Echelon

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Dieser Artikel behandelt das Spionagenetzwerk; zum gleichnamigen Festival siehe Echelon (Festival), zum US-amerikanischen Technologieunternehmen siehe Echelon Corporation. Zum Film von 2009 siehe Die Echelon-Verschwörung

Echelon ist der Name eines weltweiten Spionagenetzes, das von Nachrichtendiensten der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands und Kanadas betrieben wird. Das System dient zum Abhören bzw. zur Überwachung von über Satellit geleiteten privaten und geschäftlichen Telefongesprächen, Faxverbindungen und Internet-Daten. Die Auswertung der gewonnenen Daten wird vollautomatisch durch Rechenzentren vorgenommen.

Die Existenz des Systems gilt seit einer Untersuchung des europäischen Parlaments von 2001 als gesichert. Über den genauen Umfang und die Art der Abhörmaßnahmen gibt es wegen der Geheimhaltung seitens der Betreiber keine zuverlässigen Angaben. Wegen des Einsatzes zur Wirtschaftsspionage gegen europäische Unternehmen wurde eine bedeutende Anlage der amerikanischen NSA im bayerischen Bad Aibling auf Empfehlung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Jahr 2004 geschlossen.

Überblick[Bearbeiten]

Die Organisationen

sind daran beteiligt.[1][2][3] Seit den 1970er Jahren gab es Gerüchte über die Existenz eines geheimen Spionagesystems dieser Organisationen. Bestätigt ist die Existenz des Netzwerks spätestens seit der Veröffentlichung des Europäischen Parlaments vom 5. September 2001.[1]

Herkunft des Begriffes[Bearbeiten]

Vermutlich war die antike Echelon-Schlachtordnung der Namensgeber für dieses Spionagenetz. In der Antike entstand die Echelonformation (siehe Schiefe Schlachtordnung). Echelonformation ist heute im englischen Sprachraum eine gestaffelte Kampfanordnung. Auch die Flugformation von Zugvögeln wird mitunter so bezeichnet. Echelon kommt möglicherweise auch von französisch „échelle“ (Leiter, Tonleiter, Skala, Maßstab u. w.) bzw. „échelon“ (Leitersprosse, Stufe, aber auch die militärische Staffel). Ein Échelon ist auch ein optisches Gitter (Beugungsgitter).

Zielsetzung[Bearbeiten]

Die Ziele bewertet das Europäische Parlament wie folgt:

Auch über die Zielsetzung des Systems, private und kommerzielle – und nicht-militärische – Kommunikation abzuhören, ist man sich einig. Der Ausschuss weist jedoch darauf hin, dass die technischen Kapazitäten des Systems nicht annähernd so weitreichend sind, wie von einigen Medien behauptet wurde […]. Der Ausschuss kommt zu dem Schluss, dass bei einer Verwendung des Systems ausschließlich für nachrichtendienstliche Zwecke kein Verstoß gegen EU-Recht besteht; wenn das System jedoch dazu missbraucht wird, sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, steht dies in krassem Gegensatz zu der Verpflichtung der Mitgliedstaaten zu Loyalität mit dem Konzept des freien Wettbewerbs im Gemeinsamen Markt.

Bericht des Echelon-Ausschusses des Europäischen Parlaments[1]

Pressemeldungen mutmaßten zuvor, dass Echelon zunächst nur dazu gedacht sei, die militärische und diplomatische Kommunikation der Sowjetunion und ihrer Verbündeten abzuhören. Heute soll das System zur Suche nach terroristischen Verschwörungen, Aufdeckungen im Bereich Drogenhandel und als politischer und diplomatischer Nachrichtendienst benutzt werden. Seit Ende des Kalten Krieges soll das System außerdem der Wirtschaftsspionage dienen. Diese Vorwürfe wurden durch das Europäische Parlament nicht bestätigt, wenn auch einzelne Ausschussmitglieder in dieser Hinsicht Bedenken äußerten.[1]

Anderen Quellen zufolge dient Echelon der Umgehung nationaler Gesetze. Amerikanischen Geheimdiensten ist es verboten, die Telefongespräche amerikanischer Staatsbürger abzuhören. Gleiches gilt auch in Großbritannien. Indem nun der britische Geheimdienst Amerikaner und der amerikanische Geheimdienst britische Telefongespräche abhört, wird dieses Verbot umgangen.[4]

