 72 Insektenarten, darunter 41 Kleinschmetterlinge und zwölf Rüsselkäfer. Insgesamt wurden 63 Vogel- und 20 Säugetierarten als Nutzer der Früchte festgestellt. Insbesondere Singdrossel, Misteldrossel, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Kleiber und Gimpel schätzen die Früchte der Eberesche und nutzen den Baum, ebenso wie der Grünspecht, als Nistgehölz. Eine wichtige Rolle spielen die Früchte in der Ernährung von Rotdrossel und Seidenschwanz, die, aus Nordeuropa kommend, den Winter in unseren Breiten verbringen. Aber auch Rotfuchs und Dachs verschmähen die Früchte nicht. Da die Samen unverdaut wieder ausgeschieden werden, wird die Ausbreitung der Eberesche effektiv sichergestellt (Endochorie).

Eichelhäher und verschiedene Nagetiere, wie Siebenschläfer, Haselmaus, Gelbhals- und Feldmaus legen sich – im Boden versteckt – Wintervorräte der Früchte an. Da diese oftmals vergessen werden, leisten sie ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Ausbreitung der Art. Paarhufer wie Reh und Rothirsch ernähren sich von den Blättern, Trieben und Knospen der Bäume, der Weißdornkäfer und der Mittlere Schwarze Rüsselkäfer (Otiorhynchus niger) bevorzugen Triebe und Blätter.

Insbesondere für die Raupen des seltenen Spanners Venusia cambrica und des vom Aussterben bedrohten Gelben Hermelins (Trichosea ludifica) stellt die Eberesche eine wichtige Nahrungspflanze dar. Die Raupen des Baum-Weißlings (Aporia crataegi) tun sich ebenfalls an der Eberesche gütlich.

Die Eberesche zeichnet sich besonders durch Frosthärte und Windfestigkeit aus. Auch gegenüber Spätfrösten zeigt sie sich resistent. Ihre weitreichenden Wurzeln dringen in tiefe Bodenschichten vor. Da sie sich durch Wurzelbrut auch vegetativ vermehren kann, wird sie gerne zur Bodenbefestigung eingesetzt. Das abgeworfene Laub der Eberesche zersetzt sich relativ rasch und setzt dabei verhältnismäßig viel Magnesium frei. Dies hat einerseits einen positiven Effekt auf die Humusbildung, andererseits verbessert der Baum hierdurch seine eigene Nährstoffversorgung und ist in der Lage, Umweltbelastungen besser stand zuhalten.

Krankheiten[Bearbeiten]

Seit 1960 wurden bei Ebereschen im mitteleuropäischen Raum starke Krankheitssymptome beobachtet, darunter chlorotische Ringe und Scheckungen. Reduziertes Wachstum und langsamer Verfall wurden ebenfalls beobachtet. Untersuchungen (Lit.: Benthack u. a. 2005) deuten darauf hin, dass es sich vermutlich um ein Virus handelt, das mit der Familie der Bunyaviridae verwandt ist.

Die Blätter der Eberesche werden von Rostpilzen der Gattung Gymnosporangium (Arten Gymnosporangium cornutum oder Gymnosporangium tremelloides) sowie Ochropsora ariae und dem Echten Mehltau der Art Podosphaera aucupariae befallen.[8]

Schädlinge[Bearbeiten]

Schädlinge, die an der Vogelbeere auftreten sind Ebereschenfruchtmotte (Argyresthia conjugella), Ebereschensamenwespe und Ebereschenpockenmilbe.[9]

Etymologie[Bearbeiten]

