Edgar Hilsenrath

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Edgar Hilsenrath (2010)
Edgar Hilsenrath bei einer Buchsignierung während der Feier seines 80. Geburtstages

Edgar Hilsenrath (* 2. April 1926 in Leipzig) ist ein deutscher Schriftsteller, der vor allem für seine vom eigenen Überleben der Shoa (Holocaust) geprägten Werke Nacht, Der Nazi & der Friseur und Das Märchen vom letzten Gedanken bekannt ist und vielfach ausgezeichnet wurde.

Leben[Bearbeiten]

Edgar Hilsenrath wurde 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Er wuchs in Halle auf. Vor der „Reichspogromnacht“ im November 1938 flohen er, seine Mutter und sein drei Jahre jüngerer Bruder Manfred zu den Großeltern nach Sereth in der Bukowina (Rumänien). Der Vater sollte ursprünglich nachkommen, was der Kriegsausbruch jedoch unmöglich machte; er gelangte nach Frankreich, wo er den Krieg überlebte. 1941 wurden Edgar Hilsenrath, sein Bruder und seine Mutter, sowie all seine Freunde und Verwandten aus Sereth in das Ghetto Mohyliw-Podilskyj im rumänisch besetzten „Transnistria“ verschleppt. Als das Ghetto im März 1944 von der Roten Armee befreit wurde, wanderte er zu Fuß zurück nach Sereth und von dort weiter nach Czernowitz. Über die Organisation Ben Gurion gelangte Hilsenrath zusammen mit weiteren jüdischen Überlebenden und mit fremden Pässen nach Palästina. Sowohl auf seinem Weg dorthin als auch in Palästina selbst geriet er mehrmals in Gefangenschaft, kam jedoch jedes Mal nach kurzer Zeit wieder frei.

In Palästina lebte er als Gelegenheitsarbeiter, wurde dort jedoch nicht heimisch und beschloss, 1947 zu seiner mittlerweile wiedervereinten Familie nach Lyon zu fahren, wo er auf Wunsch seines Vaters das Kürschnerhandwerk erlernte. In den frühen fünfziger Jahren emigrierte er nach New York. Hier bestritt Edgar Hilsenrath durch Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt, gleichzeitig schrieb er seinen ersten Roman Nacht. Dieser Roman hatte bei seiner Erstveröffentlichung in Deutschland zunächst erhebliche Schwierigkeiten, da die Verlagsleitung (genauer: die verlagsinterne Opposition) das Werk aus persönlichen Ressentiments kurz nach Erscheinen wieder zurückzog (siehe den Hinweis auf den Verriss durch Raddatz unter „Literatur“). Den folgenden Roman Der Nazi & der Friseur, der während eines längeren Aufenthaltes in München und in New York entstand, veröffentlichte Hilsenrath deshalb in englischer Übersetzung zuerst in den USA. Dieser Roman verschaffte ihm seinen weltweiten Durchbruch als Schriftsteller – und damit schließlich auch in Deutschland. 1975 kehrte Edgar Hilsenrath der deutschen Sprache wegen zurück nach Deutschland. Seither lebt er in Berlin. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Seine erste Frau starb im Jahr 2005,[1] seit 2009 ist er erneut verheiratet.[2]

Werk[Bearbeiten]

Seit seinem Erstlingswerk Nacht, in dem er seine Erfahrungen als Überlebender des Ghettos auf grausam realistische Art und Weise schildert, umkreist er thematisch den Holocaust, wobei er nicht direkt anklagt, Täter- und Opferrollen nie schwarz-weiß zeichnet, viel eher schreibt er in seinem Gesamtwerk gegen das Vergessen an und sucht damit "der untersten Schicht im Ghetto" ein Denkmal zu setzen - mit dem schlechten Gewissen des Überlebenden.[3] Während Nacht noch im naturalistischen Stil geschrieben ist, geht Hilsenrath in seinen späteren Werken zu ausdrucksstarken Verfremdungen über, wie z.B. Satire, Groteske oder Märchen. Über seinen Roman Der Nazi & der Friseur schrieb Der Spiegel: „...eine Satire über Juden und SS. Ein Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik, berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz.“ Das 1968/69 geschriebene Buch erschien zuerst in einer 1971 in den USA veröffentlichten englischen Übersetzung unter dem Titel The Nazi & the Barber, a Tale of Vengeance. Doch auch nachdem in englischer, französischer und italienischer Übersetzung bereits mehr als 2 Millionen Exemplare verkauft worden waren, lehnten über 60 deutsche Verlage das Manuskript ab, darunter S. Fischer, Hanser, Hoffmann und Campe, Kiepenheuer & Witsch, Luchterhand, Rowohlt, Scherz und Wagenbach.[4] So erschien es schließlich im August 1977 in einem kleinen Kölner Verlag, dem Literarischen Verlag Helmut Braun. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren war schnell vergriffen, es folgten kurz darauf zwei weitere Auflagen.[5] Das Buch wurde unter anderem von Heinrich Böll in der Zeit vom 9. Dezember 1977 sehr positiv besprochen. Mittlerweile wurden in Deutschland über 250.000 Exemplare verkauft. Weltweit erschien das Buch in 22 Ländern und 16 Sprachen. In dem Roman Das Märchen vom letzten Gedanken von 1989, für den Hilsenrath den Alfred-Döblin-Preis erhielt, setzt sich der Autor mit dem Erinnern und der Geschichtsschreibung auseinander. Indem er den Genozid an den Armeniern beschreibt und den Holocaust damit in Beziehung setzt, klagt er jegliche Art von Völkermord an und mahnt vor dem Vergessen. Die gewählte Form des Märchens spricht sarkastisch die Leugnung an, bedeutet aber auch, dass eine Geschichte erzählt wird, die keine Augenzeugen mehr hat.

