Eberhard Havekost

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eberhard Havekost (* 1967 in Dresden) ist ein zeitgenössischer deutscher Maler.

1984 bis 1985 absolvierte Havekost eine Ausbildung zum Steinmetz. Von 1991 bis 1996 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. 1997 wurde er dort Meisterschüler unter Ralf Kerbach. 1999 erhielt er das Karl Schmidt-Rottluff Stipendium. Havekost lebt und arbeitet in Berlin.

Aus der Tradition der realistischen Malerei und teilweise des Fotorealismus der 70er Jahre entwickelt er einen eigenen Malstil, der gleichzeitig wahrheitsgetreu und augentäuschend wirkt. Außer den rein gegenständlichen Bildern gehören zu seinem Werk ebenso Abstraktionen, wobei Havekost mit den beiden Darstellungsweisen stets dasselbe Ziel verfolgt: die Mechanismen unserer visuellen Wahrnehmung zu erforschen. Seine Werke fungieren jedoch nicht als Dokumentation der Wirklichkeit. Er bricht mittels Verzerrungen bewusst mit den Sehgewohnheiten des Betrachters.[1]

Werke von Havekost befinden sich unter anderem in den Beständen des Museum of Modern Art, des Denver Art Museum sowie der Sammlung Marx, der Rubell Family Collection, der Sammlung Frieder Burda, Museum der bildenden Künste in Leipzig und der Tate Collection.

Die Kunstakademie Düsseldorf berief ihn mit Wirkung zum Sommersemester 2010 zum Professor für Malerei.

Malerei[Bearbeiten]

Sichtweisen und Wahrnehmungsprozesse

Als Vorlagen für seine Bilder benutzt Havekost eigene oder aufgefundene Fotografien. Sie unterliegen einer digitalen Manipulation. Dabei werden Helldunkelwerte und Farben verändert, Details verwischt oder verzerrt.[2] Diese Fotoaufnahmen tragen oft keinen symbolischen oder sozialpolitischen Wert, sondern konzentrieren sich lediglich auf den Wahrnehmungsprozess. Sie verfolgen kein Ziel, einen wiedererkennbaren Teil der Welt darzustellen, sondern berauben im Gegenteil die vertrauten Gegenstände ihrer Erkennbarkeit.[3]

Mit seinen Bildern versucht Havekost, die Sehgewohnheiten aufzulösen und durch ständigen Perspektivenwechsel uns den Prozess des Sehens und des Wahrnehmens an sich bewusst zu machen. Eine große Rolle spielt dabei die Subjektivität des Sehens, deren Zufälligkeit mit bildnerischen Mitteln in Havekosts Gemälden offenbart wird.[4] Die Tatsache, dass Menschen nicht unmittelbar sehen, sondern nur innerhalb der empirischen Strukturen die Dinge der Außenwelt identifizieren, veranlasst Havekost dazu, durch die visuellen Veränderungen der gewöhnlichen Objekte einen Weg aus dieser Determination vorzuschlagen und uns zum unabhängigen reinen Anschauen zu bewegen. Havekost geht es darum, „zu fragen, mit welchen Filtern wir wahrnehmen“, und diese Filter zu „dechiffrieren“.[5]


Ausschnitte und Perspektiven

In Havekosts Bildern werden überwiegend Ausschnitte von Gegenständen dargestellt. Damit verschärft er unseren Blick auf Details, die die Gesamtheit der Realität bilden. Häufig wird ein und dasselbe Motiv in Serien von mehreren Werken behandelt. Mit dem Perspektivenwechsel ist eine permanente Veränderung des Gegenstands verbunden: die geringste Versetzung führt dazu, dass jeweils ein etwas anderer Teil des Objektes sichtbar wird und der Betrachter jedes Mal ein anderes Objekt vor Augen hat. Durch den ständigen Wechsel des Blickwinkels offenbart Havekost die Vielschichtigkeit der Realität.