Struktur des Systems[Bearbeiten]

Alle Mitglieder des Echelon-Systems sind Teil der nachrichtendienstlichen Allianz UKUSA, deren Wurzeln bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreichen. Die Mitgliedsstaaten der Allianz stellen Abhörstationen und Weltraumsatelliten bereit, um Satelliten-, Mikrowellen- und teilweise auch Mobilfunk-Kommunikation abzuhören. Es gibt laut Untersuchungsbericht des EU-Parlaments[5] keine Hinweise darauf, dass die Technologie auch das großflächige Abhören drahtgestützter Kommunikation (d. h. Telefon, Internet-Backbones innerhalb Europas, Fax usw.) ermöglicht. Die Erfassung der Signale erfolgt wahrscheinlich hauptsächlich durch in Radarkuppeln aufgestellte Antennen,[6] eine meist kugelförmige Hülle, die die Inneneinrichtung in erster Linie vor äußeren mechanischen Einflüssen wie Wind oder Regen schützt. Es wird vermutet, dass die eingefangenen Signale, hauptsächlich aus der Satellitenkommunikation, teilweise durch die National Security Agency (NSA) ausgewertet werden, die die hierzu erforderlichen Erkennungssysteme besitzt.[6]

Der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde das Spionagesystem erstmals 1976 durch Winslow Peck. Am 5. Juli 2000 beschloss das Europäische Parlament, einen nichtständigen Ausschuss über das Abhörsystem Echelon einzusetzen, 2001 wurde ein 192 Seiten langer Bericht veröffentlicht, in dem die Existenz bestätigt und die Bedeutung und Auswirkungen dargelegt wurden.

Der Echelon-Ausschuss stellt fest, dass es keinen Zweifel mehr an der Existenz eines globalen Kommunikationsabhörsystems geben kann, das von den USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada betrieben wird.

Bericht des Echelon-Ausschusses des Europäischen Parlaments[1]

Stützpunkte[Bearbeiten]

Bad Aibling
Misawa
CFS Leitrim
Waihopai
GCHQ Bude
Menwith Hill

Großanlagen zur Überwachung von Satellitenkommunikation sind wegen der aufwändigen Empfangstechnik schwierig zu verstecken.[7] Die Standorte dieser Anlagen sind daher bekannt.

Echelon betreibt fünf Großstationen zur Überwachung des Verkehrs via Intelsat. In Europa befindet sich eine in Morwenstow (Cornwall) unter Aufsicht der GCHQ für die Überwachung des Atlantiks und des Indischen Ozeans.[8] Zwei Stationen werden von der NSA betrieben, eine in Sugar Grove (West Virginia) und auf dem Armeestützpunkt Yakima im Bundesstaat Washington. Eine neuseeländische Station in Waihopai und eine australische in Geraldton vervollständigen die Kette.[8]

Die Überwachung der nicht-Intelsat-gestützten Kommunikation erfolgt bzw. erfolgte von mindestens fünf Standorten aus, nämlich aus Bad Aibling (Bayern, 2004 abgebaut), Menwith Hill (Yorkshire),[4] Shoal Bay (Nordaustralien), Leitrim (Kanada) und Misawa (Nordjapan).[8]

Über die Techniken zur Überwachung der kabelgebundenen und mikrowellenübermittelten Kommunikation ist wenig bekannt.[8] Damit sind auch die Stützpunkte nur schwer zu erkennen. Es wird vermutet, dass auch Botschaften als Empfangsstation dienen. Hierzu liegen aber nur wenige Berichte vor.[8]

Im Verdacht stehen folgende Standorte: f1Georeferenzierung Karte mit allen Koordinaten: OSM, Google oder Bing