Der Name Eberesche leitet sich vom spätmhd. eberboum und von Esche ab und rührt daher, dass die Blätter jenen der Eschen ähneln, obwohl keine nähere Verwandtschaft zwischen diesen Baumarten besteht. Der erste Bestandteil wird aus gall. eburos ‚Eibe‘ entlehnt, der auf idg. *erebʰ- ‚dunkelrötlich, bräunlich‘ zurückgeht, welches die rötlich-braune Beerenfarbe bezeichnet. Volksetymologische Umdeutung mit Aber im Sinne von ‚falsche, minderwertige Esche‘ (wie in „Aberglaube“ und „Aberwitz“) ist sekundär.[10] Der wissenschaftliche Name aucuparia wird aus ‚au‘ (avis = der Vogel) und ‚cuparia‘ (capere = fangen) gebildet und stammt daher, dass die roten Beeren früher häufig als Köder beim Vogelfang eingesetzt wurden.[11] Auch die Bezeichnung Vogelbeere (die gemeinsprachlich nur für die Früchte benutzt wird, nicht für den Baum) stammt daher, dass die „Beeren“ (Früchte) als Köder für Vögel verwendet wurden.[12]

Die Eberesche – als verbreiteter Baum – hat in allen Zeiten dem Menschen ein beliebtes, wohlschmeckendes Nahrungsmittel und Heilmittel geboten. Aus diesem Grund sind viele regional sehr unterschiedliche Wortschöpfungen für diese Baumart entstanden. Das wären: Vogelbär, Blumenesche, Ebschbeere, Zwergesche, Eibschen, Quetsche(n), Queckbeere, Quitsbeere, Kronawetterbeere, Drosselbeere, Vogelbeere, Quitschbeere, Queckenboom.

Verwendung[Bearbeiten]

Blüten der Eberesche
Reife Vogelbeeren

Medizin[Bearbeiten]

Auch wenn sich im Volksglauben hartnäckig das Gerücht hält, die Früchte seien giftig, ist dies nicht richtig. Allerdings enthalten die Beeren Parasorbinsäure, die zu Magenproblemen führen kann. Durch Kochen wird die Parasorbinsäure zu Sorbinsäure abgebaut, die gut verträglich ist.[13] Gekochte Beeren können daher auch in größeren Mengen gegessen werden.[14] Tatsächlich sind Vogelbeeren aufgrund ihres hohen Vitamin-C-Gehalts (bis zu 100 mg pro 100 g Beeren, das beim Kochen um etwa ein Drittel abgebaut wird) sehr gesund und waren früher ein wichtiges Mittel gegen Skorbut.[15] Sie enthalten außerdem Provitamin A und Sorbit, einen Zuckeraustauschstoff.[16] Aus der Sorbose der Vogelbeeren wurde das Sorbit, ein Zuckerersatz für Diabetiker, gewonnen. Sorbit wird heute industriell durch Reduktion von Traubenzucker (Glukose) mit Wasserstoff hergestellt.[17][18]

Die Naturheilkunde schreibt Blättern und Blüten eine besondere Heilwirkung zu. Getrocknet finden diese u. a. in Tees gegen Husten, Bronchitis und Magenverstimmungen Verwendung. Auch werden sie bei Verdauungsbeschwerden, Hämorrhoiden, Rheuma und Gicht eingesetzt. Die Wirkung ist allerdings nicht wissenschaftlich erwiesen.[13] Sänger und Redner nutzen die Vogelbeeren z. B. auch, um ihre Stimmbänder geschmeidig zu halten.[15] Laut „Kräuterpfarrer“ Johann Künzle sollen Vogelbeeren zähen Schleim von den Stimmbändern lösen und so bei Heiserkeit wertvolle Dienste leisten. In der evidenzbasierten Medizin wird ein Auszug aus Sorbus aucuparia, das Sorbit, intravenös zur Senkung des Augeninnendrucks bei Glaukom gespritzt.[19]

Konfitüre[Bearbeiten]

