Eberhard Jüngel

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Eberhard Jüngel (* 5. Dezember 1934 in Magdeburg) ist ein deutscher evangelischer Theologe. Er war Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Direktor des Instituts für Hermeneutik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er war bis 2013 Kanzler des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt er zahlreiche Ehrungen.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Schulzeit und Studienjahre[Bearbeiten]

Im Elternhaus Jüngels war Religion nicht besonders gefragt, sein Vater war ein ausgesprochen areligiöser Mensch. Einen Tag vor dem Abitur wurde Jüngel als Feind der Republik aus dem Gymnasium entfernt, weil er es sich erlaubt hatte, das, was er für Wahrheit hielt, auszusprechen:

„[...] das waren eine Fülle von Vorkommnissen. Zum Beispiel waren damals die kirchlichen Diakonischen Anstalten in Magdeburg, die Pfeifferschen Stiftungen, beschlagnahmt worden vom Staat. Und wir haben - eine Freundin und ich - im Unterricht, als die Lehrer das auch noch rechtfertigen wollten, dagegen heftig protestiert und darauf hingewiesen, dass das Unrecht ist - übrigens auch nach den Gesetzen und nach der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik.“

Eberhard Jüngel[1]

Für Jüngel kam nur noch das Studium der evangelischen Theologie an einer Kirchlichen Hochschule in Betracht. Er wollte Pfarrer werden. 1953 begann er seine theologische Ausbildung am Katechetischen Oberseminar in Naumburg an der Saale. Zwei Jahre später wechselte er an das sogenannte Sprachenkonvikt, die Kirchliche Hochschule in Ost-Berlin. 1957 setzte er seine Studien an den Universitäten Zürich und Basel fort. Zu den für ihn wichtigen Hochschullehrern gehörten der Philosoph Gerhard Stammler, aber auch Heinrich Vogel und Gerhard Ebeling. Zu seinem prägendsten theologischen Lehrer wurde Ernst Fuchs, durch den Jüngel Rudolf Bultmann und Martin Heidegger kennenlernte, dessen Schriften ihn schon früh beeindruckten. Fuchs selbst war wie Ebeling ein Bultmann-Schüler. In der Schweiz gewann die Begegnung mit Karl Barth eine entscheidende Bedeutung für sein theologisches Denken:

„[...] ich bin - obwohl ich mir sonst Mühe gegeben habe, die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik peinlich genau zu beachten - für ein Semester illegal in die Schweiz gegangen. Ich habe das Gerücht verbreiten lassen, ich hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten, und zu meinem Entsetzen hat man mir - nachdem ich nach einem Semester wieder da war - von allen Seiten gesagt: Wir haben´s ja immer kommen sehen. In Wahrheit ging es mir blendend. Ich war nach Zürich geflogen - die Berliner Mauer stand noch nicht, man musste also nur mit der S-Bahn nach Tempelhof fahren und das Flugzeug besteigen. In Zürich habe ich vor allen Dingen bei Gerhard Ebeling Theologie studiert, fuhr dann aber einmal in der Woche nach Basel zu Karl Barth - und habe da nun einen Lehrer kennen gelernt, der mich in ganz besonderer Weise beeindruckt hat. Mich beeindruckte an Barth etwas, was ich bei seinen Schülern gerade vermisste: die unglaubliche Konzentration seines theologischen Denkens, gleichzeitig bei einer großen Gelassenheit und Entspanntheit des Intellektes. Dann hat mich sehr beeindruckt die Gleichzeitigkeit von Interesse für den Himmel und für die Erde. Dass man der Erde treu zu bleiben hat, wenn man sich für den Himmel interessiert. Das habe ich bei Barth begriffen.“

Eberhard Jüngel[2]

Das Theologiestudium schloss Eberhard Jüngel 1960 mit dem Ersten Theologischen Examen beim Konsistorium der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ab.

