Edward Said

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Poster mit Bild von Edward Said

Edward (William) Said, eigentlich Edward Wadie Said (* 1. November 1935 in Jerusalem, Völkerbundsmandatsgebiet Palästina; † 25. September 2003 in New York City), war ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker und -kritiker palästinensischer Herkunft. Er galt als Sprachrohr der Palästinenser in den USA.

Said wurde als Sohn palästinensischer Christen in Jerusalem geboren, besuchte dort die St. George's School, verbrachte aber den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Kairo. Er erhielt seinen Bachelor of Arts an der Princeton University und seinen Master of Arts sowie den Ph.D. an der Harvard University. Er unterrichtete als Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University sowie in Harvard und Yale.

Edward Said gründete 1999 zusammen mit Daniel Barenboim und dem Generalbeauftragten der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Weimar, Bernd Kauffmann, das West-Eastern Divan Orchestra.

„Orientalismus“[Bearbeiten]

Edward Saids bekanntestes Werk ist das 1978 erschienene Buch Orientalismus, in dem er den Beweis zu erbringen versucht, dass die abendländische Welt seit jeher dazu tendiere, den Orient als statisches und falsch repräsentiertes Konstrukt zu konzipieren. Das Werk stellt nicht zuletzt eine Abrechnung mit der britischen und französischen Wissenschaft der Orientalistik dar. Deren Vertreter würden oftmals ein ideologisch vorgegebenes Ziel – die politische Unterwerfung der studierten Völker – verfolgen; ein „aufgeklärter Westen“ wolle einen „mysteriösen Orient“ beherrschen. Bereits die Vorstellung einer grundsätzlichen Dichotomie von Abendland und Morgenland führe in die Irre. Seine Ideen entwickelte Said mit Foucaults Konzept der Diskursanalyse. Auf positive Resonanz stieß das Buch unter anderem bei Homi K. Bhabha, John Esposito, Mahmood Mamdani, Gayatri Chakravorty Spivak und Robert Fisk.

Das Werk galt als Gründungsdokument für die Etablierung der Postkolonialen Studien als Forschungsrichtung.

Kritik[Bearbeiten]

Die von Said in Orientalismus entfalteten Thesen haben ebenso für heftige Kontroversen gesorgt. Bekannte Kritiker Saids sind William Montgomery Watt, Albert Hourani, Bernard Lewis, Ernest Gellner, Sadiq al-Azm, Hazem Saghieh und Ibn Warraq, der auch Saids Begriff „Textuelles Verhalten“ kritisierte.

Edward Said hatte zudem bei seiner Kritik am Orientalismus als eurozentrischem, herablassenden Herrschaftswissen im Kontext der britischen und französischen Kolonialaktivitäten Deutschland und die deutsche Forschung in dem Bereich als rein akademisch systematisch ausgelassen. Suzanne L. Marchand zeigt die Bedeutung und die wesentliche intellektuelle Rolle der entsprechenden Forschung im deutschsprachigen Raum und distanzierte sich ebenso von der generellen Anwendung von Michel Foucaults Methoden und dem Gegensatzpaar “Europa” und “Orient”.[1] Nicht zuletzt unterstellte sie Said und anderen, bei der Konstruktion einer heutigen post-imperialistischen Weltsicht ganz wesentlich auf die in der traditionellen Orientalistik zugrundeliegenden Methoden zurückzugreifen. Saids Betrachtungen wurden dabei wesentlich in Frage gestellt. Marchands Buch ist Sabine Mangold zufolge ein Markstein für den Übergang in eine postsaidische Betrachtung des Orientalismus.[2]

Der britische Historiker Clive Dewey schreibt über Orientalismus: „[Saids Buch] war auf technischer Ebene in jeder Hinsicht schlecht, sowohl in der Verwendungsweise von Quellen und in seinen Schlussfolgerungen wie auch in seinem Mangel an Stringenz und Ausgewogenheit. Das Ergebnis war eine Karikatur westlichen Wissens über den Orient, die durch eine offen politische Zielsetzung angetrieben wurde.“[3] Ibn Warraq meint, dass Said selbst grundlegende historische Entwicklungen falsch wiedergebe. So behaupte Said in Orientalismus etwa, muslimische Armeen hätten die Türkei noch vor Nordafrika erobert. Tatsächlich sei die Islamisierung Anatoliens durch türkische Seldschuken im 11. Jahrhundert, also vier Jahrhunderte nach der Eroberung Nordafrikas erfolgt.[4]

Für den niederländischen Schriftsteller Leon de Winter fußt Saids Karriere „auf zwei bemerkenswerten Tatsachen: der von ihm in die Welt gesetzten Fiktion, er sei ein Kind palästinensischer Flüchtlinge gewesen, und seiner beeindruckenden Leistung, das große Abenteuer der westlichen Zivilisation zu einem neokolonialen, rassistischen Unterfangen zu degradieren.“[5]

Politischer Kampf[Bearbeiten]

Said setzte sich sehr für die Rechte der Palästinenser in Israel und den besetzten Gebieten ein und war auch für mehrere Jahre Mitglied im Exil-Parlament Palästinas. Allerdings überwarf er sich mit Yassir Arafat wegen des Abkommens von Oslo, das er für falsch hielt. Einstaatenlösung: Said bevorzugte einen gemeinsamen Staat für Israelis und Palästinenser, er wurde dadurch bei der palästinensischen Führung so unbeliebt, dass einige sogar das Verbot seiner Bücher forderten. Im Jahr 2000 verglich er die Situation in Israel mit der Apartheid in Südafrika.[6]

Viele von Saids Essays sind in Le Monde diplomatique erschienen.

Am 3. Juli 2000 wurde Said dabei fotografiert, wie er an der Grenze zwischen Libanon und Israel einen Stein wirft. Er bestritt, dabei auf israelische Soldaten gezielt zu haben: „Ein in den leeren Raum geworfener Stein bedarf kaum des Nachdenkens“; der Wurf sei eine „symbolische Geste der Freude“ gewesen.[7]

Ehrungen[Bearbeiten]

Für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung wurde Edward Said 2002 gemeinsam mit Daniel Barenboim mit dem Prinz-von-Asturien-Preis[8] ausgezeichnet. Im November 2004 benannte die Birzeit Universität ihre Musikschule in „Edward Said National Conservatory of Music“.[9]

Werke[Bearbeiten]

  • Orientalism. Pantheon Books, New York NY 1978, ISBN 0-394-42814-5, zuletzt neu aufgelegt und mit einem Vorwort des Verfassers (2003) versehen sowie mit dem Nachwort von 1995 bei Penguin Books, London 2003, ISBN 0-141-18742-5
    • deutsch: Orientalismus, Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1981, ISBN 3-548-35097-6, zuletzt neu aufgelegt und mit dem Vorwort des Verf. von 2003 sowie dem Nachwort von 1994 versehen bei S. Fischer, Frankfurt am Main 2009 (Übersetzung von Hans Günter Holl), ISBN 978-3-10-071008-6
  • Culture and Imperialism. Knopf, New York NY 1993, ISBN 0-394-58738-3
    • deutsch: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-10-071005-3
  • Den Holocaust als Tatsache anerkennen. In: Le monde diplomatique, dt. Ausg. Berlin, 14. August 1998; gekürzt in: Rainer Zimmer-Winkel (Hrsg.), Götz Nordbruch (Red.): Die Araber und die Shoa. Über die Schwierigkeiten dieser Konjunktion. Kulturverein AphorismA, Trier 2000, ISBN 3-932528-37-9, S. 34f., Literaturverz. S. 80–86 (Kulturverein AphorismA. Kleine Schriftenreihe 23).
  • Representations of the intellectual. Vintage, New York NY 1994, ISBN 0-09-942451-7 (Reith Lectures 1993), (deutsch: Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen. Aus dem Englischen von Peter Geble. Berlin Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-8270-0238-9).
  • Covering Islam. How the media and the experts determine how we see the rest of the world. Pantheon Books, New York NY 1981, ISBN 0-394-74808-5.
  • Out of Place. A Memoir. Knopf, New York NY 1999, ISBN 0-394-58739-1 (deutsch: Am falschen Ort. Autobiografie. Berlin Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-8270-0343-1).
  • The end of the peace process. Oslo and after. Pantheon Books, New York NY 2000, ISBN 0-375-40930-0 (deutsch: Das Ende des Friedensprozesses. Oslo und danach. Berlin Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-8270-0419-5).
  • (mit Daniel Barenboim): Parallels and Paradoxes. Explorations in Music and Society. Pantheon Books, New York NY 2002, ISBN 0-375-42106-8 (deutsch: Parallelen und Paradoxien. Über Musik und Gesellschaft. Berlin Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8270-0514-0).
  • Freud and the non-European. Verso, London 2003, ISBN 1-85984-500-2 (deutsch: Freud und das Nichteuropäische. Mit einer Einführung von Christopher Bollas und einer Replik von Jacqueline Rose. Deutsch von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag, Zürich 2004, ISBN 3-908777-07-0).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Edward Said – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. [1] (PDF; 242 kB) Suzanne L. Marchand : German Orientalism in the Age of Empire. Religion, race, and scholarship. Washington, D.C.: German Historical Institute; New York: Cambridge University Press 2009. XXXIV, 526 S. ISBN 978-0-521-51849-9. Quelle wie auch Rezension durch Hartmut Walravens, Berlin
  2. Sabine Mangolds Rezension zu: Marchand, Suzanne L.: German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholarship. Washington, D.C 2009, in: H-Soz-u-Kult, 22. Juli 2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-058>.
  3. Clive Dewey, „How the Raj Played Kim's Game“, Times Literary Supplement, April 17, 1998, S. 10.
  4. Ibn Warraq: Debunking Edward Said
  5. Leon de Winter: Mann ohne Eigenschaften
  6. zitiert u.a. in [2]; Quelle des Zitats: Edward Said, „Israel-Palestine: a third way,“ Le Monde Diplomatique (English translation), September 1998, S. 6.
  7. Sunnie Kim: Edward Said Accused of Stoning in South Lebanon In: Columbia Daily Spectator 2000
  8. Daniel Barenboim and Edward Said upon receiving the „Principe de Asturias“ Prize Oviedo, Spain. October 2002 (engl.)
  9. http://ncm.birzeit.edu/