Hilsenraths Werke wurden in achtzehn Sprachen übersetzt und sind weltweit über fünf Millionen Mal verkauft worden. Viele Titelseiten wurden von der Künstlerin Natascha Ungeheuer, einer Freundin Hilsenraths, gestaltet. In Deutschland sind die meisten seiner Werke im Piper Verlag erschienen, dieser gab jedoch 2003 die Rechte an den Autor zurück. Zwischen 2003 und 2008 hatte dann der Dittrich Verlag (erst Verlagssitz in Köln, seit 2006 in Berlin) mit Helmut Braun als Herausgeber die Gesammelten Werke von Edgar Hilsenrath in zehn Bänden vorgelegt, die neben den bisherigen acht Buchtiteln den 9. Band Sie trommelten mit den Fäusten im Takt mit bis dahin verstreut publizierten Prosastücken und Zeitungsartikeln sowie als 10. Band den gänzlich neuen Roman Berlin ... Endstation umfassten.

Nach einem am 22. Februar 2011 vor dem Landgericht Berlin geschlossenen Vergleich[6] endete die Zusammenarbeit zwischen Hilsenrath und dem Dittrich Verlag mit dem 31. Dezember 2011. Dem schloss sich jedoch am 25. Juli 2012 eine Pressemitteilung des von Hilsenrath zum Generalbevollmächtigten ernannten Ken Kubota an, der darin Dittrich unter anderem vorwirft, „mehrfach falsche Abrechnungen mit erheblichen Fehlbeträgen zu Ungunsten von Edgar Hilsenrath angefertigt“ und „entgegen dem Autorenvertrag Lizenzen über fremdsprachige Ausgaben vergeben“ zu haben.[7] Zudem seien über die Auseinandersetzung zwischen den Beteiligten dieser Auseinandersetzung im Deutschlandfunk „falsche Berichte“ und im SPIEGEL eine „unvollständige Darstellung“[2] veröffentlicht worden. Darauf reagierte der Dittrich Verlag am 27. Juli 2012 ebenfalls mit einer Pressemitteilung, die diese Vorwürfe im Wesentlichen bestreitet.[6]

Die Restexemplare der im Dittrich Verlag konzipierten und bis dahin betreuten Werkausgabe werden nun vom Verlag Eule der Minerva[8] vertrieben.[9] Da bereits vergriffen, gab der neue Verlag im April 2012 den Band Fuck America in einer anders gestalteten Neuausgabe heraus.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Bibliographie[Bearbeiten]

Sonstige[Bearbeiten]

  • Ich glaube, es ist leichter, wenn man glaubt. In: Martin Doerry (Hg): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3421042071. (auch als CD) S. 50–59
  • Edgar Hilsenrath erzählt aus seinem Leben: „Deutsch war nicht die Sprache der Nazis. Es war meine Sprache.“ Ergänzend mit Hilsenraths selbsterzählten Erinnerungen liest Ulrich Matthes aus seinem Werk vor. Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-9412-8903-1. (2 Audio-CDs)

Literatur[Bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten]

  • Susanna Amirkhanyan: Ja chotel naruschit' molchanije. Jerewan 2006, ISBN 99941-1-194-9. (Russisch)
  • Jennifer Bjornstad: Functions of humor in German Holocaust literature: Edgar Hilsenrath, Günter Grass, and Jurek Becker. ISBN 0-493-23274-5.
  • Stephan Braese Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Philo, Berlin/Wien 2001, ISBN 386572227x. (zugleich Habil.-Schrift) (Hilserath ist einer der drei Autoren, die als Schwerpunkt dargestellt werden).
  • Helmut Braun: Ich bin nicht Ranek. Berlin 2006, ISBN 3-937717-09-9.
  • Claudia Brecheisen: Literatur des Holocaust: Identität und Judentum bei Jakov Lind, Edgar Hilsenrath und Jurek Becker. 1993.
  • Volker Dittrich: Zwei Seiten der Erinnerung. Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath. Dittrich, Berlin 2012, ISBN 978-3-937717-75-3.
  • Dietrich Dopheide, Das Groteske und der schwarze Humor in den Romanen Edgar Hilsenraths, Berlin 2000, ISBN 978-3-934479-36-4. Zugl. Diss. Freie Universität Berlin. (Anfang als PDF)
  • Alexandra Heberger: Faschismuskritik und Deutschlandbild in den Romanen von Irmgard Keun „Nach Mitternacht“ und Edgar Hilsenrath „Der Nazi und der Friseur“: ein Vergleich. 2002.
  • Susann Möller: Wo die Opfer zu Tätern werden, machen sich die Täter zu Opfern: die Rezeption der beiden ersten Romane Edgar Hilsenraths in Deutschland und den USA. 1991.
  • Jennifer L. Taylor: Writing as revenge: Jewish German identity in post-Holocaust German literary works; reading survivor authors Jurek Becker, Edgar Hilsenrath and Ruth Klüger. 1998.

Sammelbände[Bearbeiten]

  • Helmut Braun (Hg.), Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath., Dittrich-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-937717-17-X.
  • Thomas Kraft (Hg.): Edgar Hilsenrath. Das Unerzählbare erzählen. München 1996.

Aufsätze[Bearbeiten]

  • Susanna Amirkhanyan: Edgar Hilsenrath und Armenien.[10]
  • Martin A. Hainz: FUCK, z.B.: FUCK AMERICA. In: Helmut Braun (Hrsg.): Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath. Dittrich, Berlin, Akademie der Künste 2005, S. 69–76.
  • Ingeborg Drewitz und Fritz J. Raddatz: Zwei Rezensionen zu Nacht. In: Fischer-Almanach der Literaturkritik 1978/79, ISBN 3-596-26450-2. (Ingeborg Drewitz in Der Tagesspiegel, (Tendenz: positiv) und Fritz J. Raddatz in Die Zeit (Tendenz: äußerst negativ))
  • Silke Hassler: Das Märchen vom letzten Gedanken – Abstract zu Edgar Hilsenraths historischem Roman aus dem Kaukasus. Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Reisende durch Zeit und Raum. Der deutschsprachige historische Roman, herausgegeben von Osman Durrani and Julian Preece, S. 423–433.[11]
  • Marko Martin: Mein Freund Edgar. Reportage über Edgar Hilsenrath, in: Die Welt vom 30. August 2007.[12]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Edgar Hilsenrath – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Biografien:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ich habe genug geschrieben, Interview von Ulrich Seidler mit Edgar Hilsenrath, Berliner Zeitung, 27. Februar 2010
  2. a b Bezogen auf den Artikel von Volker Hage Die zwei Seiten (parallel dazu auch als PDF-Datei (389 kB) mit Fotos siehe hier) vom 23. Juli 2012 in der Der Spiegel, Nr. 30/2012, S. 116 f.
  3.  Martin Doerry, Volker Hage: Schuldig, weil ich überlebte. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2005, S. 170 (Interview. Der jüdische Autor Edgar Hilsenrath über seine Jahre im Ghetto, den Beruf des Schriftstellers und seinen neu aufgelegten Roman über das Massaker an den Armeniern, online).
  4. Helmut Braun: Nachwort. In: Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Dittrich, Köln 2004 (= Gesammelte Werke, Bd. 2). ISBN 3-937717-01-3. S. 467–478. hier S. 472.
  5. Helmut Braun: Nachwort. In: Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Dittrich, Köln 2004. S. 467–478. hier S. 474.
  6. a b dittrich-verlag.de (PDF; 182 kB) Pressemitteilung des Dittrich Verlags zu Hintergründe der Trennung von Verlag und Autor Edgar Hilsenrath
  7. Pressemitteilung von Edgar Hilsenrath: Falsche Berichte im Deutschlandfunk und unvollständige Darstellung in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“
  8. Homepage des Verlags Eule der Minerva
  9. Werkausgabe des früheren Verlags
  10. amirkhanyan.com - Susanna Amirkhanyan: Edgar Hilsenrath und Armenien in: Armenisch-Deutsche Korrespondenz, Nr. 114 (2001), H. 4.
  11. openurl.ingenta.com – Silke Hassler: Das Märchen vom letzten Gedanken - Abstract (komplett als PDF-Datei am Seitenende abzurufen)
  12. welt.de – Marko Martin: Mein Freund Edgar, Reportage über Edgar Hilsenrath, in: Die Welt vom 30. August 2007.