Der junge Theologe[Bearbeiten]

Es folgten Tätigkeiten als Vikar der Berliner Kirche und als Assistent an der dortigen Kirchlichen Hochschule. 1961 wurde Jüngel in West-Berlin mit einer neutestamentlichen Dissertation zu Paulus und Jesus promoviert, die 1962 veröffentlicht wurde:[3]

„Die historisch-kritische Erforschung des Neuen Testaments hatte die Differenz herausgearbeitet zwischen Jesus von Nazareth, der das Kommen des Gottesreiches verkündigt hatte und hingerichtet worden war, und Paulus, der Jesu Tod als Gottes versöhnende Tat und Rechtfertigung des Sünders gepredigt hat. Am Anfang des Christentums schien eine unüberbrückbare Diskontinuität zu stehen: Der verkündigende Jesus wird zum verkündigten Christus. Jüngel hat in dieser Untersuchung zur Präzisierung der Frage nach dem Ursprung der Christologie die paulinische Rechtfertigungslehre und die Verkündigung Jesu als zwei Sprachereignisse verglichen, die darin übereinkommen, dass sie die eschatologische (letztgültige) Zuwendung zu den Menschen ansagen.“

Richard Schroeder[4]

Jüngel kehrte in die DDR zurück. 1962 wurde er in Magdeburg zum Pfarrer der evangelischen Kirche ordiniert. Er habilitierte sich im Fach Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Ost. Dort fehlten wegen des Mauerbaus Dozenten, da die meisten von ihnen im westlichen Stadtteil lebten. Jüngel wurde Dozent und leitete das Sprachenkonvikt. Er erhielt seinen ersten Lehrstuhl und unterrichtete bis zum Ende des Sommersemesters 1966 zunächst Neues Testament und später Dogmatik. 1965 veröffentlichte er sein zweites Buch Gottes Sein ist im Werden. Darin versuchte er, die Trinitätslehre Karl Barths mit den hermeneutischen Diskussionen der Bultmann-Schule zu verbinden.

Ordinarius[Bearbeiten]

Zum Wintersemester 1966 folgte Jüngel einem Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Dort hatte er bis 1969 den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Dogmengeschichte inne.[5] 1969 erhielt er einen Ruf an die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen. Er wurde Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Direktor des Instituts für Hermeneutik. 1977 erschien sein Hauptwerk „Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus“. Gott ist für Jüngel das Geheimnis der Welt, weil er zwar unsichtbar ist, aber er gibt sich zu erkennen, indem er zur Welt kommt. Der Tübinger Universität blieb Jüngel trotz einiger Rufe an andere Fakultäten, wie zum Beispiel an die Ludwig-Maximilians-Universität München, treu. Er lehrte in Tübingen auch an der Philosophischen Fakultät. Eberhard Jüngel war zweimal Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät und Gastprofessor an mehreren Universitäten in Deutschland. Im Studienjahr 1999/2000 war er Fellow am renommierten Wissenschaftskolleg zu Berlin. Jüngels Bücher zur Rechtfertigungslehre und zum Tod gelten als Standardwerke der Systematischen Theologie.[6] Die Emeritierung Jüngels erfolgte im Jahr 2003. Sein Nachfolger auf dem Tübinger Lehrstuhl wurde der Systematische Theologe Christoph Schwöbel.

Öffentliches Wirken[Bearbeiten]

Eberhard Jüngel war 29 Jahre lang Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und in deren Ständigen Ausschuss für Schrift und Verkündigung. Von 1987 bis 2005 war er im Nebenamt Ephorus des Evangelischen Stifts Tübingen. Sein Nachfolger in diesem Amt wurde der Theologe und Kirchenhistoriker Volker Henning Drecoll. Jüngel war stellvertretender Richter am Staatsgerichtshof des Landes Baden-Württemberg. Von 2003 bis 2006 leitete er außerdem die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg. Jüngel war Gadamer-Stiftungsprofessor im Jahr 2007. Er hat sich immer wieder durch Zeitungsartikel und Vorträge in die politische Diskussion eingemischt. Der für seine präzisen Differenzierungen bekannte Theologe lebt in Tübingen und ist Junggeselle und Hobbykoch. Mit den Professorenfreunden Hans Küng und Jürgen Moltmann traf er sich über Jahrzehnte regelmäßig zum Abendessen, was „früher bis tief in die Nacht dauerte“.[7] Richard von Weizsäcker, selbst evangelisch, äußerte sich: „Der Jüngel, das ist doch unser Ratzinger“.[8]