Bezeichnung Lage Staat Betreiber Bemerkungen
Australian Defence Satellite Communications Station Kojarena, Geraldton
28° 41′ 42″ S, 114° 50′ 32″ O
Australien DSD Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Überwachung von Intelsat-Kommunikation
Bad Aibling Station Bad Aibling
47° 52′ 46″ N, 11° 59′ 4″ O
Deutschland NSA, US Army INSCOM Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5] 2004 abgebaut.
Canadian Forces Station Leitrim Leitrim/Ottawa
45° 20′ 11″ N, 75° 35′ 15″ W
Kanada CSE Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
GCHQ Bude Morwenstow
50° 53′ 9″ N, 4° 33′ 11″ W
Vereinigtes Königreich GCHQ/NSA Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Überwachung von Intelsat-Kommunikation.
Menwith Hill Harrogate
54° 0′ 31″ N, 1° 41′ 25″ W
Vereinigtes Königreich GCHQ/MI8/SSD/NSA Genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Misawa Air Base Misawa
40° 42′ 12″ N, 141° 22′ 6″ O
Japan Genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Pine Gap Alice Springs
23° 47′ 52″ S, 133° 44′ 12″ O
Australien DSD Genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Shoal Bay Receiving Station Darwin
12° 21′ 32″ S, 130° 58′ 56″ O
Australien DSD Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Sugar Grove Station Sugar Grove
38° 30′ 55″ N, 79° 16′ 46″ W
Vereinigte Staaten NSA Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Überwachung von Intelsat-Kommunikation.
Waihopai Station Marlborough
41° 34′ 35″ S, 173° 44′ 20″ O
Neuseeland GCSB Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Überwachung von Intelsat-Kommunikation
Yakima Research Station Yakima
46° 40′ 56″ N, 120° 21′ 25″ W
Vereinigte Staaten NSA Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Überwachung von Intelsat-Kommunikation im Pazifikraum. Soll bald aufgelöst werden.
Fort Meade Maryland Vereinigte Staaten NSA Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Buckley Field Colorado Vereinigte Staaten NSA Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Sandagergård Station[9] Aflandshage, Insel Amager Dänemark FCR/FE
Chung Hom Kok, Hongkong[10] Vereinigtes Königreich GCHQ Genannt im EU-Bericht 2001.[5] Abbau 1994.
Ayios Nikolaos Station Zypern Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Guam Vereinigte Staaten Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Kunia Camp / Kunia Tunnel Oahu, Hawaii Vereinigte Staaten Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Medina Annex Lackland Air Force Base, San Antonio, Texas Vereinigte Staaten Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]
Fort Gordon Augusta, Georgia Vereinigte Staaten Als „nicht eindeutig“ genannt im EU-Bericht 2001.[5]

Entwicklung ab 1990[Bearbeiten]

Nach Beendigung des Kalten Krieges im Jahr 1990 fiel der Hauptfeind, der Ostblock, als potentieller Gegner weg. Die neue geheimdienstliche Priorität, die Wirtschaftsspionage, wurde von George Bush sen. durch die Nationale Sicherheitsdirektive 67 – herausgegeben vom Weißen Haus am 20. März 1992 – festgelegt. Die freigewordenen Kapazitäten sollen die Echelon-Beteiligten genutzt haben, um die eigenen Verbündeten auf dem Gebiet der Wirtschaft auszuspionieren.

Medien berichteten seit Ende der 1990er Jahre, der US-Geheimdienst NSA hätte 1994 das deutsche Unternehmen Enercon mit Hilfe von Echelon abgehört.[11] Die so gewonnenen Daten seien dem amerikanischen Mitbewerber Kenetech Windpower Inc. übermittelt worden.

Die Wirtschaftsspionage wird auch durch die Aussage des ehemaligen CIA-Chefs James Woolsey im Wall Street Journal vom 17. März 2000 bestätigt.[12] Woolsey bemühte sich allerdings darzulegen, die USA hätten lediglich Informationen über Bestechungsversuche europäischer Unternehmen im Ausland gesucht, denn „die meiste europäische Technologie lohnt den Diebstahl einfach nicht“. Airbus soll einen milliardenschweren Vertrag mit Saudi-Arabien verloren haben, da die NSA vermutlich durch Echelon herausgefunden hatte, dass Airbus die saudischen Geschäftsleute bei der Auftragsvergabe bestochen hatte.[13]

Entwicklung ab 2000[Bearbeiten]