Vergleich von Beeren einer essbaren Sorte und eines Straßenbaums

Nach den ersten Frösten verlieren die Früchte ihren durch die Parasorbinsäure hervorgerufenen bitteren Geschmack und werden leicht süßlich. Die Parasorbinsäure wird hierbei zur Sorbinsäure umgebildet. Regional, zum Beispiel im Bayerischen Wald und in Böhmen, wird aus den Früchten Konfitüre gekocht, die wie Preiselbeeren als leicht säuerliche Konfitüre zu Wildgerichten gereicht wird. Hierfür eignet sich besonders die Essbare oder Mährische VogelbeereSorbus aucuparia edulis, auch moravica oder dulcis genannt, die einen höheren Zuckergehalt hat und frei von Parasorbinsäure ist und daher auch roh verzehrt werden kann.[20]

Zwei verbreitete Kulturformen der mährischen Vogelbeere sind Konzentra und Rosina, deren Auswahl 1946 im Institut für Gartenbau Dresden-Pillnitz begann und die 1954 in den Verkauf gebracht wurden. Dabei ist Konzentra für die Entsaftung geeignet und Rosina für Kompott oder zum Kandieren. Andere Sorten die bitterstoffarm sind, ähnlich der mährischen Vogelbeere, sind die aus Südrussland stammenden Kulturformen Rossica und Rossica Major.[21] Weitere essbare Sorten stammen aus Klosterneuburg in Niederösterreich.[22] Es existieren Hybride mit anderen Fruchtbaumenarten, die zum Verzehr geeignet sind. Dazu zählen Burka, Likjornaja, Dessertnaja, Granatnaja, Rubinovaja und Titan.[21]

Alkoholische Getränke[Bearbeiten]

Der Likör Sechsämtertropfen, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Fichtelgebirge gebrannt wird, und der tschechische Jeřabinka haben als Grundstoff auch Vogelbeerenfrüchte.

Vogelbeerschnaps hat in Tirol, Salzburg und in der Steiermark eine lange Tradition. Aufgrund der aufwändigen Gewinnung und Verarbeitung der Beeren und der geringen Ausbeute beim Brennen der Maische (ca. 2 Liter Edelbrand pro 100 Liter Maische) ist der fertige Edelbrand teuer.

Vor dem Maischvorgang werden die Beeren von den Dolden, die störende Gerbstoffe beinhalten, getrennt. Die Vergärung wird bei höherer Temperatur durchgeführt, weil damit gärhemmende Substanzen abgebaut werden. Parasorbinsäure wird durch Erhitzen beim Destillieren vollständig abgebaut.

In Hessen wird die Vogelbeere (Eberesche) von einigen kleinen Kelterern bei der Apfelweinherstellung verwendet, ähnlich wie der Speierling. Seltener wird zudem Vogelbeerwein angeboten.

Im Erzgebirge ist Vogelbeerlikör sehr beliebt, da die Eberesche dort eine Art Volksbaum ist (siehe auch Abschnitt Kulturelles und Aberglaube).

Holz[Bearbeiten]

Eberesche wächst zerstreutporig. Das Kernholz ist schön gemasert und eignet sich im Kunsthandwerk zu Drechselarbeiten. Das Kernholz älterer Vogelbeeren ist sehr hart und dauerhaft, vergleichbar mit Eichenkernholz; es wurde früher in der Wagnerei verwendet. Das Splintholz ist elastisch - feinfasrig und eignet sich daher sehr gut zu Schnitzarbeiten.

Sonstige Verwendung[Bearbeiten]

Die Borke kann zum Braun- und Rotfärben von Wolle verwendet werden.

Aufgrund ihrer Robustheit, großen Ausschlagfähigkeit und humusverbessernden Eigenschaften wird die Eberesche im Lawinenschutz und der biologischen Wildbachverbauung eingesetzt und auch in Fichtenwäldern bewusst angepflanzt.

Kulturelles und Aberglaube[Bearbeiten]

Der Vogelbeerbaum war den Germanen als Thor geweihter Baum heilig.

Frisch gesägter Stamm der Eberesche mit Splint- und Kernholz

In ärmlichen Waldgegenden war das Holz so begehrt, dass die Förster früher Not hatten, die Bäume vor den armen Drehern von Spielwaren, die ihr Holz nicht gern teuer kauften, zu schützen.