Gegenstände

Die Konzentration auf die Welt der Dinge läuft bei Havekost darauf hinaus, dass er die Objekte häufig alleinstehend, ohne jegliches menschliches Zutun präsentiert. Damit versucht er, unseren Blick auf den Gegenstand von den Bedeutungen zu entlasten, die ihm im Prozess der Funktionalisierung zugeschrieben werden. Seine Gemälde suggerieren, „dass den Dingen eine Irreduzibilität, eine Lebendigkeit und Dichte zu eigen ist, die unabhängig von unserer Wahrnehmung besteht.“[4]


Oberfläche

Ein anderes wichtiges Merkmal von Havekosts Umgang mit Motiven ist die betonte Nahsicht auf die dargestellten Gegenstände. Er konzentriert sich auf die Oberfläche als eigentlichen sichtbaren Teil der Objekte. Häufig wird diese Thematisierung im digitalen Kontext verstanden und mit dem Phänomen der Benutzeroberfläche verglichen. Dieser Begriff bezeichnet den sichtbaren Teil eines Computerprogramms, der für Interaktion mit dem Benutzer geeignet ist. Wichtig dabei ist, dass das eigentliche digitale System hinter dieser Oberfläche verborgen ist und für den gewöhnlichen Nutzer unsichtbar bleibt. Nach dieser Analogie präsentiert Havekost in seinen Bildern die sichtbare Wirklichkeit durch ihre Oberfläche. Um hinter die äußere Fassade zu gelangen wird eine erhöhte Blickkonzentration gefordert. Havekost malt nicht die Objekte ab, die auf der Oberfläche zu sehen sind, sondern er malt die Benutzeroberfläche selbst.[6]

Die Thematisierung der Oberfläche nimmt eine markante Form bei der Darstellung von Personen an. Hier wird die Haut als Oberfläche verstanden. Obschon die Figuren auf den ersten Blick individuelle Gesichtszüge besitzen, werden sie im nächsten Schritt als Durchschnittstypen entlarvt. Entweder tragen sie Sonnenbrillen (wie in der Serie Personal Engineering, 2004), die den Blick auf die eigentliche Person verstellen, oder ihre Gesichter werden digital um Kleinigkeiten verändert (Serie PC, 1998–2002) und damit in ihrer Beliebigkeit und Referenzlosigkeit bestätigt. Oft sind die Gesichter gar nicht zu sehen. Dieser Umgang mit dem Gesicht betont seine Rolle als Maske, die ein Wechselspiel von Verbergen und Enthüllen veranlasst.[7]


Distanz und Kälte

Um unseren Blick auf die Gegenstände zu aktivieren, arbeitet Havekost mit den Gegensätzen wie Distanz und Nähe sowie Wärme und Kälte. Dabei gehen diese Kategorien stets ineinander über: die extremen Nahansichten und der nüchterne Detailrealismus[4] evozieren eine spürbare Distanz, die warmen und kalten Farben wechseln sich und bringen doch keinen Eindruck der Vertrautheit hervor. So entwickelt sich eine undurchdringliche Malweise, die unserem flüchtigen Blick auf die Außenwelt entspricht. Er selbst wird in Havekosts Bildern thematisiert. In seiner Malerei unterliegt dieser Blick einem Verlangsamungsprozess.[2]


Materialität

Alleinstehende Objekte, Fassaden von Gebäuden, Menschenakte, Verkehrsmittel, Pflanzen, Landschaften und seltener Figurenkonstellationen sind die erkennbaren Motive in Havekosts Gemälden. Das eigentliche Thema, das sich anhand von den ausgewählten Motiven realisiert, ist die Materialität der Wirklichkeit, die flüchtig wahrgenommen und aufgrund des Vorrangs der Bedeutungszuschreibung häufig übersehen wird. Tatsächlich wird die physische Natur des Bildsubjektes ins Bildliche übertragen - so setzt sich Havekost gegen die Entmaterialisierung des Blickes mit seiner Malerei ein.[4] Er nimmt die Strukturen auseinander, um sie wieder neu zusammen zu bringen, und führt auf diese Weise die Komplikationen von Sehen und Materialität vor Augen.[4]

Einzelausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 2014 Neue Galerie Gladbeck (mit Tatjana Doll)
  • 2013 Titel, Museum Küppersmühle, Duisburg
  • 2013 La Fin et le lever du jour, Galerie Hussenot, Paris
  • 2013 Cosmos Now, White Cube, London
  • 2012 Eberhard Havekost. Die Sammlung MAP, Museum der Moderne, Salzburg
  • 2012 Druckgrafik von 2001 bis 2012, Kunstverein Augsburg
  • 2012 Copy + Ownership, Anton Kern Gallery, New York
  • 2012 Sightseeing Trip, Kerala Lalitha Kala Akademi Durbar Hall Art Gallery, Ernakulam/ Kochi, Kerala
  • 2012 News (mit Manish Nai), Galerie Mirchandani + Steinruecke, Mumbai
  • 2012 Sightseeing Trip, Dr. Bhau Daji Lad, Mumbai City Museum, Mumbai
  • 2012 Endless (mit Frank Nitsche), Brandenburgischer Kunstverein, Potsdam
  • 2011 Take Care, Roberts & Tilton, Culver City, Californien
  • 2011 Farbenspiel, Galerie Gebr. Lehmann, Berlin
  • 2010 Ausstellung, Kunsthalle im Lipsiusbau, SKD, Dresden
  • 2010 Affirmation, Ausstellungsraum Céline u. Heiner Bastian, Berlin
  • 2010 Retina, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/ Main
  • 2009 Le maniement nonchalant d’accessoires chers, Galerie Hussenot, Paris
  • 2008 Entrée, FRAC Auvergne, Clermont Ferrand
  • 2007 Paintings from the Rubell Family Collection, Art Gallery at Florida Gulf Coast University, Fort Myers, FL
  • 2007 Paintings from the Rubell Family Collection, Tampa Museum of Art, Tampa, FL
  • 2006 Paintings from the Rubell Family Collection, American University Museum, Katzen Arts Center, Washington DC
  • 2006 Harmony 2, Stedelijk Museum, Amsterdam
  • 2006 Backstage, Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
  • 2005 Harmonie, Kunstmuseum Wolfsburg
  • 2004 Graphik 1999–2004, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 2001 DRIVER, Museu de Arte Contemporanea de Serralves, Porto
  • 1999 Statements, Art Basel, Basel
  • 1997 Förderkoje, Art Cologne, Köln

Gruppenausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 2014 Love Story – Anne & Wolfgang Titze Collection, Belvedere, Wien
  • 2014 Room Service, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
  • 2013 False Optimism, Crawford Art Gallery, Cork
  • 2013 Fußnoten zum Aufbruch, Motorenhalle, Dresden
  • 2013 The Legend of the Shelves, Autocenter, Berlin
  • 2013 Land in Sicht!, Museum der Moderne Salzburg
  • 2013 jetzt hier. Gegenwartskunst. Aus dem Kunstfonds, Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden
  • 2013 Cultural Freedom in Europe, Goethe-Institut Brüssel
  • 2013 Sachsen. Werke aus der Sammlung Deutsche Bank, Museum der bildenden Künste Leipzig
  • 2013 25, Galerie Gebr. Lehmann, Berlin
  • 2012 Menschenbilder, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
  • 2012 Juwelen im Rheingold, Kunsthalle Düsseldorf
  • 2012 Neue Realitäten, Fotografik von Warhol bis Havekost, Galerie Stihl, Waiblingen
  • 2012 geteilt/ungeteilt. Kunst in Deutschland 1945 bis 2010, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 2012 Künstlerkinder. Von Runge bis Richter, von Dix bis Picasso, Kunsthalle Emden
  • 2012 Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg. Ausgewählte Werke von Carl Andre bis Sergej Jensen, Kunstmuseum Wolfsburg
  • 2012 Art and Press. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit, ZKM Karlsruhe
  • 2012 No Town, Wayne State University’s Elaine L. Jacob Gallery, Detroit
  • 2012 Art and Press. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit, Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • 2012 Rendezvous der Maler II – Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf von 1986 bis heute, Akademie Galerie, Düsseldorf
  • 2012 Paintings/ Pinturas. The Rubell Family Collection, Fundación Banco Santander, Boadilla (Madrid)
  • 2012 Werke amerikanischer und europäischer Malerei der Sammlung Marx, Muzeum Narodowne, Szczenie
  • 2011 Werke amerikanischer und europäischer Malerei der Sammlung Marx, Eine Auswahl, Galerie Atlas Sztuki, Lodz
  • 2011 Neue Realitäten. Von Warhol bis Havekost: Fotografie im Medium der Druckgrafik, Kupferstich-Kabinett, Berlin
  • 2011 Halleluhwah! Hommage à Can, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, und Galerie Abart, Stuttgart
  • 2011 Hotspot Berlin - Eine Momentaufnahme, Georg-Kolbe-Museum, Berlin
  • 2010 If not in this period of time - Contemporary German Painting, Museu de Arte de Sâo Paulo, Sâo Paulo
  • 2010 Das versprochene Land, SKD, Albertinum, Dresden
  • 2010 100th Exhibition, Autocenter, Berlin
  • 2009 Serralves 2009 - The Collection, Museu Serralves, Porto
  • 2008 The >La Caixa< Contemporary Art Collection, CaixaForum, Barcelona
  • 2008 Havekost, Lucander, Pflumm, Galerie Milliken, Stockholm
  • 2008 Living Landscapes. A Journey through German Art, National Art Museum, Peking
  • 2007 Painting now, Kunsthal Rotterdam, Rotterdam
  • 2006 The Triumph of Painting, Leeds City Art Gallery, Leeds
  • 2006 Painting S(e)oul, Kukje, Seoul
  • 2006 The Other Side, Tony Shafrazi Gallery, New York
  • 2006 Level 3: Material Gestures, Tate Modern, London
  • 2006 Zurück zur Figur, Hypo-Kunsthalle, München
  • 2006 Wrestle, Hessel Museum of Art, Annandale-on-Hudson, New York
  • 2005 Imagination Becomes Reality – Painting Surface Space, Sammlung Goetz, München
  • 2005 Trials and Terrors, Museum of Contemporary Art, Chicago
  • 2005 Private View 1980–2000 – Collection Pierre Huber, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
  • 2005 Do it yourself, Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof, Berlin
  • 2005 Urbane Realitäten: Fokus Istanbul, Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • 2005 La nouvelle peinture Allemande, Carré d’Art, Nîmes
  • 2005 Arte Contemporáneo, Museo Municipal de Málaga
  • 2004 realityREAL, Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
  • 2004 Happy Birthday: Werke der Sammlung, Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg
  • 2003 Prague Biennale 1, National Gallery, Prag
  • 2003 Interview with Painting, Fondazione Bevilacqua La Masa, Venedig
  • 2003 deutschemalereizweitausenddrei, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt/Main
  • 2003 Berlin-Moskau 1950–2000, Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • 2003 Karl Schmidt-Rottluff Stipendium, Kunsthalle Düsseldorf
  • 2001 I Love NY, Anton Kern Gallery, New York
  • 2001 Schock Sensor 2, Städtische Galerie Gladbeck, Gladbeck
  • 2000 Die andauernden Städte, Urbane Situationen, Galerie im Taxispalais, Innsbruck
  • 2000 Goldener – Der Springer – Das kalte Herz, White Cube, London
  • 1999 Wege der Deutschen 1949–1999, Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • 1999 In Augenhöhe, Neuer Berliner Kunstverein, Berlin