Theologie[Bearbeiten]

Eberhard Jüngel, der auf eine originelle Weise die Grundanliegen der theologischen Antipoden Rudolf Bultmann und Karl Barth miteinander zu verbinden versteht, gilt - gemeinsam mit seinen theologischen Weg- und Generationsgefährten Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg - als einer der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen unserer Zeit. Er wird weit über den deutschsprachigen und protestantischen Raum hinaus rezipiert.[9] Für Jüngel ist es die Aufgabe der Theologie, Gott als Liebe zu denken. Gott teilt sich nach Jüngel nicht als höchstes Wesen mit, das über der Welt steht und dann in einem zweiten Schritt sich auf die Welt und die Welt auf sich bezieht. Gott habe sich vielmehr in Ewigkeit frei dazu bestimmt, dass er nur durch den am Kreuz dem Fluch über die Sünde anheimgegebenen Menschen Jesus zu sich selbst und damit zu uns kommen wolle. Deshalb gehöre zur Wesensdefinition Gottes die frei angenommene Geschichtlichkeit.

„In der Trinitätslehre ist Gottes Geschichtlichkeit als Wahrheit gedacht. In der Kraft dieser Wahrheit kann von Gott dann christlich geredet, kann Gottes Sein als Geschichte erzählt werden.“

Eberhard Jüngel[10]

Nach Jüngel kommen wir also nicht durch eine der Offenbarung vorgängige Wesenserkenntnis zum geschichtlichen Wirken Gottes. Sondern durch das geschichtliche Wirken Gottes werden wir dazu bestimmt, zu seiner Wesenserkenntnis zu kommen. Eine Gotteserkenntnis außerhalb der Offenbarung sei uns verwehrt. Nur im Ereignis seiner Identifikation mit dem toten Jesus könne das Wesen Gottes erkannt werden.

„Es hängt also mit Jesu Todesschrei zusammen, daß der christliche Glaube begründetes Gottvertrauen ist. Der heidnische Hauptmann nannte den so verstorbenen Menschen Gottes Sohn. Das heißt, daß Gott im Ereignis des Todes Jesu, also da, wo die Gottverlassenheit kulminierte, mit diesem Menschen eins geworden ist. Gott hat sich mit Jesus, mit diesem sterblichen Menschen, identifiziert, um so, in der Einheit mit diesem Toten, für alle sterblichen Menschen da zu sein. Am Kreuz Jesu ereignet sich deshalb das Heil der Menschheit. Denn das ist Heil: daß Gott für uns da ist.“

Eberhard Jüngel[11]

Gott erschließe sich uns durch seine Selbstunterscheidung und Selbstidentifikation. Nicht weil Jesus Gottes Sohn sei, bekenne sich Gott zu ihm. Sondern weil Gott sich zu Jesus bekenne, sei Jesus Gottes Sohn.[12] Gott definiere sich in seinem Gottsein als das Leben und als die Liebe durch die Identifikation mit dem gekreuzigten Jesus, den er als seinen Sohn offenbare. Im Ereignis des Todes Jesu nehme Gott den Tod als das ihm fremde und widerstrebende, also als die ganze Gottlosigkeit der Welt in seinen Wesensvollzug auf und behaupte sich gegenüber dem Tod als das Leben. Seit dem Kreuz gehöre der Tod zum ewigen Sein und Wesen Gottes. Der Tod Gottes am Kreuz sei die Offenbarung des dem Tod gegenüber größeren Lebensgottes als Liebe. Gott könne als Liebe nur gedacht werden aufgrund seiner Identität mit dem Menschen Jesus:

„„Gott ist Liebe“ ist also nur dann ein wahrer menschlicher Satz, wenn Gott als Liebe unter Menschen Ereignis ist. […] Der Satz „Gott ist Liebe“ ist formulierte Wahrheit. Soll er nicht zur Formel gerinnen, muß er sowohl gelebt als auch gedacht werden.“

Eberhard Jüngel[13]

Die Allmacht Gottes kann nach Jüngel nur als die „Allmacht des für sein Geschöpf leidenden Gottes“ verstanden werden, nicht als Allkausalität.[14] Die Rede von der creatio ex nihilo sei so zu verstehen, dass Gott sich hier selbst begrenzt habe, indem er „das von ihm gewollte Andere neben sich“ setzt. Die Selbstbegrenzung Gottes in seinem ursprünglichen Anfangen entspreche dem Geheimnis der Liebe Gottes, die das trinitarische Sein Gottes ausmache – als „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“ und damit auf sich selbst bezogen und selbst begrenzt zugleich.[15] Das Entstehen des Bösen und die Faktizität der Übel könne nur als ein dunkles Rätsel bezeichnet werden.[16]

Mitgliedschaften und Ehrungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Dvorak: Gott ist Liebe. Eine Studie zur Grundlegung der Trinitätslehre bei Eberhard Jüngel. Echter, Würzburg 1999
  • Frank Fuchs: Konkretionen des Narrativen: am Beispiel von Eberhard Jüngels Theologie und Predigten unter Einbeziehung der Hermeneutik Paul Ricœurs sowie der Textlinguistik Klaus Brinkers. Lit, Münster 2004
  • Engelbert Paulus: Liebe - das Geheimnis der Welt. Formale und materiale Aspekte der Theologie Eberhard Jüngels. Bonner Dogmatische Studien 7. Echter, Würzburg 1990
  • John Bainbridge Webster : Eberhard Jüngel. An Introduction to his Theology. Cambridge Univ. Press, Cambridge 1991

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach Johannes Weiß: Die hohe Kunst des Unterscheidens. Ein Portrait des Theologen Eberhard Jüngel. SWR2 Glaubensfragen - Manuskript 2004
  2. Zitiert nach Johannes Weiß, a.a.O., 2004
  3. Eberhard Jüngel: Paulus und Jesus. Eine Untersuchung zur Präzisierung der Frage nach dem Ursprung der Christologie. 6. unveränd. Aufl., Mohr, Tübingen 1986
  4. Richard Schroeder: Wie Gott zur Welt gekommen ist, in: Die Zeit 50/2004 vom 2. Dezember 2004
  5. Lebenswerk 2006. Prof. Dr. Dr. h.c. Eberhard Jüngel auf predigtpreis.de
  6. Christian Tsalos: Eberhard Jüngel wird 75. Pressemitteilung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 2. Dezember 2009
  7. Zitiert nach Markus Brauer: Der Denker, der aus der DDR kam, in: Stuttgarter Nachrichten vom 4. Dezember 2009
  8. Thomas Krazeisen: Befreiende Wahrheit, in: Eßlinger Zeitung, Artikel vom 5. Dezember 2009
  9. Kurzbiographie Jüngel Eberhard auf theology.de
  10. Eberhard Jüngel: Gott als Geheimnis der Welt, 8. Aufl. 2010, S. 472
  11. Eberhard Jüngel: Unterwegs zur Sache, 3. Aufl. 2000, S. 298
  12. Eberhard Jüngel: Ganz werden. Theologische Erörterungen V, 2003, S. 83
  13. Eberhard Jüngel: Gott als Geheimnis der Welt, 8. Aufl. 2010, S. 430
  14. Jüngel, Eberhard: Gottes ursprüngliches Anfangen als schöpferische Selbstbegrenzung. In: Ders.: Wertlose Wahrheit. Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens, theologische Erörterungen III, München 1990, S. 272
  15. Jüngel: a.a.O, 1990, S. 268
  16. Jüngel: a.a.O., 1990, S. 274
  17. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Orden Pour le mérite wählte neue Kanzler. Pressemitteilung Nr. 223 vom 20. Juni 2013

Weblinks[Bearbeiten]