Grabmal von Max Schreyer mit stilisierter Vogelbeere

Im Erzgebirge hat der Vogelbeerbaum den Status eines Nationalbaums und wird im von Max Schreyer gedichteten Volkslied vom „Vuglbärbaam“ besungen.

In Dalsland in Schweden schmückt der Hirte an einem dem Himmelfahrtstag vorangehenden oder nachfolgenden Tag sein Vieh an den Hörnern mit Blumen und treibt es daraufhin bereits um die Mittagszeit nach Hause. Er selbst führt, mit einem geschmückten Vogelbeerbaum in beiden Händen, die Herde an. Im Stall wird der Baum an den Giebel gepflanzt und soll während der Weidezeit die Tiere vor bösen Geistern und Krankheit bewahren. Das Jungvieh wird benannt, indem es bei Verkündung seines Namens mit einer Rute des Vogelbeerbaums dreimal auf den Rücken geschlagen wird.

Nach dem keltischen Baumkreis – einer Erfindung des keltischen Neopaganismus – zählt die Eberesche – neben Apfelbaum, Walnuss und Tanne – zu den Lebensbäumen. Menschen, die in ihrem Zeichen geboren sind, wird vor allem Lebensfreude, aber auch Anpassungsfähigkeit an schwierige Lebensumstände nachgesagt. Die Kelten bepflanzten ihre heiligen Stätten, besonders Orakel- und Richtplätze, oftmals mit der Pflanze. Man sagt, dass sie die Eberesche zum Symbol des Wiedererwachens nach der dunklen Winterzeit gemacht haben. Einem irischen Sprichwort zufolge gilt die Vogelbeere als Schutzbaum gegen Blitzschlag und Hexenzauber. Äußerlich angewandt sollen die Beeren Wunden heilen, verzehrt man sie, so verlängert sich das Leben um ein weiteres Jahr.