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Thobias Burg: Oszillationen zwischen Kunst und Wirklichkeit. In: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hrsg.): Eberhard Havekost. Graphik 1999-2004. Köln 2004.
  2. a b  Susanne Köhler: Destiny – Zur neuen Werkgruppe von Eberhard Havekost. In: Kunstmuseum Wolfsburg and Hatje Cantz Verlag (Hrsg.): Eberhard Havekost: Harmonie. Bilder 1998 – 2005. Ostfildern-Ruit 2005, ISBN 978-3-7757-1651-2.
  3.  Barry Schwabsky: Phantombilder. In: Distanz Verlag (Hrsg.): Eberhard Havekost: Ausstellung. Berlin 2010, ISBN 978-3-942405-14-0.
  4. a b c d e  Katy Siegel: Und der Mond kam näher. In: Walter Smerling (Hrsg.): Eberhard Havekost: TITEL. Köln 2013, ISBN 978-3-942405-72-0.
  5.  Eberhard Havekost: Ich male, was ich nicht sehe. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr.12. 23. März 2003.
  6.  Ludwig Seyfarth: Benutzeroberflächen. In: Kunstmuseum Wolfsburg and Hatje Cantz Verlag (Hrsg.): Eberhard Havekost: Harmonie. Bilder 1998 – 2005 Ort=Ostfildern-Ruit. 2005, ISBN 978-3-7757-1651-2.
  7.  Annelie Lütgens: Bildraum/Denkraum. Havekosts Malerei als Bildwissenschaft. In: Kunstmuseum Wolfsburg and Hatje Cantz Verlag (Hrsg.): Eberhard Havekost: Harmonie. Bilder 1998 – 2005. Ostfildern-Ruit 2005, ISBN 978-3-7757-1651-2.