Die sich in Bad Aibling (Bayern) befindliche Echelonbasis Bad Aibling Station konnte bis 2004 große Bereiche Europas abdecken; abhören konnte man aber wie in allen Fällen nur Kommunikation, die über Richtfunkstrecken oder Satelliten geleitet wurde; kabelgebundene Kommunikation wie z. B. die Internet-Backbones können mit dieser Technik nicht abgehört werden.[5] In dem zitierten EU-Report wurde festgestellt, dass diese Anlage nach dem Ende des Kalten Krieges mehrheitlich der Wirtschaftsspionage diente, und es wurde vorgeschlagen, diese zu schließen. Bedingt durch die Terroranschläge des 11. September 2001 wurde dieser Beschluss erst verspätet im Jahre 2004 umgesetzt.

In seinem Bericht an das EU-Parlament am 5. September 2001 stellte der „Berichterstatter des nicht ständigen EU-Untersuchungsausschusses zu Echelon“ Gerhard Schmid nochmals fest, dass innereuropäische Kommunikation kaum betroffen ist, sondern hauptsächlich transatlantische Verbindungen über Satellit.[5] Als Ersatz für die Anlage in Bad Aibling stand von 2004 bis 2008 am Rand des ehemaligen August-Euler-Flugplatzes (von den USA auch als Dagger Complex bezeichnet) in Darmstadt ein System mit fünf Radomen, das laut einigen Quellen ebenfalls Abhörzwecken gedient haben soll. Die Anlage wurde im Frühjahr 2004 fertiggestellt;[14] im Sommer 2008 wurden die Radome wieder demontiert.[15] Die heutige Bedeutung des Netzwerkes ist aufgrund mangelnder zugänglicher Informationen unklar.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Echelon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Gerhard Schmid (SPE, D): Abhörsystem "Echelon". Dok.: A5-0264/2001 Verfahren: nicht-legislative Stellungnahme (Art. 47 GO); Aussprache und Annahme: 5. September 2001; abgerufen am 13. März 2012.
  2. De Europese Unie en Echelon. In: NRC Handelsblad. 12. September 2000, abgerufen am 13. März 2010.
  3. Patrick S. Poole: ECHELON: America's Secret Global Surveillance Network. 1999. (online)
  4. a b ECHELON, ONLINE SURVEILLENCE. auf: whatreallyhappened.com
  5. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v Bericht über die Existenz eines globalen Abhörsystems für private und wirtschaftliche Kommunikation (Abhörsystem ECHELON) (PDF; 1,3 MB) auf europarl.europa.eu
  6. a b Die Nebel von Echelon, orf.at, 5. Juli 2010; fuzo-archiv.at, abgerufen am 24. November 2011.
  7. Martin Schwarz: "Big Brother is watching you" - Die Überwachung des Telekommunikationsverkehrs. Semesterarbeit am Institut für Geschichte der Universität Salzburg 1998. (online); abgerufen am 3. Juni 2012
  8. a b c d e Nicky Hagar: ECHELON: Exposing the Global Surveillance System. 2012. (online auf: globalresearch.ca), abgerufen am 3. Juni 2012.
  9. http://cryptome.org/echelon-eb2.htm
  10. Hager 1996, Seite 32–34. Foto der Anlage auf Seite 45. Den Standort der Satellitenüberwachung beschreibt Hager auf Seite 88, zusammen mit einer terrestrischen Abhöranlage am selben Standort.
  11. Hintertür für Spione. auf: Zeit online. 1998.
  12. James Woolsey: Ja, liebe Freunde, wir haben Euch ausgehorcht. In: Die Zeit. 14/2000; Die Ursprünge des ECHELON-Systems orf.at, 28. Juni 2010; fuzo-archiv.at, abgerufen am 24. November 2011
  13. Claudia Eckert: IT-Sicherheit: Konzepte - Verfahren - Protokolle. Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-58999-3. S. 21 auf: books.google.de
  14. Florian Rötzer: Bleibt das Echelon-Lauschsystem Deutschland erhalten? auf: Telepolis. 22. März 2004.
  15. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau vom 30. Juni 2007 sollte die Anlage in Darmstadt bis Ende 2008 wieder abgebaut werden.