Die Vogelbeere wurde in Deutschland zum Baum des Jahres 1997 erklärt.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ruprecht Düll: Unsere Ebereschen und ihre Bastarde. (= Die neue Brehm-Bücherei. Heft 226). 2., unveränderte Auflage. Westarp-Wissenschaftliche-Verlags-Gesellschaft, Hohenwarsleben 2006, ISBN 3-89432-667-0.
  • Ev und Frank Löser: Die Eberesche (Vogelbeere) – Wissenswertes –Verwendung – Rezepte. Verlag Rockstuhl, 2010, ISBN 978-3-86777-196-2.
Blütenstand und Blätter der Vogelbeere
  • Klaus Hillebrand: Vogelbeere (Sorbus aucuparia L.) im westfälischen Bergland. Wachstum, Ökologie, Waldbau. (= Schriftenreihe der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten, Landesamt für Agrarordnung Nordrhein-Westfalen. Band 15). Dissertation. Landwirtschaftsverlag, Münster 1998, ISBN 3-89174-028-X.
  • Nicole Mielke: Molekulare Charakterisierung eines mit der Ringfleckigkeit der Eberesche (Sorbus aucuparia L.) assoziierten neuen Pflanzenvirus. Dissertation. Universität Hamburg, 2004. (pdf bei der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg)
  • W. Benthack, N. Mielke, C. Büttner, H.-P. Mühlbach: Double-stranded RNA pattern and partial sequence data indicate plant virus infection associated with the ringspot disease of European mountain ash (Sorbus aucuparia L.). In: Archives of virology. 150, 2005, ISSN 0304-8608, S. 37–52.
  • Gerhard K. F. Stinglwagner, Ilse Haseder, Reinhold Erlbeck: Das Kosmos Wald und Forst Lexikon. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-440-10375-7, S. 194 f.
  • Die Eberesche – Beschreibung der Art. auf: amleto.de (aufgerufen am 23. Mai 2008)
  • Porträt der Eberesche und Fachbeiträge zu ihrer ökologischen und forstwirtschaftlichen Bedeutung. auf: lwf.bayern.de (aufgerufen am 1. November 2010)
  • Caledonian Forest Information Centre Trees for Life – the Rowan. ausführliches Porträt der Eberesche bezogen auf schottische Vorkommen (aufgerufen am 23. Mai 2008)
  • Werner Rothmaler (Begr.): Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen. Grundband, Spektrum-Verlag, ISBN 3-8274-1359-1.
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korr. u. erw. Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.
  • Ingrid und Peter Schönfelder: Das Neue Handbuch der Heilpflanzen, Botanik Arzneidrogen, Wirkstoffe Anwendungen. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-440-12932-6.
  • L. Roth, M. Daunderer, K. Kornmann: Giftpflanzen Pflanzengifte. 6. überarbeitete Auflage. 2012, Nikol-Verlag, ISBN 978-3-86820-009-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vogelbeere im Duden: Vogelbeere wird gemeinsprachlich nicht für den Baum benutzt, nur für die Frucht.
  2. Vogelbeerbaum im Duden
  3. a b H. Kutzelnigg: Sorbus. In: H. Scholz (Hrsg.): Band IV. Teil 2B. Spermatophyta: Angiospermae: Dicotyledones 2(3). In: H. J. Conert, u. a. (Hrsg.): Gustav Hegi (Begr.), Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 2. Auflage. Parey, Berlin/ Hamburg 1994, ISBN 3-8263-2533-8, S. 328–385.
  4. a b Reinhold Erlbeck: Die Vogelbeere- ein Porträt des Baum des Jahres 1997.
  5. Gerhard K. F. Stinglwagner, Ilse Haseder, Reinhold Erlbeck: Das Kosmos Wald und Forst Lexikon. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-440-10375-7, S. 194.
  6. Caledonian Forest Information Centre Trees for Life
  7. University of Connecticut Database of Trees, Shrubs, and Vines
  8. Wolfgang Helfer: Pilze an Vogelbeere. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (PDF, 25 KB)
  9. Reinhard Eder: Die Vogelbeere − ein Obstbaum. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (PDF, 56 KB)
  10. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Deutscher Taschenbucher Vertrag, München 2005.
  11. Karen Görner: Die Vogelbeere - Charakterbaum des Fichtelgebirges. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (aufgerufen am 23. Juni 2014)
  12. duden.de
  13. a b Klaus Storm: Pharmazie und Medizin, Volksmedizin. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (PDF, 25,1 kB)
  14. Eberesche – nicht giftig, sondern gesund
  15. a b br online vom 7. August 2009: Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.br-online.deKräuterlust – Vogelbeere
  16. J. Pelouze: Ueber eine neue Zuckerart aus den Vogelbeeren.
  17. W. Kempf: Eigenschaften, Vorkommen, Darstellung, handelsübliche Produkte und Verwendung von Sorbit. Lbm.-Chem. (Bundesforschungsanstalt für Getreideverarbeitung, Detmold)]
  18. Katja Eisel: Chemie in der Schule, La Dolce Vita – Genießen ohne Reue. Experimentvortag. S. 35. (PDF-Datei, 6,2 MB)
  19. Katja Eisel: Chemie in der Schule, La Dolce Vita – Genießen ohne Reue. Experimentvortag. S. 42. (PDF-Datei, 6,2 MB)
  20. Eberesche oder Vogelbeere (PDF; 179 kB)
  21. a b  Gerhard Friedrich, Werner Schuricht: Seltenes Kern-, Stein- und Beerenobst. 1. Auflage. Neumann-Neudamm, Melsungen 1989, ISBN 3-7888-0562-5, S. 41.
  22.  Reto Neuweiler, Kurt Röthlisberger, Peter Rusterholz, Roland Terrettaz: Beeren und besondere Obstarten. 1. Auflage. LmZ, Zollikofen 2000, ISBN 3-906679-75-6, S. 214.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Vogelbeere – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Vogelbeere – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien